Sekt on the RockSilvester-Törn nach Helgoland

Michael Rinck

 · 31.12.2022

Nur wenige Yachten haben  zum Jah­res­wechsel auf  der Insel fest­gemacht. Ein Feuerwerk gibt es trotzdem
Foto: Jozef Kubica

Statt Raclette und Neujahrsspaziergang meterhohe Wellen, Eis an Deck und ein unvergessliches Feuerwerk auf Deutschlands Hochseeinsel  Helgoland. YACHT-Redakteur Michael Rinck berichtet von seinem Silvester-Törn 2019/2020

Viel stärker als erwartet ist die Bö, dazu rollt aus der Dunkelheit ein besonders großer Brecher heran. Trotz gänzlich ausgestrecktem Arm an der Pinne luvt die „Yaghan“ zu langsam an. Der Druck wird groß und größer, das Boot schiebt immer mehr Lage. Zusätzlich drückt der Brecher von Luv, sodass über das leewärtige Süll die Nordsee ins Cockpit flutet. Pia und Tina sitzen auf der Steuerbordducht bis zum Bauch im Wasser. Zum Glück ist der Spuk nach wenigen Sekunden vorbei, und wir sind über die Welle rüber. Oder besser, die Welle über uns. Das vier Grad kalte Wasser fließt gurgelnd durch die Lenzer ab.

Verlagssonderveröffentlichung

„Fühlen wir uns damit noch wohl?“, fragt Pia betont ruhig in das Pfeifen des Südwests hinein. Das ist die diplomatische Version von: „Wir sollten besser umkehren!“ Jozef, ihr Mann und mit Pia gemeinsamer Eigner des Schiffs, beruhigt sie; das sei bloß eine Ausnahmewelle gewesen. Außerdem könnten wir in einer Dreiviertelstunde aus der Elbmündung Richtung Helgoland abfallen, dann würde der Kurs mit halbem, fast raumem Wind angenehmer. Ich sitze an der Pinne und gelobe, aufmerksamer zu steuern – auch wenn das schwierig ist in der Dunkelheit. An unserem Plan aber, Silvester auf dem roten Felsen zu feiern, halten wir fest.

Der Stahl-Langkieler steckt das Wetter locker weg

Das Leuchtfeuer ist ja schon zu sehen. Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, und wir hatten geplant, gegen zehn Uhr anzukommen. Also nur noch vier Stunden durch­halten. Außerdem: „Jetzt umzukehren wäre Unsinn. Der Rückweg gegen das ablaufende Wasser wäre weiter als bis zur Insel“, bringt es Jozef auf den Punkt. Zumal: Die „Yaghan“, eine Brabant 32, ist ein Langkieler aus Stahl. Sie steckt das Wetter locker weg.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Törn auf der Kippe steht. Zwei Tage zuvor hatten wir bei minus drei Grad mit spiegelglatt vereistem Deck im City-Sporthafen in Hamburg unter der Elbphilharmonie frohen Mutes die Leinen losgeworfen. Mit dem Sechs-Uhr- Hochwasser waren wir gut bis Glückstadt gekommen, wo wir dann allerdings beim Anlegeversuch erst im Matsch stecken blieben und sich dann ein Problem mit dem Schalthebel offenbarte: vorwärts fahren funktionierte, aufstoppen oder rückwärts fahren hingegen plötzlich nicht mehr. Und nach einigen Versuchen verweigerte die Schaltung dann auch den Vorwärtsgang.

Erstmals kam die Frage auf, warum wir uns das antun – bei Kälte und Dunkelheit elb­abwärts auf die winterliche Nordsee. Die Antwort: Wir hatten uns vorgenommen, unter dem roten Felsen einzulaufen, das Boot im sicheren Hafen festzumachen und dann auf Helgoland gemeinsam auf das neue Jahr anzustoßen.

Doch zuerst musste nun das Problem mit der defekten Schaltung behoben werden. Mit letztem Schwung schafften wir es an die Spundwand. Nach kurzer Suche war klar: Das Zahnrad, das die Kraft auf den Bowdenzug zum Schalten der Gänge am Getriebe überträgt, war abgenutzt. Es sprang einfach aus dem Zahnkranz heraus und zurück in die Leerlaufstellung.

Da am Sonnabendmittag der Ausrüster gerade geschlossen hatte, war ein Ersatzteil auf die Schnelle nicht zu beschaffen. Damit die Reise nicht hier schon ihr Ende fand, kaum, dass sie begonnen hatte, wurde kurzerhand improvisiert. Eine Edelstahlkausch, eigentlich gedacht für einen Augspleiß, ließ sich aufbiegen, über die Welle hinter das Zahnrad schieben und dort wieder zusammenbiegen. Das Zahnrad konnte nun nicht mehr wegrutschen.

Die „Yaghan“ war das einzige Schiff im Hafen

Nach getaner Reparatur konnten wir dann auch das Boot an den Schwimmsteg des Angelvereins verholen – der einzige, der noch im Wasser war; alle anderen Stege lagen längst an Land. Abgesehen vom Zollschiff war außer „Yaghan“ kein anderes Boot im Außenhafen. Auch tags darauf in Cuxhaven in der SVC-Marina machten wir einsam und allein am letzten verbliebenen Steg fest. Ende Dezember ist abgesehen von der Berufsschifffahrt nicht mehr viel los auf der Elbe.

Das hat durchaus sein Gutes: Keine Suche nach einem freien Platz, einfaches Festmachen, und niemand fühlte sich von den Rauchschwaden gestört, die von unserem Boot aufstiegen. Ein kleiner Holzofen am Hauptschott im Salon machte es unter Deck gemütlich warm und trocknete unsere Kleidung innerhalb kürzester Zeit.

Schon nach einem Tag waren wir im Segelurlaubs-Modus. Der vorweihnachtliche Arbeits- und Geschenkebesorgungs-Stress war der Leichtigkeit gewichen, die sich nur auf einem Boot in kürzester Zeit einstellt. So hatten wir uns das ausgemalt. Kein normaler Jahreswechsel mit tonnenweise Raclette am letzten Tag des alten und einem Kater am ersten Tag des neuen Jahres sollte es werden, sondern ein Segelurlaub mit der Aussicht, dass auf der Insel auch andere Segelverrückte zu Silvester festmachen würden.

Eigens für dieses Vorhaben hatten Pia und Jozef ihr Boot im Wasser gelassen und sogar eine Warmwasserheizung nachgerüstet. Die wärmte nun während des Segelns anstelle des Holzofens die Kajüte. Mit Tina, mir und Karlie, einem Parson-Russell-Terrier, war die Crew komplett.

25 bis 30 Knoten, beeindruckende Wellen

Nach dem unfreiwilligen Bad mit Nordseewasser haben wir mittlerweile in der Elbmündung an der Fahrwassertonne sechs tiefes Wasser erreicht. Ein wenig können wir nun abfallen, etwa zehn Grad, und direkt auf das Leuchtfeuer der deutschen Hochseeinsel zuhalten. Die Kursänderung bringt leider nicht die erhoffte Entspannung, im Gegenteil, die Wellen werden sogar noch etwas höher. Der Wind weht mit 25 bis 30 Knoten aus Südwest, soll aber westlich drehen und zunehmen. Deswegen hatten wir uns entschieden, schon mit dem frühen Hochwasser um halb fünf abzulegen und uns mit ablaufender Tide aus der Elbmündung schieben zu lassen. Wir wollten auf Helgoland sein, bevor der Wind auf deutlich über 35 Knoten zulegen würde.

Doch trotz Schiebestrom und kräftigem Wind sind wir mit fünf bis sechs Knoten Geschwindigkeit über Grund recht langsam. Die „Yaghan“ liegt mit vollen Tanks, den Backskisten voller Feuerholz, der Bilge voller Vorräte und dem Gepäck von vier Personen und einem Hund derart schwer im Wasser, dass uns jede Welle ausbremst. Dabei steigt dann jedes Mal der Druck im Segel, was sofort zu einem starken Überholen des Schiffs führt. Kurz, es fühlte sich an wie ein Rodeoritt in stockfinsterer Nacht, bei dem uns alle zehn Sekunden ein Eimer Eiswasser ins Gesicht geschüttet wird.

Noch mehr Segelfläche wegnehmen ist keine Option, das Groß ist bereits zweifach gerefft, dazu die kleinste Genua gesetzt. Wir könnten allenfalls noch auf die kleinere Selbstwendefock wechseln. Zwischen den Böen, die längst die 30-Knoten-Marke überschreiten, würden wir damit aber viel zu langsam. Stattdessen starten wir den Diesel und lassen den Motor mitschieben.

Das hilft. Sofort gleitet die „Yaghan“ ruhiger durch die aufgewühlte Nordsee. Der zusätzliche Schub bringt uns besser durch die Welle, die Segel können ihren vollen Vortrieb entfalten. Mit knapp sieben Knoten motorsegeln wir nun Richtung Insel.

Allmählich zeigt sich ein lilafarbener Streifen im Osten. Gegen acht Uhr morgens ist die Sonne zwar noch nicht aufgegangen, aber es ist nun hell genug, um die Wellen zu sehen, die uns seit Stunden durchschaukeln.

Sie sind beeindruckend hoch, viele mit schäumendem Kamm. Im Wellental fühlt man sich klein, und das Leuchtfeuer verschwindet für Augenblicke hinter einer grauen Wand. Liegt dessen Wiederkehr mit den Wellen in ungünstigem Rhythmus, ist es längere Zeit gar nicht zu sehen.

Nichts schweißt eine Crew besser zusammen, als bei Sonnenaufgang synchron über der Reling zu hängen

Macht aber nichts, denn voraus schält sich nun die Insel selbst als dunkle Masse aus dem morgendlichen Grau. Pia ist das allerdings wenig Trost. Sie hat fürs Erste genug: „Ihr könnt allein weitermachen. Wenn wir die Wellen vorher gesehen hätten, wären wir direkt umgekehrt.“ Spricht’s und verschwindet unter Deck.

Ganz falsch liegt sie damit nicht, zumal es noch schlimmer kommen soll. Etwa sieben Seemeilen vor der Insel, eine Stunde entfernt vom Ziel, erwischt es uns richtig heftig: Eine starke Bö fällt just in dem Moment ein, als eine gut und gern über drei Meter hohe Welle direkt vorm Bug bricht und uns trotz der Motorunterstützung fast zum Stehen bringt. Der dadurch extrem anwachsende Druck im Segel legt das Boot so stark auf die Seite, dass diesmal nicht nur das Cockpit­süll, sondern auch die Baumnock im Wasser verschwindet.

Die „Yaghan“ richtet sich danach zwar schnell wieder auf und gewinnt ihre Geschwindigkeit zurück. Und auch das zur Badewanne mutierte Cockpit leert sich schnell wieder. Doch für Jozef und Tina ist das zu viel. Beide zollen, kaum dass das Boot zurück in die Horizontale gefunden hat, der Seekrankheit Tribut. Später meint Tina lakonisch, nichts schweiße eine Crew besser zusammen, als bei Sonnenaufgang synchron über der Reling zu hängen.

Eine Stunde – gefühlt eine Ewigkeit – vergeht mit Wellenaussteuern und Zähnezusammenbeißen, dann ist es geschafft. Wir segeln in den Helgoländer Vorhafen, bergen die Segel und tuckern dann vorbei am größten Seenotkreuzer „Hermann Marwede“ in den inneren Hafen. Dort liegen am auch hier einzigen verbliebenen Steg sechs andere Yachten in Päckchen. Wir gehen an einer blauen 40-Fuß-Stahlyacht längsseits und genehmigen uns ers tmal ein Glas Rum.

Eine überglückliche Crew erkundet Helgoland

Die Bilanz der Überfahrt: ein Riss im Achterliek am Kopf der Genua, ein herausgerissener Handgriff am Niedergang, Wassereinbruch am Vorluk. In der Folge ist die Koje darunter nass geworden, und überhaupt herrscht Chaos unter Deck. Demgegenüber steht eine überglückliche Crew mit Salzkrusten in nun wieder freudig strahlenden Gesichtern. Silvester kann kommen.

Bis dahin sind noch eineinhalb Tage Zeit, die Insel zu erkunden. Vom Anleger laufen wir vorbei an aufgepallten Fischkuttern und den Tuckerbooten, mit denen sonst die Touristen auf die Nachbarinsel Düne gefahren werden. Wir schlendern zum Schiffsausrüster und all den Läden mit zollfreien Zigaretten und Spirituosen, die der Insel ihren Ruf als Fuselfelsen eingebracht haben.

An der Promenade biegen wir ab in den kleinen Ort, den Lung Wai entlang. Fremd klingende Straßennamen wie Lip de Swart, Om Wass und Bop Stak fallen auf. Das Helgoländer Friesisch, von den knapp 1.500 Inselbewohnern Halunder genannt, ist neben Hochdeutsch die zweite Amtssprache.

Auf Helgoland gibt man sich nur zu Neujahr die Hand

Außer der eigenen Sprache gibt es weitere sehr individuelle Gesetze und Gepflogenheiten auf der Insel. Fahrradfahren etwa ist nicht erlaubt, dafür sei es hier einfach zu eng. Außerdem sind wir genau zur richtigen Zeit für eine weitere Seltsamkeit auf dem Eiland angekommen: Helgoländer geben sich zur Begrüßung nicht die Hand – zu umständlich, man läuft sich ja ständig über den Weg. Nur einmal im Jahr, am 1. Januar, wird eine Ausnahme gemacht.

Eine Treppe führt hinauf zum Oberland auf den rotgrauen Felsen, den wir schon Stunden vorher gesehen haben. Aus dem Windschutz der Häuser heraustretend, trifft uns der Wind wieder mit voller Kraft – gut, dass wir so früh aufgebrochen waren. Inzwischen weht es mit fast 40 Knoten. Wir lehnen uns, um voranzukommen, in den eiskalten Luftstrom. Trotz strahlender Sonne: Es ist bitterkalt hier oben.

Der Insel kann das indes wenig anhaben; sie musste einst ganz anderes verkraften. Viele kleine und größere Senken entpuppen sich beim Studium der Hinweistafeln als Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg. Beinahe die gesamte Fläche auf dem Oberland ist übersät damit.

Die Lange Anna, die berühmte hoch aufragende Gesteinsformation, steht hingegen wie eine Säule im Meer. Die Brandung kann sie wegen eines Wellenbrechers nicht erreichen. Davor aber sind die Wellen noch größer geworden, weiße Schaumstreifen bedecken die Nordsee.

Am nächsten Tag schippern wir mit einem Ausflugsschiff rüber zur Düne. Auf deren Stränden liegen Seehunde und lassen sich von der Sonne wärmen. Schilder klären über den Unterschied von Seehund und Kegelrobbe auf, und eine Beschreibung auf unserem Inselplan sagt: „Entschleunigen Sie bei einem Spaziergang am Strand, ein Tag auf der Düne ist ein ganzheitlicher Wellness-Tag für Körper und Seele.“ Noch bei der kurzen Überfahrt hatten wir uns über diesen Klischee-Werbesprech amüsiert. Doch genauso fühlt es sich bei der Erkundung dieses kleinen Paradieses nun tatsächlich an.


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