Sommer, Sonne und Berliner Luft. Und zwar reichlich. Der 15er Jollenkreuzer „Tina“ kommt allein unter dem gerefften Großsegel flott voran. Der Wind ist böig, hinzu kommen die Lücken der Uferbewaldung. An Pinne und Schot des Jollis ist Aufmerksamkeit gefragt. Der arbeitslose Vorschoter aber kann die Blicke schweifen lassen.
Es gibt viel zu sehen rund um die Havel, auf der die „Tina“ im Geschwader mit Pirat „Stups“ nach Süden segelt, nachdem sie den heimischen Stößensee verlassen hat. An Steuerbord etwa die scharfe Lanke mit dem über hundert Jahre alten Bootshaus des Akademischen Segler-Vereins. Wenig später an Backbord die Insel Schwanenwerder, hinter der es auf den Wannsee geht. „Tinas“ Bug aber zeigt nach Südwesten und der Jolli passiert die Pfaueninsel mit ihrem romantischen Schloss. Voraus die Sacrower Heilandskirche und am Horizont märchenhafte Landschaften.
Wir segeln mitten durch das Unesco-Welterbe „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“, besser bekannt als „Preußisches Arkadien“. Hier reihen sich am Ufer stumme Zeugen der Vergangenheit aneinander und erzählen aus der Geschichte. Vor allem aber bewegen wir uns auf den Spuren des deutschen Segelsports. Denn was heute kaum noch bekannt ist, hier entstanden vor mehr als 200 Jahren dessen Wurzeln. Und die sind bis heute nicht nur spürbar, sondern auch noch zu sehen.
Das Lustsegeln kam 1814 als Geschenk nach Deutschland. Aus Freude über den Sieg gegen Napoleon erhielt das preußische Herrscherhaus vom britischen König George IV. ein Segelboot geschenkt. Es war rund zehn Meter lang, hatte drei Masten und wurde so intensiv zu Fahrten auf den Havelseen genutzt, dass es 1832 altersschwach geworden durch die 26 Meter lange „Royal Louise“ ersetzt wurde. Dieser Nachbau der Fregatte „Thetis“ aus den Befreiungskriegen im Maßstab 1:3 war wieder ein Geschenk des britischen Königs, der nun William IV. hieß.
Aus den Erfahrungen mit dem ersten Lustschiff schlau geworden, baute man der Nachfolgerin am Südufer der Pfaueninsel einen Bootsschuppen für den Winter, der heute noch steht. Die ganze Insel hatte sich das preußische Herrscherhaus unter Friedrich Wilhelm II. für das sommerliche Vergnügen gestalten lassen, und hier fand auch die Fregatte zunächst ihren Liegeplatz.
Im Jahre 1842 erwarb Friedrich Wilhelm IV. ein Grundstück am Jungfernsee und ließ dort eine kleine Hafenanlage für die königlichen Lustschiffe errichten. Das vorhandene Gebäude diente den abkommandierten Matrosen als Unterkunft, die zum Betrieb der Fregatte vonnöten waren. Das prägte die Bezeichnung „Matrosenstation“.
Kaiser Wilhelm II. ließ das Ensemble Anfang der 1890er-Jahre nach norwegischem Vorbild neu gestalten. Als die im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstörte Anlage ab 2010 wiederaufgebaut wurde, war diese letzte Version der „Kongsnæs“ genannten Matrosenstation das Vorbild.
Und so kann dieses historische Bild heute noch bewundern, wer, wie die Besatzung des Jollenkreuzers „Tina“ im Sommer dort vorbeifährt. Mit Glück ziehen dann auch die Rahsegel der Miniaturfregatte mit ihren Geschützpforten und Kanonen durch dieses Bild. Denn von 1996 bis 2000 wurde auch die „Royal Louise“ wieder originalgetreu nachgebaut. Sie hat heute beim Verein Seglerhaus am Wannsee ihren Sommerliegeplatz.
An Deck des Originals nahm einst die Segelbegeisterung der Hohenzollernsprösslinge Heinrich und Wilhelm ihren Anfang. Beide wurden zu begeisterten Förderern des aufkommenden Segelsports im Kaiserreich, weshalb die „Royal Louise“ bis heute mit den Anfängen des deutschen Segelsportbetriebs in Zusammenhang gebracht wird.
Doch bevor es auf den Jungfernsee geht, lädt die Sacrower Heilandskirche zu einer Pause ein. Mit hochgezogenem Schwert gehen „Tina“ und der mitsegelnde Pirat „Stups“ direkt neben der Kirche auf den Strand.
Auch dieser Ort atmet Geschichte. Ursprünglich war er ein Hafen der Havelfischer. Friedrich Wilhelm IV. ließ das Gotteshaus bauen, nachdem er 1840 das Gut Sacrow erworben hatte. Hofarchitekt Ludwig Persius gestaltete mit der ins Wasser hineinragenden Kirche ein am Ufer liegendes Schiff.
Während der Zeit der deutschen Teilung verlief die Berliner Mauer direkt über das Kirchengelände. Das Gebäude stand unbeachtet im Niemandsland zwischen Mauer und Havel und verfiel. Zu sehen war das aber nur vom West-Berliner Ufer aus. Und so stammte die Initiative zur Rettung der Sacrower Heilandskirche, wenige Jahre vor der Wende, auch vom damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Richard von Weizsäcker.
Der stille Ort strahlt sakrale Magie aus. Das Innere der Heilandskirche wurde aufwendig restauriert. Aus dem umlaufenden Säulengang aber geht der Blick über die Havel und es kommt tatsächlich das Gefühl auf, das Gotteshaus lege gleich ab und nehme Kurs auf Arkadien.
Derart inspiriert werden nach einer kleinen Stärkung in der Plicht wieder die Segel gesetzt. Der Wind hat sich beruhigt, die Mittagshitze ist abgeklungen.
Langsam geht es weiter südwärts auf den Jungfernsee. Voraus kommt die Glienicker Brücke in Sicht, die zwischen Berlin und Brandenburgs Hauptstadt Potsdam über die Havel führt und während der Zeit der deutschen Teilung Schauplatz von Agentenaustauschaktionen war.
Hinter der Brücke thront das von Karl Friedrich Schinkel im Stil der englischen Neugotik geschaffene Schloss Babelsberg inmitten eines von dem Gartenarchitekten Hermann Fürst von Pückler-Muskau angelegten Parks. Es wurde 1833 bis 1855 für den späteren Kaiser Wilhelm I. erbaut, der es mit seiner Gemahlin mehr als 50 Jahre als Sommerresidenz nutzte.
Noch davor fällt der Blick auf Casino und Schloss Glienicke, ebenfalls inmitten eines großen, von Peter Joseph Lenné gestalteten Lustgartens, der sich an Backbord bis hinunter ans Ufer der Insel Wannsee erstreckt. Die Gebäude wurden von Karl Friedrich Schinkel für den damals 21-jährigen Prinzen Carl von Preußen geschaffen. Der war von einer Italienreise inspiriert, und so entstand eine Sommerresidenz mit südländischem Charme.
Ohne Durchfahrtsbeschränkung ließe sich die Brücke passieren, und von der Glienicker Lake aus ließe sich vom Wasser aus noch ein Jagdschloss betrachten. Doch „Tinas“ Mast ist zu hoch, und ihn zu legen lohnt sich für den Abstecher nicht.
Hier auf dem Jungfernsee bietet sich die einzigartige Gelegenheit, in das Welterbe der Schlösser und Parks förmlich einzutauchen, wie es nur auf dem Wasser möglich ist. Denn in der Mitte des Sees wird ein Punkt erreicht, an dem der Rundblick vier Schlösser und ihre dazugehörigen Parkanlagen genau in ihren Sichtachsen erfasst. Zur Zeit ihrer Entstehung lustwandelten die Herschaften eigens mit Gondeln auf der Havel um den Blick zu genießen. Eine Kunstlandschaft, die sich zusammensetzt aus lauter kleinen Arkadien nach dem Vorbild des Charlottenhofs.
Der Begriff „Arkadien“ geht auf die griechische Antike zurück und gilt als Synonym für eine paradiesische Naturlandschaft, die dem idyllischen Leben in Abgeschiedenheit dient. Friedrich Wilhelm IV. wünschte sich einen solchen Ort der Harmonie für die Sommermonate, und mit dem Schloss Charlottenhof entstand unter seiner Ägide durch den Architekten Karl Friedrich Schinkel und den Gartengestalter Peter Joseph Lenné das Herzstück des heutigen Preußischen Arkadiens.
Es zu besuchen erfordert einen Landgang. Von der Matrosenstation ist das Schloss auf Schusters Rappen in einer guten Stunde zu erreichen. Ohne oder mit geklapptem Mast kann mit dem Boot auch der Weg über den Tiefen See und mitten durch Potsdam genommen werden. Die Steganlage des Potsdamer Segler-Vereins liegt quasi vor der Tür.
Charlottenhof war ursprünglich ein barockes Gutshaus. Das dazugehörige Grundstück grenzt südwestlich an den Park des Schlosses Sanssouci. Zu Weihnachten 1825 bekam der Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. das Haus geschenkt. Das Engagement Schinkels und Lennés bei der Umgestaltung von Charlottenhof gilt heute als Glanzpunkt ihres Wirkens. Entstanden ist ein Gesamtkunstwerk aus Architektur und Landschaft. Das Schloss ist im Stil antiker römischer Villen gestaltet worden, der Park nach Art der englischen Landschaftsgärten. Seit 1826 ist das Ensemble Teil des Parks Sanssouci.
Es ist Abend geworden und für „Tina“ soll ein Liegeplatz am Ufer des Jungfernsees gefunden werden. Im Schimmer der Abendsonne zieht der Jollenkreuzer geräuschlos an der Matrosenstation vorbei. Im Landesinneren ist der Heilige See zu sehen, an dessen Ufer das Marmorpalais.
Vorbei an der Landzunge Quapphorn, auf der die Eremitage, eine Einsiedelei im Potsdamer Neuen Garten, steht. Auch dieser kleine Rückzugsort verschwand infolge der deutschen Teilung, wurde aber 2007 unter Verwendung der eingelagerten Einrichtung neu errichtet.
Mit dem Cecilienhof wird der Schauplatz der schicksalhaften Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 passiert. Er entstand während des Ersten Weltkrieges und war der letzte Schlossbau der Hohenzollern. Kaiser Wilhelm II. ließ es als Residenz für seinen ältesten Sohn errichten. Bis 1945 residierte hier das letzte deutsche Kronprinzenpaar.
Irgendwann ist das Ende des Jungfernsees erreicht und an einem kleinen Strand vor dem Nordostufer des Königswaldes finden die Besatzungen den perfekten Platz für die Nacht. Außer dem Gezwitscher der Vögel und dem Knistern des Bordgrills ist hier nichts zu hören.
Die Segler haben in dieser Oase zwischen Berlin und Potsdam Arkadien gefunden: Ruhe und Abgeschiedenheit in idyllischer Natur. Wie einst die Preußenkönige. Und wer weiß, vielleicht hätten die sich im Cockpit bei Dosenbier und Grillwurst auch wohler gefühlt als im Schloss.
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Ist das hier eines der unterschätztesten Segelreviere Deutschlands oder lebt diese Landschaft vor allem von ihrer Geschichte? Schreiben Sie in die Kommentare, ob Sie auf der Havel eher das Revier, die Ruhe oder den historischen Blick vom Wasser suchen.

Stellvertretender Chefredakteur YACHT
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