SchiffsbohrmuschelBremerhaven schlägt Alarm

Ursula Meer

 · 21.08.2026

Schiffsbohrmuschel: Bremerhaven schlägt AlarmFoto: Lars Bolle
Schäden durch die Schiffsbohrmuschel sind lange nicht sichtbar - bis es zu spät ist.

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Die Schiffsbohrmuschel frisst sich durch Holzpfähle, Dalben und Hafenanlagen. – mit Millionenschäden, Sperrungen und Folgen für Sportbootfahrer. Und sie breitet sich weiter aus.

​Sie ist kaum größer als ein Finger, trägt irreführend den Namen „Schiffsbohrwurm" und verursacht Schäden in einem Ausmaß, das Hafenbetreiber an der Nord- und Ostseeküste zunehmend in Bedrängnis bringt. Derzeit leidet besonders Bremerhaven unter dem Schädling: Im Frühsommer bekam der Zustieg zur Weserfähre in Bremerhaven Risse und sackte ab. Er ist seitdem gesperrt, der Fährbetrieb läuft über einen Ausweichanleger. Die Inspektion drei Jahre zuvor hatte keine Mängel festgestellt. Der Übeltäter: die Schiffsbohrmuschel Teredo navalis.

​Eine Muschel legt Bremerhaven lahm

Als Bremerhaven vor 100 Jahren seine Kaianlagen baute, galt die Bohrmuschel laut Thünen-Institut noch als seltener Gast – der Salzgehalt im Brackwasser der Weser war zu gering. Inzwischen befällt sie zunehmend die hölzernen Pfeiler der historischen Hafenanlagen, vermutlich begünstigt durch verbesserte Wasserqualität und wärmere Wassertemperaturen infolge des Klimawandels.

Die Folgen sind laut Antenne Niedersachsen gravierend: Die Nordmole sackte ein, der Verbindungskanal zwischen dem Alten und Neuen Hafen droht einzustürzen, die Kaje am Neuen Hafen ist marode. Die Klappbrücken zu den Havenwelten sind gesperrt, und ein historischer Kran muss gekürzt werden. Auch die 240 Meter lange Nord-Ost-Kaje und die beiden historischen Brücken am Verbindungskanal zwischen Altem und Neuem Hafen gelten laut einem Bericht des ZDF nicht mehr als sicher. Die Folge: Absperrungen und Umleitungen – auf Jahre hinaus.

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Entlang von rund acht Kilometern Ufereinfassung mit Holzpfahlgründungen – im Übersee- und im Fischereihafen – wurde seit den 2010er Jahren Befall mit Bohrmuschel und Bohrassel festgestellt, berichtet Antenne Niedersachsen unter Berufung auf das Bremer Umweltressort. „Die Ausbreitung erfolgt dabei nicht gleichmäßig, sondern wie bei einer Epidemie in Schüben."

„Dass die Bohrmuschel da ist, das wussten wir. Dass sie sich in den letzten Jahren so stark vermehrt hat, das war nicht voraussehbar", sagt Heiner Behrens von der Entwicklungsgesellschaft Alter/Neuer Hafen, der die Sanierung leitet. Allein für den Verbindungskanal zwischen Altem und Neuem Hafen rechnet er laut ZDF mit Sanierungskosten von rund 32 Millionen Euro. Wie hoch die Gesamtkosten ausfallen werden, sei noch schwer zu beziffern – zu unterschiedlich seien Bauwerke und Nutzung, berichtet Antenne Niedersachsen.


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​Von der Nordsee bis nach Mecklenburg

Das Problem beschränkt sich nicht auf Bremerhaven. An der niedersächsischen Küste verursacht die Muschel schon seit den 1990er Jahren verstärkt Schäden. Wie sie sich ausbreitet, hängt von Faktoren wie Salzgehalt und Strömungsverhältnissen ab, welche Schäden sie verursacht von der Bauweise der Anlagen.

So kam es schon in der Vergangenheit an den Inselhäfen von Wangerooge, Spiekeroog und Langeoog zu starken Zerstörungen. Im Bereich Cuxhaven zerstörte die Bohrmuschel nicht imprägnierte Dalben aus Nadelholz innerhalb von zwei Jahren vollständig. In Emden waren zur Jahrtausendwende nach Taucherbefund 90 Prozent der Rundholzwandungen in einer Schleuse bis ins Kernholz zerstört. Derzeit wird ein Monitoring in Norddeich durchgeführt – die ersten Ergebnisse sollen im Herbst vorliegen.

An der Ostsee wurden an den Buhnensystemen zwischen Boltenhagen und Zingst bis einschließlich Hiddensee ebenfalls Schäden festgestellt, berichtet das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern. Im Landkreis Rostock wurden in Heiligendamm und Graal-Müritz bereits Holzpfähle ersetzt – Kosten allein in Heiligendamm: rund 200.000 Euro. Im Seebad Hohe Düne in Rostock laufen weitere Arbeiten, die wegen Naturschutz und touristischer Nutzung seit April unterbrochen sind.

In Wismar hat die Schiffsbohrmuschel den Westhafen fest im Griff: Schon seit 2021 sind erste Bereiche gesperrt. Seit Juni 2026 darf auch die Ostseite des Hafenbeckens nicht mehr befahren werden. Entlang der Kaikante verhindern 80 Pfosten die Durchfahrt von Autos – die Holzpfähle unter der Pflasterung sind von Teredo navalis zerfressen. Geschätzte Kosten für die Sanierung des Ostkais: 6,4 Millionen Euro geschätzt; die Arbeiten sollen voraussichtlich 2028 beginnen. Bis dahin bleibt die Absperrung bestehen. Bereits zuvor musste der Brunkowkai im Überseehafen-Becken für 8,5 Millionen Euro saniert werden.

​Ein Wurm, der keiner ist

Der Name täuscht: Der sogenannte Schiffsbohrwurm ist kein Wurm, sondern eine Muschel – das betont auch Dr. Michael Zettler, Zoologe und Meeresbiologe am Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Teredo navalis gehört zur Familie der holzfressenden Teredinidae, wird an der Nordseeküste meist 10 bis 20 Zentimeter lang, kann aber bis zu 45 Zentimeter erreichen. Weltweit gibt es rund 80 weitere Bohrmuschelarten.

Als kleine Larve verankert sie sich auf einer Holzoberfläche und frisst sich ins Innere. Die Kanäle werden an der Außenseite häufig wieder verschlossen – der Befall bleibt lange unsichtbar. „Sie leben im Holz, wachsen und bilden Tunnel, bis nur noch eine ganz dünne Außenhülle stehen bleibt", erklärt Holzforscher Christian Brischke vom Thünen-Institut. Erst wenn der tragende Holzquerschnitt erheblich reduziert ist, ist das Ausmaß des Schadens sichtbar. Dann ist es oft zu spät.

„Das Thema ist nicht neu", sagt Zettler. „Früher wurden in vielen Häfen Eichenstämme verwendet. Viele sind längst durch Eisenpfähle ersetzt worden, weil die Muschel sie zerfressen hat." Die Art habe immer Höhen und Tiefen gehabt – in manchen Jahren sei sie häufiger aufgetreten, in anderen weniger. „Alle Holzdalben, die ins Wasser gelegt werden, sind Nahrung für das Tier.

Was Sportbootfahrer wissen sollten

Trotz der enormen Schäden besteht für Segler zunächst kein Grund zur Panik. Die meisten Yachthäfen sind jüngeren Datums und setzen bereits auf Stahl und Beton – Materialien, die die Schiffsbohrmuschel nicht befallen kann. Auch in Bremerhaven sind es vor allem die historischen Hafenanlagen aus der Gründerzeit, die betroffen sind – nicht die Sportboothäfen.

Spürbar werden die Sanierungsarbeiten für Sportbootfahrer allenfalls indirekt: gesperrte Kaianlagen, Umleitungen oder eingeschränkte Infrastruktur in historischen Hafenbereichen können den Weg zum Liegeplatz verlängern oder einzelne Anlegemöglichkeiten zeitweise entfallen lassen. Wer in Häfen mit alter Holzinfrastruktur liegt – etwa in traditionsreichen Stadthafenanlagen – sollte einen Blick auf den Zustand der Dalben und Stege werfen.

Lästig, aber nicht neu

Jährlich werden im Ballastwasser der Ozeanriesen oder als Bewuchs an Schiffsrümpfen neue Arten in heimische Gewässer eingeschleppt. Einige breiten sich an den Küsten oder in Binnengewässern rasant aus. „Wenn eine Art erst mal etabliert ist, hat man überhaupt keine Chance mehr einzugreifen", sagt Zettler. Das trifft auch auf die Schiffsbohrmuschel zu: Schon Christoph Kolumbus beklagte auf seiner vierten Amerikafahrt 1503, dass die sogenannten Schiffswürmer sein Schiff durchlöcherten. Es wird vermutet, dass auch der Niedergang der Spanischen Armada 1588 mit Schäden durch die Muschel zusammenhing. In Holland brachen 1731 Seewehre bei einer Sturmflut – die Muschel hatte die hölzernen Deichtore zerfressen. Ihre Herkunft ist bis heute ungeklärt – wahrscheinlich kam sie mit den frühen Holzschiffen aus dem Indopazifik nach Europa, spätestens im 17. Jahrhundert erreichte sie die Nordsee, seit 1993 ist sie in der Ostsee dauerhaft etabliert.

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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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