YACHT-Redaktion
· 09.02.2026
Die Ostsee ist ein Binnenmeer mit sehr geringem Wasseraustausch. Nährstoffe, die an den Küsten und über Flüsse in die Ostsee gelangen, reichern sich daher an und sorgen dafür, dass in tiefen Bereichen der Sauerstoff teilweise komplett aufgezehrt wird. Dort ist dann kein Leben mehr möglich. Wissenschaftler sprechen deshalb von sogenannten Todeszonen.
Umso wichtiger ist es, dass regelmäßig frisches und sauerstoffreiches Nordseewasser über die Meerengen zwischen Deutschland, Schweden und Dänemark einströmen kann. Voraussetzung dafür ist allerdings eine besondere und sehr seltene Wetterlage - und genau eine solche besteht zur Zeit.
Grund dafür ist der seit Anfang Januar anhaltende Ostwind, durch welchen große Mengen Seewasser gen Westen und über die Belte aus der Ostsee gedrückt werden. Wie das Leibnitz Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW) berichtet, bestätigen Messungen am aussagekräftigen schwedischen Pegel Landsort-Norra die niedrigsten Wasserstände seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1886. So wurde laut IOW am 5. Februar ein Tagesmittelwert von mehr als 67 Zentimetern unter dem langjährigen mittleren Wasserstand gemessen.
Nach aktuellen Berechnungen fehlen der Ostsee dadurch zurzeit rund 275 Kubikkilometer Wasser im Vergleich zum langjährigen Mittel. In der über 140-jährigen Messreihe wurden nur in fünf weiteren Jahren ähnlich niedrige Wasserstände mit Abweichungen von mehr als 60 Zentimetern unter Normalnull gemessen. Das letzte vergleichbare Ereignis liegt mehr als vier Jahrzehnte zurück und datiert auf den März 1980. Wie das IOW in einer Pressemitteilung verlauten lässt, bestehen mit dem aktuellen Extremwert von außergewöhnlich gute Startbedingungen für ein großes Einstromereignis.
Die Forscher nehmen neben den aktuellen Pegelständen derzeit auch die in den kommenden Tagen und Wochen zu erwartende meteorologische Entwicklung in den Blick. Denn damit es zu einem überdurchschnittlich großen Einstrom von Nordseewasser in die Ostsee kommen kann, muss die derzeitige Ostwindlage enden und durch anhaltende Westwinde abgelöst werden, die dann salz- und sauerstoffreiches Nordseewasser in die Ostsee hineindrücken. Das wäre insbesondere für die tiefen Wasserschichten ihrer zentralen Becken von großer ökologischer Bedeutung, da dort oft über Jahre Sauerstoffmangel herrscht, so das IOW.
„Die Chancen für einen größeren Einstrom in den kommenden Wochen sind so hoch wie schon lange nicht mehr“, erklärt Michael Naumann, einer der Koordinatoren des IOW-Langzeitbeobachtungsprogramms. „Nach den hier bei uns am IOW berechneten Zeitreihen zu Salzwassereinstrom Ereignissen in die Ostsee liegt die Wahrscheinlichkeit aktuell bei 80 bis 90 Prozent.“
Für die Ostsee könnte der lang anhaltende Ostwind also eine spürbare Verbesserung der ökologischen Bedingungen nach sich ziehen.