Nils Theurer
· 23.07.2026
Vom Überlinger Münsterturm aus mutet der Bodensee Mitte Juli fast karibisch an. Die beliebte Webcam, die täglich tausendfach abgerufen wird, zeigt ein faszinierendes Phänomen: Kieselalgen entziehen dem Wasser Kohlendioxid. Dabei entstehen winzige Kalkkristalle, die den blauen Himmel und das Algengrün zu einem beeindruckenden Türkis reflektieren. Das vorübergehende Wachstum der Kieselalgen ist hübsch, völlig ungiftig und ökologisch unbedenklich. Vor allem aber: Vom niedrigen Wasserstand ist aus dieser Perspektive nichts zu sehen – der See ist hier noch ein Paradies für Wassersportler.
Das sieht am anderen Ende des Reviers ganz anders aus. „Wir haben jetzt schon fünf Boote, die stecken auf ihren Liegeplätzen fest und können da auch nicht mehr raus“, berichtet Mike Tuppen. Er ist Hafenmeister in Lindau- Zech. „Vor zwei Wochen ging es noch.“ Seither aber fällt der Wasserstand. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Schon jetzt, mitten im Sommer, müssen sich die betroffenen Eigner fragen, wie sie ihre Boote eigentlich im Herbst aus dem See bekommen sollen. Die Fahrrinne habe nur noch 1,20 Meter Tiefe, berichtet Tuppen, und: „Gastplätze gibt es nur noch für Motorboote.“
Der Bodensee zeigt exemplarisch, wie ungewöhnlich die Lage auf den Binnengewässern in weiten Teilen Deutschlands ist. Im Winter ist man an niedrige Wasserstände gewöhnt. Im Sommer waren sie bislang ein allenfalls vorübergehendes Phänomen.
Normalerweise schwankt der Bodenseepegel zwischen 2,70 Meter im März und 4,30 Meter im Sommer. Aktuell liegt er auf 3,05 Meter – das ist Winterniveau. Sämtliche Häfen und Anleger sind aber für den Sommerpegel gebaut.
Deutschlandweit fehlen in den Seen gewaltige Wassermengen. Laut dem Niedrigwasserinformationssystem NIWIS summiert sich der Verlust der letzten 25 Jahre auf 60 Milliarden Kubikmeter. Das ist so viel wie das Wasser aus Bodensee, Starnberger See, Chiemsee, Ammersee und Müritz zusammen. Dieses Wasser, das ins Meer floss und nicht zurückkehrte, trägt direkt zum Anstieg des Meeresspiegels bei.
Doch nicht alle Häfen sind betroffen. In Hagnau etwa berichtet Hafenmeisterin Irena Willer: „Mit unseren neuen Stegen und Baggerarbeiten haben wir keine Probleme in den Boxen. Dieses Jahr können wir uns vor Gastanfragen kaum retten.“ Zuvor war der Hafen als „Kielküsser“ berühmt-berüchtigt. Auch in Fischbach bleibt man entspannt. „Wir sind ein Jollenhafen“, erklärt die Hafenwartin, die anonym bleiben möchte. Mit 60 bis 80 Zentimeter Tiefgang seien die Stege noch gut erreichbar. Im Zweifel ziehen Jollensegler einfach das Schwert hoch.
Am Untersee zeigt sich der Wassermangel deutlicher. Der Pegel liegt dort mit nur 2,54 Meter deutlich unter dem Sommermittel von 4,20 Meter. Selbst im Winter ist er meist einen halben Meter höher. Martin Graf, zuständig für die Häfen Iznang und Moos, berichtet: „Im Bojenfeld haben wir jetzt eine Heckanker-Genehmigung. Die Boote schwojen nicht mehr, sondern liegen wie bei Südwind.“ Doch bei Nordwind oder Gewitter drohen Probleme. Graf: Wenn ein Anker nicht hält, rauscht das Boot in die anderen und treibt dann ins Flachwasser.“
Zwei neue Fingerstege seien bereits ins tiefere Wasser gebaut worden, doch viele Liegeplätze am Zugangssteg sind nun Strand. In Moos organisierte Graf eine Yacht-Rochade. „Bis 1,20 Meter Tiefgang können wir jetzt noch schnell Yachten an Land bringen, mehr Wasser ist nicht unter dem Kran. Wir haben schon viele aus dem Seer genommen.“ Deren Saison könnte, kam dass sie begonnen hat, damit bereits beendet sein. „Einige hoffen noch auf den großen Wetterumschwung wie im vergangenen Jahr, andere haben ihre Boote in den Radolfzeller Hafen Wäschbruck gegenüber von Moos verlegt“, so Graf.
Dort, in Wäschbruck, sagt Pino Palumbo: „Boote mit 1,60 Meter Tiefgang können wir noch aufnehmen.“ Allerdings fallen Gastgebühren an, 17 Euro pro Nacht. Normalerweise kommen Yachten für eine Woche Untersee-Urlaub, legen vor den drei Rheinbrücken in Konstanz den Mast, stellen ihn dahinter wieder auf. Doch wegen der wenigen Hafen-Optionen bleiben diese Gäste nun aus. Auch Palumbo rät wegen fehlender Liegeplätze von Törns ab.
Dauerlieger füllen die Lücken, doch manche Platzinhaber sehen die Vergabe kritisch. „Die letzten tieferen Plätze sind belegt, falls wir selbst Probleme bekommen“, sagt Palumbo. Zwei Yachten mit zwei Meter Tiefgang haben bereits ausgekrant – ihre Saison ist vorbei. Und auch hier kein Ende in Sicht. Am Tag des Gesprächs sank der Unterseepegel um weitere zwei Zentimeter.
Am Obersee meldet Sylvie Schneider vom Wassersportverein Wasserburg: „Im Inneren der Außenmole haben die Boote noch genug Tiefgang. Doch im Bojenfeld ist es seicht.“ Das kann gefährlich werden. Ein Jollenkreuzer beispielsweise setzte dort bei einem Sturm auf dem Grund auf, schlug leck und sank – so weit das möglich war. Die Wasserwacht musste das Boot bergen.
Weiter nördlich, am Rhein, spitzt sich die Lage ebenfalls zu. Jutta Handloser vom Yachthafen Oberwinter berichtet: „Wir haben 60 Zentimeter in der Einfahrt, zwischendurch waren es nur 20.“ In der Vorwoche sei ein Segelboot in der Einfahrt steckengeblieben, habe Schlamm in die Motorkühlung gezogen und habe von Feuerwehr und Wasserschutzpolizei an einen Steiger gezogen werden müssen, einen schwimmenden Schiffsanleger. Ohnehin gebe es links und rechts der Fahrrinne keinen Platz mehr für Freizeitboote. Handloser: „Ich sage jedem, der nicht raus muss, bleiben Sie schön da liegen, wo Sie sind!“
In Neuss am Rhein erklärt Karl-Peter Lux vom Yachtclub Novesia: „Die Frachter müssen bereits knallhart bis an die Kribben fahren, das sind die Buhnen hier im Rhein.“ Glücklicherweise sei der Hafen gebaggert worden, sodass größere Yachten noch genug Wasser unterm Kiel vorfinden. „Unsere Segler sind ohnehin auf dem IJsselmeer“, fügt Lux hinzu. So kann er den Kollegen vom gegenüber liegenden Düsseldorfer Segler-Verein aushelfen, deren Hafen bereits zu flach ist.
Am Chiemsee sieht es ähnlich aus. Arnold Kotschisch, Hafenmeister in Seebruck, berichtet von extrem schwachem Wasserzufluss. Unreguliert mündet der Chiemsee neben seinem Hafen in die Alz. Aus den beiden Zuflüssen, Prien und Tiroler Achen, kommt kaum Wasser nach. Mitte Juni gab es noch einen Gewitterschwapp, seitdem fließt nur noch ein Rinnsal in den Chiemsee.
Kotschisch: „Mit einem Tiefgang von 1,50 Meter wird es bei uns knapp. Die Yachten können zwar bleiben, sie kommen aber nicht mehr weg.“ Nicht einmal zum Kran, unter dem Haken fehlt ebenfalls Wasser. Kotschisch hat zwei Boote aus anderen Häfen aufgenommen, auch deren Eigner bezahlen nun zwei Liegeplätze. Immerhin, der Dampfersteg bei Seebruck wird wieder von der Seeschifffahrt angesteuert, kurzzeitig war selbst dort nicht genügend Wasser.
In Breitbrunn sagt Andreas Jell: „Ein Segelboot mit über 1,80 Meter Tiefgang ist am Chiemsee bald nicht mehr tragbar.“ Dennoch bleibt er gelassen: „Im Freizeitbereich kann man sich anpassen. Es gibt Wichtigeres.“
Anfang Juli meldete die Bundesanstalt für Gewässerkunde: „Die Wasserstände und Abflüsse in allen freifließenden deutschen Binnenwasserstraßen sind zurückgegangen.“ Das hat auch wirtschaftliche Folgen. Vor allem für die Berufssschifffahrt. „Die 135er-Frachter, also die Europanorm, fahren jetzt nur noch zu einem Drittel beladen, die 110er, die etwas kleineren, die können noch die Hälfte laden“, erklärt Karl-Peter Lux aus Neuss.
Etliche Ladung wird auf Lkw verladen, die gesamte Frachtkapazität ersetzen können sie aber nicht. Im Baden- Württembergischen Institut für Seenforschung arbeitet deren Leiter Walter Hetzenauer derzeit überdurchschnittlich viele Interviewanfragen ab. Verständlich, denn 77 Prozent aller Messstellen im Bundesland weisen extrem niedrige oder sehr niedrige Wasserstände auf, ohne kurzfristige Aussicht auf Entspannung. Neben den Wasserständen behalten die Wissenschaftler des Instituts die Wassertemperaturen im Auge. „Kritische Sauerstoffkonzentrationen werden aber noch an keiner Messstation erreicht“, so Hetzenauer.
Bereits im März hatte der Rückblick auf 2025 gelautet: „Zu warm und mit ausgeprägter Hitzephase.“ 1,9 Grad war es wärmer als der Durchschnitt der Jahre 1961 bis 1990, der Juni lag sogar 4,4 Grad über diesem Mittel.
Was die Wasserstände anbelangt, gebe es eine gegenläufige Entwicklung. Sommer und Winter gleichen sich offenbar stärker an. Konsequenzen zieht man daraus bislang allerdings kaum. Zwar „besteht Handlungsbedarf“, heißt es in einer von der Landesregierung mitgetragenen Erklärung. Andererseits war Baden-Württemberg zwei Jahre lang federführend in der Internationalen Bodenseekonferenz. Und auch aus der Machbarkeitsstudie zur Klimaneutralität der Bodensee-Schifffahrt vor drei Jahren folgten eher allenfalls seismologisch messbare Umsetzungen.
In der Schweiz sind die Wasserstände ebenfalls niedrig. Der Anleger Mannenbach am Untersee ist zu flach für Personenschiffe geworden. Am Lac de Brenets liegt der Seespiegel sage und schreibe sieben Meter unter Normal, Boote und Stege stehen auf trockenem Grund. 22 Zentimeter pro Tag ist der Wasserstand dort zuletzt gefallen.
Die als Eis gebundenen Puffer in den Alpengletschern sind stark angegriffen, das Schweizer Gletschermessnetzwerk GLAMOS meldet am 29. Juni, die Schneereserven des Winters seien bereits verbraucht. Seit 1880 war das lediglich einmal, 2022, der Fall.
Ungeachtet eindeutiger Zahlen will Mancher die Realität nicht wahrhaben. Niedrige Wasserstände, so hört man oft, die habe es früher auch gegeben. Das werde schon wieder. Ähnlich den Mantras Schwarzwälder Skiliftbetreiber, die nach jedem grünen Winter auf stabile Schneelagen in den kommenden Jahren hoffen.
Tatsächlich sind die Auswirkungen auf den Wassersport überschaubar. Zumindest im Vergleich zu den ökologischen und ökonomischen Folgen: Wertverlust von Anlagen und Betrieben rund um den Wassersport.
Erschwerend kommt hinzu: Weniger Wasser erwärmt sich schneller. Vor Eriskirch und auch vor Lindau treten laut Behörden bereits giftige Blaualgen auf. Wer hier Wasser schluckt, riskiert Hautreizungen und Durchfall. Und im Gegensatz zu den Kieselalgen vor Überlingen sind Blaualgen nicht einmal hübsch anzuschauen.

Freier Mitarbeiter, Südkorrespondent
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