Ein neues Wiki aus Eckernförde dokumentiert 290 Fischkutter – und wird zum digitalen Gedächtnis einer sterbenden Berufskultur. Die Geschichte dahinter beginnt mit einem Modellbau-Projekt, einem unveröffentlichten Manuskript und einem Mann, der nicht zuschauen wollte, wie jahrelange Arbeit einfach verschwindet.
Was von dieser Welt bleibt, droht in alten Manuskripten, privaten Archiven und verblassenden Erinnerungen zu verschwinden. Dagegen hat das Museum Alte Fischräucherei Eckernförde nun ein digitales Gegengewicht gesetzt: eckekutter.de – ein Wiki mit Artikeln zu 290 Fischkuttern, ihren Daten, ihren Eignern und ihren Geschichten.
Im fischreichsten Jahr der Eckernförder Geschichte, 1923, wurden an einem einzigen Tag 372 Tonnen Sprotten und Heringe aus der Förde angelandet. Im gesamten Jahr 2021 waren es dagegen nur noch 37 Tonnen Fisch. Mit dem Ertes Hüdepohl hat entschieden, etwas gegen dieses Vergessen zu tun. Das Ergebnis ist eckekutter.de – das erste digitale Archiv seiner Art im deutschsprachigen Raum.
Die Geschichte von eckekutter.de beginnt 2011. Damals wollte Martin Hüdepohl, Vorstandsmitglied im Museum Alte Fischräucherei Eckernförde, ein Modell des Kutters seines Urgroßvaters bauen: die “Silbermöwe”, einen Kriegsfischkutter. Auf der Suche nach Informationen kam er in Kontakt mit Dr. Herwig Danner, einem Experten für diese Schiffe.
2019 hatte Danner ein Manuskript geschrieben: „Die Fischkutter von Eckernförde", gemeinsam mit Ralf Trümner und Bernd Gradlowski – das Ergebnis jahrelanger geduldiger Recherche in Seeschiffsregistern, Fachliteratur und privaten Archiven. Einen Verlag fand er dafür nicht. Hüdepohl schlug ihm vor, das Ganze als Wiki umzusetzen. „Aber das wollte er nicht – zu neumodisch", erzählt der Informatiker.
2025 erfuhr Hüdepohl vom Tod Danners. „Ich hätte es schlimm gefunden, wenn diese jahrelange Arbeit einfach verschwunden wäre." Er sprach mit seiner Tante Katharina Mahrt, Vorsitzende des Museums Alte Fischräucherei Eckernförde. Sie nahm Kontakt zu Trümner und Gradlowski auf – beide waren sofort begeistert. Ein Konzept wurde entwickelt, ein Förderantrag bei der Elisabeth-Eifert-Stiftung gestellt und bewilligt.
Dann ging es schnell. „Von der ersten Codezeile bis zur fertigen Website hat es nicht einmal eine Woche gedauert", sagt Hüdepohl. Als Informatiker war die Technik für ihn der einfachste Teil. Der eigentliche Aufwand steckte in den 14 Jahren Vorgeschichte.
Was auf den ersten Blick wie ein nüchternes Wiki wirken kann, birgt interessante Geschichten - wie die der “Scholle”. Martin Hüdepohl kennt sie seit seiner Kindheit. Der alte Kutter lag im Eckernförder Hafen – halb vergessen, halb verrottet. „Sie war mir als kleiner Junge schon immer aufgefallen, und ich hatte immer Mitleid mit diesem Schiff, das ich nur als halbes Wrack kannte." Er hielt sie für einen Kriegsfischkutter, unspektakulär, übrig geblieben wie so viele.
Erst mit der Arbeit am Wiki fand er heraus, dass die “Scholle” eins “Burgtor” hieß. Das Schiff wurde 1921 von Max Oertz als Fischerboot mit einem Spitzgatt konstruiert und auf der eigenen Werft am Reiherstieg in Hamburg gebaut. Ihr Schwesterschiff hieß “Holstentor”.
Am 30. März 1925 kaufte Kapitän Carl Kircheiß den in Cuxhaven beheimateten Spitzgattfischkutter “Holstentor” vom Hamburger Reeder Cordes & Peters für 25.000 Mark. Sein Plan: eine Weltumsegelung – aber keine gewöhnliche: Er sah die sportliche Herausforderung darin, alle Seegebiete jeweils im Winter zu durchfahren.
Nach einigen Modifikationen am Schiff und abschließenden Reisevorbereitungen begann die Weltumsegelung am 2. Januar 1926. Mit seinem Kutter und fünf Mann Besatzung steuerte er während der fast zweijährigen Reise etwa 20 Länder auf fünf Kontinenten an. Kircheiß gilt als der erste Deutsche, der die Welt in einem Fischkutter umrundet hat.
Das Schwesterschiff dieser Weltumseglerin, die “Burgtor”, später “Scholle” erfuhr eine stillere Karriere in der Eckernförder Förde. Irgendwann sank sie im Hafen und wurde abgewrackt. Als kleiner Junge schaute Hüdepohl zu. „Ich hatte sie immer für einen Kriegsfischkutter gehalten", erzählt er. „Aber jetzt habe ich herausgefunden, dass sie etwas noch viel Cooleres war."
Die Website dokumentiert bisher 290 Fischkutter mit Kennzeichen, Bauwerften, technischen Daten, Eignern und Umbauten. Drei Menschen pflegen das Wiki: Hüdepohl kümmert sich um die technische Seite, Gradlowski und Trümner halten die Augen nach neuen Informationen offen, korrigieren bestehende Artikel und beantworten Fragen im Forum.
Ein Beispiel für die Detailtiefe ist die Seite zur “Traute”, Ecke 86. 1935 im ostpreußischen Labiau gebaut, fuhr sie zunächst als PIL 24 in Pillau. Im August 1940 wurde sie im Rahmen des Kriegsmarine-Unternehmens „Seelöwe" herangezogen, sank nach einem Fliegerbombentreffer in Boulogne, wurde geborgen, repariert – und tauchte in den 1940er-Jahren in Eckernförde wieder auf. 1979 sank sie schließlich in Büsum und wurde abgewrackt. 290 solcher Geschichten warten auf eckekutter.de – jede ein Stück Zeitgeschichte.
Am Eckernförder Hafen gibt es heute noch eine Handvoll Berufsfischer. Frischen Fisch bekommt man nach wie vor, gefangen wird zurzeit allerdings fast ausschließlich Butt.
Bundesweit sieht es nicht besser aus. Ende 2024 waren nur noch 303 Kutter- und Küstenfischer im Haupterwerb registriert. Anfang der 1990er-Jahre waren es noch mehr als 1.000. Klimawandel, Überfischung, steigende Kosten, schrumpfende Fanggründe durch Windparks und Naturschutzgebiete – die Gründe sind vielfältig. Das Ergebnis ist dasselbe: Kutter verschwinden, ihre Namen werden vergessen, Geschichten gehen verloren.
Parallel zur Website entsteht im Museum Alte Fischräucherei Eckernförde eine Sammlung von Fischkutter-Modellen. Denn fast jeder Fischer besaß einst ein Modell oder ein Gemälde seines Kutters – Ausdruck des Stolzes auf das eigene Schiff. Vier Modelle besitzt das Museum bisher, die zunächst restauriert werden sollen.
„Ich glaube, dass darin großes Potenzial steckt", sagt Hüdepohl. Er hofft, dass in den kommenden Jahren weitere Erinnerungsstücke gestiftet werden – und sie sollen dann auch digital auf eckekutter.de zu sehen sein.
Überhaupt lebt das Wiki vom Mitmachen. Wer eigene Hinweise, Korrekturen, Fotos oder Ergänzungen beisteuern kann, ist laut Hüdepohl herzlich eingeladen, sich über über Kommentare oder das Forum zu beteiligen. Besonders für die Zeit vor den 1920er-Jahren fehlen bislang belastbare Quellen.

Redakteurin Panorama und Reise
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.