Große Pläne 2.0Helgolands Wiedervereinigung

Ursula Meer

 · 05.05.2026

Berühmtes Wahrzeichen: die Lange Anna, eine hoch aufragende Fels­nadel am Nordwestzipfel Helgolands
Foto: Ursula Meer
​Helgoland steht – nicht zum ersten Mal - vor einer Grundsatzentscheidung: Bürgermeister Thorsten Pollmann bringt eine umstrittene Landverbindung zwischen Hauptinsel und Düne erneut auf die Agenda. Grund sind marode Hafenanlagen und ein Sanierungsstau von bis zu 500 Millionen Euro.

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​„Die drei Hafenanlagen und die Landungsbrücke sind richtig marode." Mit dieser nüchternen Feststellung hat Bürgermeister Thorsten Pollmann (parteilos) eine neue Debatte über die Zukunft Helgolands ausgelöst. In einem Interview mit dem „Hamburger Abendblatt" stellte er kürzlich seine Pläne vor: eine Landverbindung zwischen Hauptinsel und Düne durch Sandaufspülung. Gestern, am 4. Mai 2026, wurde darüber in einer Einwohnerversammlung informiert. Laut einem NDR-Bericht fielen die Reaktionen der Helgoländer unterschiedlich aus.

Die Häfen: Ein Sanierungsstau in dreistelliger Millionenhöhe

Die Idee ist nicht neu. Bereits 2008 legte das Hamburger Bauunternehmen HC Hagemann eine Machbarkeitsstudie vor, 2011 scheiterte der Plan in einem Bürgerentscheid mit 54,74 Prozent der Stimmen. Doch die Probleme, die Pollmann jetzt benennt, haben sich verschärft: Marode Infrastruktur, akuter Wohnraummangel, eine schrumpfende Bevölkerung – und niemand hat das Geld für die Sanierung der Häfen.

Seit einigen Jahren wurde und wird im Bereich des Südhafens und Vorhafens bereits viel investiert - sie sind heute wichtige Anlaufpunkte für die Offshore-Industrie. Auch der Binnenhafen vor den ikonischen Hummerbuden wurde bereits 2021saniert. Alle drei sind Bundeshäfen, die noch aus der Zeit des zweiten Weltkriegs stammen und massiven Sanierungsstau aufwiesen.

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Riesige Baustellen bleiben dennoch. Rund 500 Millionen Euro werden für die dringend notwendigen Sanierungsarbeiten an den übrigen Häfen und Kajen gerechnet, wobei der Hochwasserschutz noch nicht eingerechnet ist. Die Gemeinde habe für diese Aufgabe kein Geld - Bund, Land und Kreis auch nicht.

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Der Bürgermeister sieht in einer Landverbindung zur Düne eine Möglichkeit, die finanzielle Last zu senken: Eine Landverbindung durch Aufspülung könnte laut ersten Kalkulationen mit etwa 250 Millionen Euro deutlich günstiger sein. Gleichzeitig würde ein Teil der maroden Hafenstrukturen direkt mitsaniert, ein anderer Teil würde unter dem Sand verschwinden.

Die Vorgeschichte: Machbarkeitsstudie von 2008

Die Pläne für eine Landbrücke sind nicht neu. Im Mai 2008 erregte eine Machbarkeitsstudie im Auftrag der HC Hagemann real estate GmbH aus Hamburg bundesweit Aufsehen. Die Studie unter Beteiligung des Instituts für Wasserbau der Technischen Universität Hamburg-Harburg sowie dem Alfred Wegener Institut - Biologische Anstalt Helgoland untersuchte die Möglichkeiten einer umfassenden Neuausrichtung der Insel Helgoland. In Auftrag gegeben wurde sie damals von Arne Weber, Seniorchef des Bauunternehmens mit familiären Wurzeln auf Helgoland. Das Unternehmen baut seit über 100 Jahren auf Helgoland.

Die Machbarkeitsstudie bezifferte die notwendigen Investitionen zur Landgewinnung seinerzeit mit rund 80 Millionen Euro. Die Ablehnungsfront gegen Webers Pläne war groß – einige Bewohner bezeichneten ihn als größenwahnsinnig. Im Bürgerentscheid 2011 stimmten 54,74 Prozent gegen den Plan. 15 Jahre später wurde er wieder aus der Schublade gezogen.


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Die Pläne: Sandaufspülung über 900 Meter Wasser

Thorsten Pollmann erläuterte am Montag laut NDR-Bericht über eine Stunde lang seine Pläne. Für ihn sie die Aufspülung kein Luxus oder eine auf Aufmerksamkeit zielende Idee, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Tatsächlich ist die Trennung der Insel ist kein immer schon dagewesener Naturzustand, sondern das Ergebnis einer verheerenden Neujahrsflut im Jahr 1721. Damals wurde die Landverbindung zwischen dem Buntsandsteinfelsen und der Sanddüne weggerissen. Seitdem trennen rund 900 Meter Wasser die beiden Eilande.

Pollmanns Plan sieht vor, dass die Gemeinde kein Geld für die Aufspülung ausgibt. Stattdessen sollen private Investoren und das Land für die Kosten aufkommen. Die Idee ist, dass dann unter anderem neue Hotels und Wohnungen auf der Fläche entstehen, die die Kosten der Sandaufspülung refinanzieren. In die Wohnungen sollen dringend benötigte Fachkräfte wie Pflegepersonal und Feuerwehrleute einziehen. Zudem gibt es Ideen für ein Gezeitenkraftwerk unter der geplanten Landverbindung.

Technische Herausforderungen unterschätzt?

Die Wissenschaft warnt indes vor einer Verharmlosung des Unterfangens. Professor Dr. Christian Winter, Geowissenschaftler der Universität Kiel und Leiter der Arbeitsgruppe Küstengeologie und Sedimentologie, warnt davor, den technischen Anspruch zu unterschätzen. Im Interview mit dem NDR erklärt er, dass es keineswegs damit getan sei, einfach nur Sand abzukippen.

Da zwischen der Hauptinsel und der Düne hohe Strömungsgeschwindigkeiten herrschen, würde der Sand ohne aufwendige Sicherungsmaßnahmen wie Kofferdämme oder Spundwände sofort wieder abgetragen werden. Um die geplante Landbrücke stabil zu errichten, müssten Sandschichten von weit über zehn Metern Höhe aufgespült werden.

Aus für legendäre „Helgoländer Acht“?

Eine Landbrücke würde auch den Segelsport betreffen. So zeichnet sich der "sebamed-Cup Helgoländer Acht" - eine Traditionswettfahrt der Nordseewoche - durch zwei entgegengesetzte Kurse zwischen Düne und Helgoland aus. Wechselnde Wind- und Tidenverhältnisse machen diese Wettfahrt sehr anspruchsvoll; auf viele Segler übt das einen besonderen Reiz aus.

Auch beim "Capitell-Cup Rund Helgoland" umrunden die Boote die Insel mit der markanten roten Steilküste und der vorgelagerten Düne, wobei Start und Ziel zwischen Insel und Düne liegen. Eine Landverbindung würde die Kurse dieser traditionellen Regatten, die teilweise seit mehr als 100 Jahren gesegelt werden, grundlegend verändern.

Wie geht es weiter?

Bürgermeister Pollmann sagte laut NDR, er selbst sei - wie schon 2011 - hin- und hergerissen. "So wie es jetzt ist, ist es schon cool." Die Zeit habe sich aber geändert. Er sei kein Freund davon, die Insel zu verändern, betont Pollmann. „Aber ich sehe im Moment keine andere Lösung."

Der Bürgermeister hat nach eigenen Angaben vorab niemanden in seinen Plan, die Diskussion neu zu beleben, eingeweiht. „Das war der erste Aufschlag. Alle sollten davon überrascht werden." Er wolle vermeiden, dass es einen Streit wie beim letzten Mal gibt. „Wir wollen das hier ganz vernünftig und strukturiert diskutieren."

So betonte Pollmann mehrfach, dass alle Seiten, Einwürfe und Ideen dazu gehört werden sollen. Sein Wunsch: Die Helgoländerinnen und Helgoländer sollen noch einmal abstimmen, am liebsten noch in diesem Jahr. Ob die "Wiedervereinigung" der richtige Weg ist, das wird sich dann auch noch an anderer Stelle zeigen müssen. Sollte das Projekt erneut konkret werden, wäre eine Umweltverträglichkeitsprüfung zwingend erforderlich. Denn das Vorhaben würde in hochsensible Schutzgebiete eingreifen – darunter das größte Naturschutzgebiet Schleswig-Holsteins, der Helgoländer Felssockel. Die Düne ist heute Wurfgebiet für über 670 Kegelrobben und steht teilweise unter FFH-Schutz.

Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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