Bodensee im WandelWas Skipper jetzt zu Quagga-Muschel, HVO-Diesel und neuen Regeln wissen müssen

Antonia von Lamezan

 · 24.04.2026

Niedriger Pegelstand im Frühjahr: Die Stege liegen auf dem Trockenen
Foto: YACHT/ Michael Good
Kristallklares Wasser, weite Horizonte und die Alpen im Rücken – der Bodensee ist für Skipper eines der faszinierendsten Reviere Europas. Doch der See verändert sich. Extreme Pegelstände, die Ausbreitung der Quagga-Muschel und neue Reinigungspflichten beim Gewässerwechsel fordern Bootseigner heraus. Wie Sie Ihr Boot schützen, Bußgelder in der Schweiz vermeiden und warum der Griff zur richtigen Zapfsäule den Unterschied macht, erfahren Sie hier.

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Der Bodensee ist weit mehr als eines der größten Binnenreviere Europas: Er ist ein sensibles Ökosystem und versorgt Millionen Menschen mit Trinkwasser. Doch der See ist im Wandel. Ausbleibende Tiefendurchmischungen, extreme Pegelstände und invasive Arten wie die Quagga-Muschel setzen das Gewässer unter Stress. Skipper können einen Beitrag zum Erhalt des Reviers leisten: Auf E-Antriebe oder synthetische Kraftstoffe setzen, biozidfreies Antifouling nutzen und einen respektvollen Umgang mit den Naturschutzregeln pflegen.

Quagga-Muschel: Gefahr für See und Boote

Die aus dem Schwarzmeer-Raum eingeschleppte Quagga-Muschel besiedelt den Seeboden des Bodensees mittlerweile in Dichten von teilweise 800 bis über 10.000 Exemplaren pro Quadratmeter. Sie filtert große Mengen Wasser und entzieht Nahrung für Plankton, welches wiederum eine wichtige Nahrungsgrundlage für Fische ist. Zudem besiedelt sie Rohre und Bojen und verstopft Leitungen von Wasserwerken.

Quagga-Muschel mehr als ein ökologisches Ärgernis

Für Skipper ist die Quagga-Muschel eine echte Gefahr für ihr Boot: Sie setzt sich an Rümpfen fest, erhöht den Reibungswiderstand und kann im schlimmsten Fall Kühlwasserleitungen zusetzen.

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Wichtig für den Gewässerwechsel

Wer sein Boot in andere Gewässer trailert, muss besonders vorsichtig sein. Ein einfaches Abspritzen mit dem Gartenschlauch reicht oft nicht aus. Nur eine Heißreinigung über 60°C tötet die mikroskopischen Larven der Quagga-Muschel zuverlässig ab. Experten raten dazu, das Boot und den Trailer bei einem Gewässerwechsel professionell zu reinigen. Dabei sollte besonders auf schwer zugängliche Stellen wie den Ankerkasten, Bilgenwasser und den Motor-Kühlkreislauf geachtet werden.

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Besonders beim Trailern in die Schweiz ist Vorsicht geboten. Wer plant, sein Boot in Schweizer Gewässer zu überführen, sollte die strengen Regeln unserer Nachbarn kennen: In vielen Kantonen herrscht mittlerweile eine strikte Reinigungspflicht für Schiffe, die vorher in einem anderen Gewässer (wie dem Bodensee) lagen.

  • Zertifikat: Skipper müssen eine fachgerechte Reinigung oft per Meldebestätigung oder Zertifikat nachweisen. Dafür wurden eigens ein Online-Portal eingerichtet, über das ein geplanter Gewässerwechsel angemeldet wird. Im Anschluss an die Reinigung bei einer zugelassenen Reinigungsstelle, wird eine Einwasserungsbewilligung ausgestellt.
  • Kontrollen: Ohne die Einwasserungsbewilligung als Nachweis kann das Einwassern verweigert werden. Informieren Sie sich vorab bei den zuständigen Schifffahrtsämtern (z. B. Kanton Thurgau oder St. Gallen), um Bußgelder und eine Zwangspause an Land zu vermeiden.

Extremere Pegelstände

Der Wasserspiegel des Bodensees schwankt jährlich um etwa 1,2 Meter, abhängig von Regen- und Schneemengen. Der Klimawandel verstärkt diese Schwankungen. Relevante Einflussfaktoren sind auch die alpine Wasserkraft mit ihren Speicherseen, historische bauliche Maßnahmen am Auslauf des Obersees und das Pflanzenwachstum im Seerhein. Ursache für den im Jahresverlauf schwankenden Wasserpegel sind die unterschiedlich großen Wassermengen, die in den Bodensee gelangen. Aus dem See abfließende Wassermengen hingegen verändern sich weniger, denn der Bodensee ist einer der wenigen unregulierten Alpenseen.


Mehr zum schwankenden Wasserpegel am Bodensee:


Laut Dr. Gernot Längle, dem Vorsitzenden der IGKB, haben die tiefen winterlichen Wasserstände bisher keine negativen Auswirkungen auf das Ökosystem des Sees. Der übliche Jahresgang mit über einem Meter höheren Wasserständen im Sommer bleibt erhalten. Für die empfindliche Flachwasserzone und die Schilfgürtel zählt jedoch der Zeitpunkt. Wenn das Wasser im Frühjahr zu spät steigt oder im Winter stark zurückweicht, verlieren Fische ihre Laichgründe und Wasservögel ihre geschützten Brutplätze.

Skipper sollten besonders in den Winter- und Frühjahrsmonaten vor jedem Törn den aktuellen Pegelstand prüfen. Wer flache Buchten bei Niedrigwasser meidet, schützt nicht nur seinen Kiel vor Grundberührung, sondern schont auch die gestressten Rückzugsräume der Uferfauna.

​Sauberer Antrieb: HVO-Diesel und E-Mobilität am See

Dass Umweltschutz und Fahrspaß zusammenpassen, zeigt Sonja Meichle. Als Chefin der größten Marina am See und Vizepräsidentin des Bundesverbands Wassersportwirtschaft verbindet sie die Leidenschaft für den Wassersport mit ökologischer Verantwortung. Ihr Credo: Die Branche wartet nicht auf Verbote, sie liefert bereits Lösungen.

Der Bodensee wird zum Vorreiter für saubere Antriebe. Meichle erklärt, dass der Trend bei kleinen Außen- und Innenbordern seit Jahren gezielt in Richtung Elektroantrieb ginge. Für größere Motoren stünden noch technische Entwicklungen wie bipolares Laden und Range-Extender aus, jedoch tue sich in dieser Hinsicht gerade sehr viel. Damit der Umstieg gelingt, wird parallel die Lade-Infrastruktur in den Häfen rund um den See massiv ausgebaut.

​Für alle, die noch mit Verbrennern unterwegs sind, gibt es eine unkomplizierte Lösung, die sofort Wirkung zeigt. Gegenüber der Yacht-Redaktion erzählt Meichle:

„Alle drei großen deutschen Seetankstellen haben bereits auf synthetischen HVO-Diesel umgestellt.“

Wie sie bereits in früheren Berichten betonte, können herkömmliche Dieselmotoren diesen Kraftstoff problemlos und rückstandsfrei verwenden. HVO ist nach EN 15940 zertifiziert und für die meisten modernen Dieselmotoren ohne Umrüstung freigegeben. An den Seetankstellen Kressbronn-Gohren, Konstanz-Wallhausen und Bodman-Ludwigshafen ist es erhältlich. Bis die Elektromobilität bei größeren Motoren technisch ausgereift ist, lassen sich so die CO2-Emissionen sofort massiv reduzieren. Ein Nebeneffekt, der die Crew freuen wird: Auch der lästige Dieselgeruch im Cockpit gehört damit der Vergangenheit an.

Auch beim Thema Antifouling findet ein Umdenken statt. Was im letzten Jahr noch mit Skepsis betrachtet wurde, wird laut Meichle nun zum Standard: „Die bisherigen Erfahrungen mit biozidfreiem Antifouling sind gut. Es wirkt – natürlich abhängig von Faktoren wie Wassertemperatur und Nutzungshäufigkeit des Bootes.“ In ihrer Marina geht die Empfehlung klar zu biozidfreien Produkten.

Eigenverantwortung statt Paragrafen

Während die Schweiz in vielen Kantonen auf strikte Registrierungsverfahren und Reinigungspflicht gegen die Quagga-Muschel setzt, vertraut Meichle auf Eigenverantwortung und Wissen. Starre Regeln seien schwer zu kontrollieren, besonders bei SUPs oder Kleinstbooten.

Sonja Meichle ist überzeugt:

Besser, man setzt auf Aufklärung und Sensibilisierung, sodass Menschen sich freiwillig umsichtig verhalten. Mit übergestülpten Regeln kommt man nicht weit.“

Ihre Marina wird deshalb zum Lernort: In Vorträgen erfahren Skipper alles über umweltfreundliche Pflege, Trinkwasser-Sparen und die richtige Heißreinigung bei Gewässerwechseln. Das Ziel ist klar: Den Bodensee als Ökosystem und Revier erhalten, mit Verstand statt Vorschriften.

Quick Check: Sicher und sauber durch die Bodensee-Saison

  • Antifouling: Stellen Sie auf biozidfreie Produkte um, um die Wasserqualität zu schützen.
  • Tanken: Nutzen Sie HVO-Diesel (EN 15940) für weniger Geruch und Emissionen
  • Einwasserungserlaubnis bei Überführung in die Schweiz: Stellen Sie sicher, dass Ihnen eine Einwasserungserlaubnis erteilt wird, bevor Sie Ihr Boot in Schweizer Gewässer trailern.
  • Pegel-Check: Vor dem Törn Wasserstände prüfen, um Grundberührungen in flachen Buchten zu vermeiden
  • Ressourcen schonen: Reinigen Sie das Deck mit Seewasser statt mit kostbarem Trinkwasser und verwenden Sie ausschließlich biologisch abbaubare Reinigungsmittel.
  • 60°C-Regel: Töten Sie Larven der Quagga-Muschel bei einem Gewässerwechsel durch eine Reinigung bei über 60°C ab.
  • fachgerechte Entsorgung: Geben Sie Ihr Abwasser und Ihren Müll ausschließlich an den dafür vorgesehenen Stationen in den Häfen ab.
  • Uferzonen respektieren: Halten Sie sich innerhalb der 300-Meter-Zone strikt an das Schnellfahrverbot (maximal 10 km/h sind erlaubt). Bleiben Sie auch unter Segeln Schilfgürteln freiwillig fern, um Brutvögel nicht zu stören
  • verantwortungsbewusstes Ankern: Ankern Sie nur in den ausgewiesenen Zonen und beachten Sie die maximale Liegedauer von 24 Stunden.
  • Schutzgebiete meiden: Befahren Sie keine markierten Naturschutzgebiete, um die lokale Flora und Fauna zu bewahren.

Warum das Ökosystem zusätzlich unter Stress steht

Neben den sichtbaren Veränderungen ist der Bodensee von einem weiteren, bisher weitgehend unsichtbaren Problem betroffen: Zum achten Mal in Folge blieb die winterliche Tiefendurchmischung aus. Bis vor einigen Jahren kühlte im Winter das sauerstoffreiche Oberflächenwasser ab, wurde schwerer und sank bis auf den 251 Meter tiefen Grund. Nährstoffreiches Tiefenwasser wurde verdrängt und stieg nach oben. Dieser Kreislauf versorgte Organismen am Grund des Sees mit Sauerstoff und brachte Nährstoffe für das Wachstum nützlicher Kieselalgen an die Oberfläche: die Basis der Nahrungskette im Ökosystem Bodensee. Seit acht Jahren sind die Winter nicht mehr kalt genug für diesen Vorgang. Während an der Oberfläche wichtige Nährstoffe fehlen, begünstigt das zunehmend warme, stehende Wasser die Ausbreitung von weniger erwünschten Arten wie Blaualgen. Das Ökosystem verschiebt sich: Spezialisierte Arten verschwinden allmählich, wärmeliebende Generalisten breiten sich aus.

Noch ist die Sauerstoffversorgung nicht kollabiert. Am tiefsten Punkt, im Bodenseeteil Obersee, wurden in diesem Winter etwa noch sechs bis sieben Milligramm Sauerstoff pro Liter gemessen, an der Oberfläche deutlich mehr. Sauerstoff kommt also unten an, aber nicht mehr in dem Maß, das für ein robustes System ideal wäre. In flacheren Seeregionen wie der Bregenzer Bucht und im Überlinger See funktioniert die Zirkulation weiterhin.


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Antonia von Lamezan ist gebürtige Hamburgerin und studierte Kultur- sowie Sozialwissenschaftlerin (Lüneburg/Kopenhagen). Obwohl die Seefahrt zur Familiengeschichte gehört, fand sie den eigenen Weg aufs Wasser erst als Erwachsene – dann jedoch mit voller Begeisterung und Konsequenz: Innerhalb eines Jahres absolvierte sie alle für die Langfahrt erforderlichen Scheine, tauschte das geregelte Stadtleben gegen das eigene Boot und segelte zwei Jahre lang auf eigenem Kiel durch Europa. Als Volontärin in der Redaktion verbindet sie nun fachlichen Hintergrund mit ihrer Leidenschaft für das Meer, Boote und das Schreiben.

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