Essay“Jeg elsker dig, mit danske sydhav”– Liebesbrief an Dänemark

Steffi von Wolff

 · 21.01.2026

Jeg elsker dig, mit danske sydhav  – Ich liebe Dich, meine dänische Südsee.
Seit 20 Jahren ist das kleine Königreich unter dem Dannebrog ein zweites Zuhause für unsere Autorin Steffi von Wolff. Ihr Liebesbrief an Dänemark.

​Dänemark, du kleiner schöner Staat im Norden, du kriegst mich immer wieder, immer wieder aufs Neue. Es fängt schon damit an, dass ich weiß: Wenn ich hinter Flensburg über die Grenze fahre, brauche ich keinen vierten Gang mehr. Drei genügen völlig. Dann geht’s vorbei an baufälligen Häusern, die in ihrer Blütezeit, als man hier als Urlauber noch einkehrte und Geld wechselte, mal alles Mögliche verkauft haben, vom Loppemarked bis hin zur Erotik, hier und da eine Pizzeria, ein Isenkram. Alles nicht mehr ganz up to date, aber wenn ich hier vorbeifahre, dann gibt’s dänisches Flair pur.


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Man fährt gemächlich hinter den dänischen Autos her, deren Fahrer die ­Ruhe gepachtet haben – nie wieder ­habe ich welche gesehen, die langsamer in die Kurve fahren. Ein herrliches Gefühl, einfach ganz locker zu warten, bis sie mal losgefahren sind. Vielleicht wird es Mormor ja schlecht in Kurven.

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Ein Muss: der Hotdog direkt hinter der Grenze. Oder die Pommes mit Hagelsalz. Dann ist man da, dann weiß man: Gleich kommen die Weiden mit Kühen und Pferden, durch kleine Orte werde ich fahren und dann auf die Uhr gucken. Werde ich die Brücke noch schaffen, die Jütland von Alsen trennt? Um viertel vor voll öffnet sie, alt und behäbig und zuverlässig. Kong Christian Bro. Mit Krone. Denn wir befinden uns in einem Königreich! Ja, Dänemark – du kriegst mich immer wieder!

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Wenn ich die Brücke nicht erwische – was soll’s. Dann warte ich halt und gucke mir die Boote im Stadthafen an, die dort längsseits liegen. Eine hübsche Promenade gibt’s da, mit schönen Restaurants und dem besten Eis der Welt. Und Muscheln in Weißweinsud – himmlisch.

In Dänemark verändert sich die Zeit

Eine träge, grundgemütliche Stimmung nimmt von mir Besitz, sobald ich in Dänemark – in meinem Fall also auf der Insel Alsen – angekommen bin. Seit über 20 Jahren liegt unser Boot nun in Sønderborg, seit über 20 Jahren freue ich mich auf Conny im Kiosk, die mich mit einem fröhlichen „Hey!“ begrüßt und mich klatschmäßig auf den neuesten Stand bringt. Neue Pfähle wurden gerammt, und es wird einen neuen Hafenmeister geben, und, und, und – und dann freue mich auf John, den ehemaligen Hafenmeister, der mittlerweile pensioniert ist und immer meinen Käsekuchen einfordert, was zur Folge hat, dass ich zwei backe, weil mein Mann sich sonst ungerecht behandelt fühlt.

Als adelsaffiner Mensch liebe ich es auch, wenn die königliche Yacht, die „Dannebrog“, am Sønderborger Hafen längsseits direkt vor dem Schloss liegt, bewacht von vielen weiß gewandeten Menschen, der Besatzung nämlich. Irgendwann in diesem Leben werde ich Königin Mary und König Frederik vielleicht in einer Eisdiele treffen und sie fragen, ob sie ein Glas Wein mit uns trinken möchten. In Dänemark ist das sicher einfach, man wird ja wohl mal fragen dürfen, auch wenn der König der einzige Mensch im Land ist, der nicht geduzt wird. Die sind da doch alle ganz locker. Vielleicht sind wir uns so sympathisch, dass wir an Bord der „Dannebrog“ bei einem gepflegten Whisky ein Ründlein Rommé spielen. Das wäre doch mal was. Immerhin ist der Gute ja auch Segler.

An diesem Tag, nach der Ankunft, verändert sich immer wieder aufs Neue die Zeit. Sie wird weicher und dehnt sich, fließt in langsamen, warmen Wellen an jeden Ort. Die Dänische Südsee ist so ein Ort. Dänische Südsee! Allein diese Bezeichnung! Klar – sie ist unter Wassersportlern schon lange kein Geheimtipp mehr, aber sie verspricht ihnen immer wieder Ruhe, Weite und all das, was das Leben einmal war, bevor alles laut und schnell wurde. Es ist einfach herrlich. Alles wird träge, gelassen. Es ist, als ob man von innen mit Glück angemalt wurde!

Hier ist alles ein bisschen hyggeliger

Wenn man dann losmacht, ablegt und auf Kurs geht, ändert sich nicht nur die Landschaft, auch die Stimmung wird eine andere. Manchmal – wir waren nur zwei Tage unterwegs – fragte mich mein Mann: „Wie lange sind wir schon an Bord?“ Ganz ehrlich: Gefühlt eine Woche. Das ist diese träge, beruhigende, gesunde und mit nichts zu vergleichende Gelassenheit, die von einem Besitz genommen hat. Alles wird langsamer, die Hektik verschwindet irgendwo unter den Bodenbrettern in der Bilge.

Gespräche, Töne werden leiser. Die Welt freundlicher. Menschen grüßen sich wieder. Sie lächeln dich an. Vor den Geschäften in den Fußgängerzonen brennen Kerzen in großen Gläsern. Hierher kommt man nicht, um schnell weiterzueilen, sondern um zu bleiben.

Wer einmal ein paar Tage in Ærøskøbing war, der malerischen uralten Stadt auf Ærø, der weiß, was ich meine. Wer offen dafür ist, der merkt bald: Hier ist alles ein bisschen hyggeliger. Was ist das überhaupt für ein Wort? Es gibt einige Erklärungen dafür: gemütlich, angenehm, nett und gut. Da­rü­ber hinaus gibt es noch andere, durchaus als positiv zu beurteilende: geborgen, intim, behaglich, im trauten Heim, lieblich, malerisch. Jedenfalls ist es ein Wort, das man nicht wirklich übersetzen kann, eher erleben. Wer dann durch die alten, kopfsteingepflasterten Straßen des Ortes geht, der erlebt, dass die Zeit hier einfach stehen geblieben ist. Windschiefe Häuser mit winzigen Fenstern, Blumen und Bänke überall. Die Stadt ist 750 Jahre alt, und es fehlt nur, dass gleich ein Pferdefuhrwerk um die Ecke kommt, dass einem Martkfrauen in langen Röcken Kartoffeln oder Erdbeeren verkaufen wollen – ach, es gibt keine Ecke, kein Stück auf dieser Insel, das nicht schön ist.

Und um die hyggelige Einstellung der Dänen mal am eigenen Leib zu spüren: Der Bus nach Marstal kostet nichts. Warum? „Ach, weißt du, das war so ein Aufwand, da haben wir es gelassen“, sagt der nette Busfahrer.

Die Stimmung in Dänemark überträgt sich

Auf dem Weg zum Strand läuft man an Dutzenden alter Badehäuser vorbei, die in allen möglichen Farben strahlen und ein pittoreskes Bild abgeben. In der Bucht davor zahlreiche Yachten, mit urlaubenden Menschen, die vor Anker die Stille genießen.

Dann weiter. Heute auch mal ankern? Klar, der Wind ist gut, das Wetter auch. Wir werfen den Anker vor Avernakø, die Luft ist lau, eine leichte Brise weht, und dann spüren wir das sanfte Schaukeln, während die Abendsonne das Wasser in ein flüssiges, warmes Gold taucht. Wir essen noch ein paar Zimtrollen aus der Bäckerei und freuen uns auf ein Getränk. Es ist dieses Glück, morgens der Geruch von frischem Kaffee, vielleicht ein Bad in der zwar kühlen, aber unvergleichlichen Ostsee, und dann geht es weiter nach Faaborg. Der schlendernde Gang durch die Stadt, wo die Verkäuferinnen so herzlich lachen, als wärst du nicht der zehnte Tourist, sondern ein alter Freund. Sogar die Kinder bewegen sich hier anders. Ja, es ist die Art, wie Kinder barfuß über den Steg laufen, ohne dass jemand ruft: „Vorsicht!“ – weil hier niemand ständig vor allem Angst hat. Und das überträgt sich.

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Was mir übrigens noch aufgefallen ist: In Dänemark kleiden sich die Frauen gemütlich, anders kann ich es nicht beschreiben. Die quetschen sich nicht in enge Oberteile, sondern tragen luftige Blusen mit Blumen drauf, um die Beine Leinenhosen, und man sieht ihnen an, dass sie sich wohlfühlen.

Die Menschen, die hier leben und auch segeln, bewahren sich ihren unaufgeregten Stolz. Sie protzen nicht. Hier gibt es fast keine 50-Fuß-Yachten. Die meisten Häfen haben dafür sowieso nicht genügend Tiefgang. Keine Klimaanlage unter Deck, wie man das ja vom Mittelmeer manchmal hört. Gegen die Hitze dort, die nicht zu ertragen ist – tagsüber wie nachts. Kaum ein Liegeplatz, und wenn, dann im Päckchen und dann Musik bis zum Morgengrauen. Die Leute hier haben zum Teil alte, super gepflegte Boote, liebevoll restauriert, und mehr als etwas Hilfe beim Anlegen brauchen sie nicht.

Es ist so, die Menschen hier sind freundlich und hilfsbereit, aber nicht aufdringlich. Wer hier unterwegs ist, der ist willkommen. Ohne Gedöns. Wenn man die Dänische Südsee als Roman beschreiben müsste, wäre das gelassene, angenehme Unterhaltung ohne Drama. Aber mit Happy End. Und hin und wieder einer Flasche Øl.

Die Momente, in denen alles stimmt

Weiter geht’s nach Svendborg. Im Stadthafen machen wir fest, der erste Gang gilt Bendixen, dem nahe gelegenen Fischgeschäft. Einmal Tintenfischringe mit Remoulade, einmal Fischfrikadelle mit diesem unglaublich leckeren, bestimmt ungesunden Kartoffelsalat – aber ohne geht es nicht. Dann auf in den Ort, guck mal, das Geschäft da hat neu aufgemacht, aber den Schiffszubehörladen gibt es noch. Was mir in Geschäften und Bouti­quen dort auch immer wieder auffällt: Wir werden nicht kontrolliert. Niemand steht hinter einem und guckt, ob wir ja auch bloß nichts einsacken. Ich glaube, jeder, der das machen würde, würde sich in Grund und Boden schämen. Denn so was, das macht der Einheimische oder der Tourist oder wer auch immer hier, in Dänemark, in dem kleinen Land mit der großen Geschichte, einfach nicht. Auf dem Rückweg zum Fotex, einkaufen. In jedem Fall leckeren Muscadet, denn wir haben bei Bendixen Austern bestellt.

Nun schnell wieder rauf aufs Schiff, Wein in den Kühler, Austern geöffnet, und dann beginnt die wunderbare blaue Stunde, die fast überall schön, aber hier wunderschön ist. Die Weingläser beschlagen, die Austern werden mit Zitrone beträufelt. Musik? Die braucht man nicht. Das sind dann diese Momente, in denen alles stimmt. Das ganze Drumhe­rum, der Mensch, der einem gegenübersitzt, der leichte Wind, das Sommergefühl auf der Haut, die Sicherheit. Ja, Sicherheit. Das hat Dänemark so an sich – man fühlt sich sicher.

Abende im Cockpit

Und dann die Abende. Der Himmel wird langsam rot, dann violett, dann still. Auf dem Nachbarboot spielt jemand Gitarre. Niemand empfindet das als Geräuschbelästigung. Ich fände es sogar schön, wenn jemand Akkordeon spielen würde. Hier gehört das dazu. Selbst die Möwen hier kreischen nicht – sie klingen, als würden sie sich dafür bedanken, auch Teil dieses Moments zu sein.

Beim zweiten Glas Muscadet, wenn man auf die dösenden Schiffe guckt, dann ist das zu spüren, was man im Alltag so oft vermisst. Dass es reicht. Dass das hier genug ist. Dass man nicht mehr braucht. Wer von selbst darauf kommt, der hat dann alles richtig gemacht, denn die Dänische Südsee, die zwingt einen gar nicht zum Runterkommen – sie lädt dich vielmehr dazu ein. Was du draus machst, liegt allein an dir. In wirklich jedem Ort Dänemarks begegnet einem diese sprichwörtliche Herzlichkeit, und viele Menschen strahlen eine Wärme aus, die körperlich zu spüren ist.

Wenn man ein paar Wochen unterwegs war und wieder Richtung Sønderborg unterwegs ist, hat man hoffentlich Sand im Gepäck, schöne Eindrücke im Kopf, eine glückliche oder zumindest zufriedene Seele – und vielleicht hat sich sogar der Herzschlag ein bisschen beruhigt. Es ist so: Die Dänische Südsee hinterlässt Spuren im Inneren. Vielleicht ein bisschen wie die phosphoreszierenden Lichtpunkte im Kielwasser in einer warmen Sommernacht. Ja, natürlich regnet es hier auch mal und man muss Hafentage einlegen. Aber: Was soll’s? Da halten wir es doch alle wie Karl Valentin: „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, dann regnet es auch!“

Und ja, ich gebe zu: Sobald ich über die dänische Grenze nach Deutschland zurückfahre, werde ich schon nach kurzer Zeit angehupt. Ja klar, weil ich zu langsam fahre. Aber ich lasse mir die Zeit. Ich will noch ein bisschen das Dänemark-Gefühl in mir haben. Während ich fahre, esse ich ein paar Zimtschnecken. Zum Glück ist noch Saison. Nächste Woche kann ich den vierten Gang wieder vergessen! Tak Danmark, du gør mig altid glad! (dt.:Danke, Dänemark, Du machst mich immer glücklich!)

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