NorwegenSemesterferien unter Segeln -Sommer in den Lofoten

Jill Grigoleit

 · 26.07.2026

68°5’N 013°20’E: Die Insel Flakstadøya ist eine der zentralen Hauptinseln des spektakulären 
Lofoten-Archipels etwa 90 Seemeilen nördlich des Polarkreises.
Foto: Hannah Hoven
YACHT-Leserin Hannah Hoven ist mit ihrer Vindö 40 „Lilja“ von Kiel nach Norwegen gesegelt, um dort im Wintersemester an Bord zu wohnen und den Sommer nördlich des Polar­kreises zu verbringen. Erste Einhanderfahrungen, ein Winter zwischen Hörsaal und eisigen Bordwänden und im Sommer die Mitternachts­sonne über den Lofoten. Teil 3: Sommer in den Lofoten.

Themen in diesem Artikel

Ein Text von Hannah Hoven

​Mitte Juni gebe ich meine Master­arbeit ab und kann es kaum erwarten, wieder loszusegeln. Von Trondheim geht es über den Polarkreis nach Bodø. Für die 300 Seemeilen ist Jakob mit an Bord. In den ersten 60 Stunden gehen wir nur ein paar Stunden vor Anker. Als wir dank Elektromotor lautlos in die Ankerbucht motoren, lassen sich die Papageitaucher auf den umliegenden Felsen durch uns nicht stören. Nach einer kurzen Pause nutzen wir den Südwestwind, um zügig weiter nach Norden zu kommen. Als uns der Wind verlässt, legen wir in Ylvingen an.

Norwegen im Sommer

Zwei Tage später kommt der Wind wieder, es zieht uns in den Norden. Im warmen Ostwind segeln wir zwischen den Bergen über das glatte Wasser. Die Sonne geht unter, verweilt nur kurz hinter dem Horizont, behält alles in anhaltender Dämmerung und geht wieder auf. Die Bergsilhouetten staffeln sich in Blautönen. Der Ostwind bringt starke Böen und Fallwinde. Und plötzlich tauchen sie auf: die Gipfel der Sieben Schwestern, mächtig und still.

Mitternachtssonne über den Lofoten

Mal wieder Crewwechsel: Ab Bodø segle ich mit Anne und Kristin weiter. Es ist Mitternacht, als wir im Cockpit sitzen und selbst gefangenen Fisch essen. Am Heckkorb baumelt noch der Eimer, in dem wir die Fische transportiert haben. Wir steigen auf den Hügel hinter dem Boot und blinzeln in die Mitternachtssonne. Am Horizont sehen wir die Bergkette der Lofoten. Atemberaubend. Zehn Tage verbringen wir hier. Richtig dunkel wird es nicht. Wann wir segeln, bestimmt nur der Wind. Henningsvær ist der nördlichste Ort unserer Reise. Von hier aus segeln wir entlang der Ostseite der Lofoten Richtung Süden.

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Am 9. Juli um drei Uhr klingelt der Wecker. Der Westwind drückt „Lilja“ auf den Gastpier in Røst. Um uns herum nur Fischerboote. Leise krieche ich aus der Vorpiek. Zwischen uns und dem nächsten Etappenziel liegen knapp 80 Seemeilen. Im tiefen Amwind-Kurs verlassen wir den Schutz der vorgelagerten Felsen, die bald in unserem Kielwasser verschwinden. Kein Land mehr in Sicht. Grinsend steuere ich uns Richtung Træna, einer Inselgruppe, wo in den nächsten Tagen ein Musikfestival stattfindet. Gegen 20 Uhr steht Trænas markante Felsformation am Horizont. Wir kreuzen den Polarkreis erneut, diesmal nach Süden.

Norwegen wie aus dem Bilderbuch: Tanzen am Polarkreis

Auf dem Festival tanzen wir in der Mitternachtssonne, im Matsch und mit Aussicht übers Meer. Für ein Konzert steigen wir durch einen nur mit Kerzen beleuchteten Tunnel durch den Berg auf. Kurz nach zwei Uhr morgens gehe ich zurück zum Hafen. Die Pfützen auf der schmalen Straße sind vom Sonnenlicht rosa gefärbt. Langsam tauchen die Masten auf. In der ersten Reihe liegt „Lilja“, mein kleines Zuhause, das mich zu diesem besonderen Ort gebracht hat. Was für ein Privileg, hier zu sein!

Der Genuss der Einsamkeit

Mitte August, eine Insel bei Ålesund: Ich bin wieder allein unterwegs. Einhandsegeln ist anstrengend und zugleich eine Freiheit, die ich nicht mehr missen möchte. Allein kommt man an fremden Orten leichter mit Menschen ins Gespräch.

Im Logbuch steht: „Meine Koje ist sandig, meine Haare salzig. Ich habe mich vollkommen dem Treibenlassen hingegeben.“

Anfang September bin ich in Hjellestad. Paul auf „Blob“ ist wieder in der Nähe und wir segeln gemeinsam. Fast eine Woche haben wir kaum Wind, dafür viel Sonne. Ich entdecke das Motorsegeln: Lautlos schiebt der Elektromotor mit 200 Watt und „Lilja“ kommt trotz wenig Wind voran. Die Sorge um den Elektromotor war unbegründet: Ich konnte überall laden und habe meist nur ein paar Prozent Akku für ­Hafenmanöver gebraucht.

Ein Sturm zieht auf

Ab Røvær dann das andere Ex­trem: 20 bis 30 Knoten Wind aus Nordwest. Brechende Wellen verraten knapp unter der Oberfläche liegende Felsen. Noch vor einem Jahr war dieser Anblick nervenaufreibend. In Tananger lege ich an und ziehe erschöpft das nasse Ölzeug aus. Ein Fall schlägt an den Mast und erinnert daran, dass der Wind nicht nachgelassen hat. Paul und ich sitzen über den Wetterkarten. 20 Stunden sollen die aktuellen Bedingungen anhalten, danach zieht ein Sturm auf. Vor uns liegen 30 Seemeilen offene Küste ohne Hafen oder Ankerbucht. Ziehen wir jetzt durch, bevor das Wetter umschlägt? Ich bin heute schon einhand 35 Seemeilen gesegelt.

Einhand durch die Nacht

Keine zwei Stunden später lege ich wieder ab. Es ist 21 Uhr, die letzten orangefarbenen Wolken zieren den verdunkelten Himmel. Mit gereffter Genua und unter Motor kreuze ich zwischen Mole und Felsen, bevor ich Richtung Süden abfallen kann. Jetzt gibt es nur noch eine Richtung. Vor mir schaukelt die Hecklaterne von „Blob“ und wird langsam kleiner. „Lilja“ zieht einen Lichtschweif hinter sich her: Meeresleuchten. Ich sitze im Cockpit, dick eingepackt und angepickt.

Je weiter ich mich von der Küste entferne, desto größer werden die Wellen. Trotzdem schiebe ich die Halse vor mir her. Die Müdigkeit hat mich eingeholt. Ich merke, wie Übelkeit in mir aufsteigt. Die nächsten vier Stunden sind nur noch Durchhalten. Gegen halb vier: nur noch drei Seemeilen bis Sirevåg. Ich ermahne mich zur Konzentration. Im Süden der Hafeneinfahrt brechen die Wellen auf den Felsen. Als ich sicher am Steg liege, fühle ich mich so leer wie noch nie zuvor, kein einziger Gedanke in meinem Kopf.

Goodbye Norwegen

Mitte September erreiche ich Mandal. Nach der Nacht vor Jæren habe ich Sorge, dass mir das erneut passieren könnte. Diesmal sind es 120 Seemeilen. Die Windprognose verspricht 13 bis 18 Knoten WSW. Mit einer riesigen Auswahl an Snacks verlasse ich nachmittags den Hafen Richtung Skagen. Hinter mir bleibt der letzte Felsen zurück. Ich stelle mir den Wecker für 15-minütige Pausen, finde schnell in den zeitlichen Rhythmus und den von „Lilja“, wie ihr Bug sanft durch die Wellen schneidet. Alle Sorgen lösen sich auf.

Nach drei Monaten auf See habe ich ein Gefühl für sie entwickelt. Im Salon liegend kann ich spüren, ob der Druck im Schiff stimmt.

In der Nacht reffe ich ein paarmal ein und wieder aus. Den Verkehr im Skagerrak ohne AIS zu verfolgen stiehlt mir ersehnte Pausen. Zeitweise zähle ich über zehn Schiffe in alle Richtungen. Als die Sonne aufgeht, denke ich: So könnte das noch ein paar Tage weitergehen. 24 Stunden später erreiche ich Skagen. Müde und stolz. Noch 100 Seemeilen bis Kiel.

3.200 Seemeilen im Kielwasser - Zurück in heimischen Gewässern

Es ist Ende September, als ich in Juelsminde früh lossegle. Als die Sonne aufgeht, werde ich fast wehmütig: mein vorletzter Tag auf See. Doch am Mittag werden die Böen so stark, dass ein kleines Stückchen Fock reicht, um über fünf Knoten zu laufen. Ab 17 Uhr will ich dann nur noch ankommen. Als ich kurz vor Mitternacht das Licht des Kieler Leuchtturms sehe, kann ich vor Freude nur noch lachen. 15 Monate, ein norwegischer Winter an Bord, ein Masterabschluss, 3.200 Seemeilen liegen hinter „Lilja“ und mir. Ich bin nicht mehr dieselbe Seglerin, die zögernd die Leinen löste. Und ich weiß: Es war nicht das letzte Mal.


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Jill Grigoleit

Jill Grigoleit

Redakteurin Reise

Jill Grigoleit lebte zehn Jahre mit ihrer Familie auf einem Hausboot im eigenen Hafen südlich von Hamburg und schrieb ein Buch über den Hausbootbau und das Leben mit Kindern auf dem Wasser. Seit 2020 schreibt sie vor allem Reisereportagen und Revierporträts für YACHT und BOOTE und konnte damit ihre zwei großen Leidenschaften zum Beruf machen: Reisen und darüber schreiben. Seit Januar 2024 gehört sie fest zum Team des Reiseressorts der Wassersportredaktion von Delius Klasing. Seither sammelt sie in den verschiedensten Regionen Reviertipps und Geschichten über Menschen, die am und auf dem Wasser leben - von der Mecklenburgischen Seenplatte über die bretonische Küste bis ins kanadische Ontario.

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