Ein Text von Hannah Hoven
Das Thermometer im Salon zeigt 4 Grad. Es ist Mitte Dezember. Mittlerweile bin ich es gewohnt, morgens bei eisigen Temperaturen die Koje zu verlassen. Ich ziehe Wollunterwäsche an und fülle die Thermoskanne mit Tee. Die Kuchenbude ist schwer vom Schnee. Ich krieche hinaus, steige die Leiter zur Kaimauer hinauf und drehe mich noch einmal um. Unter mir am Steg liegt meine Vindö 40 „Lilja“. Hinter der Hafenmole liegt der Trondheimfjord, ruhig und grau, umrahmt von schneebedeckten Bergen. Mit dem Rad fahre ich zur Uni. Schon bei der Wahl meines Studiengangs war der Ort kein Zufall: am Wasser, mit Hafen.
Im Mai beginne ich „Lilja“ für den Törn von Kiel nach Trondheim vorzubereiten. Die Liste der Arbeiten ist lang. Aus zwei werden vier Wochen, und zu langen Tagen gesellen sich lange Nächte. Am 22. Juni schwimmt sie wieder. Wenige Tage später geht es los. Kurs 000° N. Aufgrund des Verzugs passt die Route nicht mehr zu den Sommerplänen meiner ursprünglichen Crew. Markus, ein Freund aus Norwegen, kommt mir bis nach Dänemark entgegen. Dafür bin ich dankbar, denn alleine zu segeln traue ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu. Durch den Kleinen Belt geht es nach Skagen.
Ich bin angespannt. Vor mir liegen 1.000 Seemeilen unbekanntes Segelrevier und ein Semesterstart, der meine Reisezeit begrenzt. Hinzu kommt ein neuer Elektromotor, mit dem ich bisher kaum Erfahrung gesammelt habe. Wird die überschaubare Reichweite von etwa 15 Seemeilen zum Problem?
Mitte Juli legen wir in Skagen ab. Für die 100 Seemeilen nach Kristiansand benötigen wir knapp 21 Stunden und ich schlafe keine einzige Minute. Verhangen von tiefen Wolken zeichnet sich die norwegische Küste vor uns ab. Die erste felsige Insel ragt wie ein Walrücken aus dem Meer.
In den folgenden zwei Wochen geht es meist auf Amwindkurs weiter, zwischen Inseln und vereinzelten Felsen. Jakob hat Markus als Crew abgelöst. Die Berge um uns wachsen, je weiter wir nach Norden segeln. Wie schön es ist, langsam zu reisen und diese Veränderungen wahrzunehmen. Anfang August stößt meine Freundin Anne in Bergen dazu. Das Sturmtief Hans zieht auf. Auf dem Festland gibt es Überschwemmungen und Erdrutsche, ganze Ortschaften sind abgeschnitten.
„Wer es aufgrund des Sturms nicht rechtzeitig zum Semesterstart nach Trondheim schafft, ist entschuldigt.“
Die Mail meiner Universität erreicht mich eingeweht, an einem einfachen Steg, westlich von Florø, am Fuß eines knapp 400 Meter hohen Berges. Crewmitglied Jakob packt die Gitarre aus und wir singen zum Pfeifen des Riggs.
Wir müssen weiter. Der Wind lässt nach, der Regen bleibt. Vor uns liegt die Halbinsel Stadlandet mit dem Vestkapp. Vor den rauen Bedingungen hier wurde ich oft gewarnt. Die Nacht davor schlafe ich kaum. Vor der Steilküste bieten die Wellen ein beeindruckendes Spektakel, von allen Richtungen scheinen sie gleichzeitig zu kommen. Der Wind frischt auf und wir laufen in gutem Abstand zur Küste Richtung Ålesund. Mein Magen teilt die Begeisterung nicht: Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich seekrank. Gut, dass ich (noch) nicht allein bin und meine Crew problemlos übernimmt. Nachts erreichen wir Ålesund. Wir haben keine Energie mehr zum Kochen und suchen mit schwankenden Schritten nach einem Imbiss.
Anne und Jakob steigen hier wie geplant aus. Eine Freundin wollte dazukommen, doch sie wird krank. Noch etwa 160 Seemeilen bis Trondheim. Ich bin allein. Hätte ich vor meiner Reise gewusst, dass ich hier oben ungeplant zur Einhandseglerin werde, wäre ich bestimmt nicht losgefahren. Aber jetzt fühlt es sich gut an. Ich habe auf den letzten 900 Seemeilen Vertrauen in mein Boot und mich gewonnen. Da ist kein Zögern, als ich die Leinen löse und langsam aus dem Hafen motore. Vor mir liegen noch rund 60 Seemeilen bis Trondheim. Habe ich es wirklich fast geschafft? Ich sollte die Positionslichter einschalten, die Sonne ist schon untergegangen. Seit elf Stunden sind „Lilja“ und ich hier draußen. Wir sind im Rhythmus. Die Lichter der Tonnen der Fischfarmen beginnen zu blinken. Auf der Seekarte finde ich Magerøya, ein paar Seemeilen entfernt.
Seit ein paar Tagen segelt Paul auf seinem Boot „Blob“ mit mir Richtung Norden. Auch er legt hier an. Oberhalb des Steges liegt ein großes weißes Holzhaus, das ein weites U um einen begrünten Vorplatz beschreibt. Ein Fenster wird geöffnet, ein freundliches Gesicht guckt auf uns herunter: „Hello, welcome!“ Mit Menschen haben wir auf dieser kleinen Insel nicht gerechnet, erst recht nicht mit welchen in unserem Alter. Als wir am nächsten Morgen zum Haus hinaufgehen, sitzen sie bereits gemütlich davor in der Sonne. Kaffee wartet auf uns. Wir lernen die temporären Insulaner kennen, die das Restaurant im Haus betreiben. Als wir weitermüssen, werden beide Boote mit Obst und Kartoffelsalat ausgestattet und ein Abschiedskommando steht am Steg.
Am 19. August, nach 50 Tagen, komme ich an. „Lilja“ liegt in Trondheim. Mein Traum ist tatsächlich Realität geworden. Zum Ausklang des Sommers bleiben die Luken tagelang offen. Mit dem Herbst wandert das Leben dann in den Salon. Der Heizlüfter gesellt sich aus dem Schrank dazu. Mit dem Winter kommen die Dunkelheit und das Träumen vom nächsten Sommertörn.
Fortsetzung folgt

Redakteurin Reise
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