Es endete so, wie es begann: Unwetter sorgte am gestrigen zweiten Renntag des elften Events der aktuellen SailGP-Saison für großes Chaos. Bereits der erste Trainingstag für das Germany SailGP Team um Steuermann Erik Heil war im kanadischen Halifax dem Wetter zum Opfer gefallen. Strategin Anna Barth sprach von den “schwierigsten Bedingungen, die wir bisher hatten”. Auch am ersten Renntag war das Klassement heftig durcheinandergewirbelt worden, am zweiten Tag wurde es mit mehr Wind samt stärkeren Böen und Drehern erst so richtig wild.
So wild, dass nicht alle Boote rechtzeitig aufgebaut und eingekrant werden konnten. Um überhaupt Rennen zu ermöglichen, wurden zuerst die Boote der potenziellen Finalisten zu Wasser gelassen. Danach sollten so viele Katamarane wie möglich zu Wasser gelassen werden, ohne die TV-Übertragungszeit zu gefährden. Während die Schweizer und Amerikaner nach Tag eins auf den beiden letzten Plätzen von vornherein an Land bleiben mussten, verpassten Deutschlands Highspeed-Segler das erste Rennen des Tages, welches das Heim-Team Kanada mit Phil Robertson für sich entscheiden konnte. Das verbleibende zweite und letzte Fleetrace vor dem Finale der Top 3 schloss man unter schwierigsten Voraussetzungen auf Rang sechs ab.
“Wir sind enttäuscht von diesem Race-Tag. Wir hatten insgesamt nur 15 Minuten Segelzeit. Das ist natürlich viel zu wenig, um sich auf solche schwierigen Bedingungen einzufahren und eine gute Strategie zu entwickeln”, so Erik Heil. Das Team hatte den Rennkurs mit marginaler Vorbereitung und ohne abgeschlossenen Technik-Check erreicht. “Zwischendurch war überhaupt nicht klar, ob wir noch starten können und ob unser Boot noch ins Wasser gebracht wird”, erklärt Anna Barth. Man habe Glück gehabt, beim zweiten Rennen dabei zu sein.
Dieses eröffnete die Crew folgerichtig konservativ, für Steuermann Heil rückblickend “leider etwas zu konservativ”. Man habe möglichst komplikationsfrei über den Kurs kommen wollen. “Ohne Vorbereitung vor dem Rennen ist da nicht viel mehr zu erwarten”, kommentierte der 34-Jährige die Wettfahrt auf dem Instagram-Account des Teams. Seine Crew kam nach dem Start gut zurück und arbeitete sich noch zwei Plätze nach vorn.
Allerdings auch, weil die Australier mit Steuermann Tom Slingsby wohl einen folgeschweren technischen Fehler erlitten. In Führung liegend und mit sehr hoher Geschwindigkeit kenterte der Katamaran auf dem letzten Vorwind des Rennes (Video). “Es war ein technisches Problem, der Wing hat sich ohne unser Zutun umgedreht. Das ist frustrierend, da wir es ins Finale geschafft hätten, hätten wir das letzte Rennen beendet”, sagte Slingsby im Nachgang. Bereits im Rennen zuvor drohte der australische Katamaran zu kentern, richtete sich dann allerdings von selbst wieder auf. Keiner der Segler verletzte sich bei den Vorfällen. Der F50 wurde daraufhin sicher in den Hafen gebracht.
Nach einem ebenfalls eher schwachen ersten Tag rutschen die Australier hinter Neuseeland und Spanien auf Rang drei in der Saisonwertung. Ausgerechnet das bisher unschlagbar anmutende Team von Slingsby, das alle bisherigen Saisons für sich entscheiden konnte, schwächelt im aktuellen Saisonendspurt. Die harte Strafe von acht Punkten nach dem Tonnen-Crash in Christchurch hatte die Tabellenführung gekostet, jetzt müssen die Australier nach Rang sieben in Kanada sogar um die Qualifikation für das große Finale in San Francisco bangen.
Frankreich und Dänemark lauern mit sechs und sieben Punkten Rückstand auf den Plätzen vier und fünf hinter ihnen. Die Entscheidung fällt beim kommenden vorletzten Event der vierten Saison in New York (22. bis 23. Juni). Wer vor der Freiheitsstatue erfolgreich ist, darf auf das Preisgeld von zwei Millionen US-Dollar hoffen, das wenig später vor der Golden Gate Bridge vergeben wird. In einem einzigen Rennen ermitteln die ersten drei Teams der Saison dort den Gesamtsieger 2023/24.
Der Brite Giles Scott meisterte die turbulenten Bedingungen in Halifax derweil klar am besten und sicherte sich so verdient seinen ersten Event-Sieg als Steuermann. Als Erstplatzierter ins Finale gestartet, verteidigte er seine Lee-Position an der ersten Tonne konsequent und brachte sich so auf die Siegerstraße. Vor den dem strömenden Regen trotzenden Zuschauern raste er dicht mit bis zu 94 km/h vorbei und verwies die Mitfinalisten Frankreich und Dänemark auf die Plätze zwei und drei.
Erst Anfang des Jahres hatte Scott Rekord-Olympiasieger Sir Ben Ainslie abgelöst und stand zuletzt stark in der Kritik. “Ein Sieg bei einem Event ist enorm wichtig, vor allem für mich persönlich, nachdem ich eine ziemlich frustrierende Lehrzeit im SailGP hinter mir habe”, so der zweifache Olympiasieger. Das Saison-Finale können die Briten mit 13 Punkten Rückstand auf Australien und punktgleich mit Kanada auf dem sechsten Platz liegend dennoch nur schwer erreichen.
Ganz ohne Strafen weiterhin nicht in Fahrt kommt das neu aufgestellte US-Team um Match-Racing-Experte Taylor Canfield. Mit drei letzten Plätzen an Tag eins war das Gesamtergebnis früh absehbar und wurde durch das verwehrte Einkranen am Sonntag endgültig besiegelt. Auf einen dritten Platz beim Neustart in Abu Dhabi folgten somit vier Platzierungen im Tabellenkeller. Schlechter könnten die Voraussetzungen für den anstehenden Heim-Event in New York kaum sein.
Dort will sich das deutsche Team mit einer starken Performance aus der ersten Saison verabschieden. Mit Platz acht in Halifax hat die ansteigende Formkurve zwar einen leichten Knick bekommen, dennoch sei der Event sehr lehrreich gewesen. Steuermann Erik Heil erklärt: “Es war eine gute Woche, um Probleme zu identifizieren und neue Trainingsziele aufzustellen. Unser bisheriges Ziel, die Starts zu verbessern, konnten wir in Halifax bereits umsetzen.”
Das zeigte das Team von Thomas Riedel und Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel besonders im ersten Rennen und segelte daraufhin Platz vier ins Ziel. Daran wollte man in der zweiten Wettfahrt anknüpfen, fiel nach einer Wegerechts-Verletzung von Frankreich allerdings von den Foils und wurde dann bis auf Platz neun nach hinten durchgereicht. Ein Frühstart im letzten Rennen des Tages endete ebenfalls mit dem vorletzten Platz. “In diesen Bedingungen aufmerksam zu sein und dazu das Boot richtig schnell zu segeln war eine große Challenge. Von den Rennen, die ich bisher gefahren bin, war es das schwierigste, aber auch mit sehr guten Learnings”, lautet das Fazit von Strategin Anna Barth.

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