Vegvisir RaceVom Vollmond erleuchtet – Ostsee-Rallye mit Genussfaktor

Tatjana Pokorny

 · 04.09.2023

Leichtwind-Start ins Vegvisir Race. Im Vordergund ist Markus Schöners 30er Jollenkreuzer "Kleine Brise" zu sehen
Foto: Vegvisir Race 2023
Das Vegvisir Race Nyborg wird seinen Teilnehmern in diesem Jahr als Sommersegelgenuss mit Vollmondbeleuchtung in Erinnerung bleiben. Fast alle Teilnehmer haben es ins Ziel geschafft. Ob 78, 167 oder 225 Seemeilen – die Ostsee-Rallye hatte einmal mehr einen hohen Spaßfaktor, auch wenn der eine oder andere mehr zu kämpfen hatte als gedacht…

Das Vegvisir Race ist eine dänische Ostsee-Rallye mit hohem Beliebtheitswert bei deutschen Seglern. Von den mehr als 120 Booten, die in diesem Jahr für die drei abwechslungsreichen Kurse über 78, 167 und 225 Seemeilen entweder in der Solo- oder in der Zweihand-Kategorie gemeldet hatten, kamen mehr als 80 aus Deutschland. Manche waren zum ersten, andere zum wiederholten Mal dabei.

Bei Vollmond ein ganz besonderer Segelgenuss.” Stefan Knabe

So etwa Stefan Knabe und Andreas Rohde, die das lange Segelwochenende zum fünften Mal genossen. “Wir kennen hier fast jede Sandbank”, scherzte Skipper Stefan Knabe. “Dieses Mal war es erst ein bisschen bewölkt, dann im Fehmarnbelt auch nachts taghell – unglaublich! Das Vegvisir Race war bei Vollmond ein ganz besonderer Segelgenuss.” Die Zweihand-Crew auf der modifizierten J-39 “KnabHorn” absolvierte die Mittelstrecke über 167 Seemeilen mit der schnellsten gesegelten Zeit aller Boote in allen Kategorien, auch wenn einem anderen Boot die Line Honors zugesprochen wurden.

Es ist eine Besonderheit, dass beim Vegvisir Race die Line Honors für die jeweils drei unterschiedlich langen Kurse an das erste Boot im Ziel vergeben werden, obwohl die verschiedenen Wertungsgruppen auf einem Kurs zu unterschiedlichen Zeiten ins Rennen geschickt werden. So wurde offiziell Solosegler Jens Listrup als Line-Honors-Sieger gefeiert. In der offiziellen Liste der gesegelten Zeiten wird “KnabHorn” für den 167-Seemeilen-Kurs als viertes Boot geführt. Tatsächlich aber waren die auf der Liste vor ihnen liegenden drei Boote 40 beziehungsweise 20 Minuten vor ihnen ins Rennen gegangen.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Darüber könnte man sich aus sportlicher Sicht aufregen, doch das liegt den meisten Teilnehmern fern. Sie kommen nach Nyborg, um das Segeln im Wettstreit mit den anderen zu genießen, auch wenn es in den Spitzen durchaus ehrgeizig zur Sache geht und sich die Divisionssieger über ihre Erfolge freuen.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Jan von der Bank: mit Segellust, aber ohne elektronische Wetterkarten

Das gilt für Stefan Knabe und Andreas Rohde als Sieger der “Large”-Gruppe in der Zweihand-Wertung der Mittelstrecke ebenso wie für die weiteren deutschen Gruppengewinner. Einer von ihnen ist Buch- und Drehbuchautor Jan von der Bank mit seinem bildschönen Eigenbau “Remy”. Er steuerte seine Berckemeyer 31 Classic auf der Kurzstrecke über 78 Seemeilen im Solo auf Platz eins der “Large”-Gruppe.

Dass seine Premiere holprig begann, lag daran, dass die elektronischen Seekarten nach dem Update plötzlich nicht mehr funktionierten. “Ich hatte die App gelöscht und neu geladen. Es war ein Schreck, als sie bei einem Balken Empfang plötzlich nicht mehr funktionierte”, erzählt der Skipper. Aufgeben wollte er bei seiner Vegvisir-Premiere deswegen aber nicht.

Nach Tracking in der Spur der anderen zu segeln, war die Not-Not-Lösung.” Jan von der Bank

Seine Lösung: “Ich hatte mir – derart schaumgebremst – einen Plan B überlegt. Zum Glück hatten mich bald drei, vier Boote unter Spinnaker oder Gennaker überholt. Nach Tracking in der Spur der anderen zu segeln, war die Not-Not-Lösung.” Man müsse sich vorstellen, so Jan von der Bank über seine Gefühlswelt an Bord, wie viele Stunden er an seinem Kiel geschliffen habe. “Da willst Du nicht wirklich gegen einen Stein fahren.”

”Beauty and the Beast” im Hafen von Nyborg

Erst im letzten Renndrittel konnte der “Remy”-Skipper wieder auf seine Karten zurückgreifen und sich seinen Gruppensieg sichern. “Am Ende sind solche Abenteuer – wenn Du sie überstanden hast – natürlich die schönsten”, fiel sein Fazit versöhnlich aus. Mit nach Hause nahm er auch diese Szene: Im Hafen lag “Remy” neben Jan Hansens Aeolos P30 “The Beast”. “Das hatte was von “Beauty and the Beast”, erzählt der 56-jährige Contender-Weltmeister lächelnd.

Jan von der Bank erfüllt sich mit dem 9,50 Meter langen Sperrholz-Retro-Racer “Remy” nach fünfjähriger Bauzeit – ”Backe baut’n Boot” – bereits in der zweiten Saison kleinere und größere Segelträume. In Nyborg lernte er beim Get-Together unter anderem den sympathischen Franz Schollmayer vom Segelclub Rheingau kennen. Der konnte sich an der Seite von Falko Braun mit der Corsa 30 “Firlefanz” in der großen Gruppe der “Small”-Zweihand-Crews über 167 Seemeilen durchsetzen.

Deutsche Gruppensiege auf allen Kursen

Weitere deutsche Divisionssieger waren über 78 Seemeilen für Zweihand-Teams Thorsten Thelen und Uwe Berthold auf der Seaquest 36 “Circus” in Gruppe “Large” sowie in der Solo-Wertung der Kurzstrecke Maximilian Wauschkuhn auf der Warship 730 “Urmel” aus Schwerin. Auf der Mittelstreckte siegten neben Schollmeyer/Braun in der Gruppe “Mini” Mattis Franken und Luke Schmieding auf der Melges 24 “Freya” von der SGB Baldeneysee.

Auf der Langstrecke über 225 Seemeilen gewannen in der Kategorie “Medium” Michael Haacke und Jan Findeisen auf der X-35 OD “Maxima” aus Bremerhaven. Carsten Röhl und Jens Brandt setzten sich mit der J 122 “Feline” aus Großenbrode in “Large” durch.

Der Mix macht’s

Die DNA des von Morten Brandt-Rasmussen organisierten Vegvisir Race in Kooperation mit der Stadt Nyborg haben die Teilnehmer insgesamt genossen. Die Kombination aus Nachtsegeln, den Küstenabschnitten in den flachen Schären und anspruchsvollen Hochseephasen prägt das Vegvisir Race, bei dem sich an nur einem Wochenende reichlich Segelspaß tanken lässt. Für viele Solisten war es zudem die letzte Station auf Kurs Silverrudder, das am 15. September traditionell in Svendborg startet und seine Herausforderer rund Fünen führt.

UPDATE, 6. September, 10 Uhr

Die Veranstalter haben nach einigem Durcheinander ihre Ergebnislisten deutlich korrigiert. Dadurch haben sich teilweise auch neue Gruppensieger ergeben. Hier noch einmal alle GER-Teams & Boote im Überblick, die ihre Wertungsgruppen gewinnen konnten:

2 Star 78, Kategorie Large: Thorsten Thelen/Uwe Berthold (Seaquest 36 “Circus”); Singlehand 78, Kategorie Mini: Jörg Kegel (L 23 “Endurance”); Singlehand 78, Kategorie Medium: Jan von der Bank (Berckemeyer 31 Classic “Remy”); 2 Star 176, Kategorie Mini: Mattis Franken/Luke Schmiedin (Melges 24 “Freya”); 2 Star 176, Kategorie Small: Franz Schallmayer/Falko Braun (Corsa 30 “Firlefanz); 2 Star 176, Kategorie Large: Stefan Knabe/Andreas Rhode (J-39 mod. “KnabHorn”); Singlehanded 167, Kategorie Mini: Jonas Kroner (Vector Mini 650 “Karin Monika”); Singlehanded 167, Kategorie Small: Hajo Hensel (Dehler 30 OD “Tute Bene”); 2 Star 225, Kategorie Medium: Michael Haacke/Jan Findeisen (X-35 OD “Maxima”), 2 Star 225, Kategorie Large: Carsten Röhl (J 122 “Feline”).

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

Meistgelesen in der Rubrik Regatta