YACHT
· 29.07.2024
Die vergangenen neun Regattatage in der Lübecker Bucht boten einen bunten Mix an Bedingungen auf den acht Bahnen vor dem Brodtener Ufer und entlang der mecklenburgischen Küste. Von Starkwind bis zur lauen Sommerbrise war alles dabei. Damit setzten sich in den insgesamt 21 Wettbewerben vor allem die Allrounder durch. Obwohl zwei Tage durch sehr schwache Winde geprägt waren, konnte den Aktiven auf dem Wasser durch die abendlichen Brisen jeden Tag ein Regattaprogramm geboten werden. Damit war es möglich, 240 Rennen der ursprünglich 278 geplanten zu segeln – ein Topwert für eine Regattawoche.
Vertreten waren Akteure aus ganz Europa, aus Nord-, Mittel- und Südamerika sowie aus Asien und Australien. Gerade die Podien der Meisterschaften waren bunt gemischt. In die Siegerlisten trugen sich Sportler aus Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, der Ukraine und Deutschland ein
Für Glen Truswell schien die Lübecker Bucht in den vergangenen Tagen den roten Teppich ausgerollt zu haben. Egal, welche Bedingungen auch herrschten, der Brite war der uneingeschränkte Star unter den IC-Canoe-Seglern. In sieben der neun Wettfahrten kreuzte er als Sieger die Ziellinie, gewann damit souverän die Weltmeisterschaft, auch wenn der US-Amerikaner Michael Costello ihm immer dicht am Heck hing.
„Ich war vor über zehn Jahren schon einmal in Travemünde und habe mich gefreut, wieder zurück zu sein“, sagte Truswell. Das Boot des Briten heißt „Sleeping Tiger“, aber geschlafen hat der Tiger in den Rennen definitiv nicht. „Mein Boot wurde in Großbritannien gebaut und ist eines der ausgeklügelsten. Die Freiheit beim Design ist das Besondere der International Canoe.“ Doch technische Raffinesse muss nicht der einzige Weg zum Erfolg sein, wie Truswell weiter zu berichten wusste: „Mein direkter Verfolger Mike Castello hat ein sehr simples Boot und ist trotzdem fast genauso schnell wie ich. Das zeigt, dass es nicht unbedingt kompliziert sein muss. Aber es fühlt sich toll an, in einem Boot zu gewinnen, das man selbst ausgebaut hat.“
Hinter Truswell und Costello komplettierte Mike Fenwick das WM-Podium der segelnden Kanu-Klasse.
Während in der Klasse der IC Canoe erfahrene Kanu-Segler das Treppchen besetzten, war es bei den Canoe Taifun ein junger Akteur in der Klasse, der sich gegen die Konkurrenz der German Open durchsetzte. Felix Mosebach aus Neuruppin hat nach der Jugendzeit im Cadet und Einsätzen in der Segelbundesliga erst im vergangenen Jahr den Einstieg in den Taifun gewagt. Auf Anhieb wurde er dort Dritter bei den German Open. Jetzt eroberte er sogar die Goldmedaille der inoffiziellen Deutschen Meisterschaft. „Ich habe ein neues Boot und neue Segel bekommen. Das lief sehr gut. Dazu passten mir die Bedingungen mit wenig Welle bei ablandigem Wind. Aber auch an dem einen Tag mit stärkerer Brise habe ich mich ganz gut gehalten“, freute er sich, dass er am Freitag bei drehenden Winden „den Sack zugemacht“ hat.
Mit seiner beständigen Serie setzte er sich gegen den Bremer Johannes Meyer und Claudius Junge aus Preetz durch.
Noch frischer in seiner Klasse und schon gleich Meister ist Nick Heuwinkel. Der Kieler sitzt erst seit wenigen Wochen gemeinsam mit Jesper Spehr (Malente) im Starboot, kommt ursprünglich aus dem Ilca 7. Mit der Serie 1, 2, 4, 3, 3 hatten Heuwinkel/Spehr höchste Prominenz im Heckwasser. Auf Platz zwei folgte Ex-Europameister Hubert Merkelbach vom Bodensee mit Kilian Weise an der Vorschot. Rang drei belegte Weltmeister Max Kohlhoff (Kiel), der sich nach dem Verletzungsausfall von Vorschoter Ole Burzinski erst mit seinem Bruder Johann Kohlhoff einsegeln musste.
„Das ist natürlich super für die weitere Motivation. Wir sind völlig überrascht, wollten eigentlich nur sehen, was herauskommt“, so Heuwinkel. Es kam das DM-Gold heraus, das nun Zuversicht gibt für kommende Aufgaben. „Das Ziel ist die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr. In der U30-Wertung wollen wir dabei weit nach vorn fahren.“ Als Begründung für den starken Auftritt sah Heuwinkel die Erfahrung aus dem Ilca. „Taktisch kann man eine Menge übertragen. Und auf dem Vormwind-Kurs sind sich Ilca und Starboot erstaunlicherweise sehr ähnlich.“
Bei der Internationalen Deutschen Jugendmeisterschaft der Optimisten gab es zur Siegerehrung ein gemischtes Bild auf dem Podium. Zwei Mädchen und ein Junge aus drei Nationen waren vertreten. Da am Sonnabend nicht mehr gesegelt werden konnte, hatte der Stand aus der Vorrunde für die Gesamtwertung Bestand: Die Schwedin Cornelia Baldoch Frost feierte den Titelgewinn vor Olha Lubianska und Paul Fiete Hickstein (Dümmer), der sich mit dem dritten Platz bei der IDJM viel Selbstbewusstsein für die WM Ende des Jahres in Argentinien holte.
Bei den Siegerehrungen der Ranglistenregatten in den nationalen Klassen setzten sich die Top-Teams der deutschen Rangliste auch vor Travemünde in Szene: Sven Naumann/Jördis Weichsel (Hamburg) gewannen die Conger-Klasse, Manfred Brändle/Stefanie Gouverneur (Duisburg) zeigten die größte Beständigkeit bei den Kielzugvögeln und holten den TW-Sieg, und Harry Voss vom Steinhuder Meer ist in der Olympiajolle die Nummer eins, wenn vor Travemünde gesegelt wird.
Die Klasse der Flying Junior ist und bleibt fest in der Hand der Niederländer. Bei den beiden vergangenen Meisterschaften auf europäischer und globaler Ebene holte sich Hylke Sasse das Gold ab. Und auch jetzt war der 30-Jährige wieder spitze – und das, obwohl er mit der erst 17-jährigen Doete Vogelaar eine neue Kraft an der Vorschot hatte.
Die Freude bei den neuen Weltmeistern war groß: „Die WM war unsere erste gemeinsame Regatta. Wir haben vorher nur viermal zusammen trainiert und sind ohne jegliche Erwartungen angereist. Alles bis Platz fünf konnten wir uns vorstellen. Mit dem Sieg haben wir absolut nicht gerechnet. Es war bis zum Ende superknapp und spannend“, sagte Sasse. Die nächste Regatta liegt für das frischgebackene Weltmeister-Team im September an, die Niederländische Meisterschaft, vorher wird heute Abend noch in Travemünde der WM-Titel gefeiert.
Mit Matthias Riffeler/Justus Rüthing (Ville/Lippstadt) konnte ein deutsches Team die niederländische Vorherrschaft knacken, platzierte sich auf dem Silberrang vor dem Schwesternpaar vom Brassemermeer, Esther und Miriam de Jong.
Eine erfolgreiche Titelverteidigung auf europäischer Ebene feierten Christian Wirts/Thorsten Fischer vom Steinhuder Meer bei den Javelins. Wie im vergangenen Jahr holten sie sich wieder den Euro-Cup-Titel. „Es war ein starkes Feld mit sehr engen Rennen. Die ersten drei hatten alle gute Chancen auf den Titel“, sagte Wirts und sah den Schlüssel zum Erfolg in der konstanten Serie: „Am ersten Tag brauchten wir etwas Anlauf, haben ein paar Fehler gemacht und sind auch einmal gekentert. Aber insgesamt hatten wir weniger Ausreißer.“ Die unterschiedlichen Bedingungen während der Meisterschaftstage hätten für eine tolle Regatta gesorgt, „auch wenn es für einige zwischendurch etwas zu viel Wind war“. Insgesamt sei die Javelin-Klasse aber begeistert von der Travemünder Woche und der Organisation an Land und auf dem Wasser gewesen, so Wirts.
Hinter den Gold-Gewinnern Wirts/Fischer kam das Onkel-Neffen-Gespann Jens und Robin Schlittehard (ebenfalls vom Steinhuder Meer) auf Platz zwei vor den Briten Eddy und Neil Reid.
Vor drei Jahren hatten die Brüder Helge und Christian Sach aus Zarnekau ihren 21. Sieg bei ihrer Heimregatta eingefahren. Jetzt packten sie Triumph Nummer 22 drauf, ein Siegrekord bei der Travemünder Woche. Am letzten Tag der Formula-18-Regatta mussten sie allerdings ordentlich auf die Zähne beißen, sparten sich schließlich einen Start in der letzten Wettfahrt. Der Sieg war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gefährdet und sorgte für große Freude bei den Ex-Weltmeistern. „Wir sind sehr glücklich und sehr stolz über unsere seglerische Leistung. Es war ein klarer Sieg, aber wir mussten uns am letzten Tag durchquälen“, berichtete Helge Sach. Der Grund: Vorschoter Christian hatte sich am Vortag in einer Wende am Oberarm verletzt.
Neun Rennen absolvierten die Teenys bei ihrer IDJM im Rahmen der 135. Travemünder Woche. Die Titelverteidigerinnen Lotte-Marie Kirchesch und Mina Tratar (Berlin) setzten sich im zweiten Rennen an die Spitze des Feldes und ließen sich die Führungsposition nicht mehr nehmen.
Die beiden 14-Jährigen siegten mit deutlichem Vorsprung und freuten sich, erneut ganz oben auf dem Podium zu stehen – wie auch schon 2023 bei der IDJM in Berlin. Im allerletzten Rennen der Meisterschaft ergab sich noch ein Wechsel auf den Rängen zwei und drei. Somit blieb es spannend bis zum Schluss. Letztlich belegten Moritz Klein und Leo Wisnitzka Platz zwei vor Lukas Balzereit und Tim Bauknecht auf dem Bronzerang. Damit wurde die Teeny IDJM zu einem reinen Berliner Podium.
„Die Meisterschaft ist für uns am ersten Tag mit Platz acht nicht so gut gestartet, weil wenig Wind war, wofür wir inzwischen zu schwer sind. Deshalb waren wir froh, dass am Sonnabend beim Schwachwind keine Rennen gesegelt wurden. Heute waren es gute Bedingungen mit teilweise viel Wind. Da wir keinen hohen Streicher hatten, konnte nicht mehr viel passieren. Und unsere Freunde haben uns toll angefeuert“, ließen die beiden Siegerinnen die IDJM noch mal Revue passieren. So sehr sich die beiden Teenagerinnen aus Berlin freuten, dass sie den Titel verteidigen konnten, schwang trotzdem auch etwas Traurigkeit mit, denn es war ihre letzte IDJM in der Teeny-Klasse. „Ich könnte zwar noch ein Jahr Teeny segeln, aber Lotte ist nächste Saison schon 15 und somit zu alt für die Klasse. Und ohne Lotte segle ich nicht“, sagte Mina Tratar und nahm ihre Segelpartnerin Lotte-Marie Kirchesch in den Arm. Bereits die sechste Saison segeln die beiden zusammen, und ein Ende ist noch nicht in Sicht. „Wir segeln ab nächstem Jahr Pirat, aber die Teeny-Klasse werden wir auf jeden Fall vermissen“, verrieten sie. Die familiäre Stimmung in der Klasse sei einfach toll.
Genau das Teeny-Familien-Gefühl würde die Klasse ausmachen, sagte Sportwart Detlef Hillers. „Was die Klasse auszeichnet, ist die Tatsache, dass wir einerseits Segeltalente fördern, aber auch das Mittelfeld im Blick behalten. Deshalb vergeben wir zum Beispiel den Sonderpreis ‚Der Held vom Mittelfeld‘, einen Wanderpokal. Einen weiteren Zusatzpreis gibt es für den jüngsten Teilnehmer beziehungsweise die jüngste Teilnehmerin. Die Teenys sind eine große Familie“, erläuterte er. Als jüngster Aktiver wurde Oskar Kühne geehrt. „Der Held vom Mittelfeld“ ist Claas Drews, der mit Vorschoter Malte Aeukens angetreten war.
Zufrieden mit dem Verlauf der IDJM waren nicht nur die Siegerinnen, sondern auch die Vertreter der Teeny-Klasse. „Wir sind schon zum dritten Mal mit den Teenys in Travemünde, total zufrieden mit der IDJM und können uns absolut nicht beschweren. Die Kids hatten super Laune, und bis auf den Flautentag waren gute Wetterbedingungen. Die Flaute haben wir genutzt, um mit den Kindern eine Führung auf der ‚Passat‘ zu besuchen“, sagte Matthias Dachs, Technischer Obmann der Teeny-Klasse.
Das Preisgeld vom Trave Race der Teenys ging in die Klassenkasse und wurde schon direkt wieder ausgegeben für einen gemeinsamen Abend mit allen Beteiligten der IDJM. 70 Pizzen ließen sich die Teenys für ein Essen mit der Klasse zum Travemünder-Woche-Areal Mövenstein liefern, von wo aus die Teenys während der Meisterschaft zu ihren Wettfahrten starteten.