Transat Jacques VabreVier Klassen, vier Kurse, vier Sieger

Tatjana Pokorny

 · 27.10.2023

Bereit für ihren zweiten Einsatz im Transat Jacques Vabre nach 2019: Boris Herrmann und Will Harris
Foto: Antoine Auriol/Team Malizia
Am Sonntag startet das 16. Transat Jacques Vabre vor Le Havre. Die Live-Übertragung der aufeinanderfolgenden Starts der vier Klassen – Ultim, Ocean Fifty, Imoca und Class40 – beginnt ab 13 Uhr und ist in Deutschland auch im NDR-Livestream zu sehen. Die Zweihand- Teams werden sich auf unterschiedlich lange Kurse nach Martinique begeben. So kommen sie in der Karibik trotz unterschiedlicher Bootsgrößen und Potenziale etwa gleichzeitig an

Die Grundidee der vier verschieden langen Kurse innerhalb eines Rennens ist gut und hat sich bereits beim 15. Transat Jacques Vabre stark bewährt. Schon vor zwei Jahren mündete das Rennen nach gemeinsamem Start vor Le Havre ebenfalls in ein kompaktes Ankommen in Fort-de-France auf Martinique. Davon profitieren Segler, Veranstalter, Beobachter und Fans gleichermaßen.

Das Grundprinzip funktioniert im Transat Jacques Vabre so: Die Class-40-Flotte bleibt mit ihren 44 Booten im Nordatlantik und hat mehr als 4.500 Meilen zurückzulegen. Dabei muss sie auch die Insel Sal am nordöstlichen Rand der Kapverden passieren, was ihre “Route du Café” zur längsten Transatlantikregatta für die Klasse macht.

7.000-Seemeilen-Herausforderung für die XXL-Ultims

Die Ocean Fifties und Imocas werden einen Abstecher in den Südatlantik absolvieren, wobei die Imocas die knapp 1.000 Kilometer vor der Nordostküste Brasiliens im Atlantik gelegenen Sankt-Peter-und-Sankt-Pauls-Felseninseln und die Mehrrumpfboote die brasilianische Inselgruppe Fernando de Noronha passieren müssen, also noch etwas weiter nach Süden ausholen. Zurückzulegen sind gut 6.000 Seemeilen.

Die rasend schnellen Ultims werden noch weiter südlich bis zur 88 Quadratkilometer großen Tropeninsel Ascension zwischen Afrika und Südamerika geschickt, bevor sie Kurs auf Martinique nehmen dürfen. Sie haben rund 7.000 Seemeilen zu meistern. Insgesamt geht eine Rekordflotte von 95 Booten ins Rennen. Die kleinsten Boote stellen mit 44-Class-40-Racern die größte Flotte, gefolgt von den Imocas mit imposanten 40 Startern. Sechs Ocean-Fifty-Crews und fünf Ultim-Giganten sorgen für rasendes Mehrrumpf-Vergnügen.

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Großes Karibik-Finale am 12. November?

Um alle sicher auf den Kurs zu bringen, hat jede Klasse ihre eigene Startgruppe. Die Schnellsten dürfen die Startboxen zuerst verlassen: Ultim-Titelverteidigerin “Edmond de Rothschild” und ihre vier Rivalinnen “Banque Populaire”, “SVR Lazartigue”, “Sodebo Ultim 3” und “Actual Ultim 3” eröffnen das Transat Jacques Vabre um 13.05 Uhr. Es folgen die Ocean Fifties um 13.17 Uhr, die Imocas mit den drei deutschen Startern Boris Herrmann (”Malizia – Seaexplorer”), Isabelle Joschke (”Macsf”) und Andreas Baden (”Nexans – Art & Fenêtres”) um 13.29 Uhr. Dann wird das Class-40-Feld mit Lennart Burke und Melwin Fink auf “Sign for Com” um 13.41 Uhr ins Rennen geschickt.

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Renndirektor Francis Le Goff sagt: “Es wird vier Sieger-Duos geben. Ziel ist es, dass sie alle etwa zur gleichen Zeit ankommen. So können im Ziel alle – unabhängig von der Klasse – gleichberechtigt von der gleichen Aufmerksamkeit und Berichterstattung in den Medien profitieren.” Ins Visier genommen ist für die Zielankunft der 12. November und damit eine Renndauer von zwei Wochen. Experten wissen, dass es auch gut ein paar Tage länger dauern kann, wenn die Winde auf Kurs Karibik schwächeln.

Es ist ein sehr forderndes Seerevier” (Boris Herrmann)

Dass Prognosen bei einem Rennen über den Atlantik nie so ganz genau getroffen werden können, liegt auch an der Kurslänge. Die Imocas beispielsweise haben mit dem kalt-stürmischen Start im Ärmelkanal und in der Biskaya, dem Sprung über den Großen Teich und dem heißen, vielleicht auch flauen Karibik-Finale fast ein Fünftel der Ocean-Race-Strecke um die Welt zu absolvieren. Da wollen viele Wetter- und andere Hürden genommen werden.

“Malizia – Seaexplorer”-Skipper Boris Herrmann kennt das Rennen. Der Hamburger war bei seiner Premiere mit Co-Skipper Will Harris 2019 nach einem navigatorischen Fehler als Zwölfter ins Ziel gekommen. Der 42-Jährige sagt über die anstehende Herausforderung im Transat Jacques Vabre: “Das Transat ist eine Mischung aus Routineübung und einem großen Rennen über den Atlantik, den wilden winterlichen Nordatlantik mit Auftakt in der Biskaya. Da kann alles Mögliche passieren. Die Herausforderungen, durch den Kanal und um die Ecke der Bretagne zu segeln, sind ja gleich zu Beginn immer ähnlich. Es ist ein sehr forderndes Seerevier.”

Wir sind bereit und glauben, dass wir die klassischen Herbsttiefs des Rennens meistern können” (Melwin Fink)

Auch das einzige rein deutsche Duo erwartet schwere Prüfungen. Lennart Burke und Melwin Fink stehen auf “Sign for Com” vor ihrer Transat-Jacques-Vabre-Premiere. “Es wird hart, damit rechnen wir. Aber wir sind auch zuversichtlich. Unser Boot hat auf der Überführung nach La Havre auch 50 Knoten gut weggesteckt. Wir sind bereit und glauben, auch die klassischen Herbsttiefs des Rennens meistern zu können”, sagt Melwin Fink. Sein Team hat vorsichtshalber Proviant für 20 Tage an Bord. “Wir hoffen aber, dass es bei 15, 16 Tagen auf See bleibt”, so Fink.

Im Herzen des Bassin de l’Eure von Le Havre fiebern auch die Crews auf den 32 Meter langen und 23 Meter breiten XXL-Ultim-Giganten dem Rennstart entgegen. Hier freut sich auch der dreimalige Transat-Gewinner und Titelverteidiger Charles Caudrelier auf die anstehende Herausforderung, die er dieses Mal mit dem extrem routinierten und als Navigator sehr versierten Erwan Israël angeht.

Das Transat Jacques Vabre ist eine meiner Lieblingsregatten” (Charles Caudrelier)

Caudreliers Einschätzung: “Das Transat Jacques Vabre ist eine meiner Lieblingsregatten! Das ist die Veranstaltung, bei der ich zum ersten Mal in den Offshore-Rennsport eingestiegen bin, zunächst mit einem Einrumpfboot, dann mit einem Mehrrumpfboot, und bei der ich einige meiner schönsten Siege errungen habe. Der Kurs und das Zweihandformat ermöglichen es uns, das wahre Potenzial unserer Maschinen auszuschöpfen, was immer zu einigen heiß umkämpften Rennen führt.”

Caudrelier erwartet einen “unruhigen Auftakt” und “ein eher unbeständiges bis sehr unbeständiges Rennen, weil sich über Europa und dem Nordatlantik viel bewegt”. Auch befinde sich das Azorenhoch nicht in seiner üblichen Position, sodass Tiefdruckgebiete über den Nordatlantik ziehen und die günstigen Passatwinde ziemlich weit nach Süden zurückdrängen werden. Für Caudrelier nur eine Herausforderung mehr: “Das verspricht eine interessante Routenwahl.”

TV und Tracking zum Transat Jacques Vabre

Der NDR überträgt den Start am Sonntag (29. Oktober) in der englischen Originalfassung ab 13 Uhr in seinem Livestream (ndr.de). Live-Tracker bieten die Rennveranstalter auf ihrer Homepage, aber auch die Teams an. Boris Herrmanns Team Malizias von weiteren Informationen begleiteter Tracker ist hier zu finden.

Die Transatlantik-Prüfung – hier geht es zum Kurs-Video:

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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