Tatjana Pokorny
· 28.10.2023
Eines von 40 Imoca-Teams hat seine Aufgabe schon vor dem Rennstart angekündigt. “Macif Santé Prévoyance” wird zwar am Sonntag die Startlinie überqueren, dann jedoch in den Hafen zurückkehren. Der Rennstall von Co-Favorit Charlie Dalin hatte zum Wochenende mitgeteilt, dass der Transat-Sieger von 2019 nicht an dieser Edition teilnehmen kann. Dalin werde aber “in Absprache mit dem medizinischen Team dennoch mit seinem Teamkameraden Pascal Bidégorry an den Start gehen, damit er seine Qualifikation für die nächste Vendée Globe fortsetzen kann”.
Das Team wird laut Statement “gezwungen sein, das Rennen aufzugeben, sobald die Startlinie überquert ist”. Weiter hieß es in der Mitteilung: “In Übereinstimmung mit Dalins persönlichem Wunsch und mit Rücksicht auf die anderen Crews, die beim Transat Jacques Vabre Normandie Le Havre an den Start gehen, werden in den kommenden Tagen keine Erklärungen oder Kommentare abgegeben.” In anderen Worten: Der Co-Favorit will seine persönlichen Probleme nicht ins Rampenlicht rücken, bevor die Flotte unterwegs ist.
Dem Imoca-Transat-Feld kommt damit einer der erfolgreichsten Skipper der vergangenen Jahre für das Saisonfinale abhanden. Als Top-Favoriten bleiben Thomas Ruyant und Morgan Lagravière (”For People”), Jérémie Beyou und Franck Cammas (”Charal”) sowie Yoann Richomme und Yann Eliès (”Paprec Akréa”) im Rennen. Dahinter drängeln sich fast ein Dutzend Teams, die ebenfalls in den Kampf um die Podiumsplätze, mindesten aber eine Top-Fünf-Platzierung erreichen könnten.
Zu diesen erfahrenen Duos zählen auch Boris Herrmann und Will Harris auf “Malizia – Seaexplorer” sowie gleich mehrere starke Mixed-Teams. Vor allem wird den beiden Skipperinnen Sam Davies mit Ocean-Race-Gewinner Jack Bouttell auf “Initiatives Cœur” und der zweimaligen Schweizer Ocean-Race-Gewinnerin Justine Mettraux mit Julien Villon auf “Teamwork.net” viel zugetraut. Gespannt sind Fachwelt und Fans auch, wozu Clarisse Crémer mit Team Biotherms jungem Ocean-Race-Dynamo Alan Roberts bei ihrem Comeback auf “L’Occitane En Provence” imstande sein wird.
Weitere Mixed-Teams bilden die in München geborene “Macsf”-Skipperin Isabelle Joschke mit Pierre Brasseur, “Biotherm”-Skipper Paul Meilhat mit Mariana Lobato, “Medallia”-Skipperin Pip Hare mit Nick Bubb, die aus Mini-Kreisen bestens bekannte Irina Gracheva an der Seite von “New Europe”-Skipper Szabolcs Weöres und auf “Foussier-Mon Courtier Energie” Sophie Faguet als Co-Skipperin von Sébastien Marsset.
Die große Frage ist, ob eines der Mixed-Teams womöglich aufs Podium oder in dessen Nähe segeln kann. Am ehesten wird das den Teams um Sam Davies und Justine Mettraux zugetraut. Beide Seglerinnen bringen massiv viel Erfahrung und Ehrgeiz mit. Über seine Skipperin Justine Mettraux sagte Co-Pilot Julien Villon: “Erstens einmal ist sie eine großartige Seglerin mit sehr viel Erfahrung. Sie hat in den vergangenen drei Jahren nichts als Imocas gesegelt, das Ganze mehr als 200 Tage im Jahr. Zum anderen ist sie ein Mensch, der draußen auf See vor allem auf Langstrecken glücklich ist. Und sie ist gut, wenn sie allein oder zu zweit segelt.”
Justine Mettraux’ Spitznamen “Juju the machine”, den sie sich im Ocean-Race-Einsatz für Charlie Enrights siegreiches Team 11th Hour Racing mit enormer Hingabe und Durchhaltevermögen erworben hatte, schätzt Julien Villion dagegen weniger. Der 36-Jährige sagt: “Ich mag den Begriff ‘Maschine’ nicht, weil ich nicht glaube, dass Menschen auf Booten Maschinen sein können. Aber ‘Juju’ ist sicher sehr ruhig und sehr beständig in ihren Emotionen. Das ist wirklich wichtig und gut für mich. Es ist härter, mit jemandem zu segeln, dessen Emotionen ständig rauf und runter gehen.”
Sam ist eine solide Hochseeseglerin, die keine Angst hat, Gas zu geben” (Jack Bouttell)
Auf der knallroten “Initiatives Cœur” hat sich die britische Skipperin und Herz-Dame Sam Davies die Power von Ocean-Race-Ass Jack Bouttell ins Boot geholt. Der 32-Jährige mit britischem und australischem Pass sagt über die in Frankreich lebende Samantha Davies: “Bei Sam konnte man sofort sehen, dass sie ihr Boot sehr gut kennt, eine solide Hochseeseglerin ist und keine Angst hat, Gas zu geben.”
Weiter sagte Bouttell: “Ich persönlich habe unseren Sport nie als männlich oder weiblich gesehen, sondern als etwas für eine Crew, ein Team oder einen Skipper. Das Schwierigste für weibliche Segler ist nicht die Frage der Fähigkeiten, sondern der Erfahrung. Sam hat diese Erfahrung. Und sie hat als Ingenieurin einen technischen Hintergrund, was großartig ist.”
Mit den ehrgeizigen Mixed-Teams starten am Sonntag 30 Jahre nach der Transat-Premiere insgesamt 95 Duos ins 16. Transat Jacques Vabre. Um 13.05 Uhr sind zunächst die Ultim-Giganten gefordert. Die drei anderen Felder folgen im 12-Minuten-Takt bis 13.41 Uhr (Class 49). Viel wurde in diesen Tagen über den stürmischen Auftakt diskutiert, mit dem die Atlantik-Herausforderer zu rechnen haben. Angedachte Verschiebungen aber waren am Samstag vom Tisch.
Allerdings wurde der eröffnende Küstenkurs verkürzt, indem die Tonne von Étretat aus dem abzusegelnden Auftakt-Parcours entfernt wurde. Die Boote werden dennoch ein Stück entlang der Küste segeln, sodass die Zuschauer die Segel-Duos eine Weile beobachten können, bevor sie am Horizont entschwinden.
Nach jüngsten Prognosen rechneten die Veranstalter zuletzt für die Startphase mit 25 Knoten Wind aus Süd-Südwest. Das ist mehr als knackig. Der klassische Abschnitt in Richtung Étretat, bevor es nach Westen geht, wäre zwar ein schneller gewesen, hätte aber die Gefahr beinhaltet, dass die Flotte in Richtung Küste und in die Nähe einiger gefährlicher Revierecken gedrängt wird, denen die Boote im Fall eines Problems nur schwer entkommen wären.
“Zum Wind kommt noch die Springflut hinzu. Bei Ebbe und Gegenwind wäre die Gegend um Étretat wie ein Kessel”, erklärt Renndirektor François Le Goff. “Ich bin mir nicht einmal sicher, ob eine Boje unter diesen Bedingungen an Ort und Stelle geblieben wäre”, fügte er hinzu. Alle Details zur Route erfahren die Skipper bei ihrem letzten Briefing vor dem Start.
Das härteste Wetter wurde zuletzt für Dienstag oder Mittwoch, also zwei bis drei Tage nach dem Start erwartet. Der bis dahin zu absolvierende Kurs aus dem Ärmelkanal heraus werde “lebhaft”, so die Renndirektion, jedoch sollten die Crews in der Lage sein, ihn zu meistern. Am Dienstag oder Mittwoch jedoch wird ein starkes Tief vom Atlantik auf die Flotte treffen. Alle sind gewarnt und wissen: Der Nordatlantik wird im November nicht kooperativ sein und insbesondere die langsameren Teilnehmer extrem fordern.

Freie Reporterin Sport