Tatjana Pokorny
· 17.11.2023
Boris Herrmann zieht zwei Tage vor dem erwarteten Imoca-Finale im 16. Transat Jacques Vabre positiv Bilanz. Bei einer Online-Pressekonferenz von Bord der “Malizia – Seaexplorer” sagte der 42-jährige Hamburger am Freitagnachmittag auf dem Weg in karibische Gefilde: “Wir genießen fantastisches Segeln auf Kurs Martinique.” Die wichtigste Erkenntnis des fünfmaligen Weltumseglers: “Ich bin sehr erleichtert, dass wir mit den anderen Neubauten mithalten können. Da hatte ich etwas Sorge. Was wir hier erleben, ist vielversprechend für die Vendée Globe.”
Laut Routings gewinnt Justine das Rennen immer noch” (Boris Herrmann)
Boris Herrmann wird am 10. November 2024 in seine zweite Soloregatta um die Welt starten. Bis dahin soll die “Malizia – Seaexplorer” nach intensiven Erfahrungen im Ocean Race weiter optimiert werden. Tatsächlich scheinen die neuen und schnellen Conq-Koch-Schwestern “For People” mit Thomas Ruyant und Morgan Lagravière und “Paprec Arkéa” mit Yoann Richomme und Yann Eliès leichte Speed-Vorteile zu haben. Dazu sagte Boris unter anderem, er sei neugierig, mehr darüber zu erfahren, wie sich deren Gennaker-Einsatz im Vergleich zum Code-Zero-Einsatz auf “Malizia – Seaexplorer” auswirke.
Im Rennen über den Atlantik bleibt Boris Herrmann aktuell aber auch von der Schweizerin Justine Mettraux und ihrem Mitsegler Julien Villion auf “Teamwork.net” beeindruckt. Das Mixed-Duo hatte sich – anders als das Gros der Imoca-Flotte – für den stürmischen Nordkurs entschieden. Boris Herrmann sagte am Freitag: “Laut Routings gewinnt Justine das Rennen immer noch. Sie hat einen echt guten Job abgeliefert, durch die Stürme im Norden zu kommen. Sie ist sehr mutig und sehr stark – sehr beeindruckend!”
Dass sich sein Team mit der Mehrheit des Feldes für die längere, aber weniger stürmische Südroute in angenehmeren Passatwinden entschieden hat, bereut Herrmann nicht: “Wir wollten ein schönes Rennen und den Vergleich mit den anderen.” Team Malizia lag am elften Renntag auf Platz sechs. Spitzenreiter waren mit “For People” und “Paprec Arkéa” zwei Conq-Koch-Imocas aus derselben Design-Schmiede mit Baujahr 2023. “Malizia – Seaexplorer” war im Sommer 2022 vor dem Ocean Race zu Wasser gelassen worden.
Mit dem Zieldurchgang rechnet Herrmann am Sonntagabend deutscher Zeit. Die Zielankunft könne sich – je nach Winddrehern – aber auch noch ein ganzes Stück nach vorn oder hinten verschieben. Bis dahin sind weitere spannende Duelle in der Imoca-Flotte zu beobachten. Während “Malizia – Seaexplorer” am Nachmittag des 17. November rund 180 Seemeilen Rückstand auf die führende “For People” hatte, ist aber auch der Rückstand der zweitplatzierten “Paprec Arkéa” auf das führende Schwesterschiff auf rund 70 Seemeilen angewachsen.
Sehr spannend: “Paprec Arkéa” wird inzwischen sogar von der “For People”-Rennstallgefährtin “For the Planet” angegriffen. Das ist eine bemerkenswerte Leistung, denn Sam Goodchild und Designer Antoine Koch segeln ein Guillaume-Verdier-Design von 2019 mit guten Chancen auf einen Podiumsplatz. Das britisch-französische Duo hält dabei weiter Sam Davies’ “Initiatives Cœur” und Jérémie Beyous “Charal” hinter sich in Schach.
Die Imoca-Top-Ten machten vor den letzten beiden Tagen auf See Maxime Sorels “V and B – Monbana – Mayenne” (8.), Clarisse Crémers “L’Occitane en Provence” (9.) und “Guyot Environnement – Water Family” mit Benjamin Dutreux komplett. Sie genießen zwar aktuell schöne Winde, haben aber auch mit der Hitze zu kämpfen.
Wir haben nun selbst nachts knapp 28 Grad Celsius in der Kabine” (Andreas Baden”
Andreas Baden, der mit Fabrice Amedeo auf “Nexans – Art & Fenêtre” am Freitagnachmittag bei knapp 1.000 Seemeilen Rückstand auf “For People” auf Platz 28 lag, berichtete: “Die Temperaturen vereinfachen das Leben an Bord nicht gerade. Wir haben selbst nachts in der Kabine nun knapp 28 Grad Celsius. Die Möglichkeiten, für Frischluft zu sorgen, sind begrenzt. Was da hilft, ist, dann doch mal öfter zum Eimer zu greifen und mit dem warmen Atlantik-Wasser eine kleine Erfrischung zu generieren.”
Andreas Badens Blick auf die Vorräte an Bord verriet: “Die letzten frischen Lebensmittel an Bord stellen nun zwei Grapefruits da, die uns wohl noch bis morgen erfrischen. Danach dann nur noch Freezedried-Mahlzeiten sowie Powerbars und Müsli (mit Milchpulver statt frischer Milch). Überraschend haben wir gestern, nachdem wir ja schon dachten, der Vorrat wäre erschöpft, dann doch noch eine Tafel schwarzes Gold gefunden. Deren Haltbarkeit ist aber wohl auch bald abgelaufen, vermutlich spätestens heute Mittag. Einer hier an Bord ist ja eine Naschkatze …”
Man sollte es mit Tiger Woods halten, der sagte: ‘Ich messe meinen Erfolg nicht in Siegen, sondern daran, täglich besser zu werden’” (Andreas Baden)
Zur taktisch-strategischen Lage im Transat sagte Andreas Baden: “Momentan sieht es so aus, als wäre die Nordroute die etwas schnellere nach Martinique. Aber auf der Route gab es auch bei dem einen oder anderen Schiff Schäden. Unsere Philosophie dahingehend habe ich ja bereits erläutert. Gas geben wo möglich – ohne die Rückregatta zu gefährden.” Noch wichtiger sei das, so Andreas Baden, wenn man sehe, dass zwischen Ankunft und Start nur eine knappe Woche liege, “um das Boot wieder vorzubereiten und Fabrice zu regenerieren”.
Andreas Baden erinnerte daran, dass er mit seinem Skipper Fabrice Amedeo mit “einen geringen Trainingszustand” in seine Transat-Premiere gestartet war. “Wir kannten das Boot nach nur vier Trainings vor dem TJV noch nicht so gut. Wenn wir in Martinique sind, sind wir dann wohl gut eingespielt und kennen das Boot und die versteckten Hebel für den extra Turbo. Man sollte es an der Stelle mit Tiger Woods halten, der sagte: ‘Ich messe meinen Erfolg nicht in Siegen, sondern daran, täglich besser zu werden.’ Und das tun wir. Gemeinsam. Mit Spaß und Motivation.”
Zu kämpfen haben gleichzeitig Lennart Burke und Melwin Fink in der Class-40-Flotte. Mit Platz 24 zollen die Jungprofis auf “Sign for Com” weiter ihren vergangenen Flautenverlusten Tribut. Inzwischen zählen sie nach dem Split, der auch ihre Flotte geteilt hat, zu den sieben Booten, die ihr Glück auf der Nordroute suchen. Angeführt wird diese Gruppe von zwei Co-Favoriten: “Groupe Snef” und “Crédit Mutuel”. Beide Schiffe lagen aber am Nachmittag des 17. November nur auf den Plätzen 14 und 16.
Klare Vorteile hatte sich zeitgleich die Südgruppe erarbeitet, wo die Top-Favoriten Ambrogio Beccaria und Nicolas Andrieu auf “Alla Grande Pirelli” mit den “Ibsa”-Co-Skippern Alberto Bona und Pablo Santurde Del Arco bei etwa einer Seemeile(!) Differenz noch knapp 1.350 Seemeilen bis ins Ziel zu meistern hatten. Als bestes reines Frauen-Team lagen die Ocean-Race-Seglerinnen Amélie Grassi und Anne-Claire Le Berre in der Class 40 auf “La Boulangère Bio” auf Platz zehn.
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