Vor sechzig Jahren wurde an der Schlei Geschichte geschrieben – auch wenn das damals kaum jemand ahnte. Ein Tankstellenbesitzer aus Fleckeby, ein paar Dutzend hölzerne Seifenkisten und eine Handvoll begeisterter Kinder legten einen Grundstein für das, was heute die größte Jugend-Segelklasse der Welt ist. Der Wassersportverein Fleckeby (WSF) feiert dieses Jubiläum mit einer Regatta, die bewusst in die Vergangenheit blickt: Alte Holzoptis segeln Seite an Seite mit modernen Glasfaserbooten. Die Geschichte segelt mit.
Sechzig Jahre ist es her, dass in Fleckeby die erste Optimisten-Regatta in Deutschland stattfand. Es war 1966, und der Wassersportverein Fleckeby (WSF) war gerade einmal drei Jahre zuvor gegründet worden. Die Infrastruktur war bescheiden: ein in Eigenleistung errichtetes Vereinshaus mit Bootshalle auf gepachtetem Grund. Doch die Gründer hatten von Anfang an erkannt, welche Bedeutung die Jugendsegelausbildung haben würde. Sie engagierten sich früh für eine kleine, viereckige Jolle, die gerade dabei war, alles zu verändern: den Optimisten.
„Ich habe herausgefunden, dass 1966 tatsächlich die erste Optiregatta hier stattgefunden hat", erzählt Alexander Prahl. Er ist seit einem Jahr Jugendobmann des WSF und hat die Vereinsgeschichte in den vergangenen Monaten intensiv recherchiert. Was er dabei entdeckte, überraschte ihn selbst: Fleckeby spielte nicht nur eine Rolle bei der Einführung der Bootsklasse in Deutschland – sondern auch bei der Gründung der deutschen Klassenvereinigung.
Die Schlüsselfigur dieser Geschichte heißt Hans-Harro Redlefsen. Der Tankstellenbesitzer aus Fleckeby war Mitglied des WSF und wurde vom Deutschen Segler-Verband (DSV) beauftragt, eine nationale Klassenvereinigung für den Optimisten aufzubauen. Schon knapp ein Jahr, nachdem in seinem Verein die erste Regatta mit den hölzernen Kleinstbooten gesegelt worden war, wurde am 6. Mai 1967 in Hamburg die „Deutsche Optimist-Dinghy Vereinigung (DODV)“ gegründet – mit Redlefsen als geschäftsführendem Obmann.
Wie groß danach der Andrang war, schildert ein Artikel in der YACHT 1969 plastisch: „Täglich gehen bei Hans-Harro Redlefsen, 44, Tankstellenbesitzer zu Fleckeby bei Schleswig und Geschäftsführer der Optimistenvereinigung, 12 bis 15 neue Anfragen nach Bauplänen, Vermessungsformen und Segelnummern ein." Für zehn D-Mark gab es die Bauvorschriften, für sechs D-Mark ein Vermessungsformblatt; der Jahresbeitrag der Vereinigung betrug drei D-Mark.
Der Optimist verdankt seine Existenz einer simplen Idee: Ein amerikanischer Wohltätigkeitsclub suchte eine günstige Alternative zu ihren regelmäßig ausgetragenen Seifenkistenrennen; sie waren aufwändig und teuer, Straßen mussten gesperrt werden. Warum das Ganze nicht auf dem Wasser veranstalten? 1947 bekam der Bootsbauer Clark Mills in Florida den Auftrag, ein Boot zu entwickeln, das Vater und Sohn ohne Werkzeugkenntnisse selbst bauen konnten. Es durfte nicht mehr als 50 Dollar kosten. Das Ergebnis war der Optimist – viereckig, flach, pragmatisch. Er war aus Standard-Sperrholzplatten so zugeschnitten, dass bei minimalem Verschnitt gleich drei Boote aus vier Platten gebaut werden konnte.
Am 3. September 1947 ging der elfjährige Sohn des Auftraggebers auf Jungfernfahrt. Mills verdiente an jedem Boot gerade einmal fünf Dollar. Lizenzgebühren verlangte er nie.
1954 brachte der dänische Architekt Axel Damgaard den Bauplan nach Europa. Mit dem Olympiasieger Paul Elvstrøm fand der Opti einen einflussreichen Fürsprecher und verbreitete sich rasch durch Skandinavien und Europa. In Deutschland wurden die ersten Optimisten Anfang der 1960er Jahre in Warnemünde gesegelt – ein Gastgeschenk dänischer Regattabesucher. Im Westen wurde die Schlei zur Keimzelle der Klasse.
Einige Jahre bevor die kleine Jolle in Westdeutschland von der Schlei aus ihren Siegeszug antrat, spielte sich auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs eine bemerkenswert ähnliche Geschichte ab – nur unter völlig anderen politischen Vorzeichen. Im Jahr 1960 kreuzten dänische Segler der Sundby Sailing Vereinigung Kopenhagen zur Internationalen Ostseeregatta nach Warnemünde. Im Gepäck hatten sie etwas, das die Gastgeber sofort begeisterte: Optimistjollen – samt Zeichnungen und Bauskizzen.
Die Jugendverantwortlichen der damaligen Sektion Segeln der BSG Motor Warnowwerft – heute wieder unter ihrem angestammten Namen Warnemünder Segel-Club bekannt, wie er auch schon vor der DDR-Zeit hieß – erkannten das Potenzial dieser kleinen Jolle auf Anhieb. Auf dem Schnürboden der Warnowwerft wurden umgehend acht Exemplare nachgebaut. Bereits ein Jahr später fanden die ersten Opti-Regatten vor Warnemünde statt. Von hier aus, so erzählen die Warnemünder bis heute mit einem gewissen Stolz, trat der Optimist seinen weltweiten Siegeszug an – bis nach Wladiwostok und Kuba. Ost und West, getrennt durch Politik und Stacheldraht, hatten unabhängig voneinander dasselbe entdeckt: die perfekte Kinderjolle.
Was an der Schlei begann, entwickelte sich in wenigen Jahren zur größten Bootsklasse der Bundesrepublik. Das “unförmige, viereckige, ganze 2,32 Meter lange und 33 Kilogramm leichte Jüngstenboot", wie es die YACHT 1969 beschrieb, wurde das meistgebaute und meistverkaufte Boot der Saison: „Es verheißt dem Nachwuchs Frieden und Freiheit an eigener Pinne in einem Alter, in dem die Eltern noch nicht einmal vom eigenen Boot zu träumen wagten."
1966 gab es im gesamten Bundesgebiet kaum mehr als fünf Dutzend Optimisten – 40 in Schleswig, zwölf in Fleckeby und vier in Berlin. Ein Jahr später waren es bereits 100, 1969 registrierte die Vereinigung bereits 1.200 Boote.
„Deutschlands stärkste Bootsklasse ist weder der Korsar, dessen Segelnummern sich dem zweiten 1000 nähern, noch der in Ehren ergraute Pirat", stellte die YACHT fest. „Deutschlands größte Klasse ist die seiner kleinsten Segler, die Optimistenjolle." Denn von den älteren Klassen existierte längst nur noch ein Bruchteil der einst vergebenen Nummern. Die 1.200 registrierten Optimisten dagegen waren samt und sonders segelklar – und dazu kamen noch all jene, die noch gar keine Nummer beantragt hatten.
Dennoch beantwortete die Redaktion eine wichtige Frage knapp und abschließend: „Nein, testen werden wir den Optimisten nicht."
Die rasante Entwicklung brachte den Opti auf die Titelseite der YACHT - versehen mit der warnenden Headline: “Kindersegeln - doch das Spiel ist aus!”
Was als unkompliziertes Kinderprojekt begonnen hatte, wurde zusehends von Elternambitionen überlagert, die der namentlich nicht genannte Autor als “Wachstumsschmerzen” bezeichnete. Segelmacher Beilken aus Bremen berichtete weiland von Vätern, die nicht nur ein Segel für des Sohnes Optimisten kauften, sondern gleich drei: eines für Flaute, eines für Mittelwind und eines für das ganz harte Wetter. Aus Berlin wurden Gerüchte laut, wonach ein Vater seinen Nachwuchs per Walkie-Talkie während der Regatta taktisch dirigierte. „Anweisungen von elterlichen Motorbooten wie 'Wende, du Schlafmütze' oder 'Luv ihn hoch' fördern die Instinkte, die der Mensch zum Seglerleben halt so braucht".
Man sah Väter, die gemessenen Schrittes aufeinander zugingen und sich beglückwünschten – nach Zieldurchgängen, die weit draußen auf dem Wasser stattgefunden hatten und die vom Ufer aus gar nicht zu sehen gewesen waren. In Kiel, wo alljährlich um den „Goldenen Optimisten" gesegelt wurde, weiß seinerzeit die örtliche Presse zu berichten, dass die an Land zurückgebliebenen Eltern oft noch nervöser waren als ihre Kinder auf dem Wasser.
Berlin kam auf eine besonders elegante Lösung: Bei größeren Veranstaltungen wurden die Eltern kurzerhand auf ein Fahrgastschiff verladen. Dort konnten sie sich, wie die YACHT vermerkte, „in einer wirklich angenehmen Atmosphäre mehr mit den Nachbarn und den Getränken als mit ihren Kindern" beschäftigen. Dem Schipper, so wurde angeregt, solle man Instruktionen geben, sich der Regattabahn nicht allzu sehr zu nähern.
Die DODV reagierte auf den elterlichen Ehrgeiz mit einer Reihe von Maßnahmen. So wurden Proteste wurden fortan nur noch verhandelt, wenn sie von den Kindern selbst beim Zieldurchgang angezeigt worden waren. Wanderpreise und Einzelpreise über 20 Mark wurden abgeschafft, Steuermannspreise durch Mannschaftspreise ersetzt.
Zur diesjährigen Jubiläumsregatta am 22. und 23. August sind ausdrücklich nicht nur moderne Glasfaseroptis eingeladen. Es werden auch historische Holzboote ins Regattaformat einbezogen – zwei alte Holzoptis aus Flensburg haben bereits zugesagt. Auch Yachtsegler sind willkommen, damit Jung und Alt gemeinsam an einem Wochenende zusammenfinden, das Vergangenheit und Gegenwart dieser einzigartigen Bootsklasse verbindet.
Begleitend zur Regatta ist eine Fotoausstellung auf dem Vereinsgelände zu sehen, die für alle Besucher offensteht.
Wer kurzentschlossen mitsegeln möchte, kann noch bis morgen, 22. August 2026, melden:
Zugelassen sind Optimisten in herkömmlicher Kunststoffbauweise sowie Eigen- und Werftbauten in Holzbauweise in getrennter Wertung. Zu der Regatta werden die Vereine des Reviers durch den Ausrichter eingeladen. Die Regatta ist offen für Opti-A, -B und -C. Teilnehmerbegrenzung auf insgesamt 30 Boote. Die Anzahl der 20-minütigen Kurzwettfahrten ist nicht begrenzt und bestimmt sich durch die Windverhältnisse und das gegebene Zeitfenster.

Redakteurin Panorama und Reise
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