Route du RhumDie packenden Geschichten der Hinterbänkler

Andreas Fritsch

 · 28.11.2022

Roland Jourdains "We Explore"
Foto: Martin Viezzer / We Explore
Galerie der Stars der zweiten Reihe

Die Rockstars der Ultims und Imocas sind längst im Ziel. Zeit, einmal auf die “Normalos” zu schauen, die teils haarsträubende Geschichten im Gepäck haben und am Wochenende ankamen

Hinterbänkler ist eigentlich ein hartes Wort, schließlich fuhren Roland Jourdain und Loïc Escoffier mit ihren Kats am Wochenende als Erste und Zweite der Klasse “Rhum Multi” über die Linie. Die Namen kennt man doch? Na klar, Jourdain, auch “Bilou” genannt, ist einer der wohl erfolgreichsten Ex-Imoca-Skipper der letzten Jahrzehnte. Zwei Route-du-Rhum-Siege, zwei Transat-Jacques-Vabre-Siege, zweimal Dritter der Vendée Globe. Ein Ex-Rockstar mit nun ein paar Falten mehr. Mit 58 Jahren ist er aus dem Top-Zirkus raus, managt aber höchst erfolgreich einen Imoca-Rennstall (Kairos). Und hat sich der Nachhaltigkeit im Bootsbau und Rennsport verschrieben, versucht das “immer schneller und immer höher”-Streben der Szene kritisch zu hinterfragen.

Verlagssonderveröffentlichung

Mit seinem vermeintlichen Sieg am Wochenende sicherte er sich einen Platz in den Annalen der Renngeschichte, wäre er doch erst der zweite Skipper gewesen, dem es gelang, die Route du Rhum dreimal zu gewinnen. Und zwar neben Franck-Yves Escoffier, dem Vater des Zweitplatzierten Loïc Escoffier. Nur dass sich später bei der Kontrolle von Jourdains Boot leider zeigte, dass die Motor-Verplombung durch die Rennleitung in St.-Malo gebrochen war. Die daraus resultierende Zeitstrafe von 90 Minuten schiebt Loïc Escoffier auf den Platz an der Sonne, er wurde zum Sieger ernannt, was seinem Vater den alleinigen Platz in den Segel-Geschichtsbüchern erst mal wieder sichert. Eine tragische Episode für Jourdain.

Nur für einen kurzen Moment in den Geschichtsbüchern

Wem das vielleicht als “geschenkter” Sieg von Loïc Escoffier vorkommt, der kennt dessen Geschichte nicht, denn kaum jemand hat so hart dafür gekämpft, an der Startlinie der diesjährigen Route du Rhum zu sein. Erst vor vier Monaten war er mit seinem 50-Fuß-Serien-Kat von Marsaudan beim Drheam Cup unweit des Fastnet Rocks spektakulär gekentert. Die Bilder von der Rettung des Skippers durch die britische Seenotrettung gingen um die Welt.

Monatelang kämpften er und sein Team danach darum, den geborgenen Kat wieder rennfertig zu bekommen – und schafften es. Und das gerade einmal zwei Jahre, nachdem sein Bruder und Open-60-Skipper Kevin Escoffier von Jean Le Cam gerettet werden musste, als sein Open 60 im Indischen Ozean sank. Wirklich nicht ganz die typische Segel-Durchschnitts-Familie. So ganz unverdient ist der Sieg von Loïc also keinesfalls.

Oder eigentlich doch. Es sollte ja jemand ganz anderes auf dem Treppchen stehen. Der Belgier Gilles Buelkenhout. Der segelnde Architekt aus Belgien führte die Rhum-Multi-Klasse so lange souverän an, lag nur noch 300 Meilen vor dem Ziel mit über 100 Meilen in Führung – als er in einer Bö kenterte. Unverletzt konnte er sich im Mittelrumpf seines 40-Fuß-Benoit Cabaret/Martin Fischer-Designs retten und wurde abgeborgen. Ein wirklich heißer Ofen ist dieser Tri, den er sich ohne jeden Regelzwang einfach privat bauen ließ, inklusive T-Foils und gebogenen Hauptfoils, die das Boot enorm weit aus dem Wasser heben können. Eine brutale Carbon-Rakete, aber wer die Kenterungen in der größeren 50-Fuß-Tri-Klasse und auch früher in den Orma 60 noch in Erinnerung hat, weiß, dass ein 40-Füßer wirklich der sprichwörtliche Ritt auf der Kanonenkugel ist. Das Boot ist genauso breit wie lang, und in den Wellen muss man höllisch aufpassen.

Buelkenhout wurde von einem Frachter abgeborgen, der auf dem Weg nach Rotterdam war, und offensichtlich bewegte die tragische Geschichte der Kenterung des Belgiers den Kapitän derart, dass er anbot, umzudrehen und den Skipper auf Guadeloupe abzusetzen, wo er am Sonntag heil ankam und von seiner Familie erwartet wurde. Es mag einem die Tränen in die Augen treiben.

Es sind solche Geschichten, die sich einfach ins Gedächtnis brennen, nicht unbedingt der Rennverlauf in der “Normalo”-Klasse der Rhum Multi und Mono, die ein bisschen ein Sammelbecken für Skipper und Boot sind, die sich einfach einen persönlichen Traum erfüllen wollen. Trotzdem ist da durchaus viel Prominenz unterwegs. Auf dem dritten Platz landete Marc Guillemot, auch so ein Ex-Imoca und Orma-60-Tri-Rockstar ...

Der Lebenstraum vom “Rhum”-Sieg wird wahr

Oder nehmen wir die Rhum-Monohull-Klasse. Die gewann Jean-Pierre Dick, der damit nach dem Karriere-Ende als einer der Top-Imoca-Skipper vor einigen Jahren sich endlich den Traum von einem Sieg bei der Route du Rhum erfüllt. Das andere große Transat-Rennen, die Jacques Vabre hat er schon zweimal gewonnen. Was spannend ist: Er segelte im Rennen ein Boot, das er direkt nach seinem Ausstieg aus der Imoca-Szene für sich bauen ließ: einen etwas gezähmten 54-Fuß, quasi Imoca, aber mit einem sehr coolen kardanisch aufgehängten Naviplatz und als (very) fast Cruiser konzipiert. Mit dem Boot segelt er seit Jahren mit Freunden und Familien regelmäßig, gern auch in die Karibik, auch als Teilnehmer bei der ARC. Auf dem Boot können sich sogar normale Kunden einchartern.

Eine sehr anrührende Geschichte hat das optisch absolute Hingucker-Boot der diesjährigen Route du Rhum: Philippe Poupons in strahlendem, glitzerndem Gold lackierter Trimaran “Flo”. Das Boot ist eigentlich ein französisches Nationalheiligtum. Damit gewann die Französin Florence Arthaud 1990 als erste Frau das Rennen, damals noch als “Pierre 1” am Start. Die Franzosen lagen der charmanten Segelverrückten danach regelrecht zu Füßen. Als “Flo” wurde sie eine Segel-Ikone.

Als sie vor einigen Jahren tragisch bei einem Helikopterabsturz ums Leben kam, entschloss sich Philippe Poupon, selbst ein Stück französischer Segel-Geschichte, zusammen mit seiner Frau einen Dokumentarfilm über Florence zu drehen, mit der er privat gut befreundet war.

Dafür fiel ihm das alte Boot “Pierre 1er” ein. Er suchte das Boot auf der ganzen Welt, wurde auf den Philippinen fündig und kaufte den rottenden Tri. Brachte ihn nach Frankreich und refittete ihn in der Werft von Michel Desjoyeaux, inklusive der goldenen Lackierung, in der das Boot auch beim Sieg der Französin damals erstrahlte.

Seine Teilnahme am Rennen hatte für ihn etwas zutiefst Spirituelles, wie er vor dem Rennen sagte: “Ich bin mir sicher, Florence wird mich irgendwo da draußen begleiten bei meiner Überfahrt. Heute Morgen um 9 Uhr überquerte er als Siebter die Ziellinie vor Guadeloupe. Florence wäre wohl stolz auf ihn gewesen ...

Es sind auch solche Geschichten in den “Jedermann”-Feldern, die die Route du Rhum zu etwas ganz Besonderem machen.


Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel