Route du RhumBoris Herrmann gibt Einblicke in seine Gedankenwelt

Tatjana Pokorny

 · 18.11.2022

Route du Rhum: Boris Herrmann gibt Einblicke in seine Gedankenwelt
Boris Herrmann beim Rückblick auf die erste Rennwoche | Screenshot/Team Malizia

An Tag zehn der Route du Rhum hat Boris Herrmann von See aus zur Pressekonferenz geladen. An Bord der “Malizia – Seeaexplorer” sprach der 41-jährige Hamburger über seine Einsamkeit, den Umgang mit der schwachen Platzierung und sein Ringen um das bessere Kennenlernen seines neuen Imoca

Während Boris Herrmann bei seiner zweiten Route du Rhum mit neuem Boot um Anschluss ans Mittelfeld ringt, gab er in der zweiten Rennwoche des Transatlantik-Klassikers bei einer Online-Pressekonferenz Einblicke in seine Gedankenwelt. Der “Malizia – Seaexplorer”-Skipper beantwortete Fragen der zugeschalteten Journalisten. Hier seine Antworten zu den wichtigsten Kernthemen im Überblick.

Im Rennmodus, aber noch in der Entwicklungsphase: Boris Herrmanns neuer Imoca “Malizia – Seaexplorer”Foto: Pierre Bouras
Im Rennmodus, aber noch in der Entwicklungsphase: Boris Herrmanns neuer Imoca “Malizia – Seaexplorer”

Wie geht es dir, und wie schwer fällt der Umgang mit der aktuell schwachen Platzierung als 25. von 34 Imocas, die noch im Rennen sind?

Mir geht es gut. Ich komme ganz gut klar mit dem Rückstand. Ich hatte das ja ein bisschen so vorhergesehen. Es ist ein Rennen, bei dem ich ins Ziel kommen will. Ich will natürlich gut segeln. Ich gebe mir natürlich Mühe, bin auch im vollen Race-Modus. Ich bin ein paar Risiken eingegangen, was die Route angeht. Und ich bin auch ein paar defensive Entscheidungen gefahren. Dass es sich so doll auswirkt, hätte ich natürlich nicht gedacht, aber ich sehe das ganz gelassen.

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Es liegt eindeutig nicht am Boot. Es liegt an meiner Routenwahl. Und die ist halt zum Teil auch ein bisschen dem Herangehen an dieses Rennen geschuldet.

Kommst du mit dem besseren Kennenlernen deines neuen Bootes voran?

Ich bin jetzt so ein bisschen in meinem eigenen Rennen, versuche, so viel wie möglich mitzunehmen, das Boot kennenzulernen, die Zeit so gut wie möglich zu nutzen und vielleicht auch die eine oder andere Meile wieder gutzumachen und einige Konkurrenten einzuholen. Und es macht auch Spaß. Gestern war ein schöner Tag. Oder vorgestern Abend, als der Wind nach der langen Flaute mit 30 Stunden bei weniger als vier Knoten Wind wiederkam. Das war ein bisschen hart, aber als dann der Wind wiederkam, war es wunderschön. Jetzt ist aktuell schon wieder so viel Wind, dass es auch ganz schön angespannt ist.

Wie zufrieden bist du mit der Leistung der “Malizia – Seaexplorer” bei ihrem ersten Transatlantik-Rennen?

Ich bin extrem zufrieden und danke allen, die am Boot mitgewirkt haben. Es war ja unser großes Ziel, und alle haben hart dafür gearbeitet, das Schiff von einem weißen Blatt Papier rechtzeitig für die Route du Rhum fertigzukriegen. Da sind wir die Einzigen in diesem Rennen, die mit diesem Ansatz gestartet sind. Ich bin stolz darauf, dass wir es geschafft haben, hier ein voll zuverlässiges Schiff zu haben. Ohne technische Probleme, voll einsatzbereit. Es funktioniert gut. Jetzt muss ich es noch weiter kennenlernen, um mit ihm eins zu werden, wie ich es mit meinem alten Schiff war. Aber es gefällt mir gut, ich fange an, es zu mögen.

Boris Herrmann in der ersten Rennwoche der Route du RhumFoto: Team Malizia/#RDR 2022
Boris Herrmann in der ersten Rennwoche der Route du Rhum

Wie steht es um die erhofft guten Downwind-Eigenschaften, welche positiven Erkenntnisse konntest du bislang gewinnen?

Es geht gerade erst los mit dem Downwind. Heute Nacht hat der Wind zugenommen. Da haben wir noch Drohnenaufnahmen gemacht. Das war bei Wind um zehn, zwölf Knoten. Das war noch in sehr eigenartigem Seegang und bei böigen Winden. Mit einem Schiff, das ich noch kaum kenne. Damit muss ich erst warm werden, um es auch richtig beurteilen zu können. Noch bin ich ein bisschen angespannt, gestresst auch. Ich fühle mich noch nicht ganz zu Hause. Deswegen freue ich mich umso mehr auf das Ocean Race, weil so eine Situation natürlich anders ist, wenn man drei andere gute Segler mit ihren Beobachtungen und Einschätzungen neben sich hat.

Ich muss auch daran zurückdenken, wie lange es mit meinem alten Schiff gedauert hat, bis ich mich da sicher und wohlgefühlt habe. Da war es so, dass ich zur Route du Rhum (vor vier Jahren; d. Red.) schon zwei Transatlantik-Rennen gesegelt hatte. Ich hatte 20.000 Seemeilen zum Start der Route du Rhum. Es dauert einfach, ein Schiff kennenzulernen.

Wenn ich jetzt mit 18, 20 Knoten ein bisschen mehr pushe, dann kriege ich aber Alarme. Da muss ich gerade mal schauen, ob ich den Alarm ein bisschen hochsetzen kann, die Mastalarme. Dann kann ich auch 20 Knoten Durchschnitt erreichen. Das habe ich in solchen Bedingungen mit dem alten Schiff nicht machen können. Ich kann hier auch so stehen, ohne mich festzuhalten. Auf dem alten Schiff bin ich bei fast jeder Welle fast mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen. Weil es dann in den Wellen so abstoppte. Das neue Schiff ist sehr viel beständiger in seiner Geschwindigkeit. Es ist allerdings lauter, und das löst bei mir akustischen Stress aus.

Dazu kommt die offenbar nicht ganz einfache Wiedereingewöhnung ins Solosegeln …

Ich habe mich die erste Woche der Route du Rhum unheimlich einsam gefühlt. Also alleine oder isoliert, denn einsam ist man ja im Grunde genommen nicht, weil viele Leute das Rennen verfolgen.

Diese Isolation fand ich dieses Mal besonders schwierig. Deswegen freue ich mich, dass das Ocean Race vor der Tür steht.”

Seit drei Tagen aber habe ich so einen Schalter umgelegt. Mir geht es gut an Bord, ich fühle mich nicht mehr einsam. Dennoch freue ich mich, wenn ich angekommen bin. Gute Gesellschaft ist einfach durch nichts zu ersetzen. Allein sein ist hart und anstrengend. Ich bin vielleicht nicht der Typ für dieses Alleinsein. Das ist so ein bisschen das Paradoxe beim Einhandsegeln. Und dann ist mit diesem neuen Schiff und den neuen Eindrücken eben die Anspannung einfach größer. Das ist ein bisschen was anderes, als wenn man sein Schiff Jahre kennt.

Wie beurteilst du die Leistung der Boote, gegen die dein Team demnächst im The Ocean Race antreten wird: “Biotherm” oder “Holcim – PRB”?

Zu den anderen neuen Schiffen, unabhängig vom Ocean Race: Dass die das schaffen, alle da vorne mitzusegeln, ist absolut beeindruckend für mich. Das hätte ich so, ehrlich gesagt, nicht gedacht. Meine Wette war ja, dass von den neuen Schiffen nur die Hälfte ins Ziel kommt. Das war in der Vergangenheit eigentlich so die Quote. In der letzten Route du Rhum hat es “Charal” trotz dreier Zwischenstopps nicht geschafft, aus der Biskaya zu kommen. Das war ziemlich desaströs. Und das wollten wir natürlich selber nicht erleben.

Jetzt hängt die Latte natürlich viel höher. Die Leute liefern mit den neuen Schiffen Top-Performances ab. Das bedeutet auch – ob das ein bisschen Zufall ist oder sich die ganze Szene professionalisiert –, dass die Schiffe vielleicht besser gebaut werden dieser Tage. Es ist so oder so sehr beeindruckend. Unsere Position jetzt im Rennen hat nichts zu tun mit der Performance unseres Schiffes. Die hat zu tun mit der Routenwahl, strategischen Entscheidungen. Es fing damit an, dass ich nicht richtig gestartet bin. Ich hatte am Start Angst vor Kollisionen. Da bin ich mit der kleinen Fock gestartet, alle anderen mit der großen J2.

Wie sehr vertraust du deinem neuen Boot schon?

Für mich ist es eine Entdeckungsfahrt mit dem Schiff. Solange ich drüben heil und sicher ankomme, sind alle Ziele erfüllt und ich bin happy.

Das kann man von außen vielleicht nicht so leicht verstehen, aber tatsächlich habe ich hier meinen Frieden gefunden. Ich bin nicht gramvoll oder frustriert wegen der Position im Rennen.

Ich schaue auf dem Tracker gar nicht so sehr auf die Platzierungen, weil sie nicht so viel aussagen.”

Kannst du eine Prognose für den weiteren Verlauf der Route du Rhum geben?

Ich bin jetzt noch etwa vier Tage auf See. Der Wind wird bis Mittwoch weiter zunehmen. Die Modelle sagen bis zu 30 Knoten Passatwind vorher. Das heißt, ich habe noch einen Tag wie jetzt mit Großsegel und Code Zero, und dann werde ich wahrscheinlich wechseln auf kleinere Segel. Vielleicht auch schon heute im Laufe des Tages, wenn der Wind vorher schon zunimmt.

Wir haben sehr hohen Seegang. Ungewöhnlich für den Passat. Einen großen Schwell von vorne, teilweise von der Seite. Das Boot beschleunigt zum Teil auf 27 Knoten und stoppt dann wieder ab. Es ist also nicht ganz einfach im Moment, hier zu segeln. Es wird spannend bleiben und anstrengend auch.

Dann kommt die letzte Phase des Rennens mit der Ansteuerung von Guadeloupe und dem Herumsegeln um die Insel mit dem Windschatten hinter der Insel. Das gehört immer dazu. Das ist etwas, worauf ich mich besonders freue. Wenn man in den Flautenlöchern Ruhe hat, da hochzugucken und diese tolle grüne Insel von Lee aus anzuschauen. Das habe ich ganz toll in Erinnerung vom letzten Mal.

Werdet ihr denn im Ocean Race als Crew voll angreifen?

Ja, klar, wir greifen im Ocean Race voll an. Das ist jetzt nicht immer so, dass wir das Boot kennenlernen und vorsichtig segeln wollen. Das ist jetzt besonders bei der Route du Rhum so. Man stelle sich vor, ich würde jetzt hier einen Schaden fabrizieren. Dann würde das unsere gesamte Ocean-Race-Vorbereitung in Frage stellen. Das Ocean Race ist so ein bisschen unser Zielwettkampf. Das ist die Logik. Für das Ocean Race wollen wir Anfang Januar noch in Alicante trainieren. Das Team trainiert jetzt natürlich auf dem Weg von Guadeloupe nach Alicante auch schon.

Mit Boris Herrmanns früherem Boot segelte Romain Attanasio unter dem Namen “Fortinet – Best Western” am 18. November Guadeloupe als Zwölfter der Imoca-Wertung entgegenFoto: Romain Attanasio/Fortinet – Best Western/#RDR 2022
Mit Boris Herrmanns früherem Boot segelte Romain Attanasio unter dem Namen “Fortinet – Best Western” am 18. November Guadeloupe als Zwölfter der Imoca-Wertung entgegen

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