Tatjana Pokorny
· 01.01.2026
Auch das 80. Rolex Sydney Hobart Yacht Race hat bewiesen, dass die Teilnahme an diesem 628-Seemeilen-Weihnachtsklassiker ein Wagnis und die Ergebnisse hart erkämpft sind. Einmal mehr wurden die Belastbarkeit und Entschlossenheit der Crews ebenso wie die Intensität ihrer Vorbereitungen auf harte Proben gestellt. Nicht alle bestanden sie. Um als Erster ins Ziel zu kommen, muss man erst einmal ins Ziel kommen – diese bekannte Seglerweisheit galt 80 Jahre nach der Premiere wie an Tag eins. Für 35 der 128 gestarteten Crews platzte der Traum vom ins Ziel gebrachten australisch-tasmanischen Regattahit.
Die Bedingungen waren vor allem in den ersten 36 bis 48 Stunden brutal. Jeder Schwachpunkt in der technischen Ausrüstung oder innerhalb der Mannschaften wurden von der gnadenlosen See attackiert. Meterhohe Wellenberge ließen die Bugspitzen aus dem Wasser aus dem Wasser schießen, um sie kurz darauf wieder in ihre Täler zurückzuschleudern. Mehr als ein Viertel der Flotte schaffte es nicht ins Ziel. Vor diesem Hintergrund verdienen die Gewinner der beiden Hauptpreise des Rennens ebenso Beifall wie ihre vielen beharrlichen Verfolger. 93 Mannschaften schafften es ins Ziel.
Den Tattersall Cup für den Sieg in der IRC-Gesamtwertung räumten nach starker Leistung und einer Protestverhandlung an Land Jiang Lin und Alexis Loison mit der JPK 10.30 “Min River” ab. Die Line Honours und den J. H. Illingworth Challenge Cup für das erste Boot im Ziel hatte sich zuvor die Crew auf dem potenten 100-Fuß-Maxi “Master Lock Comanche” gesichert. Das Rolex Sydney Hobart Race wird seit 1945 vom Cruising Yacht Club of Australia (CYCA) in Zusammenarbeit mit dem Royal Yacht Club of Tasmania organisiert. Das australische Segelevent des Jahres wird seit 2002 vom Titelsponsor Rolex unterstützt.
Langjährige Teilnehmer wissen: Keine zwei Ausgaben dieses Down-Under-Rennens sind jemals gleich. Die jüngste Edition Ende 2025 ließe sich in der Kurzversion als Herausforderung in zwei Akten beschreiben: Dem harten Start gegen den Wind, bei dem die Crews mit turbulenten Wellen von drei Metern Höhe oder mehr zurechtkommen mussten und das Überstehen wichtiger war als die Geschwindigkeit, folgten unter blauem Himmel Phasen oft grandioser Abschnitte vor dem Wind entlang der Ostküste Tasmaniens.
Dass viele Crews ihr Rennen weit ausführlicher und abwechslungsreicher als mit zwei Abschnitten beschreiben würden, hatte auch mit den jeweiligen Positionen im Feld zu tun. Einmal mehr spielten die berüchtigte Storm Bay und der Derwent River ihre schon bekannten Spielchen mit den Seglerinnen und Seglern, prüften Können und Nervenstärke in unterschiedlichsten Weisen, während der Wind mal stärker, mal schwächer wehte und die Teilnehmer unabhängig von der Größe ihrer Yachten und ihrem Erfahrungsschatz frustrierte und belohnte.
Erst seit 2020 zur Teilnahme an der Rolex Sydney Hobart Yacht Race und seit 2022 zur Teilnahme am IRC-Kampf um den Tattersall Cup berechtigt, waren es in diesem Jahr die Zweihand-Crews, die auf historische Weise ins Rampenlicht segelten: Insgesamt 20 Crews stark, zog die Doublehand-Flotte die Aufmerksamkeit mit herausragenden Leistungen auf ihre anspruchsvolle Disziplin. Das taten sie vor allem in der zweiten Rennhälfte, als die Bedingungen sich Stunde um Stunde zu Gunsten der kleineren Yachten wandelten. Am Ende konnten sich sieben Segel-Duos in den Top Ten der IRC-Gesamtwertung platzieren.
In der Schlussphase hatte sich dieses 80. Rolex Sydney Hobart Race dann zu einem Duell zwischen zwei Duos und ihren eher kleinen Booten im großen Rennen zugespitzt: der 10,30 Meter (33 Fuß) langen australischen “Min River” mit Eignerin und Skipperin Jiang Lin und Co-Pilot Alexis Loison, und der etwas größeren JPK 10.80 “BNC - my::Net / Leon” aus Neukaledonien, auf der Ex-Windsurf-Weltmeister Michel Quintin und Yann Rigal angriffslustig agierten.
Beide Crews hatten ein nahezu perfekte Rennen gesegelt und lagen nach dem Zieldurchgang mit ihren korrigierten Zeiten nicht weit auseinander. Letztendlich erwies sich ein nicht regelkonformes Segel-Setup auf “BCN” als Stolperstein für Quintin/Rigal, die mit Silber zufrieden sein musste, nachdem die Jury ihnen eine Zeitstrafe von 1 Stunde und 5 Minuten aufgebrummt hatte.
So stieg Jiang Lin zur ersten Skipperin auf, die ein Rolex Sydney Hobart Race gewinnen konnte. Dazu schrieb “Min River” als erste von einer Zweihand-Crew gesegelte Gesamtsiegerin Geschichte. Auch bildeten Jiang Lin und und ihr Co-Skipper Alexis Loison das erste Zweihand-Mixed-Team, das im Christmas-Klassiker in Down Under siegen konnte.
In den ersten 48 Stunden haben wir nicht viel nachgedacht, wir waren bis heute im Überlebensmodus, als das Wetter beim Hinaufsegeln des Flusses freundlicher wurde.” Jiang Lin
Das Gegenteil der stark ruppigen Bedingungen stellte Jiang Lins Team und viele andere dann vor neue Herausforderungen, wie die Siegerin berichtete: “Der Mangel an Wind war eine Qual. Fragt mich nicht, wie viele Segel wir gewechselt haben, wie viele Spinnaker ich gepackt habe.“
Spannend ging es auch bei den fünf 30,5 Meter (100 Fuß) langen Maxis zu, die am 26. Dezember so spektakulär ins Rolex Sydney Hobart Race gestartet und mit hoch aufragenden Segeln den Hafen von Sydney hinunter gerast waren. Als Erste hatte “LawConnect” die Sydney Heads erreicht, bevor sie in die Tasmanische See hinausstob. Ihr folgten dicht am Heck “Master Lock Comanche” und die kleinere 27 Meter (88 Fuß) lange “Lucky” in bemerkenswerter dritter Position. Zur “Belohnung” wurden sie früher als der Rest der Flotte mit dem stürmischen Seegang konfrontiert.
Aus den 100-Fuß-Quintett war schnell ein Quartett geworden, als eine Reihe von Rigg-Problemen die Crew auf “Wild Thing 100” zur Aufgabe zwangen. Während “Palm Beach XI” (Ex-”Wild Oats XI”, neunmalige Siegerin) ihre frühere Dominanz nicht wiederholen konnte und allmählich hinter die Führenden zurückgefallen war, hatte auch “SHK Scallywag” mit den harschen Bedingungen zu kämpfen, lag zunächst hinter “Lucky” auf Platz vier.
Bei der Überquerung der Bass-Straße in der Nacht vom 27. auf den 28. Dezember erwartete die Galopper des Rennens eine schwierige Übergangszone. Sie markierte das Ende des starken Südwinds und den Beginn eines stabileren Nordwinds. Die führenden Maxis verlangsamten sich fast bis zum Stillstand, wurden sogar kurzzeitig von den hinter ihnen liegenden Booten eingeholt.
Für Matt Allen, Co-Skipper der zu diesem auf “Master Lock Comanche”, hatte sich der Szenarien-Wechsel angefühlt, als müsse sein Team das Rennen in diesem Jahr zweimal gewinnen. Er war überzeugt, dass die wichtigste Entscheidung darin bestand, nahe an der Ostküste Tasmaniens zu bleiben. Schließlich kam der erhoffte Wind von Land auf. Dann hatte die erfahrene Crew ihre Verfolger hinter sich gelassen und war am Sonntag, dem 28. Dezember, um 18 Uhr als “First ship home” ins Ziel gekommen.
Jost Stollmanns Solaris 80rs “Alithia” kam als 18. Boot ins Ziel. Das war in der Division PHS (Performance Handicap System) Platz sieben wert. PHS ist ein Bewertungssystem, das das Handicap eines Bootes im Verlauf der Zeit auf Grundlage seiner Leistungen bei Regatten anpasst. Oft wird das System bei Club-Regatten verwendet. Im Rolex Sydney Hobart Race finden in dieser Division Yachten eine geeignete Renngruppe, die nicht über ein IRC-Zertifikat verfügen. PHS erfordert keine detaillierten Vermessungen eines Bootes, sondern basiert auf den Rennergebnissen. Das Handicap wird nach jedem Rennen auf Grundlage der Bootsleistung angepasst.
Zeitweise hatte die für eine Weltumseglung entwickelte “Alithia”, mit der Jost Stollmann und seine Crew erstmals an einer Regatta teilnahmen, in der PHS-Division sogar die Bugspitze vorne. Eine Windgemeinheit sorgte nach Ups und Downs im Rennen, nach 45 Knoten Wind in der Storm Bay, in denen das Boot aber nicht einmal aus dem Ruder lief, und nach magischen Ritten entlang der Tasmanischen Küste für eine Stolperfalle, wie Crew-Boss und Steuermann Arno Böhnert aus Hamburg berichtete.
Wir konnten die Ziellinie sehen, das Ziel aber nicht erreichen.” Arno Böhnert
Für die letzte knappe Viertelseemeile brauchte “Alithia” qualvolle zwei Stunden. “Vorher haben wir uns noch gefeiert, weil wir so cool den Derwant River raufgesegelt sind. Dann ging nichts mehr. Und bis 55 Tonnen mal losfahren, dauert es ja auch…”, erzählte Arno Böhnert nach dem Rennen. Er ist sicher: “Ohne das Parken hätten wir unsere Gruppe gewonen.”
Böhnerts Bilanz fällt trotz einiger Hürden, dem gleich zu Rennbeginn gesprengtem A3 und vieler weiterer Bewährungsproben für die Blauwasseryacht positiv aus: “Das Rennen hat alles geboten, was ein geiles Rolex Sydney Hobart Race braucht. Es ist ein super organisiertes Rennen mit beeindruckend vielen freiwilligen Helfern. Es herrscht dort eine unglaubliche Wertschätung für dieses Rennen.”
Auf die Frage danach, wie erstrebenswert eine Teilnahme am Rolex Sydney Hobart Race auch für andere europäische Eigner und ihre Crews sein könnte, sagte Arno Böhnert, der die Langstrecke dieses Mal auf “Alithia” und insgesamt zum zweiten Mal mit seinem Vater Freddy Böhnert in einem Team bestritt: “Dieses Rennen ist 100-prozentig erstrebenswert! Das sind einmalige Lebenserfahrungen. Für mich war es eine super Erfahrung, das Rennen in Verantwortung als Crew-Boss und Steuermann bestreiten zu können. Es war eine super Stimmung an Bord. Alle haben mitgezogen. Das hat Spaß gemacht.”