Tatjana Pokorny
· 06.12.2023
Das Tempo und die Bedingungen bleiben am sechsten Tag der Retour à La Base weiterhin hoch und fordernd. Yoann Richomme, der seine neue “Paprec Arkéa” nach Platz zwei im Zweihand-Rennen Transat Jacques Vabre eine “Wahnsinnsmaschine” genannt hatte, führt das Feld der Imoca-Solisten weiter souverän an.
Der Franzose kassiert aktuell den Lohn für seine extreme Nordroute der vergangenen Tage. Mit intensiven Bildern dokumentierte Yoann Richomme zuletzt das Leben an Bord bei diesem Einhand-Transat und sagte trocken: “Es geht ab an Bord der Höllenmaschine.” Richomme hofft, günstige Winde für den letzten Abschnitt von den Azoren nach Frankreich zu bekommen, und sagte: “Das wird noch ein sehr langer Weg bis ins Ziel sein.”
Knapp 70 Seemeilen Vorsprung hatte das neue Koch-Conq-Design “Paprec Arkéa” am Nikolausnachmittag vor dem nicht locker lassenden “Charal”-Skipper Jérémie Beyou. Dahinter verteidigte Sam Goodchild Platz drei auf der vier Jahre alten “For the Planet”, die einst Thomas Ruyant als “LinkedOut” zu großen Erfolgen trug. Ruyant wiederum ist nach seinem Solo-Weltrekord von technischen Problemen geplagt, sagte bei gerissenem Großsegel, er sei vom Racing- in den Cruising-Modus gewechselt und hoffe, seinen zehnten Platz bis ins Ziel verteidigen zu können.
Und nun muss auch Boris Herrmann nach schwerer Nacht kämpfen. Seine Probleme begannen am Abend des 5. Dezember, als er den Motor nicht starten konnte. Die Maschine wird – abgesehen von Notfällen – während des Rennens nicht für den Antrieb des Bootes verwendet. Sie erzeugt Strom, wenn das Sonnenlicht für die Solarpaneele nicht ausreicht oder das Boot für die Hydrogeneratoren zu schnell fährt.
Nach einigen Fehlversuchen – möglicherweise durch die Kälte oder den unruhigen Seegang verursacht – gelang es dem Hamburger, den Motor wieder in Gang zu bringen. Bald jedoch waren ungewöhnlich laute Geräusche zu hören. Der “Malizia – Seaexplorer”-Skipper fragte sich, ob es sich um ein Problem mit einem Zylinder oder mit dem Riemen der Lichtmaschine handeln könnte. Er kontaktierte das Landteam und wartete nach ersten Ratschlägen ein paar Stunden, bis der Motor abgekühlt war. Dann startete er mit den Reparaturversuchen durch.
Gleichzeitig bemerkte der Geplagte, dass plötzlich viel Wasser in den Cockpitbereich eindrang. Der Grund: Die Abdeckung des Cockpitabflusses auf der Steuerbordseite war abgerissen, wodurch das Seewasser eindringen konnte. Der Cockpitabfluss hat den gleichen Durchmesser wie ein normales Abflussrohr. Er ist mit einer Abdeckung versehen, die den Rückfluss des Wassers ins Boot verhindert, es aber sauber ablaufen lässt.
Das gleiche Problem war bereits in den ersten Tagen des Rennens auf der Backbordseite aufgetreten. Weil das Wasser aber auf der Steuerbordseite weiter abfließen konnte, war das erste Malheur bislang kein Drama. Bislang. Beide Abflüsse nun zur Sicherheit komplett abzudichten wäre mit Bordmaterial wie Sikaflex möglich, doch in dem Fall könnte auch kein Wasser mehr abfließen, das ständig durch Luken oder Aus- und Eingänge ins Boot gelangt.
So musste Boris Herrmann die ganze Nacht und den heutigen Tag hindurch das Wasser von Hand aus dem Cockpit schöpfen. Auf die Nutzung der Lenzpumpe verzichtete er angesichts seiner ohnehin schon bestehenden Energieerzeugungsprobleme. Den Strom sparte er lieber. Als vorübergehende Lösung hat Herrmann nun einen Sikaflex-Ring um den Stöpsel des Abflusses gelegt und schöpft weiter das Wasser aus dem Cockpit.
Da die Motorprobleme noch andauern, verlangsamte Boris Herrmann sein Boot und riskiert den Einsatz des Backbord-Hydrogeneratoren. Dabei war “Malizia – Seaexplorer” am Mittwochnachmittag immer noch mit teilweise 20 Knoten sehr schnell unterwegs, um etwas Strom für die energiehungrige Elektronik des Bootes zu erzeugen. Bei Wellengang und noch mehr Fahrt bestünde jedoch die Möglichkeit, dass der Wassergenerator den Belastungen nicht standhält.
Team Malizia vermeldete am Mittwochnachmittag, dass sich der Skipper zunächst einige Stunden von den Strapazen erholen und das Boot von innen trocken halten wolle. Die gute Nachricht, da immer noch etwas Wasser ins Boot eindringt: Das technische Team hat eine bessere Lösung für die Abflüsse gefunden. Die Umsetzung aber, so das Team, sei in den “holprigen Bedingungen” aktuell sehr schwierig.
Daher müsse sich der Teamchef nun ausruhen, bevor er den Reparaturversuch starten kann. Der erschöpfte Boris Herrmann will versuchen, seinen fünften Platz am sechsten Tag der Retour à La Base zu halten. Er hoffte am Mittwochnachmittag, dass der Nikolaustag auf See für ihn baldmöglichst wieder etwas freundlicher wird.
“Wir sind hier zum Segeln und dann…” – am Mittwochabend schickte Boris Herrmann ein aktuelles Video zu seinen technischen Herausforderungen:
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Freie Reporterin Sport