Wir sind gleich an der Tonne, und es weht mit 24 Knoten. Boot fährt auf den Wellen über sieben Knoten!“ Das ist die Nachricht von Mitseglerin Esther, die meine Zeit in der Koje abrupt beendet. Obwohl: „Sieben Knoten sind doch gut, schließlich ist das ja eine Regatta“, geht es mir noch durch den Kopf. Aber: Es hilft nicht. Der Wind kommt leicht achterlicher als halb, auf dem anschließenden Gegenkurs segeln wir also am Wind. Da sind 150-Prozent-Genua und volles Groß zu viel. „Ich komme!“, rufe ich verschlafen zurück.
Nach einer anstrengenden Nacht hatte ich „Valentine“, eine Contest 29, Baujahr 1967, auf ein langes Rak navigiert. Rakken, so heißen in den Niederlanden die Kurse zwischen den Tonnen auf dem IJssel- und dem Markermeer sowie auf dem Wattenmeer und der Nordsee, auf denen das Rennen ausgetragen wird. Zwei Stunden geradeaus. Zwei Stunden Schlaf für den Skipper. Immerhin. Nun steige ich in Latzhose und Stiefel und schaue mir das Ganze aus dem Niedergang an. Mitsegler Frank schlägt die High-Aspect-Fock vor. Die aber braucht sehr viel Wind und hohe Kurse. „Wir nehmen die 125-Prozent-Genua. Wenn das zu viel Druck ist, reffen wir das Groß“, entscheide ich und mache mich dann auf den Weg aufs Vordeck.
Nach kurzem, intensivem Ringkampf auf beengter und auch sehr bewegter Fläche wartet das Tuch an die Reling gelascht auf den nächsten Einsatz. Keine Sekunde zu früh: Die Tonne kommt. „Wir gehen rum!“, tönt es von achtern. Kurz danach setzen wir die kleinere Genua. Okay, das Boot fährt aber mit zu viel Druck. Also: Reff ins Groß. 22 Knoten am Wind, das hatten wir vermeiden wollen. „Valentine“ ist nicht gerade schnell in der steilen IJsselmeer-Welle. Und außerdem möchte ich ihr so ein Gegenangebolze auch nicht mehr antun. Jetzt aber müssen wir da durch. Oder doch nicht?
Wir verwerfen kurzerhand den Plan, den alten Kurs erneut in Gegenrichtung zu befahren. Stattdessen wählen wir eine andere Wegmarke, eine, die vor Stavoren liegt. Das sind 15 Grad weniger Höhe. Schon läuft das Schiff. Bleibt noch, auf der Website des Veranstalters die Tonnenrundung anzugeben, und weiter geht es.
Gut sieben Meilen sind es bis zum Wegpunkt. Zeit, etwas zu essen. Die Veranstalter empfehlen, Mahlzeiten vorher bereitzuhalten. Bei uns heißt das: Bananen, Kekse und Cola. An Kaffeekochen ist nicht zu denken. Wellen und Krängung sind zu heftig. Die Stimmung an Bord ist dennoch gut.
Es ist mittlerweile Samstagmittag. Gestartet waren wir tags zuvor um halb sieben abends in Lemmer zusammen mit fünf anderen Booten, um das 24 uurs zeilrace zu segeln. Das ist der größte Segelevent in den Niederlanden, er wird jährlich am letzten Augustwochenende ausgetragen. Dabei geht es darum, in 24 Stunden möglichst viele Seemeilen auf vorgegebenen Strecken um bestehende Tonnen zu segeln.
Die übrigen knapp 340 Teilnehmer haben andere Startorte gewählt. Rund um IJssel- und Markermeer und in diesem Jahr erstmalig auf dem Wattenmeer können die Skipper aus 13 Startplätzen wählen. Das Ziel hingegen ist fix, es befindet sich immer in Medemblik am Westufer des IJsselmeers. Dort hat man ein Zeitfenster von einer Stunde, innerhalb der man über die Linie fahren darf. Wer bis zu maximal 60 Minuten zu spät eintrifft, erhält eine Zeitstrafe. Wer auch das nicht schafft, wird nicht gewertet. Das jeweils erste Rak vom Start weg sowie das letzte zum Ziel sind vorgeschrieben. Alles dazwischen kann man frei wählen, allerdings jede Strecke nur zweimal absegeln.
Vor nunmehr 58 Jahren war die Idee hinter der Regatta, die am IJssel- und Markermeer beheimateten Fahrtensegler zur Teilnahme an einer seemannschaftlich herausfordernden Langstrecke zu locken. Damals gab es noch keine elektronische Navigation, und ein Akku, der eine Dreifarbenlaterne während der Nacht mit Strom versorgen konnte, galt als Hightech.
Heutzutage ist die 24-Stunden-Regatta um einiges professioneller geworden. Im Vordergrund steht die Taktik: Wer wählt die Rakken am besten aus, um am Ende die meisten Meilen auf der Logge zu haben? Die Empfehlung der Veranstalter ist zwar scheinbar simpel: „Segeln Sie am besten 24 Stunden lang Halbwindkurse!“ Doch die Realität sieht anders aus. Kein Wunder, dass es inzwischen sogar eine eigene Routingsoftware für das Rennen gibt.
Wir haben uns vorgenommen, mindestens 100 Meilen im Kielwasser zu lassen. So viel vorweg: Mit am Ende 116,1 gesegelten Meilen in 23,5 Stunden werden wir unser selbst gestecktes Ziel übererfüllen.
Das mit dem halben Wind klappt schon bei unserem Start in Lemmer nicht. Es weht zunächst schwach aus Nordnordwest. Das war so vorhergesagt. Ein anderer Startort kam für uns jedoch nicht in Frage, da wir erst freitags nach der Arbeit die Anreise zum Boot hatten antreten können.
Und so führte uns der erste Schlag am Wind hinaus aus der Bucht von Lemmer zur Tonne SB 40. Für „Valentine“, die nur zwei Jahre nach der ersten Ausgabe der 24 uurs gebaut worden ist, kein Problem, auf glattem Wasser läuft sie vorzüglich. So sehr, dass wir zunächst höher segeln und fast so schnell wie eine Dehler 36 sind, die mit uns gestartet ist.
„Mensch, das Boot fährt ja richtig gut! Das hatte ich nicht erwartet“, freut sich Mitsegler Phillipp, der sonst einen Halbtonner segelt. „Valentine“ wurde im Laufe der Jahre ein wenig verbessert, da und dort verstärkt, ein längerer Baum geriggt für mehr Großsegelfläche, gutes laufendes Gut sowie einige Trimmspielzeuge angeschafft und ein Drehflügelpropeller montiert. Das alles verleiht der bejahrten Dame Flügel. Dem Rating schadet es übrigens nicht. In der Tourklasse, in der wir starten, zählt ausschließlich die Wasserlinienlänge.
Vor der ersten Tonne überholen wir tatsächlich noch einen anderen Teilnehmer. Das hebt die Stimmung, ist allerdings für das Ergebnis völlig irrelevant. Trotzdem gut fürs Gefühl, mit dem wir in die Nacht starten. An der ersten Tonne angekommen, läuft es dermaßen gut, dass wir uns entscheiden, angesichts des Nordwestwinds zunächst weiter genau nach Westen zu segeln. Denn: Der Wind soll gegen ein Uhr in der Nacht über West auf Südwest drehen.
Wissend, dass Wettervorhersagen immer so eine Sache sind, gilt es jetzt, sich so zu positionieren, dass eine Drehung nicht bedeutet, plötzlich irgendwo festzustecken und kreuzen oder besonders tiefe Kurse segeln zu müssen. Kniffelig. An der SB 28 ändern wir dann auch unseren „Nach-Westen-Plan“. Die taktische Überlegung: Wenn der Dreher auf West kommt, wäre die nächstmögliche SB 18 ein guter Ort. Wenn aber nicht, müsste man sehr tief fahren, um dort wegzukommen. Da wir ohne Spi unterwegs sind, ist das keine Option.
Wir entscheiden uns schließlich für die KG-Tonne. Mit halbem Wind fliegen wir gen Enkhuizen. Unterwegs wird es allmählich dunkel. Frank ist der Erste, der sich aufs Ohr legt. Einen Wachplan haben wir nicht. Dennoch ist es wichtig, dass rechtzeitig einer in die Koje geht, um fit zu sein, wenn es darauf ankommt. Gut, wenn man dann Mitsegler wie Frank hat, die jederzeit und auf Kommando schlafen können.
Mit jedem Wetter-Update verschiebt sich der angesagte Winddreher nach hinten. So lange es aber noch aus Nordwest weht, wollen wir im Süden des IJsselmeers bleiben. Wir entscheiden uns für einige kürzere Rakken, die dort zur Auswahl stehen. Als um Mitternacht der Wetterbericht bekannt gibt, dass die Drehung nicht vor vier Uhr morgens kommt, müssen wir neu planen. Mittlerweile weht es zwar aus Westnordwest, die Nordkomponente aber bleibt. Daher machen wir nun einen langen Schlag nach Süden gen Lelystad.
Das geht zunächst zwar gegen mein Bauchgefühl, denn dort in der Südostecke des IJsselmeers mangelt es an Optionen. Man muss den gleichen Weg wieder zurück. Dennoch: Wir gehen die Wette ein. Denn wenn überhaupt, dreht der Wind zu unseren Gunsten. Mit tiefem halben Wind südwärts zu fliegen, die Idee haben augenscheinlich viele andere Crews auch. Auf dem Hinweg ist das noch in Ordnung, da segeln wir über Backbordbug. Zurück aber wird es ganz schön heikel: jede Menge Verkehr auf exaktem Gegenkurs. Esther beobachtet permanent in Lee unter der Genua hindurch, wie sich die Farben der Entgegenkommenden verändern. „Geht Backbord durch!“ Oder: „Der bleibt, passt aber!“
Spätestens jetzt wird deutlich, warum die Organisatoren so vehement auf die Dreifarbenlaterne bestehen. Die muss schon beim Start eingeschaltet sein, sonst ist man disqualifiziert, bevor man überhaupt losfährt.
Mitten in der Nacht überholt uns eine große Lemsteraak. Auf bestimmten Kursen sind diese Plattbodenmonster mit ihren Riesensegeln und mächtigen Seitenschwertern richtig schnell. Was sie nicht sind: besonders manövrierfreudig. Zunächst hören wir von achtern ein lautes Rauschen, dann brettert sie an uns vorbei. Viel zu nah für meinen Geschmack. Das findet wohl auch die Crew des Plattbodens. Es gibt Gebrüll, wir werden mit einem Riesenstrahler geblendet – unschön! Zum Glück sind die Stahlrambos rasch vorbeigezogen.
Und dann beginnt der Wind tatsächlich zu drehen. An der nächsten Tonne, es ist zwei Uhr in der Nacht, bin ich zu müde für valide Entscheidungen. Frank übernimmt. Im Halbschlaf höre ich die üblichen Diskussionen über die Taktik. „Die Crew macht das ganz prima“, denke ich noch, bevor ich wegdöse. Als ich schließlich wieder aufstehe, hat sie ganz geschickt drei kürzere Rakken am Wind genutzt, um nach Enkhuizen zu kommen. Leichtes Kreuzen auf vorgegebenen Kursen. Ideal.
Der Wind hat sich endgültig gen Südwesten verkrümelt. Den langen Schlag nach Norden gen Abschlussdeich nutze ich für ein neuerliches Nickerchen, bis, ja bis es zu doll weht. Die Entscheidung, aus dem Norden am Wind nach Stavoren zu fahren, entpuppt sich als goldrichtig. Von dort folgen drei Vollgas-Halbwind-Rakken. Die Meilen purzeln. Ein neuerlicher Wetterbericht kündigt allerdings an, dass gegen 17 Uhr nach einigen Gewittern der Wind stark abnimmt.
Sofort kommen bei Frank und mir Erinnerungen hoch an ein Rennen vor einigen Jahren. Auch damals waren wir mit „Valentine“ unterwegs, hatten taktisch gute Entscheidungen getroffen. Ein Gewitter jedoch kurz vorm Ziel nahm seinerzeit allen Wind mit. Zusammen mit 180 anderen Teilnehmern trieben wir hilflos dahin, bis die Uhr schließlich abgelaufen war.
Ähnliches drohte in diesem Jahr Segelfreund Klaus aus Köln: „Wir sind mit knapper Not sechs Minuten vor Ende der Wertungszeit durchs Ziel gefahren. Dafür haben wir neun Minusmeilen kassiert. Egal, Spaß gemacht hat es trotzdem.“ Zumal seine Contest 40 „Thalatta“ ja kein Racer sei. „Durchhalten, das ist es, was zählt!“, sagt Klaus. Genau das macht für die meisten Teilnehmer den Spirit der 24 uurs aus.
Auch in diesem Jahr fordert das Unwetter Opfer. Allerdings nicht wegen einer anschließenden Flaute, sondern weil das Material nicht standhält. Bei einer Zweiercrew auf einer FF 6.50 rasiert eine Wasserhose, die sich urplötzlich im Gewitter gebildet hat, den Spi samt Mast ab. Die Seenotretter bringen Crew und Schiff in den Hafen.
Einen letzten Rat haben die Veranstalter noch: Die kurzen Rakken vor Medemblik sollte man sich als Puffer vor dem Ziel offenhalten. Und so runden wir die Tonne WV 19 Richtung KR-A. Wieder halber Wind. Der Plan: wenn der Wind durchhält, um die KR-A herum und zurück zur WV 19. Lässt er dagegen nach, können wir stattdessen direkt ins Ziel segeln. Das geben die Regeln so her.
Der Wind bleibt, wir setzen alles auf eine Karte: Das letzte Rak aber gerät zur Kreuz. Und ausgerechnet jetzt wird die Luft langsamer. Eigentlich müsste man auf die große Genua wechseln. Das aber kostet Zeit. Ob man die auf dem letzten kurzen Stück wieder rausholt? Wir geben noch einmal alles, suchen Druck und wenden viel. Um 18.07 Uhr queren wir die Linie. 23 Minuten früher, als ohne Strafmeilen möglich gewesen wäre.
Am Ende reichen unsere 116,1 Meilen für Platz 27 von 56 Startern in unserer Gruppe. Solides Mittelfeld. Als es tutet, sind wir glücklich. Das war eine tolle 24 uurs: nicht zu viel und nicht zu wenig Wind. Taktisch anspruchsvoll. Eine prima Crew. Und für so ein altes und eigentlich eher langsames Boot reichlich Meilen auf dem Konto. Nach der Zieldurchfahrt klack-zischt es viermal an Bord. Ein wohlverdientes Bier.
Dann heißt es auch schon: Segel runter, Fender raus! Zusammen mit Hunderten anderen Schiffen geht es in die enge Einfahrt nach Medemblik. Dort herrscht Partystimmung. Auf den Molen stehen Menschen und applaudieren. Einige Bekannte sind darunter. Gänsehaut! Am Visafslag spielt eine Band, das ganze Dorf ist auf den Beinen.
Durch die Brücke geht es zu einem Liegeplatz, der uns zugewiesen wurde. Essen gehen? Keine Lust! Es wird an Bord gekocht. „Valentine“ nach dieser Leistung einfach so liegen zu lassen geht nicht. Jan, ein Segelfreund, kommt vorbei. Er ist auf der J/105 „Yalla-Yalla“ mitgesegelt. Wie es war? „Alles ganz entspannt“, findet er. Kein Wunder, Boot und Crew waren dieses Jahr beim Fastnet Race dabei. Ein anderes Kaliber.
Wir sind trotzdem stolz auf unsere Meilen bei den 24 uurs zeilrace 2023. Und gehen feiern. Wenn auch nicht allzu lange. Der lange Tag fordert Tribut. Müde fallen alle in die Koje. Endlich schlafen.
Das 24-Stunden-Rennen wird organisiert von der Niederländischen Vereinigung der Küstensegler. Dieses Jahr fand es zum 58. Mal statt, mit 345 Startern. In vergangenen Jahren haben auch schon 500 und mehr Crews mitgemacht.
Bis auf Einhandsegler darf jeder starten. Ein Messbrief oder Ähnliches ist nicht erforderlich. An Bord vorhanden sein müssen aber ein eingebautes Funkgerät und eine Dreifarbenlaterne. Außerdem eine Rettungsinsel auf all jenen Booten, mit denen außer auf dem IJsselmeer oder Markermeer auch auf dem Wattenmeer oder der Nordsee Bahnen absolviert werden sollen.
Gesegelt wird in unterschiedlichsten Klassen; es gibt welche für Regatta- und für Fahrtensegler, für Zweiercrews, für Klassiker oder auch für Plattbodenschiffe. Gewinner ist, wer binnen 24 Stunden auf vorgegebenen Kursen, den Rakken, die meisten Seemeilen loggt. Der Rekord steht bei 222,06 Seemeilen für Einrumpfer und bei 282,66 Seemeilen für Mehrrumpfer.
2024 findet das 24 uurs zeilrace am 30./31. August statt. Die Teilnahme kostet 115 Euro. Die Meldung erfolgt meistens ab Mai jeden Jahres über die Homepage.