Rekordfahrt340 Meilen pro Tag, 3 Wochen lang

Jochen Rieker

 · 01.06.2015

Rekordfahrt: 340 Meilen pro Tag, 3 Wochen langFoto: Maserati

Als Navigator hat Boris Herrmann auf dem Volvo 70 "Maserati" eine Bestmarke für die Strecke San Francisco – Shanghai aufgestellt

21 Tage, 19 Stunden, 32 Minuten und 54 Sekunden – so lautet die neue Referenzzeit für die 5334 Seemeilen lange Strecke auf der alten Tee-Handelsroute von San Francisco nach Shanghai. Der italienische Profi-Skipper Giovanni Soldini und seine Crew, zu der auch Boris Herrmann als Navigator zählt, machten Montag früh den Rekord perfekt.

"Wir sind wirklich zufrieden", freute sich Soldini bei der Ankunft in Shanghai: "Unsere erreichte Zeit wird schwer zu unterbieten sein."

Am 10. Mai hatte der Volvo 70 "Maserati" San Francisco verlassen. Auf den tatsächlich gesegelten 7392 Seemeilen erreichte die ehemalige "Ericsson 3" eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 14,1 Knoten. "Wie schon in der Vergangenheit hat sich "Maserati" als exzellentes Boot und die Crew als effizient und professionell erwiesen", resümierte Soldini: "21 Tage sind eine wirklich beeindruckende Zeit. Die Bedingungen waren fast über die gesamte Strecke hinweg ideal.

Mit an Bord waren neben Soldini die Italiener Guido Broggi, Andrea Fantini, Francesco Malingri und Marco Spertini, der Chinese Jianghe "Tiger" Teng, der Spanier Oliver Herrera Perez, der Schwede Andreas Axelsson sowie der Deutsche Boris Herrmann.

Der fliegt morgen schon zurück nach Hamburg und gastiert in Kürze vor heimischem Publikum. Mit dem MOD 70 "Oman Sail" wird er am Welcome Race der Kieler Woche teilnehmen – und jagt auch da einen Rekord, seinen eigenen aus dem Vorjahr.

Für YACHT online fasst Boris Herrmann seine Eindrücke von der jüngsten Rekordfahrt auf "Maserati" exklusiv zusammen:

»Bitteschön, wer möchte als Nächster? Wir haben es wieder getan, eine neue Route geöffnet, die für anderer Leute sportlichen oder kommerziellen Ehrgeiz nun herhalten kann. In unserem Fall war es, wie bei diesen Projekten fast immer, beides. China und Asien sind für Maserati wichtigste Absatzmärkte geworden, genauso wie für viele andere große Markenhersteller der Welt.

Wer kommt in Frage? "Comanche" wohl eher nicht. Schiffe wie "Esimit" auch nicht, da hydraulische Winschen sie aus dieser Kategorie von Rekorden ausschließen. Vielleicht ein Team, das ausgiebig für das Volvo trainiert und Geschäfte in Asien hat. Ein Projekt gibt es sicher – wenn auch noch ganz im Verborgenen – welches genau diese Rekorde auf dem Kieker hat. Ich bin da auch involviert. Höchstwahrscheinlich sind wir es dann also selbst, die diese Bestzeit zu knacken versuchen. So viele Verrückte gibt es ja nicht.

14 Knoten Durchschnitt, 340 Meilen im Schnitt am Tag – und das 21,8 Tage lang: macht 7392 Meilen.

  Boris im Passat: "goldene Etmale"Foto: Maserati
Boris im Passat: "goldene Etmale"

Man muss es schon mögen. Zum Glück waren die Bedingungen auf dieser Fahrt ideal: Passatwind für den Großteil der Reise. Nach Passage der Golden Gate Bridge, der Startlinie, segelten wir eine Stunde auf Amwind-Kurs, ab da eine schnelle Abfolge von Segelwechseln über verschiedene Genuas, Fractional Zero, A3 zum A4, dem großen Spinnaker, dem wichtigsten Segel dieser Strecke. Es gab einige Wechsel in kurzen Leichtwindmomenten zurück zum flacheren A3-Gennaker, bis wir knapp zwei Tage vor Hawaii so richtig im Passat angekommen waren.

Hawaii liegt wettertechnisch auf der Route. Es ist dann auch schön, kurz mal zu Hause anrufen zu können, etwas grünes Land zu sehen und in Erinnerungen zu schwelgen. Der Düseneffekt bläst uns in wildem Ritt zwischen Oahu und Kauai hindurch und schnell weiter nach Südwest, der Zone des stärksten Passats.

Ab hier werden es volle zehn ununterbrochene Vollgas-Tage bis zum nächsten Segelwechsel. Allein das schon ein Rekord an sich! Wer macht schon 4000 Seemeilen an einem Stück unter Spi, ohne diesen einmal herunterzunehmen? Das kurze Stück Fall zwischen Mastschloss und Segelkopf bedankt sich. Es bekommt anschließend einen neuen Mantel.

Mein letzter Bericht auf YACHT online handelte von den fantastischen Surfmomenten, die unseren Alltag während dieses Monats auf See zum Glück überwiegend prägten. Die letzte Woche war leider nicht mehr so windgesegnet, teils regnerisch, grau, sogar kühl – für uns schon ein unvorstellbarer Zustand. Diese letzte Woche wurde lang. Dennoch hatten wir Glück. Hätten wir einen Taifun in der Region gehabt, hätte es für lange Zeit gar keinen regulären Wind gegeben.

  Sofi Gan: "verrückteste Insel, die ich jemals gesehen habe" Foto: Maserati
Sofi Gan: "verrückteste Insel, die ich jemals gesehen habe" 

Dann kommen Inseln in Sicht. Dort wo der Mariannen-Graben ist, gibt es auch eine stattliche Inselgruppe von der Sorte, die man später mal mit dem Fahrtenboot abklappern möchte. Unter ihnen die verrückteste Insel, die ich jemals gesehen habe: Sofi Gan (Japan). Gespenstisch verschwindet sie im regen- und nebelverhangenen Morgengrauen hinter uns. Wir passieren sie halb belustigt, halb erschaudernd bei der Vorstellung, das Volvo-Team "Vestas Wind" wäre nicht auf ein Atoll, sondern gegen so einen Turm gerammt. Man sieht ihn auch nur bei extremem Seekarten-Zoom. Nahrung für die Fantasie dieser reizhungrigen Truppe: Wie wäre es, obendrauf eine superteure Luxus-Pension einzurichten?

Apropos Zerstreuung: Die Mittagsfreiwache hab ich in der Regel mit einem Kaffee und Blackberry im Schatten verbracht und eifrig versucht, alle anderen Pläne und Projekte, so gut es von hier geht, voranzubringen. Eine fantastische Art, die Zeit zu vergessen. Blackberry? Ja, eine Sparmaßnahme: Offensichtlich überträgt das Betriebssystem Mails besonders effizient mit kleinem Datenvolumen – das haben unsere Vergleiche ergeben.

Nahe China degeneriert alles: Snacks gab es schon lange nicht mehr, aber nun gehen außer den Hauptgerichten auch die sonstigen Vorräte zur Neige, einschließlich meines Kaffees. Im Meer treibt lauter Mist, überall sieht man verlotterte Fischerboote ohne AIS, rostige Frachter, die nicht auf Funk antworten, und komische Inseln mit mörderischer Strömung drumherum. Bei der einen war gerade ein riesiger Vulkan ausgebrochen. Vielleicht war deshalb mit den Wettermodellen nichts mehr anzufangen. Es gibt kaum Gradient, und wir haben Glück, dass wir selbst bei schwachen 6 Knoten Wind noch mit 10 Knoten Speed vorankommen. Diese letzte Woche reißt unseren Durchschnitt ziemlich herunter. An den guten Tagen hatten wir bisweilen 500 Meilen geschafft. Goldene Etmale.

  Geschafft: Spi-Gang vorm TV-TurmFoto: Maserati
Geschafft: Spi-Gang vorm TV-Turm

China empfängt uns mit grauer Kälte und trübem Wasser. Giovannis Stirn ist gerunzelt. Per Mail erfährt er, dass die Gebühren für Lotsen, Hafenliegeplatz, Zoll und Agenten so viel wie ein Maserati Ghibli kosten. Sportboote sind in China ein völliges Fremdwort. Der Lotse bei der Einfahrt in den Wusong River erlebt folglich seinen größten Tag: einen Spinnaker-Ritt in die Stadt. Verkehr oder Tiefen scheinen ihn wenig zu interessieren. Dabei ist das Frachteraufkommen aberwitzig.

Das erste Bier gemeinsam mit der Bande schmeckt fantastisch in der Nachmittagssonne im Cockpit mit Blick auf den gegenüberliegenden Fernsehturm. Nach so einer Reise mit diesen Typen entsteht ein Squat-Gefühl. Es ist für mich Teil des Reizes dieser Abenteuer, dieser langen Zeiten weit weg von zu Hause. Was hat man im richtigen Leben alles verpasst? Viel zu viel! Man kann so was nicht oft machen. Umso mehr koste ich es bewusst aus, wieder einzutauchen in die Zivilisation und alles mit neuen Augen zu sehen, als würde gerade ein Außerirdischer vom Mond kommen.

  Nix Maserati: der Navigator beim SightseeingFoto: Maserati
Nix Maserati: der Navigator beim Sightseeing

Wir verdienen uns diese neuen Orte ehrlich. Einmal angekommen, laufen wir nicht etwa los, um uns Museen anzuschauen (leider), sondern schrauben mit Locals am Boot oder erledigen erst mal irgendwelche Aufgaben. So erlebt man den Ort ganz anders, als es Touristen tun, kommt mit den Menschen schnell in Kontakt und in ein normales Arbeitstag-Feeling. Zeit für Sightseeing findet sich dann irgendwie doch immer noch ein bisschen.

Diesmal ist es nur kurz. Diesmal ist es Shanghai. Ein italienischer Investmentbanker, der Giovanni verehrt, lädt alle zu einem opulenten Abend ein. Mit Limos lässt er uns abholen in eins der besten italienischen Restaurants (sagt er). Die beeindruckendste Story dieses Abends ist für mich der Smog. In Mailand wird der Verkehr bei einem Air-Quality-Index von 25 eingeschränkt. Hier gilt 150 als guter Tag. Manche Tage haben 500. Die Leute werden dann aufgefordert, in den Wohnungen zu bleiben. Das klingt wenig lebenswert und total verrückt.

Das war es jetzt für mich mit diesem Schiff. Fünf Jahre und viele Sternstunden. Wie viele Orte haben wir uns während dieses Projektes zu eigen gemacht?! San Francisco, Kapstadt, Honolulu, Rio und New York stechen für mich rückblickend besonders hervor. Tolle sportliche Momente und großartige Städte, in denen wir viel Zeit verbracht haben. New York kenne ich mittlerweile besser als Hamburg. Das ist zwar etwas traurig, aber irgendwie auch cool, und es wird sich sowieso ändern.

  Planen schon die Zukunft: Soldini, Herrmann und Bootsmann Guido BriggiFoto: Maserati
Planen schon die Zukunft: Soldini, Herrmann und Bootsmann Guido Briggi

Heute Abend gibt es noch ein großes Dinner mit dem Asien-Chef von Maserati, und dann flieg ich morgen fix nach Hause. Da hab' ich einiges nachzuholen, und außerdem wartet der nächste Trip schon, mit dem MOD70 von "Oman Sail". Es wird ein Vorgeschmack auf "Maserati-2" im nächsten Jahr. Eine Art Akquise-Trip. Einen dieser Trimarane wird Maserati kaufen, um uns wieder auf große Touren zu schicken.«

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