Race to AlaskaHarter Pre-Start beim Race to Alaska

Pascal Schürmann

 · 16.06.2022

Race to Alaska: Harter Pre-Start beim Race to AlaskaFoto: R2AK/Liv von Oelreich

Der Prolog des berühmt-berüchtigten Rennens geriet zur gewaltigen Herausforderung für die Teilnehmer. Fünf Crews mussten aus Seenot gerettet werden

Die gute Nachricht: Alle Segler sind wohlauf! Die schlechte: Fünf Teams mussten während der Voretappe aus Seenot gerettet werden. Teils nach spektakulären Kenterungen und Mastbrüchen. Auf dem Weg von Port Townsend an der US-Küste zum 40 Seemeilen entfernten Victoria auf Vancouver Island/Kanada zeigte sich die dazwischenliegende Meerenge, die Strait of Juan de Fuca, von ihrer erbarmungslosen Seite. In diesem Ausläufer des Pazifiks bilden sich häufig schwere Seen, insbesondere wenn der Wind gegen den teils mächtigen Gezeitenstrom steht.

So geschehen vorgestern, als sich die Teilnehmer des härtesten und verrücktesten Segelrennens der Welt, des Race to Alaska (r2ak.com), auf den Weg machten. Die kurze Auftaktetappe sollte sie nach Victoria bringen, von wo das Rennen nun erst richtig startet. Doch von den 44 Crews schafften es zehn nichts bis ins Ziel. Veranstalter und Küstenwache mussten fünf Crews abbergen, fünf weitere gaben auf.

  Ruppig ging es zu in der Meerenge zwischen den USA und KanadaFoto: R2AK/Liv von Oelreich
Ruppig ging es zu in der Meerenge zwischen den USA und Kanada

Geschafft hat es das Team "Fix oder nix" von Joachim Rösler und Zoë Sheehan Saldaña. Sheehan Saldaña, 49, ist Künstlerin, Lehrerin und Paragliderin aus Brooklyn. Joachim Rösler, 65, ist Ingenieur und Mitinhaber einer Recyclingfirma. 2017 machte er zum ersten Mal beim R2AK mit. Rösler ist mehrfacher Deutscher Meister im Contender und hat schon zahlreiche Boote selbst gebaut, darunter Jollen, einen Eissegler und ein Angelboot.

  Das Team "Fix oder nix" auf der Vor-Etappe nach Victoria/KanadaFoto: R2AK/Rebecca Ross
Das Team "Fix oder nix" auf der Vor-Etappe nach Victoria/Kanada

In Stuttgart geboren, lernte Rösler auf dem Bodensee das Segeln; 1990 siedelte er in die USA in die Nähe von New York um. Mit einem selbst gebauten und auf 24 Fuß verlängerten Angus Row Cruiser, der bis zu drei Masten tragen kann, stellt sich das Duo der ungewöhnlichen Herausforderung.

Am ersten Tag kehrten beide kurz nach dem Start wieder nach Port Townsend zurück, wie viele andere Rennteilnehmer auch. Die Bedingungen waren zu hart. Im zweiten Anlauf überquerten sie die Meerenge dann aber erfolgreich: Zwölf Stunden waren sie unterwegs, davon nur 30 Minuten segelnd, den Rest rudernd! Und mit Unterstützung von vier Knoten starkem Ebbstrom.

Dass außer gesegelt auch gerudert werden darf, ist eine Besonderheit dieses Rennens, das über mehr als 700 Seemeilen nach Ketchikan in Alsaka führt. Es fand 2015 das erste Mal statt; die Schnellsten schaffen die Strecke in knapp vier Tagen. Erlaubt sind alle Wasserfahrzeuge, solange sie keine Motoren haben: Segelboote, Kanus, Tretboote, Paddling-Boards.

  Erlaubt ist alles, was sich auf dem Wasser ohne Motorkraft fortbewegen kann. Hier ein Einhandsegler mit einem besegelten und mit Auslegern versehenen RuderbootFoto: R2AK/Steven Mullensky
Erlaubt ist alles, was sich auf dem Wasser ohne Motorkraft fortbewegen kann. Hier ein Einhandsegler mit einem besegelten und mit Auslegern versehenen Ruderboot

Vor dem Start hatten wir Gelegenheit, mit dem Team "Fix oder nix" zu sprechen:

YACHT: 750 Seemeilen nach Alaska segeln, in einem Rudersegelbötchen ohne Motor und Komfort – warum machen Sie das?

Joachim Rösler: Wenn die Sonne scheint, ist es eines der schönsten Segelreviere der Welt! Ich kann es kaum erwarten, dorthin zurückzukehren. Das Rennen ist eine großartige Ausrede, um dort auf dem Wasser zu sein. Und es ist eine spannende Herausforderung – angefangen bei der Frage, mit welchem Material trete ich an. Aber ja, es dauert lange, es ist anstrengend, kalt, nass und unkomfortabel. Die Schönheit und Eleganz des Rennens liegt in seiner Einfachheit.

Zoë Sheehan Saldaña: Man ist Teil einer Community, die das zusammen macht, jeder auf seine Weise. Es erinnert mich stark an Paragliding – da weiß man auch nie genau, wie es laufen wird, wenn man den Berg runter rennt und abhebt. Und ich mag und kenne Joe gut genug, um das mit ihm zusammen zu machen.

Einige sagen, das R2AK ist eines der härtesten und verrücktesten Rennen, die es für Boote gibt. Stimmt das? Sie sind ja schon zweimal mitgefahren.

Rösler: Es stimmt! Ein Paar aus Kanada, das das R2AK schon viermal mitgefahren ist, hat mal gesagt, sie wollen die Welt und diese Küste mit allen Sinnen erleben – und nicht hinter der Glasscheibe eines Kreuzfahrtschiffes.

Wie riskant ist es, in diesem Revier keinen Motor zu haben?

Rösler: Wie bei einem Schachspiel muss man immer ein paar Züge im Voraus planen. Man will in so einem kleinen Segelboot ohne Motor nicht bei Sturm 100 Meilen vor der Küste sein oder gegen die Tide ankämpfen – also werden wir das vermeiden. Dafür können wir uns in jeder noch so kleinen, flachen Bucht verstecken, sollte es draußen mit 40 Knoten stürmen. Das ginge mit einem Kielboot nicht.

Viele Teilnehmer segeln mit Katamaranen oder Trimaranen. Sie nicht. Warum nicht?

Rösler: Mit solchen Booten kann man auf offener See viel Spaß beim Segeln haben – darum geht es bei diesem Rennen aber nicht. Auf dieser Strecke schwimmt beispielsweise viel Holz im Wasser, das man nicht mal bei Tag gut sieht. Da gibt es schnell Kollisionen. Dieses Risiko gilt es abzuwägen.

Was zeichnet Ihr Boot aus?

Rösler: Da kommt wieder die Verrücktheit ins Spiel: Es ist die Weiterentwicklung jenes Bootes, mit dem ich 2017 und 2018 das Rennen mitgefahren bin, ein Angus Row Cruiser, benannt nach dem Kanadier Colin Angus, der es entworfen hat: ein 19 Fuß langes, offshore-taugliches Ruderboot mit einer Art Sarg darin zum Schlafen. Für das R2AK hat er zwei kleine Ausleger daran gebaut und zwei Masten darauf gestellt, und so entstand eine Cat-getakelte Ketsch, die man sehr gut rudern kann. Damit ist man nicht der Schnellste, und man wird das Rennen damit nicht gewinnen. Aber man kann lange mit dem Boot unterwegs sein, ohne sich völlig zu verausgaben. Jetzt sind wir im Grunde mit demselben Boot unterwegs, nur dass es nun sechs Fuß länger ist, damit zwei Leute darin schlafen können.

Und es trägt jetzt drei Masten!

Rösler: Ja. Weil der Rumpf nun länger ist, hatte ich Platz für einen weiteren Mast. Das funktioniert aber nur bei Leichtwind. Bei mehr Wind kann man bloß zwei Segel fahren. Drei kleine Segel sind aber sinnvoller als ein größerer Mast mit mehr Segelfläche, für den man Wanten und Stagen braucht, der komplizierter in der Handhabung ist. Ich habe mich in das Segeln mit einer Cat-getakelten Ketsch wirklich verliebt! Es ist in seiner Einfachheit und Effizienz ein ganz wunderbares Segelkonzept. Ich habe in meinem Leben alles gesegelt, was mir in die Finger kam, vom Contender über Eissegler bis hin zum America’s-Cupper. Kleine Boote bieten einfach das beste Preis-Spaß-Verhältnis.

Was haben Sie ausgegeben?

Rösler: 5.000 bis 10.000 Dollar.

Wie lange haben Sie gebaut?

Sheehan Saldaña: Sein ganzes Leben! Es steckt ja die ganze Erfahrung seines Lebens darin.

Würden Sie es verkaufen?

Rösler: Nach dem Rennen? Klar! Alles ist verkäuflich.

Warum haben Sie sich nicht ein fertiges Boot gekauft?

Rösler: Wir haben nichts Passendes gefunden.

Kann es nach dem R2AK überhaupt noch neue Herausforderungen geben?

Sheehan Saldaña: Wir finden welche! Wir sind gut darin, Schwierigkeiten zu finden.

Sie lieben Schwierigkeiten?

Sheehan Saldaña: Auf einem vernünftigen Niveau. Nichts im Leben ist sicher, man muss mit dem Risiko auf intelligente Weise umgehen.

Leiden Sie also gern?

Rösler: Das Rennen ist kein Fest des Leidens!

Sheehan Saldaña: Es gibt drei Arten von Spaß: Die erste hat man, wenn man an einem sonnigen Tag bei moderatem Wind segeln und nachmittags ein Eis essen geht. Die zweite ist die, bei der man erst hinterher denkt: "Ja, das hat Spaß gemacht!" Und die dritte die, bei der man immer denken wird: "Das war echt überhaupt kein Spaß!" Wir versuchen, uns auf die zweite Variante einzupendeln und die dritte zu vermeiden.

Unterwegs warten Sturmböen, Killerwale und Gezeiten von über 20 Meilen Strom pro Stunde. Haben Sie keine Angst?

Sheehan Saldaña: Meine größte Angst wäre, keine Orcas zu Gesicht zu bekommen! Denn deswegen bin ich hier. Die andere Sorge, die ich habe, ist die, dass wir beide uns am Ende nicht mehr ausstehen können.

Rösler: Angst? Nicht wirklich! Das Ziel ist, Alaska zu erreichen und immer noch miteinander zu reden. Ich will und werde jede Minute dieser Reise genießen. Ansonsten versucht man sein Bestes, um den Gefahren, die es gibt, aus dem Weg zu gehen. Wir können mit unserem Boot im Zweifelsfall 50 Knoten Wind überleben, wenn man die Segel rechtzeitig eingeholt hat. Auf der ersten Etappe 2017 hatten wir so viel Wind.

Wie weit kommt man am Tag?

Rösler: Das Boot wiegt 250 Kilo und hat 13 Quadratmeter Segelfläche. Wir schaffen je nach Wetter und Strom irgendwas zwischen fünf und 100 Meilen.

Kann man an Bord kochen?

Rösler: Ja! Wir haben Trockennahrung an Bord und einen Campingkocher, um Wasser zu kochen. Und wir haben Wasser für ein paar Tage dabei.

Wie navigieren Sie?

Rösler: Wir haben Papierkarten und drei Geräte, die wir über eine Batterie laden können, die von einem 130-Watt-Solarpanel versorgt wird. Es reicht halt nur nicht, um abends noch bei Facebook rumzuhängen und die Nachrichten zu gucken.

Warum wollten Sie das Rennen nicht mehr allein bestreiten?

Sheehan Saldaña: Warum sollte er allein fahren, wenn er mich dabeihaben kann? Natürlich kann man eine Flasche Wein auch allein trinken, aber zu zweit macht es mehr Spaß.

Rösler: Genau! Wieso sollte man die wundervolle Erfahrung nicht teilen? Es ist eine ernsthafte Herausforderung für Einhandsegler, deswegen hab ich das in der Vergangenheit auch so gemacht. Aber es zusammen zu machen, ist noch mal ganz anders – und noch besser.

Das Interview hat Jan Zier geführt

  Das Feld der R2AK-Teilnehmer. Aktuell sind nur noch  34 Boote "ready to start"Foto: R2AK/Rebecca Ross
Das Feld der R2AK-Teilnehmer. Aktuell sind nur noch 34 Boote "ready to start"

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