Einhundert oder zweihundert Meilen, 30 bis 60 Stunden unter Segeln, bei Nacht durch flaches, strömungsreiches Wasser. Das Vegvisir-Rennen verspricht Abenteuer – ein Shorthanded Race der besonderen Art. Es führt quer durch die Inselwelt Dänemarks und fordert den Skippern Ausdauer, strategische Navigation und Teamarbeit ab. Veranstaltet wird die Regatta von Morten Brandt, einem Pionier der Shorthanded-Szene. Er hat das Lyø Escape ins Leben gerufen – und das Silverrudder, das bekannteste und größte Einhand-Rennen in der Ostsee. Für die meisten deutschen Regattasegler ist er eine Institution.
Es ist das ideale Offshore-Projekt für Einsteiger – und genau darauf bereiten sich die beiden YACHT-Redakteure Ole Puls und Fabian Boerger vor. Ihr Ziel: beweisen, dass Offshore-Regatten nicht nur etwas für dicke Portemonnaies und High-End-Racer sind. Sondern dass es auch mit schmalem Budget und altem Boot möglich ist. Dafür wollen sie während der anstehenden Saison das Bestmögliche aus ihrer „Slimöv“, einer Erria 25 Baujahr 1972, herausholen.
Beide segeln seit ihrer Kindheit. Beide haben Erfahrung auf heimischen Regattafeldern. Aber Offshore-Regattasegeln? Das ist in vielerlei Hinsicht Neuland. Bislang waren es vor allem Jollen, Skiffs und Katamarane, die sie über die Kurse trugen. Für Fabian Boerger ging es im Anschluss ins Folkeboot, während es Ole zuletzt immer wieder auf eine X-41 oder X-362 verschlug. Nun nehmen sie selbst die Zügel in die Hand. Das Vegvisir bietet dafür den idealen Rahmen.
Das alljährlich im Spätsommer stattfindende Rennen wird allein oder zu zweit gesegelt. Es ist modern, anspruchsvoll – und einsteigerfreundlich. Strategie, Teamwork, Ausdauer: das perfekte Lern- und Abenteuerprojekt. Im September ist Start in Nyborg, Dänemark.
In den letzten Jahren gingen auf dem Vegvisir-Kurs viele Performance-Cruiser an den Start: die Dehler 30 OD, die Seascapes 27 oder ältere Baujahre wie die Scampi 30. Die „Slimöv“, das Projektboot, sticht in diesem Feld heraus – allerdings als komplettes Gegenteil einer Rennziege. 1972 bei Bandholm Yachts in Ærøskøbing gebaut, überzeugt der Langkieler vor allem mit Seefestigkeit. Das besonders dicke Laminat sorgt für Steifigkeit – aber auch für drei Tonnen Gewicht auf 7,95 Metern Länge. Der Geschwindigkeit ist das alles andere als zuträglich.
Dennoch ist die Erria für die beiden die optimale Wahl für das Projekt. Ein ehrliches Boot, für viele preislich zugänglich. Und, mal ehrlich: Das beste Boot ist das, das zur Verfügung steht. Darin liegt der Reiz. Es geht ums Erleben – und um den Ehrgeiz, das Beste aus dem Boot und der Crew herauszuholen. Denn der Sieg ist nicht das Ziel. Es geht darum, dabei zu sein – und die Wertung spiegelt das wider: Es wird einfach gesegelt. Wer zuerst im Ziel ankommt, der gewinnt. Keine ORC-Vermessung für den Preis eines Segelsatzes, keine Yardstick-Werte. Ankommen und ein Abenteuer erleben – das ist es, was zählt.
Über mehrere Episoden dokumentieren Puls und Boerger ihre Vorbereitungen. Das Ziel: die Erria so effektiv wie möglich optimieren, die Kosten so gering wie möglich halten. Gemeinsam mit YACHT-Experten, Profis und Betrieben aus der Branche suchen sie Antworten auf die Frage: Wo lässt sich mit wenig Einsatz viel rausholen?
Der Auftakt beginnt im Winterlager. Dort stehen Bausubstanz und Ausstattung auf dem Prüfstand. Schnell wird klar: Für die Regatta braucht es einen anderen Blick auf die Hardware als für den lauschigen Törn über die Schlei oder in der Dänischen Südsee.
Dann geht’s ins Wasser. Das laufende und stehende Gut rücken in den Fokus. Der Vorteil dabei ist, dass schon kleine Änderungen hier große Wirkung zeigen. Ein Spleiß in der Schot, ein getrimmter Mast und die richtigen Markierungen an Salingen und Holepunkten. Es sind kleine Details, die Performance bringen, ohne viel zu kosten.
Noch größeren Einfluss haben allerdings die Segel. Sie sind oft die Achillesferse eines Regatta-Projekts. Neue kaufen? Zu teuer. Alte, profillose Tücher nutzen? Ein Dämpfer für Spaß und Effizienz. Also kommen sie auf den Tisch eines Segelmachers, der prüft: Was lässt sich noch rausholen? Welche Alternativen gibt es? Wie groß und wie geschnitten sollte der Spinnaker sein?
Je weiter die Saison schließlich voranschreitet, desto öfter geht es mit der „Slimöv“ auf den Regattakurs. Die beiden holen sich Hilfe direkt an Bord. Gemeinsam geht es darum, wie man mit einem trägen Langkieler richtig startet und wie vermeintliche Schwächen reduziert werden.
Dazu kommen die Besonderheiten des Vegvisir. Was unterscheidet ein Mittelstreckenrennen von der Mittwochsregatta? Wie arbeitet man an der Ausdauer? Wie bereitet man sich aufs Nachtsegeln vor? Was ist im Küstengebiet Dänemarks zu beachten?
Das Ziel ist es, praxisnah zu zeigen, wie man mit wenig Geld an den Start geht. Das Projekt liefert konkrete Tipps und animiert zum Nachmachen. Puls und Boerger wollen beweisen: Regattasegeln muss kein Luxus- oder Elitensport sein. Es ist für sie ein Abenteuer, das mit Leidenschaft, Mut und kleinem Budget funktioniert.
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Redakteur Test & Technik