Manche Starts sind gut. Manche sind mutig. Und dann gibt es diesen einen Start, von dem Segler noch Jahre später erzählen: Ein Boot kommt mit Wind von Backbord, nähert sich dem linken Ende der Startlinie und passiert vor dem ganzen Feld, obwohl alle anderen mit Wind von Steuerbord eigentlich Wegerecht haben.
So ist es gerade beim Start der zweiten Wettfahrt der TP52-WM vor Porto Cervo/Sardinien geschehen. Die “Sled” (USA 5095) von Eigner und Steuermann Takashi Okura passierte mit einem Bilderbuchstart vor dem gesamten, hochkarätig besetzten Feld. Auch für die erfahrene Crew wie den sechsmaligen America’s-Cup-Sieger und taktiker Murray Jones muss es ein seltenes Glücksgefühl gewesen sein . Dierekt bei Startsignal lag sein Team gleich mal 50 Meter in Führung.
Der berüchtigte “Port-Tack-Flyer”
Im englischen Regattajargon heißt dieses Manöver „Port-Tack-Flyer“. Im Deutschen lässt es sich als Start mit Wind von Backbord am bevorteilten Pin-Ende beschreiben, oder kurz als Steuerbordstart, gemeint ist Start auf Steuerbordbug, wie es früher hieß.
Spektakulär ist dieser Start, wenn er gelingt. Dafür muss aber alles stimmen. Gelingt das, startet man in freiem Wind und mit großem räumlichem Vorteil. Misslingt es, drohen Ausweichen, schlechte Position oder Protest, man sieht richtig alt aus, kann nur noch hinter dem gesamten Feld passieren oder sich irgendeine, meist ungünstige Lücke zum Wenden suchen.
Deshalb sieht man diesen Start so selten. Das Umfeld muss stimmen und er birgt ein hohes Risiko des Scheiterns.
Nach den Regeln ist das Boot mit Wind von Backbord im Nachteil. Nach Regel 10 der Wettfahrtregeln muss es einem Boot mit Wind von Steuerbord freihalten. Wer so startet, darf also nicht darauf hoffen, dass die anderen Platz machen. Deshalb wird normalerweise mit Wind von Steuerbord gestartet. Selbst wenn die linke Seite bevorteilt ist. Dann wird links am Pin End gestartet. Es sei denn, wie in diesem Fall, dass der Rest des Feldes die starke Bevorteilung nicht erkennt.
Ob ein solcher Start überhaupt infrage kommt, entscheidet sich lange vor dem Startsignal. Die wichtigste Frage lautet: Welches Ende der Startlinie liegt weiter in Luv?
Das bevorteilte Ende ist nicht automatisch das Ende, das optisch oder auch gemessen näher an der ersten Bahnmarke liegt. Entscheidend ist der Winkel der Linie zum Wind. Liegt das linke Ende, also das Pin-End, höher zum Wind, startet ein Boot dort mit einem räumlichen Vorsprung gegenüber Booten am rechten Ende oder in der Mitte.
Erkennen lässt sich das auf mehrere Arten. Die einfachste Methode ist der Kopf-in-den-Wind-Test: Man fährt in die Mitte der Linie, stellt das Boot kurz in den Wind und prüft, welches Ende weiter vorne, also weiter in Luv liegt. Zeigt der Bug eher zum Pin-Ende oder liegt dieses Ende sichtbar höher, ist links bevorteilt.
Genauer wird es mit dem Kompass. Dafür wird zunächst der Kurs der Startlinie gepeilt und mit der Windrichtung verglichen. Eine faire Linie steht etwa rechtwinklig zum Wind. Weicht der Winkel deutlich ab, ist ein Ende bevorteilt. Je länger die Linie ist, desto größer wirkt sich schon ein kleiner Winkel aus.
Eine weitere Methode ist das Abfahren der Linie in beide Richtungen. Dazu mit perfekter Segelstellung die Linie mit Wind von Steuerbord entlangsegeln, wenden, ohne die Segelstellung zu verändern, und nun mit Wind von Backbord die Linie abfahren. Stehen die Segel jetzt zu dicht für den Kurs, istblinks bevorteilt, killen sie, ist es rechts.
Der Port-Tack-Flyer sollte auf keinen Fall “angekündigt” werden. Wer sich schon früh am Pin-End aufhält, macht die Konkurrenz darauf aufmerksam, dass diese Seite vielleicht einen Vorteil bieten könnte. Dann rücken andere früher nach, blockieren die Lücke oder starten selbst aggressiver am linken Ende.
Darum funktioniert der Start nur, wenn bis kurz vor dem Signal ein realistischer Weg offen bleibt. Viele gute Segler bleiben zunächst unauffällig beim Feld, lösen sich erst spät, fahren unterhalb des Pin-Endes heraus, wenden oder halsen in Position und beschleunigen mit Wind von Backbord zurück auf die Linie.
Das klingt elegant, ist aber fehleranfällig. Wer zu früh ist, muss ein Stück die Linie entlangsegeln, bevor er starten kann. Dabei nähert er sich dem Hauptfeld und der ursprüngliche Vorteil kann verloren gehen. Wer zu spät ist, dem fehlen die entscheidenden Meter, um vor den anderen zu passieren.
Auch beim dann nötigen Wenden gilt besondere Vorsicht, weil sich ein Boot während der Wende freihalten muss, bis es wieder auf Am-Wind-Kurs liegt.
Der Start ist nur dann wirklich wertvoll, wenn auch der Plan fürs Danach stimmt. Freier Wind, Speed und Entscheidungsfreiheit sind wichtiger als der kurze Genuss, einmal vor allen gelegen zu haben.
Passt die linke Seite der Kreuz zur Windstrategie, kann der Starter den Vorteil oft ausbauen. Dann geht es darum, nicht unnötig zu wenden und den Vorsprung nicht in Abdeckung oder Zweikämpfen zu verlieren.
Ist dagegen die rechte Seite der Kreuz besser, wird es schwieriger. Dann muss das Boot nach dem Start rechtzeitig eine Möglichkeit finden, auf die gewünschte Seite zu kommen. Der Linienvorteil allein könnte dann nicht reichen, wenn die nächste Winddrehung, mehr Druck oder weniger Strom die rechte Seite bevorteilen.
Die Crew der “Sled” konnte den Startvorteil übrigens nutzen und gewann die Wettfahrt. Zu den Ergebnissen...

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