ORC-WM vor Sardinien"Guardamago II" knapp am Podest vorbei: Michael Grau: "Wir waren eine sehr harmonische Mannschaft"

Tatjana Pokorny

 · 01.07.2022

ORC-WM vor Sardinien: "Guardamago II" knapp am Podest vorbei: Michael Grau: "Wir waren eine sehr harmonische Mannschaft"Foto: YCCS/Studio Borlenghi/Luca Butto

Bei der ORC-WM vor Sardinien waren nur eine Handvoll deutscher Boote am Start. Ein NRV-Team mit bekannten deutschen Seglern agierte besonders erfolgreich

Man nehme ein Bilderbuch-Segelrevier, 69 ORC-Teams, drei Klassen und einen international renommierten gastgebenden Club – fertig ist das Set-up für die ORC-WM 2022. Nach einer intensiven Regattawoche konnte Michael Illbruck, Kommodore des Yacht Club Costa Smeralda (YCCS) und Volvo-Ocean-Race-Sieger 2001/2002, eine glückliche Bilanz ziehen: "Es war eine wirklich intensive Woche, das Wetter bescherte uns eine große Bandbreite an Bedingungen. Die hielten die Wettfahrtleitung auf Trab und stellten die Fähigkeiten aller Crews auf den 69 teilnehmenden Booten auf die Probe. Im Namen des YCCS möchte ich allen ORC-Weltmeistern in ihren jeweiligen Klassen und allen Seglern gratulieren, die an diesem hochkarätigen internationalen Wettbewerb teilgenommen und ihn zu einem besonderen Ereignis gemacht haben. Mein Dank gilt dem ORC, dem Wettfahrtkomitee, der Internationalen Jury und dem gesamten Personal des Yacht Club Costa Smeralda für ihre große Professionalität. Der Juni hätte nicht besser zu Ende gehen können."

  Das WM-Feld im Revier vor Porto CervoFoto: YCCS/Studio Borlenghi/Luca Butto
Das WM-Feld im Revier vor Porto Cervo
  Die schönsten Regatta-Szenen vor Sardinien fing das Studio Borlenghi gekonnt einFoto: YCCS/Studio Borlenghi/Luca Butto
Die schönsten Regatta-Szenen vor Sardinien fing das Studio Borlenghi gekonnt ein

Fünf deutsche Boote haben an der Weltmeisterschaft teilgenommen. Herausragend agierte das Team um Michael Grau vom Norddeutschen Regatta Verein, das auf einer gecharterten Italia 11.98 mit Namen "Guardamago II" in die Serie einzog. Wenige Tage Vorbereitung mussten Michael Grau, Florian Thoelen, David Chapman, Magnus Simon, Lorenzo de Felice, Florian Jakobtorweihen, Lennart Burke, Bouwe van der Weiden, Nicolaus Schmidt und dem zum Auftakt einmal für Grau eingesprungenen Leonhard Harnisch reichen, um ihr Boot für den Kampf mit der optimierten Klasse-C-Konkurrenz in den Griff zu bekommen. Im Gegensatz zu den Klassenfavoriten verfügt die Charter-Yacht nicht über einen modifizierten Kiel, musste ohne Kohlefasermast, dafür aber mit Rad- statt Pinnensteuerung auskommen. Was das Team daraus mit WM-Platz vier gemacht hat, war eine starke Leistung!

  Erfolgreich in Italien: das Team von Michael Grau auf einen BlickFoto: Team Michael Grau/privat
Erfolgreich in Italien: das Team von Michael Grau auf einen Blick

Lennart Burke: "Ein krasser Gegensatz zu dem, was ich sonst mache"

Michael Grau sagte: "Ich bin zufrieden. Besser ging es nicht. Die Boote, die vor uns lagen, waren anders gepimpt. Wir haben mit einem Charter-Boot ein gutes Ergebnis erzielt. Am meisten freue ich mich darüber, dass wir eine unglaublich harmonische Mannschaft waren, obwohl manche sich kaum kannten." Zur Crew zählten beispielsweise der langjährige Schümann-Schützling und Bundesliga-Maestro Magnus Simon als Großsegeltrimmer und auch Seesegler Lennart Burke, der erstmals als Navigator in einem erfolgreichen ORC-Team Erfahrungen sammeln konnte. Burke, für den in Frankreich gerade eine neue Class 40 entsteht, sagte: "Das war schon ein krasser Gegensatz zu dem, was ich sonst mache. Ein bisschen Erfahrung konnte ich aus meinem früheren Melges-Segeln mitbringen. Da waren wir zu fünft, jetzt waren wir neun Leute. Für mich war es besonders, dass ich mal mit Profis wie David Chapman oder Lorenzo de Felice segeln durfte und dann noch die Chance als Navigator bekam. Ich konnte viel lernen." Nur die drei WM-Podiumsboote – die Italia 11.98 "Sugar 3" aus Estland als neue Weltmeisterin sowie die italienischen Italia-11.98-Raketen "Scugnizza" und "To Be" – konnte das Grau-Team nicht stoppen. "Die Sieger segeln seit etwa sechs Jahren zusammen auf dem Boot", sagte Lennart Burke. Platz zwölf in der ORC-Division ersegelte Gaby Pohlmanns J 99 DK "Meerblick Fun".

  Karl Kwoks Team auf der TP52 "Beau Geste" gewann die WM in Division AFoto: YCCS/Studio Borlenghi
Karl Kwoks Team auf der TP52 "Beau Geste" gewann die WM in Division A
  Die KYC-Yacht "Moana" im WM-EinsatzFoto: YCCS/Studio Borlenghi/Luca Butto
Die KYC-Yacht "Moana" im WM-Einsatz

Während in der mittleren ORC-WM-Kategorie B keine deutschen Starter im Rennen waren und die rumänische Grand Soleil 44 P "Essentia 44" den Titel vor der Swan 42 "Mela" aus Italien und der estnischen Swan 42 "Katarina II" abräumte, rang Hanno Ziehms Crew auf der modifizierten Marten 49 "Moana" mit der Prominenz in Klasse A. Weltmeister wurde Karl Kwoks Team auf der bekannten TP52 "Beau Geste" vor der argentinischen Swan 45 "From Now On" von Chain Fernando und der italienischen Mylius 14E55 "Milu III" von Andrea Pietrolucci. Das "Moana"-Team segelte mit aufsteigender Tendenz und beendete die Serie nach sieben Wettfahrten auf Platz neun. Jörg Zierons Solaris 50 "Snowwhite" segelte auf Platz 17. Bertil Balser, Vorsitzender der Regatta-Vereinigung Seesegeln (RVS), beobachtete die WM auf dem Weg nach Schweden zum Gotland Runt Offshore Race aus der Ferne und sagte: "Das war ein starkes Feld, wenn man sich die Top-Boote anschaut. Also eine WM, die sich auch WM nennen darf. Die üblichen Verdächtigen sind vorne." Dass nicht mehr deutsche und nordeuropäische Boote am Start waren, sei nach übereinstimmender Meinung von Teilnehmern und Beobachtern vor allem dem weiten Weg ins WM-Revier geschuldet. In Kiel sind indessen die Vorbereitungen für die ORC-WM 2023 längst angelaufen. Zum zweiten Mal nach 2014 steigt der ORC-Gipfel im kommenden Jahr im bekannten norddeutschen Revier. "Schon damals markierte Kiel die erste WM, die sehr deutlich mehr als 100 Schiffe an die Startlinie lockte. Darauf hoffen wir auch für 2023, denn mit dem Kieler Yacht-Club, Point of Sailing, dem DSV und der RVS stehen alle sehr engagiert dahinter", sagt Bertil Balser.

  Die modifizierte Marten 49 "Moana" im italienischen WM-RevierFoto: YCCS/Studio Borlenghi/Luca Butto
Die modifizierte Marten 49 "Moana" im italienischen WM-Revier

Alle Wetter: eine WM mit Winden von null bis 30 Knoten

Auf die zu Ende gegangene WM vor Sardinien blickt auch ORC-Präsident Bruno Finzi positiv zurück: "Es war eine sehr herausfordernde Weltmeisterschaft, sowohl für die Teilnehmer als auch für die Wettfahrtleitung und die Jury, die bei Windstärken von null bis 30 Knoten sechs fantastische Inshore-Rennen und ein Offshore-Rennen segelten, das alle Boote innerhalb des Zeitlimits beendeten. Die Berechnung der Handicaps und der Abstände zwischen den Booten hat einmal mehr die Güte des ORC-Systems bewiesen, das in der Lage war, unter so unterschiedlichen Bedingungen die Leistung der Boote an verschiedenen Punkten des Segelns so genau zu identifizieren und vorherzusagen, dass gleichwertige Ergebnisse geliefert wurden. Ich möchte allen Teilnehmern für ihre Hartnäckigkeit danken, mit der sie sich einer so fordernden Meisterschaft gestellt haben. Und für die Professionalität des YCCS bei der Durchführung dieser Veranstaltung. Wir sehen uns alle im nächsten August in Kiel zur nächsten Ausgabe der ORC-Weltmeisterschaft 2023."

  Gaby Pohlmanns "Meerblick Fun" mit der Segelnummer GER 9900Foto: YCCS/Studio Borlenghi/Luca Butto
Gaby Pohlmanns "Meerblick Fun" mit der Segelnummer GER 9900

Das WM-Schlusswort gehört Simone Ferrarese, einem der erfolgreichsten italienischen Segler und Taktiker auf der siegreichen "Sugar 3": "Unsere Rennergebnisse spiegeln nicht ganz den Kampf wider, der auf See stattgefunden hat. Es war kein einfacher Sieg, auch wenn wir mit einem Vorsprung gewonnen haben. Glückwunsch an die anderen Teilnehmer und insbesondere an 'Scugnizza'. Ich für meinen Teil möchte dem estnischen Eigner Ott Kikkas und dem Steuermann Sandro Montefusco danken. Er ist ein Segler mit olympischer Vergangenheit – und auch mein Onkel." Hier geht es zu allen Ergebnissen (bitte anklicken!).

  Der gastgebende Yacht Club Costa Smeralda und sein WM-Hafen aus himmlischer PerspektiveFoto: YCCS/Studio Borlenghi/Luca Butto
Der gastgebende Yacht Club Costa Smeralda und sein WM-Hafen aus himmlischer Perspektive

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