ORC-WM“Es gibt kein Windlimit” – stürmischer Auftakt voraus

Tatjana Pokorny

 · 04.08.2023

Michael Berghorns "Halbtrocken 4.5" zählt zu den Top-Booten in der großen ORC-Wertungsgruppe A
Foto: Christian Beeck/Kieler Woche
Schon drei Tage vor den ersten Startschüssen zur ORC-WM in Kiel laufen die Drähte heiß. Grund ist ein Tiefdruckgebiet, dass die WM-Crews ausgerechnet zum Auftakt auf der Langstrecke stark fordern könnte. Das mögliche Szenario erinnert ein wenig an das gerade zu Ende gegangene Fastnet Race

Veranstalter und Teilnehmer der ORC-WM in Kiel sind bereit für eine heiße Seesegelwoche im deutschen Norden. Am 7. August soll die Auftakt-Langstrecke starten. Die Windvorhersagen dafür sind aktuell mehr als knackig und sorgen für einigen Gesprächsstoff. Kann am Montag überhaupt gestartet werden? Welche Kurslänge wird die Langstrecke haben? Wie hart wird es wirklich?

Ja, wir haben Wind zu erwarten. Aber keinen dramatischen Seegang wie beim Fastnet” (Eckart Reinke)

Diese und viele weitere Fragen will Principal Race Officer (PRO) Eckart Reinke am Sonntag (6. August) im Skippers’ Briefing ab 18 Uhr beantworten. Zuvor wird Reinke die aktuellen Prognosen ebenso intensiv studieren wie Routing-Szenarien durchspielen. Und dann über die Kurse entscheiden. Eines ist aber jetzt schon klar, so Reinke: “Ich verweise gerne auf die Segelanweisung. In Punkt 12.2 ist es nachzulesen: ‘There is no wind speed limit’ – es gibt keine Windgrenzen nach oben.”

Das eben zu Ende gegangene Fastnet, so Reinke, habe gezeigt, dass auch eine stürmische Langstrecke von denen zu meistern ist, die es können. Die Ostsee sei darüber hinaus im Abgleich zum Solent und vor allem zur Irischen See ein “tendenziell geschützteres Revier”. Eckart Reinke sagt: “Ja, wir haben Wind zu erwarten, aber keinen dramatischen Seegang wie im Fastnet.”

Die Langstrecke wird hundertprozentig stattfinden” (Eckart Reinke)

Die maximal mögliche Kurslänge der WM-Langstrecke beträgt für die großen Yachten der Wertungsgruppe ORC A 220 Seemeilen, doch es stehen wie auch für die Gruppen B und C mehrere kürzere Kurse zur Auswahl. “Wir wählen im Abgleich zu den Bedingungen so, dass das langsamste Boot jeder der drei Gruppen binnen maximal 36 Stunden ins Ziel kommt”, erklärt Reinke. Vermeiden möchte die Wettfahrtleitung zudem Zielankünfte bei Dunkelheit. Im Rahmen dieser Parameter wird anhand von theoretisch durchgespielten Routings kurzfristig über Startzeit und Länge der Langstrecke entschieden.

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Eckart Reinke, der in diesen Tagen zunehmend viele Anrufe zum Langstrecken-Szenario erhält, sagt zum anstehenden Montag-Start: “Alle können davon ausgehen, dass es unser und mein Interesse ist, dass alle am Dienstag wieder heil in Kiel ankommen. Wir werden mit Augenmaß entscheiden. Aber es ist auch eine WM. Und es ist ein Offshore-Rennen. Es wird hundertprozentig stattfinden. Vielleicht müssen Startzeit und Kurslänge angepasst werden, aber es findet statt.”

Der Startschuss fällt in Kiels Segelarena in der Innenförde

Ein Wettfahrtleitungsteam von 45 Teammitgliedern inklusive einem Dutzend Wettfahrtleiter stehen dem PRO für die WM zur Verfügung. Auf der Bahn für ORC A ist Stefan Kunstmann verantwortlicher Wettfahrtleiter. Unterstützt wird er neben weiteren Teammitgliedern von Alexander Prinz zu Schleswig-Holstein. Als Wettfahrtleiter für ORC B sind Peter Doepgen und Andreas Herbst mit ihrer Mannschaft im Einsatz. Die Wettfahrtleitung für die ORC-Gruppe C übernimmt Laura Kühlewind aus Warnemünde mit dem ungarischen IRO Bence Kárpáti und ihrem Team.

Etwa zwei Drittel der auf den Meldelisten registrierten 115 WM-Boote waren am Freitagmorgen bereits in Kiel-Schilksee eingetroffen. Alle weiteren wurden bis zum Abend erwartet. Die Vermessungen sind bereits angelaufen und dauern bis Sonntag an. Der Start zur eröffnenden Langstrecke soll in jedem Fall in der Kieler Innenförde stattfinden, wo einst die “Illbruck” und jüngst auch Boris Herrmanns Team Malizia und die anderen Ocean-Race-Teams für ein volles Haus und Gänsehautstimmung gesorgt haben.

Das Ergebnis der Langstrecke ist nicht streichbar

“Kiels Segelarena ist die Innenförde, wo gerade der Ocean-Race-Einlauf stattgefunden hat. Das möchten wir auch den WM-Teilnehmern bieten. Gestartet wird direkt vor dem Kieler Yacht-Club”, sagt Eckart Reinke. Gefragt nach Favoriten und heißen Podiumskandidaten, lächelt er und sagt: “Da gibt es viele. Ich bin überzeugt, dass die Langstrecke die Teams gewinnen, die Strömungssegeln können. Die Strombeherrschung wird über Siege und Niederlagen entscheiden. Das ist ein bisschen wie im Solent. Gerade bei den erwarteten Windverhältnissen wird sich das noch intensiver auswirken.”

Klar ist, dass sich die Favoriten bei der ersten großen WM-Bewährungsprobe keinen Aussetzer erlauben dürfen, wollen sie aufs Podium segeln. Denn: Das Ergebnis der Langstrecke kann nicht gestrichen werden. “Wer hier aus der Kurve fliegt, der ist für den Rest der WM-Woche kaum mehr ein Gegner im Kampf um die Top-Platzierungen. Der schleppt Höchststrafen mit”, weiß auch Reinke.

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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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