ORC-WM“Balsam für alle” – nach sonnigen Kurzrennen ab in die Nacht

Tatjana Pokorny

 · 10.08.2023

Rechts im Bild: Franz Schollmayers Corsa 915 "Firlefanz"
Foto: Sascha Klahn/ORC World Championship 2023
Nach drei stürmischen Segeltagen ist der Sommer zur ORC-WM auf der Kieler Förde zurückgekehrt. In besten Segelbedingungen trafen sich die drei WM-Flotten zu zwei Kurzrennen, bevor sie am Abend auf die Langstrecken geschickt wurden. Karl Kwoks “Beau Geste” ist als einziges WM-Boot weiter ungeschlagen

Die TP52 “Beau Geste” ist die Königin der ORC-WM in Kiel. Nach sechs Rennen in ihrer Klasse A und sieben Wettfahrten in den Klassen B und C war der Racer von Karl Kwok am Donnerstag vor dem Langstreckenstart das einzige noch ungeschlagene Boot bei der Weltmeisterschaft im deutschen Norden. Das für den Royal Hong Kong Yacht Club startende und intensiv ORC-optimierte Botín-Design hat die Messlatte auf der Förde in eine für ihre Verfolgerinnen bislang unerreichbare Höhe geschraubt.

Das stärkste Gesamtpaket gewinnt

Skipper Gavin Brady und seine Profi-Crew agieren bei der ORC-WM sowohl zwingend als auch effizient. Ihre gefährlichste Gegnerin, Tilmar Hansens TP52 “Outsider” mit Steuermann Bo Teichmann und Taktiker Markus Wieser, wird in der Regel am Start schon attackiert, bevor “Beau Geste” mit einem Quäntchen mehr Speed unwiderstehlich davonzieht. “Sie sind extrem ORC-optimiert und ein lange eingespieltes Profiteam”, sagt Markus Wieser. Auch er ist ein sieggewohnter Profi, muss sich mit dem “Outsider”-Team aber in dieser Woche bislang dem stärkeren Gesamtpaket beugen.

In Klasse A gewann “Beau Geste” am Donnerstag beide Up & Downs. Auf ihrem Marsch in Richtung Titelverteidigung überlässt die Crew von Karl Kwok (Hongkong) nichts dem Zufall. Während am frühen Morgen an den Stegen noch Ruhe herrschte, schnurrte bei der weißen Yacht mit den roten Drachen bereits der Generator und presste Luft unter Wasser – dorthin, wo der frühe Taucher damit beschäftigt war, Rumpf und Kiel abzutasten und von jeglichen Anhaftungen zu befreien.

Knappe berechnete Siege gegen “Katima” und “Desna”

Wie wichtig das Feintuning ist, zeigte sich kurz darauf auf dem Rennkurs. Ein Abstand von berechnet lediglich 13 Sekunden entschied das erste Tagesrennen auf dem rund zwölf Kilometer langen Kurs zugunsten der TP52 aus Hongkong gegenüber der Swan 45 „Katima“ von Jan Opländer (Norddeutscher Regatta Verein), deren Crew mit Tim Kröger und Stefan Voss zum zweiten Mal einen zweiten Rang in der A-Klasse erkämpfen konnte.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

4

5

Auch in der zweiten Wettfahrt konnte sich „Beau Geste“ knapp behaupten – diesmal allerdings im Fernduell mit der Knierim 49 „Desna“ von Johannes Wackerhagen (Kieler Yacht-Club), die mit repariertem Bugspriet und den Rängen drei und zwei ihren besten WM-Tag bislang erlebte. Hier sind Asse wie der Däne Jesper Radich, Bertil Balser und auch Magnus Simon im Einsatz.

Für das Rennen heute Abend ändern wir nichts. Wir bleiben im gleichen Modus, das war bisher erfolgreich” (Gavin Brady)

Durch die eigene Beständigkeit und die wechselhaften Ergebnisse der deutschen Konkurrenz haben sich die unangefochtenen Spitzenreiter auf “Beau Geste” bereits ein sehr solides Punktepolster von 13 Zählern Vorsprung vor „Outsider“ und sogar 22 Punkten vor Carl-Peter Forsters TP52 „Red Bandit“ vom Bayerischen Yacht-Club ersegelt. Der neuseeländische Skipper Gavin Brady sagte: „Es waren heute richtig gute Rennen, tolle Bedingungen und perfektes Segeln. Wir haben hart gearbeitet, um zu gewinnen; die Abstände waren wirklich knapp. Für das Rennen heute Abend ändern wir nichts, wir bleiben im gleichen Modus, das war bisher erfolgreich.“

Das war Balsam für alle” (Stefan Kunstmann)

Am vierten WM-Tag erfreuten sich die Teilnehmer an der ORC-WM an moderaten Winden zwischen 13 und 16 Knoten als willkommene Wiedergutmachung für die stürmische erste Halbzeit. “Das war Balsam für alle”, sagte Wettfahrtleiter Stefan Kunstmann aus Kiel. Gemeinsam mit Principal Race Officer Eckart Reinke wird Kunstmann über Nacht die Teilnehmer und ihre Bedingungen auf See beobachten und nötigenfalls auch Bahnverkürzungen empfehlen.

116 Seemeilen sollen die 15 Boote in Klasse A absolvieren. 105 Seemeilen standen für die 29 Boote in der mittleren Klasse B auf dem Programm. Hier war Jens Kuphals modifizierte Landmark 43 “Intermezzo” vom Berliner Yacht-Club zuvor am Donnerstagvormittag mit den Rängen fünf und vier in zwei Kurzrennen auf Platz vier vorgerückt. “Intermezzo”-Taktiker Robert Stanjek bringt seine Erfahrungen aus dem Ocean Race mit und sagte zur anstehenden Nachtwettfahrt: “Die kann schon brutal werden, denn das Ergebnis der Langstrecke ist nicht streichbar. Da nimmst du jeden Punkt mit aufs Konto. Das gilt natürlich auch für unsere Gegner …”

Zum Glück geht es nicht in den Ballerwind” (Jens Kuphal)

„Wir arbeiten uns an die Medaillenplätze heran”, sagte auch Eigner und Steuermann Jens Kuphal. Und weiter: “Noch ist nichts entschieden, denn die Langstrecke im absterbenden Wind bietet noch mal ein neues Bild. Die WM entscheidet sich in den kommenden beiden Tagen. Eine Chance ist da.“ Zu den Vorbereitungen seines Teams auf die Langstrecke sagte Kuphal: „Wir essen noch mal gemeinsam, machen dann einen Powernap, und ab geht es in die Nacht. Wir sind guten Mutes, auch wenn wir ganz schön geschafft sind nach den bisherigen Tagen. Zum Glück geht es nicht in den Ballerwind.“

86 Seemeilen hatten die 67 Boote in Klasse C nach dem Start um 19 Uhr bis Freitagvormittag zu meistern. In der WM-Gruppe der kleinsten Boote konnte zuvor Max Habecks J/112 “Aquaplay” mit Steuermann Gordon Nickel als Gesamtfünfte nach sieben Rennen wieder zur Spitzengruppe aufschließen. Mit den Rängen drei und zwei verkürzte das Team vom Münchner Yacht Club Monte Baldo seinen Rückstand auf den WM-Bronzeplatz auf zehn Punkte. Die WM-Flotten werden am Morgen des 11. August von der Langstrecke zurückerwartet. Nach zwei Kurzrennen am Samstag werden im Olympiazentrum Kiel-Schilksee die Medaillen an die besten der 111 Teams aus 13 Nationen vergeben.

Artikel teilen:
Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

Meistgelesen in der Rubrik Regatta