Nachruf„Er wird uns allen sehr fehlen“ – Albert Schweizer ist gestorben

Tatjana Pokorny

 · 08.04.2026

Seit 2017 war Albert Schweizer Wettfahrtleiter der Nordseewoche. Er stand für Regattasport von Seglern für Segler.
Foto: Nordseewoche/Hinrich Franck
​Albert Mjoe Schweizer war Segler und Segelmacher. Im Aufbruch von bekannten Mentoren beflügelt, wurde er später auch selbst zum Förderer junger Segler wie etwa Boris Herrmann. 1976 bestritt Schweizer seine erste Nordseewoche. Neun Nordseewochen dirigierte er als Wettfahrtleiter, die letzte im vergangenen Jahr. Albert Schweizer zählte zu den Gebern im deutschen Segelsport. Jetzt ist er im Alter von 69 Jahren gestorben.

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​Albert Schweizer wurde im Januar 1957 in Villingen geboren. Der Segelsport wurde ihm dort zwischen Stuttgart und dem Bodensee aber nicht direkt in die Wiege gelegt. Und doch wurde der Sport in Wind und Wellen, nachdem der Vater sich einen kleinen Binnenkieler (L-Boot) am Bodensee gekauft hatte, nach und nach zur sportlichen und zur beruflichen Passion. Am stärksten entflammte sie den ältesten Sohn Albert, aber auch den ein Jahr jüngeren Bruder Helmer. Die Schwarzwälder Familie war erstmals nach Konstanz an den Bodensee gekommen, als Albert vier Jahre alt war. Dort fanden sie im Konstanzer Yacht-Club ihre Freizeitheimat.

Albert Schweizer: Ausbildung im Schüler-Segel-Club Konstanz

Die Jungs lernten das Segeln im Schüler-Segel-Club Konstanz. Erst im Holzopti, dann in Vauriens, Piraten und schließlich im 470er erweiterten sie ihren Segel- und Regattaradius konstant. 1972 verliebte sich der Vater in eine 6mR-Yacht namens „Stromer“, die er für die Familie kaufte. Mit seinen Söhnen und weiteren Mitstreitern nahmen sie an Regatten im In- und Ausland teil. Irgendwann durfte Albert als 16-Jähriger das Steuer übernehmen. Er machte seine Sache in den Augen von Vater und Crew auffallend gut.

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Die Helden der Schweizer-Brüder waren damals am Bodensee Albert Batzill und die Brüder Jörg und Eckart Diesch. Batzill segelte zu Weltmeistertiteln im Flying Dutchman. Die Diesch-Brüder wurden 1976 Olympiasieger im FD. Da hatte Albert Schweizer gerade sein Abitur in der Tasche und eine Lehre zum Segelmacher bei North Sails am Starnberger See begonnen. Sein Mentor war Eckart Wagner, der den jungen Schwarzwälder für diesen Weg begeistert hatte.

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Der Spross einer Handwerksfamilie, in der es einige Fotografen gab, begeisterte sich für das Segelmachermetier, die Herstellung der Tücher und zunehmend auch ihr Design. Er war in der Woche mit viel harter Arbeit konfrontiert, konnte das sich schnell mehrende Wissen aber an den Wochenenden mit dem geliebten Regattasport verknüpfen. Im Anschluss an die Lehre nahm Albert Schweizer das Angebot an, als Trainee für ein Dreivierteljahr ins North-Sails-Mutterhaus nach San Diego zu gehen, um mehr Erfahrung zu sammeln.

Für Albert Schweizer war der Admiral’s Cup “das Wimbledon des Segelsports”

Weil North Sails viele deutsche Admiral’s-Cup-Yachten mit Segeln ausstattete, wuchs Albert Schweizer nach und nach in die deutsche Szene hinein. Erst als Segelmacher, dann zunehmend auch als Segler mit Segelmacher- und Design-Aufgaben an Bord. In den USA lernte er Leute wie North-Sails-Gründer Lowell North und andere Koryphäen der Zeit kennen, wohnte bei den Chefs zuhause. Die damals gewonnenen persönlichen Kontakte begleiteten ihn durchs Leben.

Zurück in Deutschland, tauchte er als Bordsegelmacher immer tiefer in die Cupper-Szene ein, arbeitete auch mit legendären deutschen Cup-Jägern wie Hans-Otto Schümann, Udo Schütz, Willy Illbruck oder Design-As Rolf Vrolijk. Weil er das Segeldesign gut beherrschte und noch besser erklären konnte, trauten sie ihm nach und nach mehr zu. Auch Jahrzehnte später erinnerte sich Albert Schweizer stets mit Begeisterung und einem Schuss Nostalgie an diese goldenen Cup-Zeiten des deutschen Segelsports, an denen er aktiven Anteil hatte. Den Admiral’s Cup nannte er oft „das Wimbledon des Segelsports“, war im vergangenen Jahr hingerissen, als es nach 22 Jahren Pause zum Neustart kam.

Als die Diesch-Brüder 1976 ihr Olympia-Gold gewannen, erlebte Albert Schweizer im selben Jahr seine erste Nordseewoche als Segler, weil die North-Kollegen ihn aus dem Süden auf die Nordsee mitschnackten. Für ihn blieb die Nordseewoche danach Zeit seines Lebens die „einzige richtige deutsche Hochseeregatta“. Geprägt durch viele Admiral’s-Cup-Ausscheidungen seit den 1970er Jahren, bot der rote Felsen über Jahrzehnte den Schauplatz für hochkarätigste Regatten.

Vom Süden in den Norden: Schweizer wird “Bremer”

Albert Schweizer hatte sich ins Gedächtnis eingebrannt: „Wer zum Cup wollte, musste da hin.“ Den ersten Admiral’s-Cup-Sieg eines deutschen Teams mit den Yachten „Saudade“ (Albert Büll), „Carina III“ (Dieter Mohnheim) und „Rubin IV“ (Hans-Otto Schümann) im Jahr 1973 erinnerte Albert Schweizer immer als „dramatisch positive Wende“ im deutschen Seesegelsport, der glorreiche Zeiten folgten.

1987 nahm Schweizer am Admiral’s Cup teil, den damals erstmals Neuseeland gewann. Schweizer segelte auf dem Eintonner „Container“ und lernte dabei nach eigenen Erzählungen auch das Tidensegeln vom versierten Strömungsass Stefan Lehnert aus Bremen. Viele Jahre später wird nicht nur Bremen als Wohnort die beiden Männer verbinden…

Insgesamt rund zwei Jahrzehnte wirkte Albert Schweizer für North Sails am Starnberger See. Dann wagte er den großen geografischen und beruflichen Sprung: 1995 führte ihn der berufliche Neuaufbruch in den deutschen Norden: In Bremen übernahm der Regattasegler mit viel Erfahrung und Erfolgen auch in Klassen wie Laser, H-Boot, Flying Dutchman, Drachen, Starboot, Melges 24 oder X99 die Segelmacherei Beilken.

Harter Tiefschlag für den Positiv-Denker

Mit einem funktionierenden Betrieb, versierten Mitarbeitenden und guten Drähten in die USA gelang der Aufbruch zu neuen Ufern. Nach zwölf Jahren aber musste die Segelmacherei unter Albert Schweizers Führung dennoch Insolvenz anmelden. Er selbst verwies darauf, dass eine “schwierige Situation mit einem Großlieferanten aus Großbritannien” die Lage verursacht hatte. Sein Lebenswerk, so bedauerte er Zeit seines Lebens, sei damit zerstört worden.

Doch Albert Schweizer stand wieder auf. Der berufliche Neustart gelang 2009. Seitdem arbeitete er als Agent für Incidence Sails Nordeuropa, betreute deutschsprachige Kunden in und außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dem „Menschenmensch“ Schweizer machte die Arbeit für die qualitativ hochwertige Segelmacherei Spaß. Weiter nahm er an Nordseewochen teil. In vierzig Jahren bestritt er als Segler 37 Auflagen.

Seesegelerfolge feierte Albert Schweizer beispielsweise als Steuermann und Stratege auf der von Hans Stützle gebauten „Leu“ von Claus Löwe. Sie holten den deutschen Meistertitel, wurden 2014 unter 66 Booten WM-Vierte vor Kiel. 2015 segelte das 45-Fuß-Vrolijk-Design „Leu“ im Fastnet Race in Gruppe IRC 1 A auf Platz sieben. Navigator war damals auf „Leu“ Boris Herrmann. Der hatte schon kurz nach der Jahrtausendwende zu jenen jungen Seglern gezählt, die Albert Schweizer beflügelte.

Boris Herrmann trauert um seinen frühen Förderer Albert Schweizer

Boris Herrmann erinnert sich gerne an die Unterstützung, die er von Albert Schweizer auf seinem Weg erfuhr. Für Herrmann und Team Malizia wurde Albert Schweizer über die Jahrzehnte zum Wegbegleiter und Freund. Boris Herrmann sagte zum Tod von Albert Schweizer: „Mit Albert verbinde ich sehr viele Erinnerungen. Er hat einen wichtigen Beitrag zu meiner Entwicklung geleistet. Er war damals beim Mini-Transat 2001 mein erster Sponsor mit Beilken Quantum Sails. Später konnte ich dank ihm ein Fastnet-Rennen als junger Navigator bestreiten. Er wird uns allen sehr fehlen.“

Albert hat es geliebt, gute Stimmung in der Mannschaft zu verbreiten. Deutschland verliert eine Instanz in der Segelszene.“ Boris Herrmann

Über rund eineinhalb Jahrzehnte wirkte Albert Schweizer in beratender Funktion auch für den DSV-Ausschuss Seesegeln an der Seite von Wolfgang Schäfer mit viel Engagement für den Sport. „Doc Schäfer“ hatte ihn dazugeholt und sagte jetzt: „Ich habe noch auf der boot in Düsseldorf im Janur intensiv mit ihm gesprochen. Seine Meinung habe ich immer hoch eingeschätzt, weil er emotional ausgeglichen und gut informiert war. Albert hatte immer eine ausgesprochen fördernde Einstellung zum deutschen Seesegelsport.“

Wie Albert Schweizer Wettfahrtleiter der Nordseewoche wurde

Die Nachfolge des einst auch von Albert Schweizer selbst mit ins Amt gebrachten Nordseewoche-Wettfahrtleiters Stefan Lehnert, der 18 Jahre im Team der Nordseewoche gearbeitet hatte und 17 Jahre ihre sportlichen Geschicke als Wettfahrtleiter lenkte, trat Albert Schweizer 2017 an. Den „Antrag“ dazu hatte er auf heitere Weise bei einem der klassischen Heringsessen bei Stefan Lehnert in Bremen erhalten.

Albert Schweizer schaute an diesem Abend auch in die Küche hinein. Dort unterhielten sich gerade Stefan Lehnert und Nordseewoche-Organisationsleiter Marcus Boehlich, während sie sich Heringe auf ihre Teller füllten. Da hatten sie Albert Schweizer schon längst zu ihrem Lieblingskandidaten für die Lehnert-Nachfolge auserkoren. Als Albert Schweizer sich interessiert erkundigte, wer denn nun Lehnerts Nachfolger werden könnte, grinsten beide und richteten gleichzeitig ihre Finger auf ihn. Albert Schweizer bat sich eine Woche Bedenkzeit aus, packte die Aufgabe dann mit beiden Händen an.

„Ich habe als Segler über Jahrzehnte die Nordseewoche genossen. Ich habe viel gelernt und genommen. Dann kam Stefan und sagte, er würde sich wünschen, dass ich es mache, weil er wisse, dass ich es könne. Da ging es dann darum, auch mal etwas zurückzugeben“, erzählte Albert Schweizer, der wie Lehnert in Bremen lebte, dort auch in der Segelkameradschaft „Das Wappen von Bremen“ und deren Patenring zuhause war, vor seinem Antritt als neuer Nordseewoche-Wettfahrtleiter im Jahr 2017.

Im Doppelpass mit Marcus Boehlich: gute Führung für die Nordseewoche

Zur gemeinsamen Energieleistung für die Nordseewoche und der guten Zusammenarbeit mit Albert Schweizer im Team von insgesamt rund 50 ehrenamtlichen Mitstreitern sagte Marcus Boehlich: „Wir hatten ein sehr herzliches Verhältnis. Wir hatten einander gerne. Wir haben gerne miteinander Regatten und auch Fortbildungen gemacht, andere Leute unterrichtet. Albert war viel bei mir zuhause, teilweise auch bei unseren Familienfeiern. Wir haben in guten wie in schlechten Zeiten einige Jahre zusammen verbracht. Ich bin sehr froh darüber. Das war eine gute Zeit.“

Fast ein Jahrzehnt lenkte der überzeugte Teamplayer Albert Schweizer den Sport der Nordseewoche, dirigierte auch “100 Jahre Rund Helgoland” im vergangenen Jahr und schrieb ein weiteres wichtiges seiner vielen Kapitel im deutschen Seesegelsport, dem er viel mehr als Geber denn als Nehmer in Erinnerung bleibt. Albert Schweizer starb am 2. April in Folge einer langen Krankheit. Viele werden ihn als positiven Charakter vermissen.

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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