Nach dem Mini-Transat ist vor der nächsten HerausforderungBurkes Bilanz: „Wir haben das Zeug, da vorne mitzumischen"

Tatjana Pokorny

 · 16.11.2021

Nach dem Mini-Transat ist vor der nächsten Herausforderung: Burkes Bilanz: „Wir haben das Zeug, da vorne mitzumischen"Foto: Vincent Olivaud / Mini-Transat EuroChef 2021

Lennart Burke hat das Mini-Transat in den Top 20 abgeschlossen. Im Interview spricht er über mentale Härten, den inneren Sieg über sich selbst und seine Zukunft

Der Stralsunder Lennart Burke hat seine Mini-Transat-Premiere nach Rückschlägen mit vielen positiven Gedanken abgeschlossen. Der ehrgeizige junge "Vorpommern"-Skipper gab noch am Tag seiner Zielankunft tiefe Einblicke in sein Rennen, das ihn an die eigenen Grenzen brachte und auf Kurs Zukunft dennoch stark beflügelt.

  Jung, ehrgeizig und im Austausch miteinander: Der Mini-Transat-Dritte Melwin Fink und Lennart Burke während ihrer Mini-Transat-PremierenFoto: Mini Transat Eurochef 2021 – Vincent Olivaud
Jung, ehrgeizig und im Austausch miteinander: Der Mini-Transat-Dritte Melwin Fink und Lennart Burke während ihrer Mini-Transat-Premieren

Wie geht es Ihnen kurz nach der Zielankunft?

Ich bin wirklich sehr froh, angekommen zu sein. Es war eine durchwachsene Reise, einfach krass. Ich habe sie etwas unterschätzt. Viele Menschen sehen das Mini-Transat als eine unter vielen Offshore-Regatten. Aber es ist eine sehr, sehr große Herausforderung, eine 6,50 Meter lange Rennyacht sportlich über den Atlantik zu prügeln, sie immer wieder schnell zu halten. Ich bin wirklich froh, angekommen zu sein, es geschafft zu haben. Das bedeutet mir viel.

  Im Glück bei seiner Ankunft: Lennart Burke im Ziel seines ersten Mini-TransatsFoto: Alexis Courroux / Mini-Transat EuroChef 2021
Im Glück bei seiner Ankunft: Lennart Burke im Ziel seines ersten Mini-Transats

Mit Platz 20 haben Sie die ambitioniert angepeilten Top Ten verpasst…

Ich habe sehr hohe Anforderungen an mich selbst. Ich möchte im Segelsport noch viel erreichen, viel lernen, das Beste aus mir machen. Bei dieser Premiere konnte ich es oft nicht. Das war mental hart für mich. Der Start in die Atlantik-Etappe war mittelgut. Ich habe mich dann sehr gut nach vorn gearbeitet. Da hat anfangs alles gepasst. Nur kam dann diese Sache, für die ich vielleicht noch nicht erfahren genug war…

Sie meinen den Punkt, an dem sich die Südoption auf der Etappe als gewinnbringender herausstellte, Sie aber nordwestlicher nahe der Ideallinie in weniger Druck segelten und nicht schnell genug reagiert haben?

Genau. Die Entscheidung hätte nach zwei Tagen heißen müssen: sofort agieren, machen, sich selber trauen, nach Süden gehen. Ich war aber aufs Briefing fokussiert und hatte Angst, das Erkämpfte wieder zu verlieren. Dafür hatte ich so viel getan, so viel investiert. Wir haben uns mit unserem Coach, dem ich sehr vertraut habe, auf das Rennen vorbereitet. Mit ihm haben wir die Atlantik-Etappe durchgesprochen. Doch der Plan hat nach zwei Tagen nicht mehr funktioniert. Da war ich dann auf mich gestellt. Ich habe versucht, das Briefing ideal umzusetzen. Und das hat ja zunächst auch funktioniert. Das wollte ich nicht aufopfern. Ich bin ja auch noch jung. Aber ich bin nach diesem Mini-Transat überzeugt davon, dass Melwin und ich das Zeug dazu haben, vorn mitzumischen. Nur haben wir auf dieser zweiten Etappe eine Entscheidung getroffen, die nach hinten losging. Dazu stehe ich, auch wenn das Ende eines sehr intensiven Zwei-Jahres-Projekts dadurch ein bisschen doof ausgefallen ist.

  Ein Mann und sein Boot: Die Pogo 3 "Vorpommern" trug ihren Skipper Lennart Burke sicher durch das Mini-TransatFoto: Alexis Courcoux / Mini-Transat EuroChef 2021
Ein Mann und sein Boot: Die Pogo 3 "Vorpommern" trug ihren Skipper Lennart Burke sicher durch das Mini-Transat
  Zählte mit 23 Jahren zu den jüngsten Miniisten: Lennart Burke aus StralsundFoto: Vincent Olivaud / Mini-Transat EuroChef 2021
Zählte mit 23 Jahren zu den jüngsten Miniisten: Lennart Burke aus Stralsund

Was genau hat Sie im Verlauf der Atlantik-Etappe so an Ihre Grenzen gebracht?

Es war an Tag sieben oder acht. Ein, zwei Tage nach der letzten Chance, noch nach Süden zu kommen. Dann bin ich auch nach Süden. Als ich endlich dort war und den Wetterbericht bekam, hieß es plötzlich: Hier ist kein Wind mehr. Ich war mit der Ambition nach Süden gesegelt, dort 17, 18 Knoten Wind zu bekommen – ich bekam 12, 13 . Mein Boot aber ist fürs Surfen ausgelegt. Das hatte ich nur ein Viertel der Strecke. Ich hatte mich also endlich überwunden runterzufahren. Und dann war da kein Wind. Sich dann wieder aufzurappeln ist eine mental sehr, sehr schwere Aufgabe.

Sie hatten auch Ihren Anteil an technischen Herausforderungen…

Ja, mein Spi ist dreimal kaputtgegangen. Und ich habe am sechsten Tag der zweiten Etappe meinen Weltempfänger verloren.

"Das ist mein großer Sieg in diesem Rennen"

Ihre Bilanz fällt trotz des atlantischen Tiefschlags positiv aus?

Das Mini-Transat ist die beste Vorbereitung auf ein Leben als Segler. Es ist unfassbar hart, aber gleichzeitig die beste Erfahrung. Meine Partner haben Geld in mein Projekt und mich investiert. Ich wollte abliefern, konnte das aber nach meinem Anspruch nicht immer, und das war hart. Ich hatte echte Tiefpunkte in diesem Rennen, habe auch geheult. Aber wenn man gut drauf und stark ist, dann kriegt man sich wieder aufgebaut. Das ist mein großer Sieg in diesem Rennen. Es hat mich gebrochen, aber ich habe mich selbst wieder aufgerichtet.

  Aufrecht im Ziel: Lennart Burke nach seiner Ankunft in Saint-François auf GuadeloupeFoto: Vincent Olivaud / Mini-Transat EuroChef 2021
Aufrecht im Ziel: Lennart Burke nach seiner Ankunft in Saint-François auf Guadeloupe

Wie haben Sie aus dem Tief befreien können?

Ich hatte ein Buch dabei. Ich habe sonst so viel Spaß am Segeln, dass ich weder Musik noch Bücher brauche. Aber für Notfälle hatte ich es eingepackt: „Mit 50 Euro um die Welt“ von Christopher Schacht. Das hat mich gerettet. Ich bin in meinem Herzen selbst ein großer Abenteurer. Der Autor ist erst 19 Jahre alt, hat gerade sein Abi in der Tasche und reist zu Wasser und zu Land um die Welt, lebt im Ghetto, wird überfallen, ist hungrig, durstig, erlebt verschiedenste Kulturen. Das Buch war für mich der perfekte Ausstieg für einen Tag. Da habe ich mich reingelehnt. Danach konnte ich seglerisch und Performance-technisch ganz neu durchstarten. Normalerweise kannst du von einem Boot nicht fliehen. Aber ich musste einmal aussteigen. Das war wichtig.

  Segelt seiner Zukunft gestärkt entgegen: "Vorpommern"-Skipper Lennart Burke setzt auf Shorthanded-Regatten, hat auch die Class40 im VisierFoto: Alexis Courcoux / Mini Transat EuroChef 2021
Segelt seiner Zukunft gestärkt entgegen: "Vorpommern"-Skipper Lennart Burke setzt auf Shorthanded-Regatten, hat auch die Class40 im Visier

Bleiben Sie der Mini-Klasse treu?

Ich will weitermachen, weiterwachsen und die Chance haben zu beweisen, was ich draufhabe. Ich würde aber gern auf einem anderen Spielplatz angreifen. Ja, man muss das Mini-Transat mal gemacht haben. Aber es ist wirklich super hart! Jetzt möchte ich mich weiterentwickeln. Die Class40 interessiert mich sehr. Shorthanded-Segeln ist genau mein Ding. Es wird für mich keine Pause geben. Ich will Gas geben, weil mich das alles sehr erfüllt. Ich will weitermachen und viele, die mich unterstützt haben, wollen auch weitermachen und schätzen mich als Persönlichkeit.

  Gereift im Mini-Transat: Lennart Burke in der NahaufnahmeFoto: Vincent Olivaud / Mini-Transat EuroChef 2021
Gereift im Mini-Transat: Lennart Burke in der Nahaufnahme

Was zeichnet Sie in den Augen Ihrer Partner aus?

Das ist eine schwere Frage. Aber ich denke, das was zählt, ist die Fähigkeit, das Herz der Förderer zu erreichen, die Partner zum Brennen zu bringen und dann gemeinsam ein starkes Projekt auf die Beine zu stellen.

Wann werden Sie wieder in der Heimat landen?

Wir werden eventuell bis zum 3. Dezember hierbleiben müssen, weil dann erst die Boote verladen werden. Dann geht es heim und auf zu neuen Ufern

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