Lyø EscapeRegattasegeln in seiner entspanntesten Form

YACHT-Redaktion

 · 15.08.2021

Lyø Escape: Regattasegeln in seiner entspanntesten FormFoto: Peter C. Normann/Lyö Escape

Segeln und Chillen – so das Motto der 2020 initiierten Lyø-Escape-Regatta. Nächste Woche geht's wieder los. Ein Seglerpaar berichtet, wie es im Vorjahr war

Die Dänische Südsee ist ein beliebtes Ziel vieler Ostseesegler. Kleine Inseln reihen sich dort von West nach Ost. Buchten laden zum Ankern ein, und bei gutem Wetter schimmert das Wasser beinahe türkis – wie in der Südsee eben.

Am kommenden Wochenende findet in diesem paradiesischen Setting eine Regatta der besonderen Art statt. Vom 20. bis zum 22. August wird vor der Insel Lyø die gleichnamige Escape-Regatta gesegelt. Das Besondere: Sie soll das Flair der Gegend und den Lebensstil der Bewohner aufgreifen und erlebbar machen. Daher ist sie laut Veranstalter an jene Segler gerichtet, die im „Cruising mode“ oder „laid back“ sind. Tagsüber segeln und abends Geselligkeit genießen – das Motto der Veranstaltung sagt alles.

Die wenigen Regeln, die es gibt, spiegeln genau das wider. Der Kurs der insgesamt zwei Wettfahrten ist sternförmig und rund 20 Seemeilen lang. Während der erste Start (Samstagmorgen 9 Uhr) noch normal abläuft, ist der zweite nach dem Jagdstartprinzip angelegt. Heißt: Der Verlierer der ersten Wettfahrt fährt vor. Die anderen Boote starten in umgekehrter Reihenfolge, sodass die Langsameren zuerst starten.

Katharina Charpian und Axel Hackbarth haben im vergangenen Jahr mit ihrer "Zest", einer First 345, an der Regatta teilgenommen und für die YACHT ihre Eindrücke festgehalten. Ihre Schilderungen machen Vorfreude auf das diesjährige Lyø Escape. Auf der folgenden Seite ihr persönlicher Lyø-Escape-Bericht:

  Das Seglerduo mit StartnummerFoto: endlesssunshinesailors
Das Seglerduo mit Startnummer

Samstag, 22. August, 7 Uhr. Unser Wecker klingelt. Noch drei Stunden bis zum Start. Mein Freund Axel und ich haben uns vor vier Wochen spontan für die „Lyø Escape“ angemeldet. Meine erste Regatta, mein zweiter Segelurlaub, und Axel’s zweite Regatta. Fünf Stunden Schlaf liegen hinter uns, eine siebeneinhalbstündige Regatta vor uns. Wir wurden bei unserer Ankunft am Vorabend im Hafen nicht nur von einem Seehund begrüßt, sondern sind spontan beim „Lyø Escape“-Team-Get-Together gelandet.

8 Uhr. Ein Tröten schallt durch den kleinen Hafen von Lyø. Bei Kaffee und Käsebrötchen werden wir von Lockenkopf Morten Brandt, „Lyø Escape”-Mitinitiator und Erfinder von Silverrudder und Vegvisir Race, und seiner Familie am Hafenhäuschen begrüßt und treffen auf unsere Konkurrenz. 18 Teams, die in ganz unterschiedlichen Crewgrößen Boote mit vielversprechenden Namen wie „Job Done“ oder „N-Joy“ segeln.

Dass wir heute nicht nur die raue Ostsee, sondern auch den glatten Dancefloor mit ihnen teilen werden, ahnen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Morten erläutert die 42 Seemeilen lange Route rund um die benachbarten Inseln wie Avernakø, Drejø und Skarø und betont die Idee hinter der Regatta: „Lyø Escape ist ein Abenteuersegelrennen in entspannter Form – wir Segeln tagsüber und knüpfen nachts Kontakte.“

  Der InitiatorFoto: endlesssunshinesailors
Der Initiator

9.30 Uhr. Noch 30 Minuten bis zum Start. Wir befestigen unsere Startnummer 411 an der „Zest“. Vor elf Jahren hat Axel die heute vierunddreißigjährige „First 345“ mit seinen Freunden Jan und Klaas gekauft – bis in die Karibik hat sie es schon geschafft, und auch Mast- und Ruderbruch vor Portugal und im Englischen Kanal durchgemacht. Mit der Regatta feiern wir Bergfest unseres zweiwöchigen Segelurlaubs in Dänemark.

Die „Zest“ ist vollgepackt mit tollen Sachen. Das Surfbrett an Deck ist nur ein Teaser. In unserer Achterkabine wohnt unser Spielzeug. Vier Kites, ein Wing, zwei Kiteboards, ein Waveboard, ein foilendes Wing- und SUP-Board, ein Kitefoil-Board, vier Tauchflaschen und ein aufblasbares Riesen-Einhorn. Morten möchte die Lyø Escape nächstes Jahr um weitere Wassersport-Disziplinen erweitern. Wir haben Axels Einhorn „Rainbow“ während unserer Segelreise das Foilen beigebracht und sind fürs nächste Jahr gewappnet.

9.35 Uhr. Während die anderen Crews ablegen, klettert Axel den Mast hoch und bringt den neuen Windanzeiger an. Unser Nachbar staunt über so viel Gelassenheit.

  Auf Regattakurs. Was macht die Konkurrenz?Foto: endlesssunshinesailors
Auf Regattakurs. Was macht die Konkurrenz?

9.50 Uhr. In Regenbogenfarben peitscht die Flagge an der Startlinie. Sie kündigt den zeitnahen Start an. Spaßregatta hin oder her, jetzt ist nicht nur Anspannung auf der „Zest“, sondern auch vor der Startlinie spürbar. Die Boote, vom Mini 6.50 proto, einem foilenden Farrier F82 R Trimaran bis zum sportlichen Cruiser wie einer Grand Soleil 43 ist eine große Bandbreite vertreten und dreht unter Segeln nervös ihre Runden. Wer sich jetzt fragt, wie man die Regatta gewinnen kann, erhält von Morten eine simple Antwort: „Wer heute als letztes die Ziellinie überfährt, darf am zweiten Regattatag als erstes starten und wer als erstes am Sonntag ins Ziel einläuft, ist der Sieger“.

Und er ergänzt am Morgen beim Skippers Meeting: „Wer schlau ist, ist heute also nicht besonders schnell“ – ein Statement, das zur „Laid back“-Attitüde des Wochenendes passt. Spaß statt Konkurrenz. Miteinander statt gegeneinander.

  Beim Start liegen die Boote noch gleichaufFoto: endlesssunshinesailors
Beim Start liegen die Boote noch gleichauf

10 Uhr. Die Piratenflagge flattert im Nordwestwind und das Startzeichen ertönt. Unsere Fake-Tattoo-Session mit Muscheln und Seepferdchen lässt uns nicht ganz pünktlich über die Startlinie fahren, aber Glücksbringer sind wichtig. Wir haben Rückenwind. Was die fünfköpfige Familien-Crew der „Grand Soleil 43“ namens „Josefine“ aus Hamburg vor uns kann, können wir auch, und ziehen unseren Spinnaker bei über 20 Knoten hoch.

Wir hatten die vorigen Tage schließlich fleißig geübt, bei 30°C und max. 10 kn Wind - und waren extrem froh, als der Spi 10 Minuten später, und einige Plätze weiter vorne, wieder in seinem Sack verschwand und wir mit blauem Auge davongekommen sind, denn der Wind frischte noch weiter kräftig auf – von 40 Knoten-Böen erzählt man sich abends an der Bar.

Der Wind peitscht, der Spi tanzt, die Wellen bringen die „Zest“ ins Schaukeln, die Boote verteilen sich wie Käfer in der Dänischen Südsee. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 7,5 Knoten folgen wir zumeist anderen Booten, manchmal suchten wir aber auch vergeblich eine Wendetonne, aber anderen Seglern erging es ebenso und man lächelte sich zu und segelte sportlich weiter.

12.30 Uhr. Ein Boot nähert sich uns von hinten und wir sehen Anders Kraft an der Pinne. Er ist der Ideengeber der Regatta und auf dem Wasser groß geworden. Kurze Zeit später segeln wir Bug an Bug mit seiner alten Aphrodite „Kaffe“ und liefern uns Kopf an Kopf ein zweistündiges Rennen der Extraklasse, das wir später in seinem Restaurant gebührend mit „Gammel Dansk“ begießen werden. An diesem Tag schöpfen wir das volle Repertoire der „Zest“ aus.

Vom Spi wechseln wir auf Genua und gerefftes Groß. Dann geht’s mit Vollzeug und diversen Sonnenschüssen übertakelt bei halbem Wind durch die dänische Inselwelt. Wir schlagen die kleine Fock 3 am inneren Vorstag an, reffen das Großsegel, und kreuzen den mühsamen Rückweg nach Lyø durch die stürmische Ostsee auf, motiviert von Morten, der in regelmäßigen Abständen im Schlauchboot mit Kamera bewaffnet an uns vorbeifährt.

  Sonnenschein und eine tolle Brise, was will man mehr!Foto: endlesssunshinesailors
Sonnenschein und eine tolle Brise, was will man mehr!

17.30 Uhr. Es wird frisch auf der Dänischen See. In unseren Onesies segeln wir zufrieden unter Applaus der Lyøaner ins Ziel. Jetzt steht „Beer on the Pier“ auf dem Programm bevor wir dem Dresscode „Hippie/Casual“ folgen und mit Zylinder, Regenbogenhemd und Blumenkleid auf unseren Longboards zum hyggeligen Restaurant „Hly“ in den Ortskern, das Anders erst vor wenigen Wochen eröffnet hat, cruisen.

20 Uhr. Zu Jazzklängen der Band „Marko Martinovic Trio“ betreten wir den Garten des Restaurants, das sich in einem alten Schulgebäude befindet. Bunte Blumensträuße stehen auf dem Tisch, es gibt Seafood, Bier, Wein und Chili-Likör. In den Gesprächen dreht es sich wenig um Taktiken des Tages. Bootsbauer Jan erzählt von seinen Wollschweinen, der rothaarige Schwede Joshua von Wikingern, Restaurantbesitzer Anders Kraft von seiner Geburt auf der „Kaffe“ und die beiden dänischen Seeschurken von ihrem Kaninchen, das bei ihnen an Bord lebt. Der Grund warum sie die Regatta heute frühzeitig abbrechen mussten. Es wurde dann doch zu stürmisch fürs Karnickel.

0 Uhr. Wir teilen unsere mitgebrachten Regenbogen-Marshmallows am Lagerfeuer und tanzen zu Abba- und 80‘s-Klängen mit den anderen TeilnehmerInnen fast bis zum Morgengrauen. Zu unserer großen Überraschung gewinnen wir an dem Abend den „Special Price“ für unsere Hippie-Vibes und das, obwohl wir heute als vorletzte Crew ins Ziel eingelaufen sind. Wir schieben es aufs schwere Spielzeug an Bord. Natürlich.

5.20 Uhr. Mit unseren Longboards geht es downhill zum Hafen. Um 9 Uhr klingelt unser Wecker. Um 9.20 Uhr ertönt die Tröte. Wir joggen leicht verschlafen über den Steg zum Skippers Meeting und erfahren unsere Startzeit. 11.03 Uhr. Wir dürfen als erstes Team starten und sind siegessicher. Die Verlierer des Vortages setzen aus.

Sonntag, 23. August, 10.55 Uhr. Wir legen im Hafen ab. Plötzlich springen zwei Männer an Bord. Carsten und Max. Nachts am Lagerfeuer unter Sternenhimmel hatte ich ihnen angeboten, heute bei uns mitzusegeln. Dänen nehmen Einladungen ernster als gedacht. Auch das ist Lyø Escape. Spontan, entspannt und ohne Disqualifizierungen bei plötzlicher Crewänderung. Für den jungen Max ist es der allererste Segeltörn.

  Landgang per Skateboard, warum nicht?Foto: endlesssunshinesailors
Landgang per Skateboard, warum nicht?

Noch 7 Minuten bis zum Start. Heute ist die Regattastrecke nur 8 Meilen lang. Ein Achten um Bojen fahren vor der Hafeneinfahrt von Lyø steht auf der Agenda, damit die insgesamt 85 Einwohner der Insel auch mal Abwechslung vor der Kaimauer haben. Wir laufen zu Beginn kurz auf Grund – das ist aber auch flach hier – lassen einen Trimaran an uns vorbeifoilen und kommen zwei Stunden später glücklich als sechstes Team ins Ziel.

Unsere private Lyø Escape dauert noch drei weitere Tage an. Kontakte, die wir an dem Wochenende geknüpft haben, bescheren uns eine gute Zeit und die 6 Quadratkilometer kleine Insel zieht uns in ihren Bann. Wir ankern, kiten, wingen, reiten auf Lasses Isländern, finden in Susis Skrønemuseum ein echtes Einhorn, musizieren mit Carsten auf dem Klockesteen, schlafen in Haris umgebauter Mühle und lernen Jans Werft und Wollschwein Alf kennen.

Wir werden nächstes Jahr wieder dabei sein – auf dem Wasser und auf dem Dancefloor. Wir sind davon überzeugt, dass aus dem spontan initiierten Prototypen „Lyø Escape 2020“ von Morten und Anders – ohne Corona – ein großes Hippie Water Festival 2021 werden kann. Sehen wir uns? Ihr werdet uns am foilenden Einhorn erkennen.

  Tierische Zuschauer, nicht minder entspanntFoto: endlesssunshinesailors
Tierische Zuschauer, nicht minder entspannt

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