Les Sables–Les Açores–Les Sables 2022Rücketappe der Minis wird zum Strategie-Thriller

Jochen Rieker

 · 08.08.2022

Les Sables–Les Açores–Les Sables 2022: Rücketappe der Minis wird zum Strategie-Thriller

Im Nordatlantik entwickelt sich aufgrund einer Wetterscheide ein packendes Rennen nach Les Sables. Führt der Sieg über die Nordroute – oder ist der kürzere Weg der bessere?

Langstreckenregatten üben eine besondere Faszination aus. Und nirgends wird das deutlicher als in diesen Tagen beim Mini-6.50-Rennen von den Azoren nach Les Sables-d'Olonne. Wer nachverfolgen will, wie Strategie geht, sollte sich den SAS-Tracker als Favorit im Browser abspeichern (hier klicken!).

Schon vor dem Start der Rücketappe am vergangenen Donnerstag war klar, dass es zwei Optionen für die rund 1.300 Meilen geben würde. Grund ist ein Hochdruckkeil, der von Südwest nach Nordost verläuft. Er zwang die Mini-Skipper zu einer frühen Entscheidung:

Sollten sie nach Norden segeln und einen Bogen weit weg von der kürzesten Kurslinie in Kauf nehmen, um so von achterlichen Winden zu profitieren? Oder wäre der direktere Weg, der Hunderte Meilen hartes Amwind-Segeln bedeutet, vielleicht doch die schnellere Route?

Weil das Hochdruckgebiet recht stationär liegt und nur sehr wenig Wind verheißt, war es eine Entweder-oder-Entscheidung. Pierre Le Roy allerdings, der auf der ersten Etappe aufgrund seines überlegenen Sieges in der Protowertung ein großes Zeitpolster hatte, mochte sich erst zum spätestmöglichen Zeitpunkt festlegen.

Foto: SAS Tracker

Er blieb, in Führung liegend, lange Zeit in der Mitte des Pulks, um sich beide Optionen offenzuhalten. Spätestens seit heute Früh aber wird absehbar: Er hat zu lange gezögert und zu sehr auf Sicherheit gesetzt. Schon jetzt hat er einen Großteil seines Vorsprungs auf die am nördlichsten segelnden Boote eingebüßt.

Am meisten profitieren konnten zwei Solisten auf deutlich älteren Booten, Jacques Delcroix und Uros Krasevac, die derzeit im Schnitt rund drei Knoten schneller segeln als der Noch-Spitzenreiter.

Am Wochenende waren beide weit abgeschlagen auf den letzten Rängen der Proto-Klasse. Sie investierten in ihre Strategie und ließen sich auch von den per Funk durchgegebenen Platzierungen nicht beirren – an sich schon eine Leistung, denn die Segler haben bis auf einen Weltempfänger und UKW-Seefunk keine weiteren Kommunikationsmöglichkeiten an Bord. Auch die Wetterinformationen, die sie erhalten, sind relativ rudimentär.

Anders als die Fans, die das Rennen nach Les Sables und die Druckverhältnisse am Handy oder PC verfolgen können, sind die Skipper strategisch gewissermaßen halb-blind unterwegs. Umso spannender wird deshalb sein, ihre Positionierung relativ zu Kurs und Windfeldern zu beobachten – und wie sie mit Änderungen gegenüber dem Wetterbriefing umgehen, das sie vor dem Start erhalten haben.

Mini-Neuling durch kluge Taktik auf Rang zwei

Der Slowene Uros Krasevac, der seine erste Saison im Mini segelt und sein Potenzial schon zuvor durch sehr starke Leistungen hat aufblitzen lassen, hat einen der erfahrensten Hochsee-Routiers an seiner Seite. Er wird von Jure Jerman beraten, einem führenden Meteorologen des slowenischen Wetterdienstes, der schon zahlreiche Hochsee-Profis die Wetterkarten gelegt hat, darunter Phil Sharp, ehemaliger Class-40-Champion, und Charlie Dalin, der aktuell beste Imoca-Skipper.

Am Wochenende noch Letzter, jetzt an 2 – und bald ganz vorn: Uros Krasevac (SLO), der nach dem Start am längsten Kurs Nord segelte und jetzt profitiertFoto: SAS/V. Olivaud
Am Wochenende noch Letzter, jetzt an 2 – und bald ganz vorn: Uros Krasevac (SLO), der nach dem Start am längsten Kurs Nord segelte und jetzt profitiert

Jerman empfahl seinem Schützling vor dem Start, die nördliche Option zu wählen, weil er die Kreuz entlang der Rhumbline in seinen Vorhersagemodellen für langsamer und weitaus härter hielt. Allerdings hat sich die Lage des Tiefs nordwestlich des schmalen Hochdruckbandes in den Prognosen seither verändert. Am Sonntagmittag sahen die Routings für beide Optionen annähernd gleich aus.

"Es gibt nach wie vor einen Vorteil im Norden", sagte Jerman gegenüber YACHT online. "Allerdings müsste Uros sich jetzt noch weiter nördlich halten, um voll davon profitieren zu können. Und ich weiß nicht, ob er diese Informationen überhaupt empfängt und ob er die nötigen Schlüsse daraus zieht".

Absehbar ist, dass die nördlich positionierten Boote in den kommenden zwei Tagen weiter gewinnen werden, dann aber in der Irischen See und ausgangs des Ärmelkanals, wenn Sie nach Südost abbiegen Richtung Les Sables, ebenfalls hoch am Wind segeln müssen. Wie es am Ende ausgehen könnte, wagt nicht einmal Jerman zu sagen. Nur so viel: "Auf jeden Fall bleibt es hochspannend!"

In der Wertung der Serien-Minis hat der stark segelnde Schweizer Felix Oberle bisher die Nähe zu Pierre Le Roy gesucht – und blieb mit ihm lange in der Mitte der Flotte. Anders als der Proto-Führende aber, der offenbar doch noch versucht, sich in den Norden zu hangeln, setzt Oberle seit einigen Stunden auf die südlichere Route.

Lisa Berger dagegen blieb nördlich und profitiert derzeit stark von ihrer Kurswahl. Die Führungspositionen, schon bisher recht volatil, werden in Kürze erneut durchgetauscht werden. Die Etmale zwischen Nord- und Südgruppe klaffen bereits weit auseinander: 171 Seemeilen loggte Lisa Berger (momentan Rang 38) in den vergangenen 24 Stunden, Julie Simon (Platz 36) dagegen kam im Süden auf gerade mal 78 Meilen.

Was erstaunt, ist, wie viele eher unerfahrene Skipper auf den kürzeren, aber härteren Amwind-Kurs umgelegt haben. Ihnen steht eine Kreuz von mindestens 600 bis 700 Seemeilen bevor, bei Windstärken von vier bis sechs. In den leichten, kurzen Minis ist das kein Vergnügen. Im Gegenteil: Mensch und Material werden dabei arg gefordert.

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