Interview5 spektakuläre Kielverluste: Der Welt-Seglerverband reagiert

Lars Bolle

 · 26.02.2018

Interview: 5 spektakuläre Kielverluste: Der Welt-Seglerverband reagiertFoto: Holger Peterson

Immer wieder verlieren Yachten ihren Kiel. Die Ursachen sind vielfältig. Der Welt-Seglerverband will Vorgaben verschärfen und mehr überwachen

Kielverluste sind selten. Doch sie passieren, sowohl bei Regatta- als auch bei Serienyachten – und dann häufig mit dramatischen Folgen. Erst am vergangenen Wochenende sind bei Fremantle/Australien zwei Segler gestorben, nachdem ihre Yacht in Winden um 25 Knoten gekentert ist. Dem Unglück war ein Kielverlust vorausgegangen. Weitere vier Fälle haben wir in der folgenden Galerie zusammengestellt.

DER FALL "Prodigy 2": Im Oktober trieb der 60 Fuß lange Einzelbau ohne Kiel vor Langeoog an den Strand. Der Eigner wollte mit dem erst im Juli 2017 gewasserten Schiff der sehr jungen und weitgehend un­bekannten polnischen Werft Quale Yachts bis Südamerika segeln. Der Kiel riss bei leichtem Seegang angeblich ohne vorherige Grundberührung vor Baltrum ab. Die YACHT war vor Ort in der Werft Hooksiel, wo das geborgene Wrack liegt, und hat sich den Schaden angesehen. Delaminationen im Kiel­bereich lassen auf ein zu trockenes Laminat schließen, außerdem wurden offenbar zu kleine Unterlegscheiben verwendet, die komplett mit den Bolzen durch das Laminat gerissen sind.
Foto: privat

Wegen dieser wiederholten Kielverluste hat der Welt-Seglerverband World Sailing eine Initiative ins Leben gerufen, die helfen soll, zunächst bei Regattayachten das Risiko eines solchen Unfalls zu verringern. Eine Expertengruppe erarbeitete Vorschläge, die bis zum Jahr 2020 als verpflichtende Vorgaben umgesetzt werden sollen. Als Berater wurde Hasso Hoffmeister vom DNV GL (ehemals Germanischer Lloyd) hinzugezogen.

Die YACHT sprach mit Hoffmeister über die Ursachen von Kielverlusten sowohl bei Fahrten- als auch bei Regattayachten, über die konkreten Ziele des Welt-Seglerverbandes und wie sich dessen Initiative auf das Fahrtensegeln auswirken könnte.

YACHT: Herr Hoffmeister, der Kiel einer Yacht darf nicht abfallen. Dennoch passiert es immer wieder. Was sind die Ursachen?
Hasso Hoffmeister: Dabei spielt einerseits die Handhabung der Yacht eine Rolle, also Grundberührungen, aber auch die Konstruktion und Fertigung, Alterung und mangelnde Wartung.

  Hasso HoffmeisterFoto: YACHT/S. Reineke
Hasso Hoffmeister

Seit 1996 sind alle Freizeityachten, die in der Europäischen Union auf den Markt kommen, zertifizierungspflichtig. Sie müssen vielfältige ISO-Normen erfüllen, das gilt auch für die Kiele. Gerade Konstruktionsmängel dürfte es doch nicht geben, wenn eine Yacht zertifiziert wurde, beispielsweise von Ihnen.
Bei Yachten über zwölf Meter Länge wird diese Zertifizierung von einer Zertifizierungsstelle wie dem DNV GL durchgeführt, unterhalb dieser Größe findet eine Eigenzertifizierung statt, da gibt es keine Kontrolle von einer unabhängigen Stelle. Da bestätigt nur der Hersteller mit seiner Unterschrift, dass die Yacht der ISO-Norm entspricht.

Die Prüfung der größeren Yachten erfolgt zunächst nur anhand von Konstruktionsplänen.

Der Konstrukteur reicht bei uns Zeichnungen ein, in denen die Kielkonstruktion sowie dessen Befestigung am Rumpf mehr oder weniger gut beschrieben ist. Anhand dieser Pläne, vor allem der begleitenden Baubeschreibungen sehen wir auf den ersten Blick, ob sich ein Konstrukteur Gedanken gemacht hat, ob er besorgt ist, dass sein Plan auch wirklich wie vorgesehen realisiert wird oder eben nicht. Dann steht da vielleicht nur "Werftstandard".
Wir rechnen die Angaben am Computer nach, und wenn alles stimmt, bekommt die Zeichnung unseren Stempel. Ist das nicht der Fall, bekommt sie Anmerkungen, und dann muss entsprechend geändert werden. Zusätzlich findet noch eine stichprobenartige Bauaufsicht beim Prototypen statt, die aber im Vergleich zu einer Komplettzerti­fizierung eher rudimentär ist. Bei Regattayachten entfällt sogar diese, da wird also ausschließlich anhand von Zeichnungen geprüft.

Reicht dieses Verfahren aus?
Bei keiner von uns zertifizierten Yacht ist bisher ein Kiel abgefallen – was aber keine Garantie ist, dass es nicht trotzdem passieren kann. Wir prüfen ja nur das Strukturdesign.

Über die Ausführung in der Werft oder beim Produzenten des Kiels haben wir keine durchgehende Kontrolle, da wir nach dem Prototypen in der Serienproduktion nicht mehr involviert sind.

Das sind die Pläne des Welt-Seglerverbandes:

Die durchgängige Kontrolle der Ausführung will der Welt-Seglerverband World Sailing nun zumindest für Regattayachten ändern.
Rennyachten, mit denen Regatten der Kategorien 0, 1 oder 2 gesegelt werden, also allgemein Hochseeregatten, müssen den Offshore Special Regulations von World Sailing entsprechen. Für diese findet derzeit bezüglich des Kiels nur eine Zeichnungsprüfung statt. Diese Prüfung soll ausgeweitet werden, um auch die anderen kritischen Aspekte einer Kielkonstruktion zu beleuchten und damit sicherzustellen, dass Unfälle wegen Kielverlustes nicht mehr passieren. Das betrifft in erster Linie die Ausführung der Arbeiten. Bei der Auswertung vergangener Schadensfälle ist der Arbeitsgruppe von World Sailing aufgefallen, dass der Grund der Kielverluste nicht unbedingt im Design zu finden ist, sondern auch in der Realisierung. Die Kon­struktionsbetriebe von Rumpf und Kiel waren sich offensichtlich nicht immer der Bedeutung einer sachgemäßen Umsetzung der Konstruktion bewusst. Es ist vor­gesehen, dass diese Regel für Neubauten ab 2020 in Kraft treten soll.

Es soll also eine Art Bauaufsicht eingeführt werden?
In der neuen Regel wird eine genauere Dokumentation der Anfertigung gefordert, etwa welches Schweißgut bei welcher Temperatur zu verwenden ist, was bei dem Werkstoff zu beachten ist, welche Oberflächen­güte in der Nachbearbeitung zu erzielen ist und so weiter. So könnte man den Auftrag eigentlich jedem geben, und der setzt ihn dann eins zu eins um. Eine derartige Dokumentation gab es bisher nur in seltenen Fällen. Normalerweise wurde nur eine grobe Konstruktion geliefert – damit haben die Werften dann gemacht, was sie für richtig hielten. Ist man zu einem Hersteller gegangen, der jahrein, jahraus Kiele baut, hatte man wahrscheinlich kein Problem; wenn man dagegen zu einer Werft gegangen ist, die nur günstig war, vielleicht schon.

Jetzt soll die gesamte Herstellung eines Kiels vor Ort überwacht werden?
Nein, das geht schon aus Zeit- und Kostengründen nicht. Die Qualitätssicherung soll der Produzent selbst dokumentieren, mittels Fotos, Ultraschall oder anderer Methoden. Das kommt alles in eine große Dokumentationsmappe und wird bei der kontrollierenden Stelle, wie dem DNV GL, abgegeben. Wir sitzen nach wie vor im Büro und kontrollieren. Eine Ausnahme ist jedoch die Montage. Da wird in jedem Fall ein Sachverständiger vor Ort sein, der sich die kritische Heirat von Kiel und Rumpf anschaut und kontrolliert, ob diese denn auch sachgerecht durchgeführt wird.

Es sind auch wiederholte Überprüfungen geplant.

Es ist angedacht, verpflichtend wiederkehrende Prüfungen einzuführen.

Die Idee ist momentan eine jährliche Prüfung, aber das finde ich zu starr. Wenn man mit seinem Boot nur einmal im Jahr rund Fünen segelt und nicht auf Grund läuft, ist eine Überprüfung meiner Meinung nach nicht nötig. Es wird deshalb vermutlich ein Kriterium geben, das die Segelzeit und die zurückgelegten Seemeilen berücksichtigt.

Warum dieser Aufwand?
Ein Auflaufen ist ein einmaliges, großes Ereignis. Um die dafür vorgesehenen Vorgaben der Norm zu erfüllen, braucht es nicht viel, das sind relativ einfache Rechnungen, Hebelgesetze, Festigkeitsrechnungen. Wo es kompliziert wird, ist der Bereich der millionenfachen Lastwechsel. In jeder Welle gibt es einen Lastwechsel, diese kumulieren sich in unterschiedlichen Amplituden und können zu Ermüdungen von Konstruktionen führen. Daraus entstehen Schäden, die zu Zeitpunkten auftreten können, wenn keiner damit rechnet, vielleicht bei relativ ruhigen Bedingungen. Dieses Risiko sollen wiederkehrende Prüfungen verringern.

Entwicklungen im Regattabereich sind oft Vorreiter für den Breitensport. Sind auch für Freizeityachten schärfere Kontrollen geplant?
Inwieweit diese Initiative von Verantwortlichen aufgenommen wird, die für die Sicherheit der Sportschifffahrt zuständig sind, kann ich nicht sagen.

Wäre das denn aus Ihrer Sicht sinnvoll? Also eine Art Boots-TÜV für den Kiel?
Ich denke, das würde die Sicherheit erhöhen. Das Problem ist ja essenziell. Andere Bereiche sind da eher sekundär, nicht unmittelbar lebensbedrohlich. Ein Rigg kann herunterkommen, ohne dass die Crew gefährdet ist, auch ein Ruderverlust ist drastisch, aber die Yacht schwimmt meist noch. Die Folgen eines Kielverlustes sind dagegen dramatisch, innerhalb von Sekunden liegt die Yacht flach auf dem Wasser und geht nur mit Glück nicht unter. Gemessen an der Masse an Yachten, die unterwegs sind, passiert hinsichtlich des Kiels zwar verschwindend wenig. Wenn aber etwas passiert, dann häufig mit Verlust von Menschenleben. Um das zu verhindern, muss einiges legitim sein.

Das vollständige Interview erschien in YACHT 4/2018 (hier digital oder Print bestellen), oder den Artikel einzeln über den Link unten herunterladen.

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