Golden Globe Race 2022Die Uhr tickt – Golden-Globe-Segler im Vorbereitungsmarathon

Kristina Müller

 · 18.05.2022

Golden Globe Race 2022: Die Uhr tickt – Golden-Globe-Segler im VorbereitungsmarathonFoto: M. Kadlez

23 Skipper aus aller Welt geben derzeit alles, um beim Start zum Einhand-Retrorennen um die Welt am 4. September dabei zu sein. Einen haben wir an Bord besucht

Nur noch dreieinhalb Monate trennen gut zwei Dutzend Skipper vom Abenteuer ihres Lebens. Am 4. September beginnt für sie das Golden Globe Race 2022 im französischen Les Sables-d’Olonne. Die Einhand-Nonstop-Regatta um die Welt fand 2018/19 anlässlich des 50-Jahre-Jubiläums des ersten Golden Globe von 1968/69 als Neuauflage statt.

Wer diesmal von den 23 gemeldeten Abenteurern und Hochseeseglern aus aller Welt, darunter eine Frau, am ersten Sonntag im September wirklich über die Startlinie an der Atlantikküste segeln wird, ist aber noch völlig offen. Der Berg an zu erledigenden Refit-Aufgaben scheint bei vielen noch unüberwindbar hoch, die noch zu segelnde Strecke zum Starthafen teils sehr lang.

Sieben Teilnehmer von der anderen Seite der Welt müssen noch nach Frankreich segeln. Zuvor werden sie in Spanien erwartet, wo Sicherheitschecks ihrer Boote durchgeführt werden und am 6. August der sogenannte Prolog, eine Auftaktregatta nach Les Sables beginnt. Dort soll dann am 20. August das Race Village im Vendée-Hafen Port Olona eröffnet werden. Wer es schafft, diesen Zeitplan einzuhalten, ist laut Veranstalter Don McIntyre auf einem guten Weg an die Startlinie.

  Voraussetzung für die Starterlaubnis: Jeder Skipper muss sein Notrigg testen. Bei der Premiere vor vier Jahren wurden diese Kenntnisse auch benötigtFoto: Guy deBoer Team / GGR2022
Voraussetzung für die Starterlaubnis: Jeder Skipper muss sein Notrigg testen. Bei der Premiere vor vier Jahren wurden diese Kenntnisse auch benötigt

„Die erste Herausforderung des Golden Globe Race ist es, zum Start zu kommen“, sagt der Australier. „Die größte ist es dann, ins Ziel zu kommen! Viele Teilnehmer stehen unter Zeit- und finanziellem Druck. Die menschliche Komponente, Dinge bis zur letzten Minute aufzuschieben, kommt jetzt zum Tragen. Einige wünschen sich, dass sie in den Jahren zuvor mehr getan hätten, aber nicht wenige sind auch gut organisiert. Darin wird der Unterschied liegen, wenn der Startschuss fällt.“

Einer, der gut vorbereitet ist, sein Boot umfangreich und professionell modifiziert hat und sich aktuell akribisch der Planung seiner Ernährung während der mindestens 200 einsamen Tage auf See widmet, ist der Franzose Damien Guillou. Als erfahrenem Regattasegler und ehemaligem Préparateur von Vendée-Skipper Kevin Escoffier stehen dem 39-jährigen Familienvater umfangreiches Knowhow aus der französischen Hochseeszene, prominente Unterstützer und ein Hauptsponsor für Boot und Kampagne zur Seite.

  Die Rustler 36 "PRB" von GuillouFoto: YACHT/K.Müller
Die Rustler 36 "PRB" von Guillou

Guillou, mit dem die YACHT in der vergangenen Woche vor Lorient einen Schlag segeln konnte, dürfte damit zum Favoritenkreis zählen. Seine Rustler 36 ist ebenjener Bootstyp, mit dem Jean-Luc Van den Heede 2019 das Rennen nach 211 Tagen gewann. Guillou hat sie gebraucht gekauft und in zwei monatelangen Werftaufenthalten in Port-la-Forêt umfangreich refittet, wenn nicht gar in ein neues Boot verwandelt.

  Entspannt trotz aller Spannung, die das Rennen mit sich bringt: Skipper Damien Guillou. Für ihn wäre es die erste WeltumsegelungFoto: YACHT/K.Müller
Entspannt trotz aller Spannung, die das Rennen mit sich bringt: Skipper Damien Guillou. Für ihn wäre es die erste Weltumsegelung

Unter anderem wurde das Rigg komplett getauscht, das Vorschiff entkernt und zur Segel- und Proviantlast umfunktioniert sowie ein Hardtop über den Niedergang gebaut. Außerdem ist ebenjene Art von Ausrüstung an Bord gekommen, welche die Skipper unterwegs nutzen dürfen. Nach offizieller Lesart sind das nur Dinge, die schon 1968 existiert haben, jedoch zugunsten der Sicherheit der Teilnehmer etwas erweitert wurden.

  Am Naviplatz fehlen Kartenplotter, Tablet und ähnliche Hilfsmittel. Dafür gibt es Wetterfax, Seekarte und Sextant (im Kartentisch)Foto: YACHT/K.Müller
Am Naviplatz fehlen Kartenplotter, Tablet und ähnliche Hilfsmittel. Dafür gibt es Wetterfax, Seekarte und Sextant (im Kartentisch)

Elektronische Navigation und Kommunikation zur Außenwelt sind ihnen jedoch untersagt. Auf Guillous „PRB“ finden sich daher Dinge wie eine Windsteueranlage, drei(!) Sextanten („Nur für den Fall ...“) und ein Schlepplog. Radar oder Kartenplotter sucht man vergeblich.

Längst nicht alle sind so weit und so gut, wenn nicht gar überausgerüstet. Ein Teilnehmer beendet sogar gerade erst seine Weltumsegelung, die beim Golden Globe Race 2018 begann – und will sein Glück gleich noch einmal beim Start im September versuchen: Mark Sinclair segelt derzeit den langen Schlag von Südaustralien nach Frankreich. Den 2.000 Seemeilen langen Solo-Qualifikationstörn, den alle absolvieren müssen, wird er damit bei seiner Ankunft mehr als erfüllt haben.

Eine lange Anreise haben auch die Teilnehmer aus Südafrika vor sich, darunter Kirsten Neuschäfer, die deutsche Wurzeln hat (s. Interview YACHT 17/2021). Die Profiskipperin – unter anderem für Skip Novak – hat ihre Cape George 36 in Nordamerika refittet und darauf bereits eine Atlantiküberquerung nach Südafrika im Kielwasser.

  Kirsten Neuschäfer in der Anfangsphase ihrer BootsvorbereitungFoto: Patricia Richard
Kirsten Neuschäfer in der Anfangsphase ihrer Bootsvorbereitung

Gute Neuigkeiten gibt es auch beim österreichischen Starter Michael Guggenberger (s. Interview YACHT 14/2020). Wie er der YACHT berichtet, hat er nun nach langer Suche wenige Monate vor dem Start endlich einen Sponsor finden können, der die finale Vorbereitung seiner Biscay 36 ermöglicht. „Das macht mir mein Leben sehr viel leichter und cooler“, so Guggenberger. Er ist überaus optimistisch: „Ich kann mich jetzt voll aufs Rennen konzentrieren, werde super aufgestellt an den Start gehen und entspannt zurückkommen. Aus finanzieller und mentaler Sicht jedenfalls!“

  Michael Guggenberger, der als Skipper und Segellehrer arbeitet, wenn er nicht gerade in den Vorbereitungen zu einer Solo-Weltumsegelung stecktFoto: Privat
Michael Guggenberger, der als Skipper und Segellehrer arbeitet, wenn er nicht gerade in den Vorbereitungen zu einer Solo-Weltumsegelung steckt

Die Uhr tickt also, auch für alle anderen. Darunter ist etwa der 80-jährige Brite David Scott Cowper, der die Welt bereits in beiden Richtungen im Kielwasser hat und auch für seine Durchquerung der Nordwestpassage im Motorboot bekannt ist. Zwar habe ihn die Pandemie in der Vorbereitung weit zurückgeworfen, doch zuversichtlich sei er dennoch.

Das ist auch der finnische Teilnehmer Tapio Lehtinen, der schon vor vier Jahren dabei war und der aktuell gleich zwei Boote refittet. Denn er will auch beim Ocean Globe Race 2023 segeln – einer Crewregatta um die Welt, die Don McIntyre als Revival des ersten Whitbread-Rennens im nächsten Jahr erstmals durchführen will.

Es geht also geschäftig, wenn nicht mitunter hektisch zu in der Flotte der angehenden Nonstop-Solisten. Der Vorteil daran könnte sein, dass ihnen kaum Zeit bleibt zum Zögern und Zweifeln an dem riskanten Abenteuer, das vor ihnen liegt.

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