Globe40Mit Sonntagsgrüßen aus dem Südmeer von der Meeresstürmerin

Tatjana Pokorny

 · 04.01.2026

Die Akilaria RC2 "Wilson" trägt Lisa Berger und Jade Edwards-Leaney um die Welt.
Foto: Lisa Berger Sailing
Lisa Berger und Jade Edwards-Leaney hatten Etappe vier im Globe40 am Neujahrtag stark eröffnet. Inzwischen hat sich das Feld sortiert. Die beiden Scow-Bug-Favoritenduos führen, dahinter ringen die Spitzbug-Teams um die besten Plätze. Ein französisches Duo musste umkehren. Lisa Berger bleibt in jeder Lage stark, mutig und zielstrebig. Die Österreicherin berichtet aktuell aus dem Pazifik.

An diesem ersten Sonntag im neuen Jahr zeigte der schnelle Tracker-Blick auf die Globe40-Flotte in der Anfangsphase der langen vierten Etappe an der Spitze schon wieder das gewohnte Bild: Team Belgium Ocean Racing – Curium und Crédit Mutuel rangen in Sichtweite miteinander um die Führung. Dazu schickte die “Crédit Mutuel”-Crew einen aktuellen Kommentar von Bord.

Globe40: Déjà-vu im Spitzenduell

"Hallo Erde, wir segeln in engem Kontakt mit den Belgiern, wir sind unter Spinnaker, bei eher leichtem Wind, 10 Knoten aus dem Norden. Es ist immer wieder schön, wenn sich die Kurse mitten im Ozean kreuzen. Wir konnten via Funk chatten und sogar live miteinander sprechen. Sie sind nach einer zweistündigen Schlacht innerhalb von zwei Bootslängen an uns vorbeigesegelt. Schließlich haben sie uns überholt... Wir haben diese Schlacht verloren, aber der Kampf ist noch lange nicht vorbei.

Weiter hießt es im Kommentar der “Crédit Mutuel”-Segler Antoine Carpentier und Alan Roberts auf “Crédit Mutuel”, wo Team-Skipper Ian Lipinski diese Etappe pausiert: “Neuseeland sollte bis morgen Abend in Sichtweite sein und danach kommt Niemandsland, fast 5.500 Seemeilen oder fast 10.000 Kilometer ohne Land. Vorerst ist es noch heiß, die Sonne scheint auf uns hinunter, die Solarpanele funktionieren mit voller Kapazität. Die Temperatur sollte nun schrittweise sinken, wenn wir uns der südlichen Grenze (Red.: Die Eisgrenze liegt über weite Strecken der vierten Etappe beim 50. Breitengrad Süd) nähern.”

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Rund dreieinhalb Tage nach dem Startschuss vor Sydney segelt bereits das gesamte Feld in den Roaring Fourties, den “Brüllenden Breitengraden” im Südmeer. Das gesamte Feld? Nicht ganz, denn Lennart Burke und Melwin Fink sind in der Heimat, verpassen nach ihrer unglücklichen Aufgabe der dritten Etappe auch die laufende vierte Etappe nach Valparaiso und werden ebenso für die fünfte ins brasilianische Recife passen müssen. In der Globe40-Finaletappe von Recife zurück nach Lorient wollen sie aber noch einmal angreifen und ihr Rennen würdig zu Ende bringen.

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Nach Kollision und Ruderschaden: “Free Dom” auf Kurs Sydney

Inzwischen ist die im Südmeer segelnde Globe40-Flotte sogar noch weiter geschrumpft, denn die am 2. Januar noch wie im Gesamtklassement nach vier Abschnitten auf Rang fünf platzierte französische “Free Dom” musste umkehren, steuerte am 4. Januar wieder Sydney an. Gut 100 Seemeilen hatten Thibaut Léfèvre und Nicolas Guibal am Sonntagnachmittag noch bis in die australische Olympia-Metropole von 2000 vor sich.

Zur Umkehr hatte die “Free Dom”-Crew am Abend des 2. Januar in Folge einer Kollision ein Ruderschaden und ein Leck gezwungen. Letzteres konnten die Franzosen gut unter Kontrolle bringen. Doch der Ruderschaden, so die Crew, lässt sich nur in einem Hafen reparieren. Als ihre beste Option dafür wählten Léfèvre und Guibal den Etappenstarthafen Sydney, den sie in Kürze erreichen sollten.

Von Rang eins auf Platz sechs sind inzwischen Lisa Berger und Jade Edwards-Leaney zurückgerutscht. Ihre anfänglich so erfolgreiche Positionierung auf dem Ostflügel der nach Süden strebenden Flotte hatte sich zuletzt eher als Bremse ausgewirkt. “Wilson”-Skipperin Lisa Berger berichtete am Sonntag von Bord und erklärte auch den “Blitzstart”, der ihr Team zunächst an die Spitze des Feldes katapultiert hatte.

Auftakt zur vierten Globe40-Etappe: erst ruppig, dann soft

Lisa Berger sagte: “Der Start war ziemlich tough. Aus dem Sydney Harbour heraus herrschte eine ziemlich ruppige Welle. Am Wind hatten wir bis zu 25 Knoten. Wir haben ein bisschen den Anschluss verloren, das Boot einfach nicht so schnell gesegelt wie die anderen. Das war ein bisschen frustrierend. Als die anderen dann nach ein paar Stunden nach Süden abgebogen sind, haben wir uns entschieden, dem Routing zu folgen und ihnen nicht hinterherzusegeln.”

Lisa Berger und Jade Edwards-Leaney setzten ihren östlichen Kurs fort und führten damit das Globe40-Feld bis zum frühen Morgen am 3. Januar an. “Nachdem das Hoch dann von Westen nach Osten über uns drübergezogen ist, waren wir dann doch immer eher im Grenzbereich in leichteren Winden unterwegs als die anderen. So hangeln wir uns gerade nach Süden: immer wieder Leichtwind, dann wieder mehr Wind”, sagte Lisa Berger.

Wir haben durch unseren Kurs nicht viel gewonnen, aber auch nicht zu viel verloren. Somit ist alles gut. Wir sind noch gut mit dabei.” Lisa Berger

In leichten Spi-Bedingungen segelte das österreichisch-walisische Mixed-Duo am Sonntagnachmittag im Pazifik mit neun bis zwölf Knoten vor dem Wind und wartete auf einen Linksdreher. In “ziemlich flacher See”, so Lisa Berger, sei es “wunderschönes Segeln, perfekt, um wieder reinzukommen. Der erste Tag war doch sehr rau und ziemlich nass”. Viel Essen, viel Schlafen stünden aktuell auf See auf dem Plan. “Zwischenstopps sind doch immer sehr anstrengend, fast anstrengender als das Segeln”, erklärte Lisa Berger die Vorzüge beim Einsatz auf See.

Viel Vorfreude auf den Pazifik-Highway

Die “Wilson”-Crew erwartete am Sonntagnachmittag, binnen zwei bis zweieinhalb Tagen südlich von Neuseeland zu segeln. “Dort geht es dann auch endlich mit den Tiefdruckgebieten los, so dass wir also auf den sogenannten Highway aufspringen können”, erklärte Lisa Berger das vorausliegende Szenario. “Dann geht es wieder etwas flotter los, darauf freuen wir uns schon”, so die Österreicherin.

Das hat gute Gründe, denn das Downwind-Segeln in mehr Druck zählt zu den Stärken ihrer ältesten Class40 im Feld: “Wilson” ist eine Akilaria RC2 von 2010. “Sie ist ein mega solides Boot, das wir gut vorbereitet haben. Downwind läuft sie einfach supergut. Wir können sehr tief segeln, tiefer als andere Boote, und sind immer noch schnell unterwegs.”

Eine weitere “Wilson”-Stärke sei “generell das Leichtwindsegeln”. Zu den Schwächen der bald 16 Jahre alten und in viel Eigenarbeit auf das Globe40 vorbereiteten Class40, so Berger, zähle das Reaching. “Es ist einfach aus baulichen Gründen nicht möglich, dass wir so schnell segeln wie die anderen. Was echt frustrierend ist, weil ich bei meinem Mini-Projekt einen Scow-Bug hatte und Reaching einfach der lustigste und schnellste Kurs war. Jetzt ist es genau das Gegenteil, aber das ist okay. Wir können dafür Downwind viel rausholen. Deswegen haben wir uns auf die Pazifik-Etappe gefreut.”

Das “Wilson”-Mixed: hochmotiviert und ehrgeizig

Die im Gesamtklassement nach dem Globe40-Prolog und drei Etappen auf Platz sechs und in der Spitzbugwertung auf Platz drei liegende “Wilson” soll sich erneut bewähren. “Klares Ziel ist wieder ein Podiumsplatz in der klassischen Class40-Kategorie”, sagt Lisa Berger. Und auch dies: “Leider hat gestern ein Team nach Sydney zurücksegeln müssen, weil sie ein Ufo gerammt haben und ein Ruder ziemlich schwer beschädigt ist. Die brauchen jetzt ein Ersatzruder, schauen, wie sie das schnellstmöglich nach Sydney bekommen.”

Der stärkste Gegner sei “Barco Brasil”, erklärte Lisa Berger. “Es wird schwierig, die zu schlagen, wenn es entlang der Einsgrenze bei 50 Grad Süd viel Reaching gibt. Aber es ist noch alles offen. Die Routings ändern sich die ganze Zeit. Wir sind sehr motiviert. Eventuell ist sogar ein erster Rang in unserer Kategorie möglich. Wir waren bislang in unserer Kategorie immer auf dem Podium und das wollen wir auch beibehalten.”

Das Südmeer fasziniert die Crew stark. Lisa Berger sagt: “Wir lieben das Südmeer! Es ist supercool, superinteressant, das Wetter zu beobchaten und damit zu spielen, also sich richtig zu positionieren, es richtig auszunutzen und so schnell wie möglich zu segeln. Ich lerne gerade extrem viel über das Wetter, Navigation und Strategie. Wir freuen uns! Am faszinierendsten sind die Albatrosse. Man kann ihnen stundenlang zuschauen, wie sie das Boot begleiten.”

Wir freuen uns auf die hohen Wellen und das wechselnde Wetter mit den Tiefdruckgebieten im Süden.” Lisa Berger

Ein Jahr und neun Monate hat es für Lisa Berger und Jade Edwards-Leaney vom ersten Gedanken an das Globe40 bis zum Startschuss zum Globe40-Prolog am 4. September gedauert. Sie haben das Boot weitgehend in Eigenregie auf die Zweihand-Weltumseglung vorbereitet und segeln nun seit vier Monaten ihren Traum.

Hohe Hürden auf dem Weg zum Globe40-Start

“Der erste Gedanke und auch gleichzeitig der Entschluss kamen, als ich ich im November 2023 vor Guadeloupe ins Ziel des Mini-Transats kam. Da habe ich sofort gewusst, dass es weitergehen muss und dass ich um die Welt segeln will.” Das Schwierigste sei gewesen, den Plan in die Realität umzusetzen, mit sehr begrenztem Budget ein Boot zu kaufen. Sie habe, so Lisa Berger, das Glück gehabt, die “richtigen Leute zu treffen”, die ihr das Geld für den Bootskauf liehen.

Im Juli 2024 kaufte sie “Wilson”. Danach hat die Crew bis zum Start fast durchgehend am Boot gearbeitet. “Es war auf dem Trockenen. Wir haben es komplett umgebaut, alles rausgenommen und wieder neu eingebaut, die gesamte Elektronik neu gemacht. Es war megaviel Arbeit mit wenig Budget. Wir haben das Boot in Nordwales draußen auf dem Gelände stehen gehabt. Es waren den ganzen Winter über nicht die perfekten Bedingungen für den ganzen Umbau. Es war halt megakalt, schlechtes Wetter, wie es in Großbritannien halt ist. Aber wir haben es geschafft.”

Wir haben ziemlich viele Hürden nehmen müssen, aber wir haben es durchgezogen. Aufgeben war einfach nicht drin, auch wenn es sich zwischendurch so angefühlt hat, als kann man nicht mehr.” Lisa Berger

Geld- und Zeitmangel haben die beiden Globe40-Herausforderer lange gestresst, doch inzwischen haben Lisa Berger und ihr Co-Skipper Jade Edwards-Leaney schon mehr als die halbe Welt umsegelt. “Wir haben es immer noch nicht so ganz realisiert, dass uns das gelungen ist. Das ist immer noch unglaublich!”, sagte Lisa Berger an diesem 4. Januar im Gespräch mit der YACHT.

Nach dem Globe40: Bergers Fernziel ist ein Solo um die Welt

Bei allen Herausforderungen ergänzen sich Lisa Berger und Jade Edwards-Leaney “sehr gut”, sagt die Skipperin. “Er bringt so viel technisches Knohow, ich die Regattaerfahrung mit. Ich glaube, wir lernen voneinander sehr viel. Er hat immer eine Lösung für jedes technische Problem. Und für mich ist es die perfekte Vorbereitung für jedes Solo-Projekt der Zukunft.”

Globe40 mit Jade ist der perfekte Schritt für alles, was noch kommt.” Lisa Berger

Gelockt und motiviert haben Lisa Berger “das Abenteuer, die Herausforderung und etwas, von dem vielleicht viele denken, dass es unmöglich ist zu schaffen. Auch Risiko einzugehen, für mich bislang das größte Risiko. Und ich liebe es, ein Projekt zu starten und versuchen, es zu schaffen. Das Gefühl, wenn man es schafft, ist einfach so unglaublich gut, dass es ein bisschen süchtig macht.”

Dazu verfolgt die Selfmade-Seeseglerin vom Attersee ein großes Ziel: Sie möchte in der Zukunft gerne solo und nonstop um die Welt segeln. “Es macht großen Spaß, auf diesem Weg einen Schritt nach dem anderen zu gehen, die Dinge abzuhaken und es in vollen Zügen zu genießen. Es tut sehr gut, über sich hinauszuwachsen und die eigene Komfortzone zu verlassen.”

Das ist die Class40 “Wilson” mit der Nummer 93 – Skipperin Lisa Berger stellt ihr Boot vor:

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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