Tatjana Pokorny
· 03.03.2026
Ian Lipinski und Antoine Carpentier sind auf Etappe fünf im Globe40 das Team der Stunde. Das “Crédit Mutuel”-Duo war nach dem Start schnell weggezogen, trieb seine Scow-Bug-Class40 weit vor dem Feld in Richtung Etappenhafen Recife in Brasilien. Gleichzeitig hatten die belgischen Rivalen im Kampf um den Globe40-Sieg früh einen Reparaturstopp einlegen müssen. Danach hatten Jonas Gerckens und Corentin Douguet vom Team Belgium Ocean Racing – Curium in flauen Neustart-Bedingungen einen Rückstand von mehr als 600 Seemeilen angehäuft.
Da schien ihr Kampf um den Etappensieg schon aussichtslos. Doch inzwischen haben die Belgier nicht nur alle Spitzbugboote längst wieder überholt, sondern auch ihren Rückstand auf die einsam führende “Crédit Mutuel” nach furioser Aufholjagd auf weniger als die Hälfte geschrumpft. Am Dienstagvormittag trennten die Belgier “nur” noch 287 Seemeilen von “Crédit Mutuel”. Und alle fragten sich: Was geht da vielleicht noch in den kommenden Tagen?
Für beide Crews geht es auf dieser vorletzten Etappe darum, sich die bestmögliche Ausgangsposition für die Schlussetappe von Recife in den Start- und Zielhafen Lorient zu sichern. Im Globe40-Zwischenklassement führen die Belgier nach dem Prolog und vier Etappen bei insgesamt 15 Punkten mit zwei Zählern Vorsprung vor den Franzosen (17 Punkte).
Das “Crédit Mutuel”-Team hatte bei bislang vier Abschnittsiegen ausgerechnet bei der am höchsten gewerteten langen zweiten Etappe von den Kapverden nach La Réunion sowohl den siegreichen Belgiern als auch Lennart Burke und Melwin Fink im Finalkrimi den Vortritt lassen müssen. Den letzten Etappensieg hatten sich die Franzosen in Valparaiso nach nicht sauber auflösbarem Zieldurchgang mit den Belgiern geteilt.
Nach Etappensiegen hätte “Crédit Mutuel” im Vergleich mit den Belgiern bei 4:2 die Bugspitze vorne. Nach Punkten aber – noch – nicht. Gelänge den Franzosen der Sieg auf der laufenden und doppelt gewerteten fünften Etappe und kämen die Belgier als Zweite ins Ziel, gingen die beiden Siegfavoriten mit jeweils 19 Zählern auf dem Globe40-Konto Bug an Bug in die letzte und entscheidende Etappe. Eine spannendere Ausgangslage könnte ein Finale kaum haben.
Der Startschuss zur sechsten und letzten Globe40-Etappe fällt am 29. März. Doch davor muss Etappe fünf erst noch zu Ende gebracht werden. Noch mehr Spannung wird dann das Szenario für die Schlussetappe dadurch erhalten, dass Lennart Burke und Melwin Fink nach ihrem zwischenzeitlichen Globe40-Aus auf Etappe drei, der Mastreparatur auf La Réunion und der laufenden Südatlantik-Überführung zur Finaletappe noch einmal ins Geschehen eingreifen werden.
Das junge deutsche Team Next Generation Boating Around the World hat in der Anfangsphase bis zu ihrem traurigen Aus auf dem Kurs von La Réunion nach Sydney beide Top-Teams schon schlagen können. Aktuell zischt Melwin Fink mit der deutschen Class40 und seiner Überführungscrew über den Südatlantik.
Das Trio will Recife möglicherweise schon am kommenden Sonntag (8. März) erreichen. Melwin Fink vermeldete am frühen Dienstagmorgen: “Guten Morgen vom Südatlantik. Noch 1500 Seemeilen bis Recife. Die Sonne geht langsam auf. Das ist herrlich. Schönes Segeln hier. Die Nacht war ruhig. Wir hatten wenig Squalls, konnten ganz gut durchsegeln. Aber jetzt geht es hier wieder in die Wolken rein.”
Ebenfalls am Morgen des 3. März schickte die “Crédit Mutuel”-Crew einen Bericht von See. Darin hieß es bei weniger als 2500 Seemeilen bis Recife: “Endlich kommt Wind auf! Zu Beginn des Tages frischte er wie in der Wettervorhersage angekündigt auf, in derselben Richtung, etwas stärker, sogar viel stärker. Wir hatten Windböen von bis zu 43 Knoten. Wir waren etwas überrascht, haben aber schnell reagiert und so Schäden vermeiden können.”
Unglücklicherweise ist unser Vorsprung ein bisschen geschmolzen, aber das Ziel bleibt klar: Wir wollen diese Etappe gewinnen.” Ian Lipinski
Danach gab es eine kleine Atempause für Ian Lipinski und Antoine Carpentier, die schrieben: “Dann ließ der Wind nach und entsprach den Vorhersagen von 25 bis 35 Knoten. Unsere Konkurrenten holten unterdessen auf. Das hat uns nicht überrascht, da dies Teil des Plans ist.” Beim Aufstieg im Südatlantik erleben die Crews starke Veränderungen in ihrem Umfeld. Die “Crédit Mutuel”-Crew hielt fest: “Wir konnten beobachteten, wie sich das Wasser in weniger als einer Stunde erwärmt hat.”
Die Wassertemperatur stieg von 11 auf 17 Grad! Pure Glückseligkeit, keine Kälte mehr!” Antoine Carpentier
Dazu notierten die Franzosen: “Dieses Phänomen brachte uns zum Lachen, denn wir hatten unsere Ballasttanks mit elf Grad kaltem Wasser gefüllt, und die Lufttemperatur stieg um ein paar Grad. Infolgedessen bildete sich in unserem Schlafbereich eine ziemlich dichte Kondensation, die uns glauben ließ, dass die Ballasttanks undicht seien. Also leerten wir sie nacheinander und füllten sie mit 17 Grad warmem Wasser. Das Ergebnis: keine Kondensation mehr. Eine Erleichterung, sich nicht mit undichten Ballasttanks herumschlagen zu müssen.”
Auch im laufenden Wettkampf fanden die Franzosen Zeit, das Naturschauspiel des Südatlantiks zu genießen. Sie schrieben: “Wie auf einer Postkarte folgten uns den ganzen Tag über Hunderte kleiner Vögel. Wir fragten uns, wie sie es schafften, nicht miteinander zu kollidieren, da so viele von ihnen auf begrenzten Gebiet chaotisch herumflogen. Das erinnerte mich an Alfred Hitchcocks Film „Die Vögel“.”
Hinter den überlegenen beiden Scow-Bug-Teams hat sich indessen einmal mehr ein spannender Kampf um die Vorherrschaft bei den Spitzbug-Booten entwickelt. Hier hatten bis in die Nacht Lisa Berger und Jade Edwards-Leaney nach ihrer Kap-Hoorn-Passage am Wochenende sogar die Führung übernehmen können. Am Dienstagvormittag hatten wieder Jodé Guilherme Caldas und Luiz Bolina auf “Barco Brasil” die Nase östlich der Falklandinseln knapp vor der Österreicherin und dem Waliser, allerdings nur mit drei Seemeilen.
Interessant wird zu beobachten sein, wie sich der Alleingang von Melodie Schaffer und Paul Stratfold auf “Whiskey Jack” östlich der Falklandinseln entwickelt. Sie waren zuletzt mehrere Knoten langsamer unterwegs als die Konkurrenten im Osten, segelten aber dichter an der Ideallinie auf dem Kurs in den Etappenhafen Recife. Hier geht es zum Tracker.

Freie Reporterin Sport