Das hat es so noch nicht gegeben: Im La Solitaire du Figaro Paprec wurden am Freitag serienweise Strafzeiten verteilt. Die meisten für Verletzungen der Klassenregeln oder das Befahren von Sperrzonen. Durch Proteste seitens der Wettfahrtleitung und Jury-Entscheidungen hat sich nun ein ganz anderer Abschluss für Etappe eins ergeben, als gestern noch auf dem Wasser zu sehen war.
Allen voran kassierte der gefeierte französische Rookie Benoît Tuduri (”Capso – En Cavale”) eine 30-minütige Zeitstrafe für unerlaubte Gewichte an der Reling, wo er einen blauen Eimer und einen roten Kanister angebracht hatte, was auf diversen Fotos zu sehen war. In der Figaro-Klasse ist das “Stacken” von Ausrüstung an Deck nicht gestattet. Durch diesen Fauxpas fiel der 29-Jährige aus Montpellier auf Platz vier zurück.
Härter noch traf es “Douze”-Skipperin Julie Simon. Die im irischen Etappenzielhafen am Vortrag noch als Dritte gefeierte schnellste Skipperin des Feldes rauschte mit einer gegen sie verhängten 17-minütigen Zeitstrafe für das Befahren einer Sperrzone auf Platz 17 zurück. Auch weitere Solisten verloren aus diesem Grund mehrere Plätze. Gegen die Entscheidungen wurden keine Proteste eingelegt.
Auftakt-Etappensieger ist nun “Flying Irishman” Tom Dolan. Der “Smurfit Kappa-Kingspan”-Skipper ist der erste Ire, der seit dem Erfolg seines Landsmannes Damien Foxall 1998 eine Etappe im La Solitaire du Figaro gewinnen konnte. Erst vor zehn Jahren hatte der neue Figaro-Spitzenreiter Tom Dolan seine erste Regatta überhaupt bestritten. Die Schweizer Nils Palmieri (”TeamWork”) und Robin Marais (”Ma Chance Moi aussi”) sind durch die Entscheidungen auf die Plätze zwei und drei vorgerückt.
Es ist nicht die Art, wie ich eine Etappe gewinnen möchte.” Tom Dolan
Tom Dolan reagierte zurückhaltend auf die Neuigkeiten und sagte: “Es fühlt sich im Moment komisch an, es braucht Zeit, um es zu begreifen, und es ist nicht die Art, wie ich eine Etappe gewinnen möchte. Es tut mir leid für Benoît, aber als Neuling kannte er die Regeln wohl einfach nicht.” Tom Dolan fügte nach bislang durchwachsener Saison hinzu hinzu: "Das wird mir viel mehr Selbstvertrauen geben, aber es wird keinen Einfluss darauf haben, wie ich die nächsten beiden Etappen angehe oder mich darauf vorbereite."
Einen Tag nach den Zielankünften und wieder ausgeschlafen, zog auch Sanni Beucke eine erste Zwischenbilanz. Die Olympia-Zweite im 49erFX war Anfang 2022 ins Offshore-Fach gewechselt und bestreitet La Solitaire du Figaro zum zweiten Mal. Sie hatte die Ziellinie als 27. von 32 Teilnehmer erreicht. Ihre Platzierung änderte sich durch die Proteste und Jury-Entscheidungen nicht. Ihre Zwischenbilanz gibt interessante Einblicke in Entscheidungsprozesse auf See:
“Jetzt gerade gehe ich mit einem etwas ernüchternden Gefühl aus der Etappe raus. Aber ich glaube, das ist nur so, weil ich für mich erkannt habe, was der Unterschied zwischen Offshore- und olympischem Segeln sein könnte. Es könnte sein, dass ich eine Eigenschaft, die ich aus dem olympischen Segelsport mitbringe, fürs Offshore-Segeln beiseite legen muss. Was mich etwas traurig stimmen würde.
Ich erkläre das einmal: Als es auf dieser ersten Etappe von Frankreich beim dritten Ärmelkanal-Crossing zum Fastnet Rock ging, da waren Taktik und Strategie vorher so, dass man den Kanal fast nach Norden kreuzen musste, um dann drüben einen fetten Rechtsdreher abzugreifen und den weit mitzunehmen. Vom Ende war klar, dass ein Hoch von Süden und ein Tiefdruckgebiet von Norden kommen werden. Was noch einmal frischen Wind bringen sollte. Dann aber kam dieser mega dicke Linksdreher, der nicht angesagt war. Also guter, frischer Wind, zwölf Knoten mit dem Dreher, der mich direkt mit Anlieger zum Fastnet Rock bringen könnte.
Ich kann doch jetzt nicht bei so einem fetten Linksdreher abfallen und nach Norden fahren, wenn ich hier fast einen Anlieger habe.” Sanni Beucke
Da habe ich überlegt: Naja, du hast einen Plan, der ist gut, der gibt dir Sicherheit, aber wenn irgendwas anders ist, machst du, was in dem Moment richtig ist. Diese Intuition, dieses situative Anpassen, das liebe ich beim olympischen Segeln. Ich habe ganz lange überlegt und gedacht, nee, ich kann doch jetzt nicht bei so einem fetten Linksdreher abfallen und nach Norden fahren, wenn ich hier fast einen Anlieger habe. Das kann doch nicht wahr sein.
Vor allem vor dem Hintergrund, dass am Ende ab zweiter Hälfte in der Keltischen See nochmal Links reinkommen sollte, habe ich gedacht: Ich folge jetzt nicht einfach stumpf dem Plan, ich ändere die Strategie. Was mich nun also gerade ein bisschen traurig macht, ist, dass man stumpf dem Routing hätte folgen müssen. Das bespreche ich morgen bestimmt noch mit ein paar Leuten. Aber da kommt die Ernüchterung her.
Die Fehler waren hauptsächlich strategischer Natur.” Sanni Beucke
Ansonsten war mein Speed auf dieser Etappe richtig, richtig gut. Die Ruhephasen habe ich gut eingebaut. Immer, wenn keine Entscheidung anstand, oder wenn das Boot von alleine mit Autopiloten schnell gefahren ist, dann habe ich mich wirklich gut erholen können, auch gut Essen reinbekommen. Da hatte ich eine gute Taktik. Es ist ja auch eine Art von Taktik, das Müdigkeitsmanagement im richtigen Moment zu treffen.
Die Fehler waren hauptsächlich strategischer Natur. Einmal der dicke Fehler, den ich schon erklärt habe. Und ein weiterer: Beim ersten Ärmelkanal-Crossing kam am Ende nochmal ein Rechtsdreher rein. Der war auch so angesagt. Ich hatte jedoch beim letzten telefonischen Wetterbriefing mit meinem Meteorologen verstanden, dass er gesagt hat, der Rechtsdreher spiele keine große Rolle mehr, den könne man vernachlässigen. Ich muss ihn nochmal fragen, ob das ein Kommunikationsproblem war. Wenn ja, habe ich dafür teuer bezahlt (lächelt).
Einmal habe ich eine Tonne nachts nicht gefunden, weil sie durch die Strömung ein paar Hundert Meter weit abgetrieben war.” Sanni Beucke
In die nächsten Etappen nehme ich viele Learnings mit. Etwa, dass ich noch präziser bin mit der Kommunikation zum Wetter. Dass ich hier vor Ort ein bisschen mehr fragen werde, um noch mehr Gefühl fürs Offshore-Segeln zu bekommen: Wie wichtig ist Intuition fürs Offshore-Segeln? Und inwiefern kann man schlicht den Linien auf dem Computer folgen. Das wäre ja auch viel einfacher.
Und dann solche Kleinigkeiten: Einmal habe ich eine Tonne nachts nicht gefunden, weil die einfach durch die starke Strömung ein paar Hundert Meter weit abgetrieben war. Es war mir nicht bewusst, dass die so stark abtreiben können, dass man sie nicht findet.
Wir hatten unheimlich viel Strömung an manchen Stellen. Da habe ich ein bisschen was verloren an Geschwindigkeit, weil ich, glaube ich, falsch gesteuert habe. Ich dachte, man könnte vielleicht den Winkel vom Boot zur Strömung etwas verändern, das hat sich aber als falsch rausgestellt. Das heißt, ich habe mehr gelernt, wie man bei richtig viel Strömung steuert.
Ansonsten bin ich echt zufrieden, weil sich so eine gewisse Routine eingestellt hat, kein Bruch war, keine großen Dramen passiert sind, wie man es sonst von so einer Etappe kennt. Das, was kaputt gegangen ist, konnte ich immer innerhalb von zehn Minuten lösen. Ich habe einmal den Spinnaker ums Vorstag gehabt. Das war aber tatsächlich direkt nach dem Schlafen. Da hatte ich nach dem Aufstehen in der Hektik den Spi hochgezogen. Jetzt weiß ich noch einmal mehr, dass man beim Aufstehen nach dem Schlafen nicht sofort wichtige Sachen macht. Nicht am vierten Tag.”
Die zweite von drei Etappen im 54. La Solitaire du Figaro Paprec führt das Feld ab 3. September über 630 Seemeilen von Kinsale in die Bucht von Morlaix.

Freie Reporterin Sport