Tatjana Pokorny
· 04.02.2024
Der Tempomacher der Arkea Ultim Challenge hat seine Geschwindigkeit wieder erhöht. Zwei Tage hatte sich Charles Caudrelier genötigt gesehen, seinen Bootsspeed stark zu drosseln. Nur so konnte er die Begegnung mit Winden bis zu 70 Knoten bei Kap Hoorn vermeiden. Nun hat der 49-Jährige seinen Speed wieder auf mehr als 20 Knoten verdoppelt, nimmt konzentriert wie ein Springreiter Anlauf zum wichtigsten “Hindernis” auf dem Parcours der Solo-Weltumsegelung.
Gemütlich wird Caudreliers Kap-Hoorn-Passage auch bei leicht abnehmenden Winden nicht werden. Rund 1.200 Seemeilen lagen am vierten Rennsonntag der Arkea Ultim Challenge bis Kap Hoorn noch vor ihm. Erst dann wird der Gitana-Skipper den Abschied vom Pazifik und die Rückkehr in den Atlantik genießen können. Mit starken Winden hat der “Maxi Edmond de Rothschild”-Skipper bei Kap Hoorn nach wie vor zu rechnen. Seine beste Option schien zuletzt für den kommenden Dienstag zwischen zwei Systemen gefunden worden zu sein.
Inzwischen steuert auch Armel Le Cléac’h (”Banque Populaire XI”) nach seiner Passage nördlich von Neuseeland auf einem südöstlichen Kurs direkter auf Kap Hoorn zu. Er hatte am Samstag vor der Nordostecke der Nordinsel eine Begegnung mit einem Passagierschiff der französischen Luxuslinie Ponant vermeldet und sich zudem eine leichte Verletzung an der Nase zugezogen.
Am Vormittag des 4. Februar peilte Armel Le Cléac’h die Nordwestecke eines neuen Tiefdruckgebiets an, das ihn mit guter Geschwindigkeit in Richtung Kap Hoorn tragen sollte. Mit seiner Kap-Hoorn-Passage wird nach aktuellen Routings am 10. Februar gerechnet. Der “Banque Populaire XI”-Skipper hatte am Sonntagmittag etwa 370 Seemeilen Vorsprung auf den Drittplatzierten Thomas Coville (”Sodebo Ultim 3”), der vor der Südspitze Neuseelands mit knapp 30 Knoten unterwegs war.
Thomas Coville segelte zuletzt bei 35 Knoten Wind mit Böen über 40 Knoten und sechs Meter Welle. Experten erwarten, dass der Seegang sich an der Südostspitze Neuseelands noch weiter verstärkt. Bis Kap Hoorn, das Thomas Coville in der Nacht vom 10. auf den 11. Februar erreichen könnte, hat der französische Routinier weiter mit starkem Wind zu rechnen.
Noch im Indischen Ozean unterwegs, kam der Viertplatzierte Anthony Marchand auf “Actual Ultim 3” am Wochenende gut voran. In 20 Knoten Wind aus westlicher Richtung steuerte Anthony Marchand den Längengrad von Kap Leeuwin mit Spitzengeschwindigkeiten von rund 30 Knoten entlang der Eisgrenze knapp unterhalb des 45. Breitengrads Süd in den Rouring Fourties an. “Actual Ultim 3” wird voraussichtlich bis Wochenbeginn von diesen Bedingungen profitieren.
Auch Flotten-Schlusslicht Éric Péron (”Adagio”) kam wieder gut voran und hatte an diesem Sonntag ein Tiefdruckgebiet in Sicht, das ihm etwa beim 30. Breitengrad Süd im Indischen Ozean Winde von 30 bis 35 Knoten und Böen über 40 Knoten bringen wird. Damit darf auch Éric Péron auf ein schnelleres Fortkommen hoffen. Der zunehmende Druck könnte ihm helfen, die nach seinem Pitstop in Kapstadt in flauen Winden verlorenen Meilen zumindest teilweise wieder aufzuholen.
Im regelmäßigen Wochenend-Interview der Veranstalter der Arkea Ultim Challenge mit Stars aus der Seesegelszene war kurz vor der Kap-Hoorn-Passage von Caudrelier dessen ehemaliger Wegbegleiter Franck Cammas gefragt. Caudrelier und Cammas hatten sich die Skipper-Aufgaben im Gitana-Team zwischen 2019 und 2021 geteilt und auch gemeinsam Rennen bestritten.
Frankreichs Technik-Tausendsassa Franck Cammas hat bereits das Ocean Race, die Route du Rhum und das Transat Jacques Vabre sogar viermal gewonnen. Aktuell konzentriert er sich auf seine Aufgaben im französischen America’s-Cup-Team. Als Head of Performance treibt Cammas die Cup-Jäger unter blau-weiß-roter Flagge an. In der von Stephane Kandler und Bruno Dubois gegründeten Cup-Equipe ist Franck Cammas als segelerfahrenes Superhirn das Bindeglied zwischen Design-Gruppe und Seglern.
Nach dem Äquator hatte Charles ein ideales Szenario – wie in einem Film” (Franck Cammas)
Im Interview zur Arkea Ultim Challenge sagte Franck Cammas zur Dominanz seines ehemaligen Co-Skippers Charles Caudrelier: “Nach dem Äquator hatte Charles ein ideales Szenario – wie in einem Film. Ich glaube, er hätte sich das schon am Anfang gewünscht. Er hatte tolle Kombinationen mit meist guten Bedingungen, die es ihm ermöglicht haben, schnell und auf direktem Kurs zu segeln. Das ist wirklich die perfekte Kombination im Süden. Charles ist schnell gefahren, wenn er musste, und er hat von der hervorragenden Zuverlässigkeit seines Bootes profitiert.”
Auf die Frage, ob ihn die Zuverlässigkeit der “Maxi Edmond de Rothschild” als ehemaligen Co-Skipper überrascht habe, sagte Franck Cammas: “Nein. Vor allem, weil er immer in einem vernünftigen Tempo segelt. Ich habe zweimal mit Charles telefoniert. Er hat mir gesagt, dass er sein Boot nur verwaltet, dass er es überhaupt nicht antreibt und dass es keinen Grund dafür gibt.”
Charles konnte sich anpassen, das richtige Tempo finden, das Tempo eines Marathonläufers annehmen, um durchzuhalten” (Franck Cammas)
Weiter erklärte Cammas: “Das Rennen war zwangsläufig viel intensiver, als Tom (Laperche) noch an seiner Seite war: Da war er eher im Route-du Rhum-Modus als im Weltumsegelungsmodus. Vielleicht war das Tempo anfangs zu hoch für eine Weltumsegelung. Aber Charles konnte sich anpassen, das richtige Tempo finden, das Tempo eines Marathonläufers annehmen, um durchzuhalten.”
Die bislang insgesamt fünf Pitstops der Konkurrenz kommentierte Cammas auch: “Das ist natürlich ein Szenario, das wir uns nicht erhofft hatten. Abgesehen von Tom und Éric hätten alle vielleicht mehr oder weniger weitermachen können, auch wenn es kompliziert ist. Imoca-Boote können beispielsweise 30 Prozent ihrer Kapazität verlieren, aber du kannst weiterhin gute Leistungen erbringen. Bei den Ultims ist der Verlust enorm, wenn du von 100 Prozent des Bootspotenzials auf 70 Prozent zurückfällst. Und die Abstände sind schnell sehr groß.”
Kap Hoorn zu passieren ist eine ziemliche Befreiung” (Franck Cammas)
Eine erste Zwischenbilanz der historischen Premiere der Arkea Ultim Challenge zog Cammas auch: “Ich war angenehm überrascht von dem, was bis zum Äquator passiert ist. Wenn man die Magie dieser Boote kennt, war es toll zu verfolgen, sehr atemlos. Als Zuschauer ist man ein wenig enttäuscht von dem, was dann mit den vielen Havarien passiert ist. Wir alle hätten uns gewünscht, dass zwischen den ersten drei, vier Seglern bei Kap Hoorn weniger als 500 Meilen liegen würden!”
Auf die nahenden Kap-Hoorn-Passagen gab der Kap-Kenner einen kleinen Ausblick: “Kap Hoorn zu passieren ist eine ziemliche Befreiung. Wenn du eine Weltumsegelung machst, ist Kap Hoorn dein Everest. Man kann es mit einem schwer zu erreichenden Gipfel vergleichen. Es ist das Ende des Tunnels. Du hast seit etwa zwei Wochen harte Bedingungen gehabt und findest dich endlich in Bedingungen und einer Umgebung wieder, die sich verbessern. Der Gemütszustand ändert sich: Du gewinnst an Komfort, du steigst in die Tropen auf, dein Geist kommt wieder etwas mehr zur Ruhe.”

Freie Reporterin Sport