Tatjana Pokorny
· 22.01.2024
Das Kap der Guten Hoffnung liegt kaum drei Tage hinter ihm, da hat Charles Caudrelier bald schon die Hälfte des zweiten Abschnitts der Solo-Weltumsegelung gemeistert. Auf Kurs Kap Leeuwin eilt der “Maxi Edmond de Rothschild”-Skipper bei der Arkea Ultim Challenge mit Siebenmeilenstiefeln durch den südlichen Indischen Ozean. Zwar konnte sein Verfolger Thomas Coville zuletzt etwas Boden gutmachen, hat aber immer noch rund 1.400 Seemeilen Rückstand auf den bislang dominanten Spitzenreiter.
Dazu hat Thomas Coville auf “Sodebo Ultim 3” mit technischen Problemen zu kämpfen. Erst am späten Sonntagabend hatte der 55-Jährige enthüllt, dass er bereits seit dem 17. Januar mit einem defekten Foil-Kontrollsystem zu kämpfen hat. Es handle sich zwar nicht um ein strukturelles Versagen, so Coville, doch habe er mit dem Handicap zu ringen: “Ich bin auf einer Seite gehandicapt. Aber ich habe eine Lösung, um die Funktionen des Foils wiederherzustellen. Ich bin zuversichtlich für die Zukunft.”
Es gibt keine strukturellen Schäden oder größeren Probleme am Boot, aber im Moment bin ich auf einer Seite gehandicapt” (Thomas Coville)
Nach dem Eintauchen in den Indischen Ozean hatte Coville am Abend des 21. Januar eingeräumt, dass sein Absenksystem für das Steuerbord-Foil gebrochen ist. Der Sodebo-Solist aus Saint-Brieuc sagte: “Der Schaden hat die Struktur des Trimarans nicht beschädigt, verhindert aber, dass das Foil abgesenkt werden kann.” In Absprache mit dem Technik-Team sei es gelungen, das System zu stabilisieren.
Weiter erklärte Thomas Coville: “Es gibt keine strukturellen Schäden oder größeren Probleme am Boot, aber im Moment bin ich auf einer Seite gehandicapt. Mit meinem technischen Team haben wir eine Lösung gefunden, um die Funktionstüchtigkeit wiederherzustellen: Ich habe noch ein wenig Arbeit vor mir, bin aber zuversichtlich. Ich war deswegen nicht in der Lage, das Tempo des Führenden mitzugehen. Aber ich bin froh, dass ich da bin, wo ich jetzt bin.”
Der für seine philosophische Betrachtungsweise bekannte Coville sagte in seiner Zwischenbilanz zu Beginn der dritten Woche der Arkea Ultim Challenge: “Mit einem fliegenden Boot wie der ‘Sodebo Ultim 3’ hierher zu kommen war ein Traum. Und da sind wir nun – mit den anderen Seglern – und machen etwas Einzigartiges. Zum ersten Mal. Dass ich das jetzt mit meinem Team mache, ist auch ein kollektives Abenteuer. Es ist ein engagierter Sport, und es ist ein Teamsport, und sie stehen alle hinter mir.”
Während Charles Caudrelier das Tempo weiter vorgibt und die Kerguelen mit einer Halse nach Nordosten passiert hat, befindet sich Thomas Coville in der Übergangszone zwischen zwei Wettersystemen. Er segelt im Osten eines Hochdruckgebiets direkt hinter einer Front. Dadurch hat der “Sodebo Ultim 3”-Skipper eine komplizierte Übergangsphase zu bewältigen, während Charles Caudrelier immer noch mit einem Durchschnitt von mehr als 30 Knoten Speed sehr schnell unterwegs ist.
Caudreliers “Maxi Edmond de Rothschild” scheint den Indischen Ozean zu verschlingen. Der Riesenfoiler profitiert dabei von sehr günstigen Bedingungen, die Charles Caudrelier nach Erkenntnissen der Rennleitung schon bis Mittwochnachmittag nach Cape Leeuwin und bereits am Donnerstag oder Freitag in tasmanische Gefilde führen könnten.
Gleichzeitig erleben Armel Le Cléac’h (”Banque Populaire XI”) und Anthony Marchand (”Actual Ultim 3”) bei rund 2.700 Seemeilen Rückstand auf Charles Caudrelier im Kampf um Platz drei ihr erstes Tiefdruckgebiet im Südpolarmeer. Sie hoffen, sich endlich aus den Fängen des Hochdruckgebiets befreien zu können, das sie zuletzt nur langsam vorankommen ließ.
Schlusslicht Éric Péron hat auf “Adagio” etwa 4.600 Seemeilen hinter “Maxi Edmond de Rothschild” etwas Glück beim einsamen Hinterhersegeln. Der 42-Jährige kann einen viel direkteren Kurs um Südafrikas Südspitze nehmen als alle vor ihm liegenden Konkurrenten.
Gute Nachrichten gab es auch vom Team SVR Lazartigue: Nach druckvoller Nacht mit Winden von fast 20 Knoten hat inzwischen die bei einer “Ufo”-Kollision in der vergangenen Woche beschädigte “SVR Lazartigue” Kapstadt erreicht. Skipper Tom Laperche hatte bereits seine Vorsegel weggerollt und Kapstadt nur unter Großsegel angesteuert. Kurz vor der Einfahrt musste er noch etwas warten, bis der Wind nachließ und ihn endlich einlaufen ließ.
Damit bleibt es zu Beginn der dritten Woche auf See beim Szenario “Sechs Boote, fünf Welten”: Dominator Charles Caudrelier bildet an der Spitze seine eigene Klasse. Ebenso Thomas Coville als Zweiter im südlichen Indischen Ozean. Während Tom Laperche in Kapstadt mit seinem Team die demolierte “SVR Lazartigue” prüft und die nächsten Schritte überlegt, liefert sich Armel Le Cléac’h mit der auf dem Papier überlegenen “Banque Populaire XI” und Anthony Marchand auf “Actual Ultim 3” ein spannendes Südmeerduell. Und am Ende des Feldes versucht Éric Péron, seine Herausforderungen bei dieser historischen Prüfung bestmöglich zu meistern.

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