Tatjana Pokorny
· 18.02.2024
“Das Ziel ist es, ins Ziel zu kommen. Wenn wir es schaffen, wieder zu starten, wird das die Enttäuschung wettmachen”, hatte Armel Le Cléac’h bei seiner Ankunft in Rio de Janeiro erklärt. Der 44-jährige einstige Co-Favorit für die historische Premiere der Arkea Ultim Challenge ringt bei seinem zweiten Reparaturstopp der Solo-Weltumsegelung in Rio de Janeiro um seinen Wiedereinstieg ins Rennen. Sein Team Banque Populaire ist inzwischen zuversichtlich, dass “Maxi Banque Populaire XI” wieder auf Kurs gehen kann.
In einem Interview in der Sendung “Ultim Live” hatte Teamdirektor Ronan Lucas am Samstagnachmittag erklärt: “Ich bin guter Hoffnung, dass Armel wieder losfahren kann. Das Team ist gerade dabei, zwei Ruderblätter in den brasilianischen Hafen zu transportieren.” Weiter sagte Ronan Lucas: “Das sind große Teile. Es war nicht einfach, sie nach Brasilien zu bringen.” Er dankte der französischen Botschaft in Brasilien und dem Außenministerium dafür, “dass sie die Aufgabe erleichtert haben”.
Aktuell arbeitet Team Banque Populaire mit allen Kräften an der Reparatur in Rio, hofft darauf, dass Armel Le Cléac’h das Rennen vielleicht schon an diesem Sonntag fortsetzen kann. “Will er im Duell mit Thomas Coville um Platz zwei im Spiel bleiben, muss er heute starten können”, erklärte Rennleiter Guillaume Rottée das Szenario. Logisch: Je schneller er wieder losfahren kann, desto geringer bleibt der Abstand zu “Sodebo Ultim 3”.
“Sodebo Ultim 3”-Skipper Thomas Coville hat inzwischen den zweiten Platz von Armel le Cléac’h übernommen und sich bereits mehr als 250 Seemeilen Vorsprung erarbeitet. Nachdem Coville auf seinem Kurs an Rio de Janeiro vorbei ein kleines Tiefdruckgebiet umgangen hat, segelt er in Richtung Äquator und sollte die neue Woche der Arkea Ultim Challenge bereits mit Passatwinden eröffnen. “Diese Passatwinde werden aber vorerst nicht so stark sein”, sagte Guillaume Rottée. Den Äquator könne Thomas Coville möglicherweise am kommenden Donnerstag überqueren.
Einen Tag später wird nach aktuellen Berechnungen gegen Ende der Woche Charles Caudrelier im Ziel vor Brest erwartet. Der Skipper der “Maxi Edmond de Rothschild” blieb bei seinen eigenen Prognosen allerdings bewusst vorsichtig. “Ich habe nur eine Angst, nämlich die vor einem Stopp”, sagte er in der Sendung “Ultim Live”. Damit meinte Charles Caudrelier eine unfreiwillige Unterbrechung in Form einer Kollision oder infolge von Materialbruch.
Mein Boot ist nicht perfekt. Ich hatte einige Probleme, die ich euch bald zeigen werde” (Charles Caudrelier)
“Wir haben dieses Rennen verdient, aber wir müssen es auch zu Ende bringen”, sagte Charles Caudrelier im Interview. Er sagte auch, dass er “mit einem Damoklesschwert” lebe, und beschrieb seine Sorgen mit Blick auf “die Ermüdung und den Verschleiß der Materialien”. Caudrelier erklärte: “Mein Boot ist nicht perfekt. Ich hatte einige Probleme, die ich euch bald zeigen werde. Ich fliege, aber weniger gut. Die Anhänge sind beschädigt, die Aerodynamik ist nicht perfekt.”
Die Vorsicht, mit der sich Charles Caudrelier dem Ziel nähert, ist bei jedem seiner Worte zu spüren. “Sie ist völlig normal und überrascht mich überhaupt nicht”, sagte Guillaume Rottée. Man wisse, dass alles in einem Bruchteil von Sekunden kippen oder sogar zu Ende sein kann. “Das Rennen ist erst gewonnen, wenn er die Ziellinie überquert hat”, so Guillaume Rottée. Das Risiko von Materialschäden sei auch insofern erhöht, als dass alle Boote “sehr erschöpft” seien. Man dürfe nicht vergessen, dass die “Maxi Edmond de Rothschild” noch nie über einen so langen Zeitraum gesegelt sei. Guillaume Rottée sagte: “Wir sprechen hier von mehr als 40 Tagen nonstop!”
Charles Caudrelier wird seine letzte Woche auf See entsprechend wachsam angehen. Das Windszenario wird ihm die Zielannäherung nicht leichter machen. Guillaume Rottée sagte, Caudrelier würde es bei seinem Finale in der Arkea Ultim Challenge mit “kompliziertem Wetter vor der Ankunft” zu tun bekommen. Der 49-jährige Gitana-Team-Skipper dürfte es mit starken Winden aus Nordwest zu tun bekommen.
Der “Maxi Edmond de Rothschild”-Skipper selbst sprach von “einem Golf von Biskaya mit acht Meter Seegang und 40 Knoten Wind”. Er kündigte an, die stürmischen Winde nicht aktiv zu suchen. Er könnte sogar warten, bis das Tiefdruckgebiet an ihm vorbeizieht. So, wie er es vor Kap Hoorn schon einmal getan hat.
Die “Falle”, die sich für Caudrelier auftun könnte, beschrieb Guillaume Rottée so: “Das Azorenhoch versperrt ihm den Weg, und in seinem Norden befinden sich Tiefdruckgebiete. Entweder er durchquert das Hoch auf kürzestem Weg, hat dabei aber keinen Wind, oder er umgeht es im Westen, was ihn näher an die zu dieser Jahreszeit besonders heftigen Tiefdruckgebiete bringen wird.” Diese Aussichten könnten Charles Caudrelier am Dienstag oder Mittwoch beschließen lassen, sein Tempo zu drosseln.
Tausende Seemeilen weiter westlich setzen Anthony Marchand (”Actual Ultim 3”) und Éric Péron (”Ultim Adagio”) ihr Pazifik-Duell um Platz vier fort. Verfolger Éric Péron profitiert dabei nach wie vor von günstigeren Bedingungen, weil er vor einer Front segelt, während Anthony Marchand sich Kap Hoorn in flaueren Winden nähert. Dadurch kann “Ultim Adagio” den Rückstand auf “Actual Ultim 3” derzeit konstant verkürzen. In Relation zur direkten Kurslinie trennen die beiden Boote nur noch rund 600 Seemeilen. Der Abstand dürfte also vorerst weiter schrumpfen, auch wenn “Actual Ultim 3” bei der Annäherung an Kap Hoorn voraussichtlich wieder beschleunigen kann.

Freie Reporterin Sport