Arkea Ultim ChallengeCoville den Tränen nah – “Darfst nicht zusammenbrechen”

Tatjana Pokorny

 · 13.02.2024

Mit "Banque Populaire XI" konnte der Zweitplatzierte Armel Le Cléac'h zuletzt Hunderte Seemeilen auf Spitzenreiter Charles Caudrelier gutmachen
Foto: Team Banque Populaire
Zum Auftakt von Woche sechs führt Charles Caudrelier die Solo-Weltumsegelung Arkea Ultim Challenge weiter dominant an. Zuletzt aber schmolz sein riesiger Vorsprung um Hunderte Seemeilen, weil er sich in atypischen leichten Winden den Atlantik hinaufquälen muss. Mit oft doppelter Geschwindigkeit rauschten seine Jäger Armel Le Cléac’h und Thomas Coville nach ihrer Kap-Hoorn-Passage von hinten heran

Die 36. Nacht der Arkea Ultim Challenge liegt hinter den fünf Ultim-Skippern. Nach wie vor führt Charles Caudrelier das weit auseinandergezogene Feld der fünf Riesenfoiler an. Am Morgen des 13. Februar hatte der “Maxi Edmond de Rothschild”-Skipper immer noch knapp 1.700 Seemeilen Vorsprung vor dem Zweitplatzierten Armel Le Cléac’h auf “Banque Populaire XI”.

Arkea Ultim Challenge: Drei von fünf Skippern haben Kap Hoorn passiert

Rund 400 Seemeilen hinter Charles Caudrelier ringt Thomas Coville nach seiner Kap-Hoorn-Passage am Sonntag um Anschluss an Platz zwei. Der Viertplatzierte Anthony Marchand (”Actual Ultim 3”) kämpft sich nach zwei Pitstops im Pazifik in Richtung Point Nemo und Kap Hoorn. Schlusslicht Éric Péron (”Adagio”) nähert sich indessen dem Längengrad von Neuseeland.

Am Tag nach seiner Hoorn-Passage hatte Thomas Coville am Montagnachmittag ein ergreifendes Video veröffentlicht. Da war der 55-jährige “Sodebo Ultim 3”-Skipper bei seinen Schilderungen den Tränen nah. Als Flotten-Dritter machte er entlang der südamerikanischen Ostküste gute Fortschritte, war dabei aber meistens ein paar Knötchen langsamer unterwegs als Armel Le Cléac’h vor ihm.

Meister-Erzähler Coville in seinem Element

Doch keiner kann so schön schwärmen wie Thomas Coville. Vom Ozean, vom Himmel, von der Geschwindigkeit und den Booten erzählt der Oldie im Feld bildgewaltig. Wer den Worten des “Sodebo”-Skippers lauscht, der wähnt sich direkt in ein Paralleluniversum versetzt. Coville schildert die Farben, die Emotionen und den Kampf hinter den Zahlen. Das wurde am Montag einmal mehr deutlich, als der Seesegelstar aus Saint-Brieuc sein jüngstes Video von See schickte.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Die Szenerie: In der Straße von Le Maire bricht gerade der Tag an. Das Blau des Himmels vermischt sich mit dunkleren Wolken, illuminiert von orange- und rosafarbenen Tönen. Im Hintergrund liegt die Staateninsel. In der Ferne ist auf den bewegten Bildern ein Vogel zu erkennen. Man kann den Ultim-Trimaran arbeiten hören.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?
Es herrscht eine starke Strömung, das Meer ist sehr entschlossen. Es ist feindselig, wild und beeindruckend” (Thomas Coville)

Dabei wird Thomas Coville zum Geschichtenerzähler: “Wir verlassen die Antarktis. Es sind unglaubliche Farben. Es herrscht eine starke Strömung, das Meer ist sehr entschlossen. Es ist feindselig, wild und beeindruckend. Der Wind kommt stark zwischen der Staateninsel und Feuerland herein und man lässt uns passieren.”

Weiter berichtet Thomas Coville in aufgewühlter Stimmung nach dem gelungenen Hoorn-Gipfelsturm: “Man steht lange Zeit unter Druck und sagt sich, dass man nicht zusammenbrechen darf, weil ja niemand da ist. Das ist ein sehr wichtiger Moment dieser Arkea Ultim Challenge - Brest. Es ist noch nicht ganz greifbar für mich, aber wir sind da, Leute! Der Seemann ist den Tränen nahe. In die Emotionen mischt sich auch eine Art Erleichterung.”

Schwerstarbeit für einen Solisten: Caudreliers Vorsprung schmilzt

Gleichzeitig hat Coville seine Eröffnung der atlantischen Zielgeraden mit 17 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit in den letzten 24 Stunden fortgesetzt. Die Anwesenheit eines hartnäckigen Tiefs in seinem Osten hatte Coville dazu veranlasst, einen küstennahen Kurs zu wählen. So wie vor ihm schon Armel Le Cléac’h auf “Banque Populaire XI”. “Sie sind in der gleichen Situation wie gestern und haben sich in Sicherheit gebracht”, erklärte Rennleiter Guillaume Rottée die Lage am frühen Dienstagmorgen. Das Tiefdruckgebiet zieht gerade ab.

Charles Caudrelier, der am frühen Morgen des 13. Februar mit nur elf Knoten Wind unterwegs war, kämpft sich indessen weiter mit deutlich weniger Geschwindigkeit entlang der brasilianischen Küste nach Norden. Am Vortag schon hatte sein Gitana-Team erklärt, dass Caudrelier binnen 48 Stunden etwa zehn Wenden aneinanderreihen musste – das bedeutet Schwerstarbeit für einen Solisten!

Atypischer Atlantik-Aufstieg für den Spitzenreiter

Nicht nur Benjamin Schwartz bewertet den Atlantik-Aufstieg von Caudrelier als “ziemlich atypisch”. Der vom Ocean Race bekannte “Holicim – PRB”-Schlussskipper beschreibt Caudreliers Szenario in einer Gitana-Pressemitteilung mit “einer sehr schwachen Passatwindsituation” und “einem sehr ausgedehnten Hochdruckgebiet über dem Südatlantik”. Dennoch sei Charles Caudrelier derzeit mit dem Passatwind verbunden. Etwa beim 20. Breitengrad Süd arbeitete sich Caudrelier zu Beginn der sechsten Woche auf See dem Äquator entgegen.

Der Vorsprung vor seinen beiden Verfolgern hat sich aber deutlich reduziert. Der “Maxi Banque Populaire XI” hat in den vergangenen Tagen 600 Meilen auf den “Maxi Edmond de Rothschild” gutgemacht, auch wenn diese Angabe mit Vorsicht zu betrachten sei. “Die beiden Boote sind näher zusammengerückt, aber man sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen, zumal es sich um einen Begriff der Entfernung und nicht der Zeit handelt”, gibt Guillaume Rottée zu bedenken.

Marchand mit gestutzten Flügeln im Nachteil

Auch im Pazifik hat “Ultim Adagio”-Skipper Éric Péron binnen der letzten vier Tage fast 700 Meilen auf Anthony Marchand aufgeholt. Zur Erinnerung: Der Skipper von “Actual Ultim 3” segelt ohne Backbord-Foil. Er kann nur das Steuerbord-Foil nutzen, das in seiner oberen Position festgesetzt ist. Die beiden Skipper dürften bis Kap Hoorn ähnliche Windbedingungen haben.

Kap Hoorn ist geschafft! Thomas Covilles emotionales Video vom 12. Februar:

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

Meistgelesen in der Rubrik Regatta