99. Bacardi CupCayard und Kleen ru(h)mreich in Miami

Tatjana Pokorny

 · 10.03.2026

75 Starboote waren zum 99. Bacardi Cup vor Miami aufgekreuzt.
Foto: Anna Suslova/99. Bacardi Cup
Das Finale um den legendären Bacardi Cup erinnerte bei der 99. Auflage des Klassikers an große olympische Schlachten der Vergangenheit: Im Matchrace-Duell vor Miami kam es zum Showdown zwischen Paul Cayard/Frithjof Kleen und Robert Scheidt/Austin Sperry. Die Vorentscheidung fiel in der Vorstartphase des letzten Rennens. Am Ende stand ein historischer Erfolg.

Fast ein halbes Jahrhundert hat Paul Cayard den Bacardi Cup gejagt. Jetzt hat der 66 Jahre alte Amerikaner gemeinsam mit seinem Vorschoter Frithjof Kleen eine der bekanntesten Trophäen im Segelsport gewonnen. Damit krönte das Duo ein herausragendes gemeinsames Jahr. Der ersehnte Erfolg kam 46 Jahre nach Cayards erster Teilnahme am Bacardi Cup.

Bacardi Cup: Meisterduell um den Sieg

Vor Miami setzten sich der siebenmalige America’s-Cup-Teilnehmer und Ocean-Race-Gewinner mit seinem deutschen Vorschoter im Kampf um den Bacardi Cup gegen einen weiteren Großen des Segelsports durch. Cayard/Kleen verwiesen in der Endabrechnung Doppel-Olympiasieger Robert Scheidt und Austin Sperry nach allen Regeln der Matchrace-Kunst auf den Silberrang. Dritter wurde der polnische Starboot-Olympiasieger Mateusz Kusznierewicz mit Bruno Prada. Hier geht es zu den Endergebnissen.

Das Finalrennen dieser Meisterschaft werden weder die Beteiligten noch die Beobachter so schnell vergessen. Cayard und Kleen hatten zuvor mit drei Tagessiegen, einem zweiten und einem sechsten Rang eine imposante Serie vorgelegt. Scheidt und Sperry standen aber mit 3, 3, 4 und zwei Tagessiegen kaum nach. Cayard/Kleen führten vor dem Showdown mit 5:8 Zählern. Bei diesem Zwischenstand nach fünf Rennen war klar, dass nur eines dieser beiden Teams den Bacardi Cup abräumen konnte.

​Ich werde dieses Rennen noch durchspielen, wenn ich tot bin.” Paul Cayard

Klar war vor dem sechsten und letzten Rennen auch die Aufgabe für Cayard und Kleen: 175 Tage nach ihrem gemeinsamen WM-Triumph mussten sie im Finale sicherstellen, dass Scheidt/Prada nicht Erste oder Zweite werden. Im Finale glänzte Cayard dann mit jener Matchrace-Taktik, die auch Robert Scheidt von seinen großen olympischen Laserschlachten mit Ben Ainslie mit gemischten Gefühlen in Erinnerung haben dürfte.

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Der Angriff kam zehn Minuten vor dem Start

1996 hatte sich Scheidt im Kampf um Gold gegen Ainslie durchgesetzt, indem der Brasilianer den Briten in einen Fehlstart verwickelte. Die Disqualifikation beider Segler hatte Scheidt Gold gebracht. Vier Jahre später hatte sich Ainslie revanchiert, indem er Scheidt in Deckung nahm und ihn ans Ende der Flotte zurückgesegelt hatte. Das schlechteste Ergebnis ihrer Serie konnten zwar beide streichen, doch genau das bescherte nun Ainslie die erste seiner insgesamt vier Goldmedaillen.

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Scheidt muss sich beim Bacardi Cup an diese olympischen Kapitel erinnert haben. Dieses Mal wurde wieder er ins Visier genommen. Cayard und Kleen läuteten ihren Angriff zehn Minuten vor dem Startschuss an. Fünf Minuten lang lieferten sich beide Duos ein packendes Matchrace, bevor die Startsequenz überhaupt begonnen hatte. Durch die aggressive Taktik waren beide Boote weit hinter die Flotte geraten, als der Startschuss fiel.

​„Robert und Austin hatten einige Schwierigkeiten im Handling ihres Bootes. Wir passierten beide die Startlinie weit hinter der Flotte, mit etwa 100 Metern Rückstand“, beschrieb Cayard die Auftaktsituation für das Finalrennen. „Ich würde also sagen, dass 90 Prozent meiner Arbeit genau dort erledigt waren.“

Furioses Scheidt-Comeback sorgt für Hochspannung

Cayard und Kleen wählten danach die rechte Kursseite, während der Rest der Flotte nach links fuhr. Sie behielten dabei ihre Rivalen Scheidt und Prada genau im Auge. Die erste Marke passierten Cayard und Kleen als 26., Scheidt und Prada als 30.. Für das amerikanisch-deutsche Duo war es genau die Position, die sie wollten. Scheidt und Prada kämpften wie Löwen, um weiter nach vorne zu kommen und schafften es schließlich, sich zu lösen. Dann stürmten sie mit einem bemerkenswerten Comeback durch die Flotte.

Cayard und Kleen konnten den entfesselten Lauf nicht verhindern, mussten darauf hoffen, dass es für Scheidt und Prada nicht mehr zum Rennsieg oder Rang zwei reichen würde. Scheidt gab alles, zeigte als Starboot-Steuermann sein komplettes Repertoire, überholte mit Austin Sperry Dutzende Boote. Doch im Ziel reichte der so formidabel erstrittene zehnte Rang nicht aus zum Last-Minute-Sprung an die Spitze. Es waren Paul Cayard dund Frithjof Kleen, die den Bacardi Cup erstmals gemeinsam in den Himmel über Miami heben durften.

„Das bedeutet mir sehr viel“, sagte Cayard. „Ich war so viele Jahre lang frustriert. Eddie Cutillas von Bacardi sagt mir immer wieder: ‚Nächstes Jahr wird dein Jahr.‘ Der Druck wurde immer größer. Ich bin dankbar, dass wir es jetzt geschafft haben. Eine Last von 200 Pfund ist mir von den Schultern gefallen.“

Was ein dominantes Team ausmacht, ist die Chemie. Wenn wir unser Bestes geben, sind wir ziemlich schwer zu schlagen.“ Frithjof Kleen

Für Cayard wie Kleen hat der Sieg eine Bedeutung, die weit über den Bacardi Cup als einzelne Regatta hinausgeht. „Die Star-Klasse ist die wichtigste Einheitsklasse der Welt“, unterstrich Kleen seine Perspektive. „Es ist das Boot, es ist die Gemeinschaft, es ist die Kameradschaft, es ist die Tradition.“ Mit dem Sieg festigte Kleen auch seine Rolle als Meistermacher im Starboot.

Frithjof Kleen ist der Meistermacher im Starboot

Der Segelsportjournalist und America’s-Cup-Buchautor Magnus Wheatley sagte nach dem Bacardi-Cup-Sieg über den in Berlin geborenen und am Gardasee lebenden Deutschen mit dem in der Segelwelt bekannten Spitznamen “Frida”: “Ein großes Lob gebührt auch Frida, der genau der Typ Mensch ist, den man auf einem Star braucht. Er ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend, aber bei Rückenwind ist er so grazil wie eine Primaballerina und konzentriert wie ein Schachgroßmeister. Das ist fast schon ungewöhnlich, aber er ist ein großartiges Crewmitglied und auch definitiv der Typ, den du als Türsteher bei der After-Party haben möchtest.”

Seiner Verneigung fügte Wheatley noch eine persönliche Note hinzu, sagte: “Frida, du bist die unbestrittene Segellegende, das kann ich dir sagen! Du wechselst den Skipper und gewinnst, du wechselst das Boot und gewinnst, du wechselst die Segel und gewinnst, du wechselst die Hemisphäre und gewinnst. Frida, du bist der Größte!”

Ich habe 46 Jahre auf diesen Moment gewartet. Lasst den Rum fließen!” Paul Cayard

2027 wird der 100. Bacardi Cup ausgetragen. Die Regatta gilt damit auch als herausragendes Beispiel für eine der längsten kommerziellen Partnerschaften im Segelsport. “Überlegt mal, ob Euch ein anderes Event einfällt, bei dem der Partner seit 99 Jahren an Bord ist”, sagte Paul Cayard bei der Siegerehrung. In die Siegerliste hat sich nun mit Paul Cayard ein weiterer bestens bekannter, aber erstmaliger Gewinner eingetragen. Man darf gespannt sein, wer den Jubiläumsgipfel 2027 im Starboot gewinnen kann.

Bacardi Cup: 47 verschiedene Starboot-Sieger

Den Rekord im Bacardi Cup hält Ding Schoonmaker mit acht Siegen zwischen 1951 und 1977 – sieben als Steuermann, einem als Vorschoter. Doppel-Olympiasieger Mark Reynolds kam dem Besten mit sieben Siegen zwische 1984 und 2002 sehr nah. Seit 1927 haben nun 47 verschiedene Steuermänner die begehrte Trophäe gewonnen. Als beste rein deutsche Crew segelten vor Miami Nick Heuwinkel und Marcel Vocke als U30-Crew auf Platz zwölf.

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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