53. La Solitaire du FigaroRiechers und Beucke im Härtetest

Tatjana Pokorny

 · 17.08.2022

53. La Solitaire du Figaro: Riechers und Beucke im HärtetestFoto: La Solitaire du Figaro

Das hat es noch nicht gegeben: Bei der 53. Auflage von La Solitaire du Figaro sind mit Sanni Beucke und Jörg Riechers am kommenden Sonntag gleich zwei deutsche Skipper am Start. Siegchancen haben sie auf dem Papier nicht, dafür jede Menge Motivation und Ambition

Am 21. August fällt im Revier nahe der französischen Gemeinde Saint-Michel-Chef-Chef im Département Loire-Atlantique der Startschuss zur 53. Auflage des Dreiteilers La Solitaire du Figaro. Gesegelt wird das La Solitaire du Figaro seit 2019 auf OneDesign-Booten vom Typ Figaro Beneteau 3 mit Foils. Die erste Etappe führt offiziell von Nantes nach Port-la-Forêt (644 Seemeilen), die zweite weiter nach Royan (635 Seemeilen), die dritte nach Saint-Nazaire (700 Seemeilen). Erstmals sind mit Figaro-Neueinsteigerin Sanni Beucke und Seesegel-Profi Jörg Riechers gleich zwei deutsche Skipper im Feld der 34 Teilnehmer dabei. Siegchancen rechnet sich keiner der beiden aus. Die Start-Motivation ist bei beiden unterschiedlich, beinhaltet aber in jedem Fall den Willen zum Lernen, Trainieren und zur Weiterentwicklung.

Die Teilnehmer am 53. La Solitaire du Figaro. Sanni Beucke ist vorn links zu erkennen. Jörg Riechers fehlt im BildFoto: La Solitaire du Figaro
Die Teilnehmer am 53. La Solitaire du Figaro. Sanni Beucke ist vorn links zu erkennen. Jörg Riechers fehlt im Bild

Susann Beucke: „Jeder sagt, dass dieses Rennen süchtig macht“

Sanni Beucke ist nach Olympia-Silber im 49er FX im vergangenen Sommer in Japan in diesem Jahr ins Seesegeln umgestiegen. Am 3. Februar dieses Jahres hatte sie erstmals ihre gecharterte Figaro gesegelt. Seitdem trainiert Beucke in Lorient in der Bretagne. Sie sagt: „Ich freue mich total auf dieses Rennen, habe aber auch jede Menge Respekt. Jeder, mit dem ich gesprochen habe, hat mir versichert, dass dieses Rennen süchtig macht.“ Die 31-jährige 49er-FX-Doppel-Europameisterin traut sich was mit ihrer Kampagne „This race is female“.

Sanni Beucke in ihren ersten Figaro-MonatenFoto: frisch.de
Sanni Beucke in ihren ersten Figaro-Monaten

Ihr Boot „Giraffon“ – während des Figaro-Rennens via AIS als „Giraffon Solo Sailor“ zu identifizieren – hat sie mit verspätet eingetroffenen neuen französischen Regattasegeln in der vergangenen Woche noch einmal aufgerüstet. Mit ihrem neuen Shore-Crewmitglied Ronja Schomaker bereitet sich die Neu-Seeseglerin auf ihre Solitaire-du-Figaro-Premiere vor. Vom französischen Préparateur hat sie sich vor Kurzem getrennt, weil der ihren Ansprüchen an Hingabe, Präzision und Vollgas nicht gerecht werden konnte. „Vielleicht war es auch ein bisschen ein Kultur-Clash“, sagt sie nachdenklich. Ronja Schomaker ist eine engagierte Freizeitseglerin aus dem Oberbergischen, die selbst Transatlantik-Pläne hat. Sie hatte sich auf einen Instagram-Aufruf von Beucke gemeldet und unterstützt die Skipperin aus Strande nun an Land. Womit beide im Doppelpass ein weiteres Zeichen für die Kampagne „This race is female“ setzen.

Susann Beucke fühlt sich anhaltend wohl als Solistin auf ihrer Figaro-YachtFoto: Pierre Bouras
Susann Beucke fühlt sich anhaltend wohl als Solistin auf ihrer Figaro-Yacht

Sanni Beucke weiß genau, dass sie als Figaro-Neueinsteigerin noch keine Chance auf einen der vorderen Plätze hat. Sie zitiert den Satz ihres Mitförderers Marcus Hutchinson, der ihr beim Einstieg dies mit auf den Weg gab: „Die Figaro-Klasse ist enorm anspruchsvoll. Dein erstes Jahr ist zum Schauen und Lernen, dein zweites für die Aneignung der geforderten Qualitäten, dein drittes zum Performen.“

Susann Beucke: „Ich weiß ja, dass am Ende eines langen Weges die Belohnung kommen kann“

Beucke hat diese Marschroute verinnerlicht, wusste von Beginn an, dass sie sich auf einen langen und dornigen Weg mit schwachen Ergebnissen einzurichten hat. Sie investiert diese Zeit für das Fernziel der Vendée-Globe-Teilnahme 2028. Dafür trainiert sie mit der Gruppe Lorient Grand Large und Coach Bertrand Pacé. Mit den bei ersten Regattaeinsätzen schon kassierten hinteren Plätzen kommt sie „erschreckend gut klar“. Sie sagt: „Ich habe vor einem Jahr olympisches Silber gewonnen. Auf dem Weg dahin habe ich gelernt, dass es zur Entwicklung dazugehört, auch mal nicht gut zu sein. Ich weiß ja, dass am Ende eines langen Weges die Belohnung kommen kann. Ich bin gut darin, das als Prozess zu sehen.“ Teampartner DB Schenker will diesen Weg mit ihr gehen. An Unterstützung mangelt es der für den Norddeutschen Regatta Verein startenden ambitionierten Seglerin aus Strande nicht.

Die Etappen im 53. La Solitaire du Figaro im ÜberblickFoto: La Solitaire du Figaro
Die Etappen im 53. La Solitaire du Figaro im Überblick

Jörg Riechers: „Speed ist in der Figaro-Klasse ein sehr wichtiges Puzzle-Teil“

Etwas anders blickt der Hamburger Profi Jörg Riechers seiner Figaro-Premiere auf „Alva Yachts“ entgegen: Er will seine bereits sehr ausgeprägten Fähigkeiten weiter schärfen, hat dabei auch die Vendée-Globe-Teilnahme 2024 im Blick. Riechers hat mit Top-Platzierungen bei großen Regatten in den vergangenen drei Jahrzehnten schon oft seine herausragenden Solo-Qualitäten bewiesen. Dennoch sei das Figaro-Segeln noch einmal eine ganz andere Herausforderung. Riechers erklärt: „Speed ist in der Figaro-Klasse ein sehr wichtiges Puzzle-Teil. Da bin ich theoretisch bei den Top Ten dabei. Doch es ist noch einmal etwas ganz anderes, in dieser komplexen Klasse wirklich alle Puzzle-Teile richtig zusammenzubekommen. Das gelingt mir noch nicht ganz, aber ich arbeite daran. Man braucht Zeit, um an die Spitze zu kommen. Vorher spielst du nicht vorn mit wie ein Tom Laperche oder die zwei, drei anderen, die ihm das Wasser reichen und ihn vielleicht beim bevorstehenden Rennen angreifen können. Die Figaro-Klasse ist von der Performance her die anspruchsvollste Klasse überhaupt. Wer hier richtig gut ist, kann dann beispielsweise in der Class 40 dominieren.“

Jörg Riechers auf seiner „Alva Yachts“Foto: Pilpre A./Studio Marlea
Jörg Riechers auf seiner „Alva Yachts“

Entsprechend respektvoll hat sich der mit allen Wassern gewaschene Jörg Riechers für seinen Solitaire-du-Figaro-Einsatz die Top 20 als Minimalziel gesetzt. „Den Rest wird man sehen. Es ist ja ein Rennen auf Zeit. Man darf keine der drei Etappen stark unterperformen. Es ist kein Problem, einmal 25. zu werden, wenn der Zeitrückstand klein ist. Man kann aber leicht mal auf einer Etappe wie beispielsweise der zweiten auch sechs Stunden liegenlassen, wenn man nach der Tide in der Gironde-Mündung ankommt. Das geschieht dann kurz vor dem Zieldurchgang und ist mental extrem schwierig. Hier gilt: In dem Moment, in dem du beginnst, deine Fähigkeiten anzuzweifeln, fängst du an zu verlieren und bist nur noch ein Stück Toast. Wir haben es mit drei Etappen über jeweils 635 bis 700 Seemeilen zu tun. Strategie, Taktik und Ausdauer sind gefragt.“

Jörg Riechers: „Du musst aufpassen, wenn du in den roten Bereich kommst“

Die etwa dreitägigen Pausen zwischen den Rennen gewähren den Solisten nur wenig Regenerationszeit. „Du musst sehr aufpassen, wenn du in den roten Bereich kommst“, sagt Riechers mit der Erfahrung aus anderen Rennen. „Bist du da mal drin, kann es schnell weiter bergab gehen. Man muss auch genau wissen, wo auf diesem Kurs man kalkulierte Risiken eingeht. Und wo nicht. Wenn du einen Ausbruch wagst, die anderen 34 aber nicht, dann bist du bei der Qualität in dieser Flotte sehr wahrscheinlich auf dem falschen Dampfer.“ Es kann aber auch anders sein. Riechers erinnert daran, dass Nico Troussel sogar zweimal ein Figaro durch Ausbrüche gewinnen konnte.

Das Figaro-Porträt von Jörg RiechersFoto: La Solitaire du Figaro
Das Figaro-Porträt von Jörg Riechers

Seit 1970 markiert La Solitaire du Figaro einen Höhepunkt im französischen Solo-Segelsport. Die Klasse gilt als härteste Ausbildungsschule für Frankreichs Beste, die nun zunehmend internationale Konkurrenz bekommen. Nie zuvor in der Geschichte des Rennens waren zwei deutsche Starter zeitgleich im Einsatz. Ankommen bleibt vorerst das Minimalziel von Sanni Beucke auf ihrem Weg. Riechers will ein bisschen mehr: „Aus Stolzgründen würde ich das Rennen ungerne in den hintersten Zehn beenden. Ich hätte am Ende gerne das Gefühl, dass ich ein gutes Figaro bestritten habe.“ Anders als bei anderen großen Hochseerennen messen die Solisten dem Figaro-Start trotz der folgenden Marathon-Strecke eine hohe Bedeutung zu. Beucke sagt: „Da muss man gleich voll da sein. Das hätte ich nie gedacht bei einer so langen Strecke. Du musst den Start so konsequent fahren wie in einem kurzen Fleetrace, denn der bestimmt gleich einmal deine Positionierung für die kommenden Stunden, auf der du dann aufbaust.“ Infos zum La Solitaire du Figaro gibt es hier. Und hier gibt es einen Figaro-Clip zum Freuen auf den Start am kommenden Sonntag.

Etappe 1 der 53. Edition des La Solitaire du FigaroFoto: La Solitaire du Figaro
Etappe 1 der 53. Edition des La Solitaire du Figaro

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