Max Gasser
· 31.07.2023
Mit vier Weltmeisterschaften, einer EM und vier deutschen Titelkämpfen zählte die Travemünder Woche ganz klar zu den Highlights im deutschen Regattakalender 2023. Gestern ist das Segelfestival mit einem großen Feuerwerk zu Ende gegangen.
Zwar sei die angepeilte Besuchermarke von 500.000 Gästen knapp verfehlt worden, zufrieden waren die Organisatoren mit der 134. Ausgabe der Traditionsveranstaltung aber dennoch. Gleiches gilt trotz der sehr unbeständigen Bedingungen auch auf seglerischer Seite. “Wir hatten die schwierigsten Windbedingungen seit Jahren, das hat für extrem lange Tage gesorgt und alle Beteiligten an die Grenzen der Belastbarkeit geführt”, so Jens Kath, Sportlicher Leiter der Travemünder Woche. Von den 378 geplanten Wettfahrten wurden trotz allem 314 ins Ziel gebracht.
Dazu wurde das Segeln mit den Trave Races (Showrennen vor der “Passat”), dem neuen Format des Lübecker Segelmeisters und dem Volksbank-Rotspon-Cup den Zuschauern zugänglich gemacht. “Das gibt es so nirgends”, so Kath, “Ziel muss sein, das auszubauen.” Er hält daher weiter an einem echten Titelkampf in der Trave fest. “Das werden wir 2024 erneut angehen.”
Am 6. August startet die ORC-WM in Kiel, für einige Crews waren daher die Deutschen Meisterschaften sowie die Lang- und Mittelstrecken im Rahmen der Travemünder Woche ein gut gelegener letzter Test vor dem Saison-Höhepunkt. Teile davon wurden, wie auch unter anderem das Finale der Sailing Champions League, bereits in der ersten Wochen-Hälfte ausgesegelt:
Die Deutsche ORC-Meisterschaft Double Handed dauerte dagegen bis Sonntag an, den Sieg sicherte sich das Ehepaar Andreas und Birthe Grasteit (Lübecker Yacht-Club) mit ihrer X-332 “Grace”. Der Kampf um den Titel war im kleinen Feld denkbar knapp. “Heute waren es knapp zwei Minuten Unterschied, gestern nach über acht Stunden Segeln sogar nur zwei Sekunden”, so der Skipper. Uwe Kleinvogel und Michael Haupt (Rostocker Yachtclub) hatten mit der J/88 “Nemo” das Nachsehen.
Die Langstrecke hat die Crew um Moritz Moltmann (Segler-Verein Trave) auf der M34 “Dojo” in der ORC-Wertung am schnellsten absolviert. Nach dem Start am Donnerstagabend kehrten die Sieger zwölf Stunden und 60 Seemeilen später im morgendlichen Regen nach Travemünde zurück. Die Bedingungen forderten die Segler: “Nachts hat es stark geregnet, es war nur wenig Wind und ungemütlich. Aber das gehört vielleicht zum Abenteuer einer Langstrecke dazu”, so Moltmann. „Wir hatten eine gute Stimmung an Bord, sind mit einem spontanen Wachsystem gefahren, in dem jeder eine Pause nehmen konnte, wenn er sie brauchte. So hatte jeder mal zwei Stunden Schlaf.“ Die “Dojo” sicherte sich nicht nur die Line Honors, sondern lag auch berechnet in der Gruppe der ORC-Yachten an der Spitze. Die Yardstick-Wertung gewann der Mini 6.50 “Traverna” von Olav Arne Nehls (Kieler Yacht-Club/Lübecker Yacht-Club).
Nach der Langstrecke hatten die Seesegler am Samstag ein weiteres hartes Stück Arbeit vor der Brust: Mit der Mittelstrecken-Regatta schickte Seebahn-Wettfahrtleiter Jan Fischer sowohl die Zwei-Personen-Crews als auch die Yachten mit voller Crew auf einen 40 beziehungsweise 45 Seemeilen langen Kurs durch die Lübecker Bucht. Die “Fru Hansen” von Frank Haßler (SV Heiligenhafen) sicherte sich den Gesamtsieg in der ORC-Mittelstrecken-Wertung. Bei den Yardstick-Yachten war die Crew von Lutz Pouplier (SV Herrenwyk) mit der “Tsunami” das Maß der Dinge. In beiden Mittelstrecken-Rennen lag er berechnet an der Spitze und war damit auch souveräner Sieger der Gesamtwertung.
Auch auf den Dreiecksbahnen war die ganze Travemünder Woche über mit Meisterschaften und internationalen Teams viel geboten. Darunter die J/22-Weltmeisterschaft, die sich eine multinationale Crew mit unglaublicher Dominanz sicherte. Sieben Siege und zwei zweite Plätze standen schlussendlich zu Buche – ein Vorsprung von 21 Punkten auf den Silber-Rang. Außergewöhnlich dabei auch die Crew-Zusammensetzung: Skipper Jean-Michel Lautier ist Franzose, Trimmer Giuseppe D’Aquino Italiener und Vorschiffsmann Denis Neves Portugiese. Aus den Nationen-Kürzeln ergibt sich auch der Bootsname „Fraporita“. Doch damit nicht genug. „Wir segeln alle unter holländische Flagge“, erklärte Lautier. Denn dort wohnt das Trio, alle arbeiten als Ingenieure für die europäische Weltraumorganisation ESA. Zwar mit etwas Rückstand war aber auch Deutschland bei der Heim-WM erfolgreich: Silber ging an die Crew von Jürgen Eiermann (Hansa-Segel-Kameradschaft Rhein-Neckar), Bronze an Wolf Jeschonnek (Cöpenicker Segler-Verein).
Bei den O-Jollen blieb der Europameistertitel derweil in Deutschland. Der 61-jährige Harry Voss setzte sich gegen 64 Konkurrenten aus drei Nationen nach insgesamt sechs Wettfahrten durch. „Der EM-Titel ist mein bislang größter Erfolg. Ein Meistertitel ist immer etwas Besonderes“, sagte der Steinhuder vom Schaumburg-Lippischen Seglerverein. Auch die beiden weiteren Podiumsplätze wurden von Deutschen besetzt. Frank Hänsgen (Brandenburger Seglerverein Quenzsee) und Alexander Kulik (Eisenbahner Segel Verein Kirchmöser 1928) freuten sich über Silber und Bronze.
Außerdem am Samstag entschieden wurden zwei Ranglistenregatten im Rahmen der Travemünder Woche. Die Schwestern Silja und Jonna Braun von der Baltischen Segler-Vereinigung siegten bei den Korsaren. Im Kielzugvogel sicherten sich Michael Hotho und Marcus Hahn (Segler-Verein Großenheidorn) Gold.
Bereits am Freitag wurden bei den Formula-18-Katamaranen sowie den Junioren-Weltmeisterschaften der 49er und 49er FX neue Titelträger aus Australien, Schweden und Frankreich gekürt. Deutschland sichert sich dabei zumindest im U21-Bereich zwei Medaillen sowie einen Masters-WM-Titel. Ersegelt von niemand Geringerem als den Gebrüdern Sach im Alter von 66 und 64 Jahren. Im Gesamtklassement landeten die Rekordsieger der Travemünder Woche als beste deutsche Crew auf Platz neun. Dominiert wurden die Wettfahrten von den Schweden Emil Järudd und Rasmus Rosengren, zwei australische Teams folgten auf den Plätzen zwei und drei.
Für Järudd war die WM der Formula 18 dabei lediglich eine „schöne Extra-Regatta“. Normalerweise segelt der 25-Jährige mit Hanna Jonsson im Nacra 17 und peilt nach 2021 nun mit neuer Partnerin im nächsten Jahr seinen zweiten Start bei Olympia an. Zur Travemünder Woche nahm er jedoch Rasmus Rosengren an Bord und segelte sogleich zum Titel. Seit dem ersten Tag der Finalserie hatten sie sich an die Spitze des Feldes gesetzt und die Führung dann ausgebaut. Am letzten Tag wartete die Flotte vergeblich auf segelbaren Wind, sodass der Angriff der Verfolger ausblieb. „Wir haben schon auf eine gute Platzierung gehofft, aber der Titel übertrifft die Erwartungen“, so Järudd.
Überwältigt vom eigenen Erfolg waren auch die Französinnen Manon Peyre und Clara-Sofia Stamminger de Moura, die sich den Juniorinnen-Weltmeistertitel im 49er FX sichern konnten. „Es ist unglaublich, wir können es noch gar nicht fassen”, so die erfolgreiche Steuerfrau Peyre über den größten Erfolg ihrer jungen Karriere.
Ebenfalls aufs Podium schafften es Illy Wureit und Yuval Barnoon aus Israel sowie die Italienerinnen Sofia Giunchiglia und Giulia Schio. Mit Anna Barth/Emma Kohlhoff und Sophie Steinlein/Max Körner auf den Rängen sechs und sieben stellt Deutschland gleich zwei Mannschaften in den Top Ten der U23-Gesamtwertung. Das bedeutet zudem U21-Silber für die Kielerinnen, mit Katharina Schwachhofer und Elena Stoltze vom Württembergischen Yacht-Club folgte in dieser Altersgruppe eine weitere deutsche Crew auf Platz drei.
Bei den Junioren der 49er-Klasse gelangen trotz der leichtwindigen Bedingungen sogar zwei Wettfahrten zum WM-Abschluss. An den beiden Spitzenpositionen änderte sich am letzten Tag dennoch nichts mehr: Gold ging an Jack Ferguson und Jack Hildebrand (Australien) vor Richard Schultheis und Youenn Bertin (Malta), Bronze an Marius Westerlind und Olle Aronsson aus Schweden, die mit den Plätzen vier und sechs noch aufs Podium stürmten. Valentin Müller und Moritz Fiebig rutschten als beste Deutsche einen Rang nach hinten und schlossen auf Platz fünf ab.
Neben dem Finale der Sailing Champions League zu Beginn der diesjährigen Travemünder Woche fand am zweiten Wochenende auch der zweite Spieltag der Segel-Bundesliga statt. Mit acht Siegen in 13 Rennen demonstrierten Tobias Schadewaldt und die Rekordmeister vom Norddeutschen Regatta Verein ihre Stärke am zweiten Liga-Wochenende der Saison und übernahmen die Tabellenführung.
Der Ausblick auf die anstehende 135. Travemünder Woche bietet jetzt schon Anlass zu viel Vorfreude auf Meisterschaften: Drei Weltmeisterschaften (Javelin, Flying Junior und International Canoe) und die Deutsche Meisterschaft der Starboote sind am Start. Dazu haben die Drachen eines ihrer weltweiten Topevents, den Grand Prix, nach Travemünde vergeben. Für den sportlichen Leiter Jens Kath sind auch die Deutschen Jugend-Meisterschaften der Optis und Teenys ein Höhepunkt. „Wir erwarten allein bei den Optimisten mehr als 250 Boote, haben dem Verband signalisiert, dass es keine Bootsbeschränkung gibt. Alle können kommen.“ Die 135. Travemünder Woche wird vom 19. bis 28. Juli 2024 stattfinden.

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