100. RheinwocheDie längste Flussregatta Europas hat Jubiläum

Lars Bolle

 · 25.05.2022

100. Rheinwoche: Die längste Flussregatta Europas hat JubiläumFoto: Schulz

Die 100-jährige Rheinwoche findet statt. Stand heute sind es 67 Meldungen. Wer noch teilnehmen möchte, kann nachmelden! Plus: Anekdoten aus 100 Jahren

Nach zwei Corona-bedingten Ausfällen der Veranstaltung geht es zum Jubiläum wieder los. Von Köln-Porz geht es rund 185 Kilometer den Rhein herunter, an Industrieanlagen und Kuhweiden vorbei, durch Städte und Landschaften, und jeden Abend wird in einem anderen Hafen Station gemacht. Neben der Wettsegelei ist es für manchen Bootseigner zugleich der Zubringer in die holländischen Sommerreviere.

In diesem Jahr wird aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums schon am Donnerstag vor Pfingsten (2. Juni) in Köln-Porz mit dem Einkranen der größeren Boote begonnen. Am Freitag, dem 3. Juni, wird von Porz über Leverkusen-Hitdorf nach Düsseldorf gesegelt, am Samstag weiter über Duisburg-Ruhrort nach Wesel, am Sonntag dann mit einer Mittagsstation in Rees nach Emmerich und am Montag schließlich nach Arnhem (Niederlande).

100 Jahre Rheinwoche – 1.000 Geschichten

Der langjährige Teilnehmer Ekkehard Schulz vom DSV (Düsseldorfer Segler Verein), der mit seiner Segelyacht "Troll" zur Begleitbootflotte gehört wie kaum ein anderer, gibt interessante Einblicke:

Von der ersten Rheinwoche vor 100 Jahren gibt es noch vergilbte Fotos in den Vereinsarchiven und unzählige Anekdoten. So erreichte man damals den Starthafen noch nicht per Auto mit Anhänger, sondern man ließ sich von einem Dampfschiff zu Regatten schleppen. Funktionskleidung wie heute gab es noch nicht. Bei Regen hatte man oft keinen trockenen Faden am Leib, geschweige trockene Vorräte. Die findigen Mertens-Brüder packten alles in Marmeladeneimer, die wasserdicht verschlossen waren, und legten sie in Bug und Heck ihres "Zweiundzwanzigers", der J-Rennjolle, wenn sie nach einem geeigneten Schlepp Ausschau hielten.

  Im Dampferschlepp zum Regattastart 1925Foto: Rheinwoche
Im Dampferschlepp zum Regattastart 1925

Beliebt waren auch die 30-qm-Binnenkielklasse, L-Boote und die Boote, die nach Yardstick segelten, auch wenn das damals noch nicht so hieß. Einmal fand sich ein Teilnehmer selbst nach Einrechnung des Vergütungszeitfaktors nicht auf den vorderen Plätzen wieder. Aufmerksamen Beobachtern entging freilich nicht, dass dieses Boot während der Regatta bei Zons Halt machte, um frischen Kaffee und Schnaps zu holen. Um dieses Zeitdefizit auszugleichen, forderte der Eigner einfach mehr "Verjütung"!

  Eine Aufnahme aus den 1930ern vor dem SchlossturmFoto: Rheinwoche
Eine Aufnahme aus den 1930ern vor dem Schlossturm

Diskutiert wurde immer schon – und natürlich hart gekämpft. Das beginnt bereits beim Start im Strom. Wer da über die Linie treibt, kann nur noch hoffen, dass sich bei einem der vorbeigelassenen Konkurrenten der Spinnaker medienwirksam um das Vorstag wickelt, die Pinne bricht oder "den Steuermenschen der Schlag trifft", wie Agnes Pauli immer sagte.

Der Schiffsverkehr hat in den Jahren zugenommen, auch wenn es nicht mehr die kilometerlangen Schleppzüge gibt. Hatte man sich seinerzeit auf die falsche Seite verirrt, brauchte man nicht mehr mit einem Preis zu rechnen. Ein Segler soll sogar einmal die Seite gewechselt haben, indem er todesmutig über die unter Wasser durchhängende Schlepptrosse gefahren ist. Der Name wird nicht verraten.

Segeln auf dem Rhein heißt Kreuzen. Mancher Bergfahrer wird angesichts der vielen Segler um ihn herum so nervös, dass er unentwegt das Achtung-Signal gibt. "Die Steuerleute sind alles erfahrene Segler", beruhigte einmal die Wasserschutzpolizei über Funk. Als ein Pirat ihn dann sehr knapp passierte, um das Schraubenwasser zu nutzen, hörte man den niederländischen Kapitän in Panik rufen: "Kinderen, dit zijn Kinderen!"

  Enge Situationen mit der Berufsschiffahrt wie hier 2006 gehören dazuFoto: Schulz
Enge Situationen mit der Berufsschiffahrt wie hier 2006 gehören dazu

Am Ziel diskutieren die Segler und Seglerinnen bei einem Bier den Tag am "Männerkarussell": Hätte, hätte, Ankerkette. Eine Rheinwoche ist eben auch eine sehr gesellige Veranstaltung, ein Wanderzirkus, der jeden Abend in einem anderen Hafen ist. Spät in der Nacht geht es dann in die "Koje". Vorbei die Zeiten, als man noch in Turnhallen auf der Luftmatratze nächtigte. Seit die Rheinwoche von der "Siebengebirge" und jetzt der "Eureka" begleitet wird, ist der Standard gestiegen. Es gibt ein Schlafdeck, wo auch die Umziehsachen mitgeführt werden.

Trotzdem stellt die Logistik Vereine und Teilnehmer jedes Jahr vor große Herausforderungen. Damals, als es noch keinen Shuttleservice gab, fragte ein Segler bei "Troll" an, ob man seinen Kulturbeutel mitnehmen könne. Er brachte einen Seesack, Inhalt: ein Außenbordmotor. Am Ende lagen zudem noch ein Dutzend Reisetaschen, Segel- und Seesäcke an Deck und in der Kajüte.

  Von Jollen bis zu kleineren Yachten reicht die TeilnehmerpaletteFoto: Schulz
Von Jollen bis zu kleineren Yachten reicht die Teilnehmerpalette

Man erlebt viel, wenn man seit Jahren die Rheinwoche begleitet. Manchmal ist sogar das Fernsehen an Bord. Auf dem Wasser bieten sich immer wieder tolle Fotomotive.

Im Ernstfall muss es dann aber schnell gehen: Eine Shark mit gebrochenem Ruder vor einem talfahrenden Tankschiff, ein Seekreuzer verfangen an einer Tonne, ein Pirat auf einer Kribbe bei auflandigem Wind, Mastbruch bei einem Laser ... gut wenn dann ein Boot der DLRG oder Wasserwacht zur Stelle ist. Am Ende hängen dann mehrere Havaristen bis zum nächsten Etappenziel im Schlepp eines der großen Begleitboote. Gut wenn dann eine Auswahl an Ersatzteilen und Werkzeug zur Hand ist.

100 Jahre Rheinwoche, 1.000 Geschichten, 15.000 Kilometer sportliches Segeln auf der längsten Flussregatta Europas. Auch in diesem Jahr sicher wieder ein unvergessliches Erlebnis für Teilnehmer und Zuschauer.

Meistgelesene Artikel