Tatjana Pokorny
· 08.06.2022
Ein Jahr, zwei Welten: Im Sommer 2021 jubelte Sanni Beucke bei der olympischen Segelregatta vor Enoshima mit ihrer Steuerfrau Tina Lutz über Silber im kleinen Segelskiff 49er FX. Jetzt ist sie durchgestartet, um auf großen Kielbooten die Weltmeere zu erobern. Die Olympia-Zweite Susann Beucke stellte am Mittwoch im Norddeutschen Regatta Verein in Hamburg ihre neue Offshore-Solo-Kampagne "This race is female" erstmals offiziell vor. YACHT und YACHT online hatten über Beuckes erste Schritte bereits ausführlich berichtet. Beuckes Credo, das den Ausschlag für den ungewöhnlichen Kampagnennamen gab: "Frauen brauchen mehr Sichtbarkeit und Vorbilder." Drei Tage vor ihrem 31. Geburtstag am 11. Juni sagte die Kielerin, die schon an der Seite von Vendée-Globe-Star Boris Herrmann erste Imoca-Erfahrungen sammeln durfte, in der Hansestadt: "Mein Herz schlägt ganz laut für das Offshore-Segeln."
Susann Beuckes Fernziel ist die Teilnahme an der Solo-Weltumsegelung Vendée Globe 2028/2029. Gleichzeitig nimmt sie offiziell Abschied von 15 Jahren olympischem Leistungssport an der Seite von Tina Lutz. Die Seglerinnen hatten zweimal die Qualifikation für Olympische Spiele verpasst, bevor sie ihren Traum im dritten Anlauf wahrmachen und mit Silber in Enoshima krönen konnten. "Wir hatten eine wunderbare gemeinsame Zeit mit vielen Höhen und lassen die Tiefen achteraus", sagte Susann Beucke bei der Pressekonferenz zur Kieler Woche, "wenn es am schönsten ist, sollst du zu neuen Ufern aufbrechen." Mit Tina Lutz, die inzwischen beruflich im Personalmanagement eines Schweizer Großkonzerns in Österreich durchgestartet ist und im kommenden Monat heiratet, will Susann Beucke in der zweiten olympischen Hälfte der Kieler Woche (18. bis 26. Juni) aber noch eine letzte gemeinsame Regatta in ihrem Lieblings- und Heimatrevier vor der eigenen Haustür in Strande "zum Genießen" bestreiten.
Ihr neues Karrierekapitel hatte Beucke bereits zu Jahresbeginn mit dem Einstieg in die anspruchsvolle Figaro-Klasse aufgeschlagen. "Ich habe mich Anfang Februar ins Haifischbecken gewagt", erinnert sie sich an den ersten Schritt in die Herzschlagkammer der Solosegler in Lorient, "der NRV und einige private Förderer haben mich unterstützt." Im bretonischen Revier hat sie einen sehr fordernden Trainingsmonat in harten Winterbedingungen und für sie nicht immer leicht verständlichem französischsprachigen Umfeld absolviert. "Ich weiß schon lange, dass ich Hochseeseglerin werden und irgendwann die Vendée Globe segeln will. Ich mag Herausforderungen und Wandel, will das jetzt durchziehen und machen", sagt sie. Für den Einstieg hat sie sich als Offshore-Auszubildende mit der Figaro-Klasse gleich zum Auftakt den höchsten Schwierigkeitsgrad der französisch geprägten Solosegelwelt gewählt. Sie weiß, dass sie in den ersten Jahren viel Lehrgeld zahlen wird. Die Erkenntnis nach den ersten Monaten: "Ich hatte gedacht, dass ich vielleicht 30 Prozent meiner Fähigkeiten aus dem olympischen Segelsport einsetzen kann. Und dann findest du raus: Wenn es fünf Prozent sind, ist es schon viel." Entsprechend realistisch ist Beuckes Einstellung auf Kurs Zukunft: "Ich bin nicht in der Figaro-Klasse, um Medaillen und Pokale abzusahnen, sondern um zu lernen. Ich will lieber keine Top-Ergebnisse einfahren, dafür aber richtig, richtig gut werden."
In zwei bis drei Jahren soll Beuckes Umstieg auf mittelgroße Kielboote vom Typ Class 40 erfolgen. Anschließend stehen der Wechsel in die Imoca-Klasse und der Vendée-Globe-Start 2028 auf der Wunschliste. Zwei Partner hat Beucke dafür bereits in Zusammenarbeit mit der Hamburger Agentur Krugmedia Communication Architects gefunden. Deren Vorstellung soll aber erst zur Kieler Woche erfolgen. Davor wird Susann Beucke am 10. Juni auf der Hamburger Außenalster den ersten Startschuss zur weltgrößten Frauen-Regatta abfeuern. Anschließend nimmt sie selbst mit der Rollstuhlbasketball-Silbermedaillengewinnerin Anne Patzwald am Helga Cup teil.

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