Tatjana Pokorny
· 31.03.2024
Am Ostermontag will Boris Herrmann erstmals nach Refit und Relaunch an Bord sein, wenn die “Malizia – Seaexplorer” Lorients La Base zu Tests und weiteren Optimierungen verlässt. Die Mannschaft war auch ohne ihren Skipper am Samstag schon zu einer ersten kleinen Fahrt unterwegs. “Einige Elektroniksachen funktionieren noch nicht, das nervt immer ein bisschen, wenn eigentlich schon alles da ist.” Diese und andere “Baustellen” sollen in den kommenden Wochen final behoben werden.
Die aufwändigen Krängungstests hatten bereits in der vergangenen Woche stattgefunden. “Die werden immer dann gemacht, wenn man etwas strukturell am Schiff verändert”, erklärte Boris Herrmann. Und weiter: “In unserem Fall haben wir Gewicht in der Kielbombe hinzugefügt und die neuen Foils integriert, die eine etwas andere Form haben und auch etwas schwerer sind.” Zur schwereren Bombe sagte Herrmann: “Ich war immer einer der wenigen, die es mal mit einer leichteren Bombe ausprobieren wollten. ‘Hugo Boss’ ist auch mal so gewesen. Andere haben aber eine möglichst schwere Bombe, also das Gegenteil.”
Im Fall vom “Malizia – Seaexplorer” sei die Bombe “ein bisschen zu leicht gewesen, um das Boot wieder aufzurichten”. Auch läge der Gewichtsschwerpunkt der neuen Foils etwas höher. “So musste etwas Gewicht dazugepackt werden”, erklärte Herrmann die Refit-Maßnahme für sein Boot. Die neuen Foils ersetzen die ersatzweise im Ocean Race genutzten Foils, die Team Malizia – damals Glück im Unglück – nach Bruch der eigenen Foils kurz vor Rennstart von Phil Sharps Team kaufen konnte. Die waren zwar nicht perfekt, passten aber doch in der Notsituation ziemlich gut und waren ein Glücksfall. Nun jedoch hat “Malizia – Seaexplorer” ein paar neue Flügel bekommen, die eigens für sie gebaut wurden.
Für die Foils hat die Imoca-Klasse eine Maximalgröße: acht Kubikmeter. Das sei ein eher rechnerischer Wert denn eine echte Größenangabe, erklärte Herrmann. “Es ist im Prinzip die projizierte Fläche multipliziert mit dem Abstand von der Mitschiffslinie. Die Regel ist schon clever geschrieben. Man erlaubt damit verschiedene Foil-Formen, die letztendlich ähnlich viel Kraft aufnehmen, aufrichtendes Moment erzeugen können. Unsere letzten Foils waren 7,2 Kubikmeter. Jetzt sind wir das erste Mal überhaupt am Klassenlimit”, erzählte Boris Herrmann über die jüngste Weiterentwicklung für “Malizia – Seaexplorer”.
Dieses “Mehr an Power”, das auch der kleinen Leichtwindschwäche des Bootes entgegenwirken soll, hat die Crew bereits erfahren. Co-Skipper Will Harris war bei der ersten Ausfahrt am Samstag dabei und berichtete seinem Skipper, man habe “das Mehr an Kraft deutlich gespürt”. Die neuen Foils sind der gleichen Foil-Familie zuzuordnen wie die bisherigen Flügel des deutschen Imoca, nutzen aber die Klassenregeln besser und passen auch besser zum Boot als die spontan vor dem Ocean Race übernommenen.
“Die alten Foils konnte man nicht ganz ins Boot reinziehen. Das war kein wirklicher Nachteil, führte aber manchmal dazu, dass das Luv-Foil, wenn das Boot wenig Lage schob, ziemlich viel Spritzwasser erzeugt hat”, sagte Boris Herrmann. Das habe “Malizia – Seaexplorer” nicht wirklich verlangsamt, die neuen Foils aber könne man besser reinziehen. Ein Laie würde kaum einen Unterschied zwischen den alten und den neuen Foils erkennen, so Herrmann. Ein Paar Zentimeter Unterschied seien es in der Breite des Foil-Blattes (”chord length”). Mit den neuen Foils wurden auch neue passende Lager eingebaut.
Neu ist an Bord der “Malizia – Seaexplorer” auch der à la Mountainbike-Stoßdämpfer gefederte Sitz für den Skipper, der von der einen auf die andere Seite des Bootes mitgenommen werden kann. Dazu eine gefederte Koje. Zudem hat das von Boris Herrmann mitentwickelte Boot der Wahl für seine zweite Teilnahme an der Vendée Globe ab 10. November neue Segel bekommen. “Wir haben noch ein bisschen an den Segeln gefeilt, haben eine neue J2, ein bisschen kleiner und ein bisschen anders. Ein Jib-Top hatten wir vorher gar nicht. Ein Segel, das vom Bug anfängt. Das hatte ich auf dem alten Schiff in der letzten Vendée Globe erfolgreich eingesetzt. Ich wollte es jetzt gern wieder haben. Das wird jetzt alles gerade so fertig, dass ich das auf den beiden Transat-Rennen testen kann.”
Für den letzten Monat bis zum Start des Transat CIC in Lorient will Boris Herrmann seine Zeit auf dem Wasser sinnvoll nutzen: “Lieber weniger, aber gute Sessions auf dem Wasser sind das Ziel.” Dass dieses erste der beiden im Frühjahr anstehenden Transats in Lorient startet, wo sein Team und viele andere zu Hause sind, sei natürlich ein Geschenk, sagte Herrmann. Die Vorbereitungen darauf laufen. Das von OC Sport Pen Duick organisierte Nordatlantik-Rennen wird seine Herausforderer auf rund 3.000 Seemeilen zwischen Europa und den USA prüfen. Das Motto: Ein Mann oder eine Frau, ein Boot, ein Ozean.
Von Sir Francis Chichester über Éric Tabarly bis hin zu François Gabart, Alain Colas, Philippe Poupon, Michel Desjoyeaux, Loïck Peyron oder Francis Joyon haben sich im Laufe der Jahrzehnte die größten Segler auf dem Nordatlantik ausgezeichnet und ihre Namen in die Siegerliste des Transat CIC eingetragen. Die diesjährige Edition zelebriert auch den 60. Jahrestag des Sieges von Éric Tabarly an Bord der “Pen-Duick II”, der sowohl die Geschichte des Rennens als auch die des französischen Seesegelns geprägt hat. Tabarly gewann 1976 erneut, diesmal auf der “Pen-Duick VI”. Den Rekord für die meisten Siege hält Loïck Peyron, der 1992, 1996 und 2008 gewann.
Boris Herrmann will in den kommenden Wochen “wieder in den Rennmodus” kommen. “Ich will meine Routine, meine Seebeine wiederfinden und sehen, dass alles wieder hundertprozentig funktioniert. Die Woche nach dem 8. April ist Training in Port-La-Forêt. Da will ich vollgas dabei sein. Da machen wir auch eine lange Offshore-Fahrt über Nacht.” Mit dabei sind die Granden des Imoca-Sports: Charlie Dalin, Thomas Ruyant, Jérémie Beyou, Yoann Richomme, Sam Davies, Justine Mettraux und mehr ehrgeizige Kandidaten.
Die dritte April-Woche ist für weitere Tests reserviert, sollten sie nötig sein. Dazu kommen die körperliche und mentale Vorbereitung auf die Rennen. “Wenn alles läuft, muss man nicht mehr so viel segeln. Vielleicht bleibt Zeit, mit dem Team schon Sachen für die Vendée Globe zu besprechen”, sinnierte Boris Herrmann. Das Gefühl für sein Boot mit Blick auf Durabilität und Stärke, so Herrmann, sei nach wie vor “super”. “Da kann ich es krachen lassen und muss mir nicht unnötig viele Sorgen manchen. Ich habe große Lust auf diese beiden Transats und diese Saison.”

Freie Reporterin Sport