Vendèe GlobeFlauer Wind zum Start der Nonstop-Regatta

Jochen Rieker

 · 08.11.2024

Anfangs wenig Wind und bis zu den Azoren wenige Manöver - so sieht das Dorado-Routing nach dem US-amerikanischen GFS-Modell aus
Foto: Dorado
GFS-Routings für den Start der Vendée Globe
Die Abwesenheit des Azoren-Hochs sorgt zu Beginn der Vendèe Globe für eine ungewöhnliche Großwetterlage im Nordatlantik. Bis zu zehn Tage könnten die schnellsten Imocas bis zum Äquator brauchen. Für die YACHT hat Jure Jerman ein Routing erstellt. Er zählt gerade zu den gefragtesten Meteorologen im Race Village

Er hat schon Ultim-Teams wie “Spindrift” und “Sodébo” beraten, Class-40-Skipper Phil Sharp zum Sieg bei der Route du Rhum geroutet und Charlie Dalin seit dessen frühen Anfängen im MiniTransat meteorologisch begleitet. Kurz vor dem Start der Vendée Globe ist es vor allem die von ihm entwickelte Software Dorado, die Jure Jerman Zugang zu vielen der Top-Teams verschafft. Auch Will Harris und Boris Herrmann von Team Malizia bereiten sich damit vor.

Wir trafen den 58-jährigen Slowenen heute Früh, um die Aussichten für die ersten Tage zu diskutieren und sein Routingprogramm mit den neuesten Wetterdaten zu füttern.

Wer schon mal die Lage mit Hilfe von windy.com gecheckt hat, wird gesehen haben, dass ein sehr verhaltener Auftakt bevorsteht. Das ist für die Skipper und ihre Boote zwar allemal besser als eine biestige Kaltfront aus Westen, die weit üblicher wäre zu dieser Jahreszeit. Doch auch Leichtwind von um die fünf Knoten kann stressig sein. Und genau das erwartet die Flotte in den ersten zwölf Stunden.

10. Vendée Globe: Untypische Wetterlage zu Beginn

Jure Jerman, selbst engagierter Regattasegler und mehrfacher Silverrudder-Finisher, beschreibt das Szenario als „untypisch“, weil zwei Hochs über der Biskaya liegen, welche wie eine Art Straßensperre die Zugrichtung der nordatlantischen Tiefs blockieren. Gleichzeitig fehle die ordnende Wirkung des Azoren-Hochs, das sonst wetterbestimmend wäre.

Zwar werde die Vendée-Flotte schon in der Nacht zu Montag auf See mehr und stabileren Wind aus Nordost finden und bei Kap Finisterre gar bis zu 30 Knoten und brechende Seen, doch bleibt die Druckverteilung danach auch auf Höhe der portugiesischen Küste mäßig.

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Nach dem Dorado-Routing sollten die Imocas auf ihrem Weg nach Süden relativ weit westlich bleiben. Weil der Nordost-Passat mangels Azoren-Hoch eher flau bleibt und auf Höhe von Gibraltar ein schwachwindiger Übergang zu meistern ist, „werden die schnellsten Boote rund zehn Tage bis zum Äquator brauchen“, schätzt Jure Jerman.

Verhindert der schwierige Auftakt einen neuen Rekord?

Boris Herrmann hatte gestern in seiner letzten Pressekonferenz vor dem Start schon prophezeit, dass deswegen womöglich sogar die Aussicht auf einen neuen Vendée-Rekord dahin ist. Denn vor acht Jahren brauchten die Besten nur gut sechs Tage – Zeit, die schwer aufzuholen sein dürfte.

Die Wettermodelle sind sich freilich nicht ganz einig. Schon für die ersten vier Tage differieren die GFS- und ECMWF-Routings um bis zu 200 Seemeilen. Fest steht, dass die Bedingungen anfangs eher die leichteren Non-Foiler bevorteilen. Für Boris‘ „Malizia – Seaexplorer“ könnte es dagegen schwierig werden, sich in der Spitzengruppe zu halten, denn sein Boot glänzt vor allem in raueren Bedingungen. Es wird jedenfalls ein besonderer Start werden, soviel steht fest.

Wir werden auch im weiteren Verlauf der Vendée immer dann, wenn wichtige taktische Entscheidungen anstehen, ausführliche Wetteranalysen veröffentlichen.

Jochen Rieker

Jochen Rieker

Herausgeber YACHT

Aufgewachsen in Süddeutschland, hat Jochen Rieker das Segeln auf Bodensee, Ammersee und Starnberger See gelernt. Zunächst war er auf Pirat, H-Jolle und Tempest unterwegs, später auf Hobie Cat, A Cat und Dart 16. Aber wie das so ist: Je weiter entfernt das Meer, desto größer die Leidenschaft danach. Inspiriert durch die Bücher von Bobby Schenk und Wilfried Erdmann, folgte in den 90ern der erste Dickschifftörn im Ionischen Meer auf einer Carter 30, damals noch ohne Segelschein. Danach war’s um ihn geschehen. Als YACHT-Kaleu und Jury-Vorsitzender des European Yacht of the Year Award hat Rieker in den vergangenen mehr als 25 Jahren gut 500 Boote getestet. Sein eigenes, ein 36-Fuß-Racer/Cruiser, lag zuletzt in der Adria. Diesen Sommer verholt er es an die Schlei, wo er inzwischen lebt.

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